Posts mit dem Label kindheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label kindheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, Juni 03, 2010

ave maria


Traditionen waren wichtig in unserem Haus.

Und so auch das alljährige Beichten, das vor Weihnachten und Ostern Pflicht war. Egal, ob man wollte oder nicht, egal, ob du gesündigt hattest, oder nicht, die Beichte war Pflicht.

Ich hatte immer dieselben zwei Sünden: Lügen und Ungehorsam.
Das Lügen betraf in erster Linie das heimliche Lesen mit Taschenlampe unter der Bettdecke.
Mit dem Ungehorsam war es etwas komplizierter.
Mein Vater gab mir das Gefühl, ich sei ständig ungehorsam. Frag nicht warum, mach einfach. Gehorsame Töchter fragen nicht, die machen einfach. Ohne Widerrede.
Manchmal hatte ich auch Stehlen als Sünde. Und zwar immer dann, wenn ich heimlich ein Stück Schokolade aus der Süßigkeitenschublade nahm. Eine wahrlich schwere Sünde.

Nach einigen Jahren, im Alter von dreizehn, wurde mir bewusst, dass das Lesen und Schokoladenaschen nicht wirklich sündhaft sein könne und ich weigerte mich beichten zu gehen. Aber ich hatte keine Chance.
Mein Vater sagte nur: Jeder hat Sünden. Wir sündigen jeden Tag. Sogar in Gedanken. Denk nach, dann findest schon was.
Und so dachte ich am Weg zur Heiligen Beichte nach und fand auch immer was.

Beichten fand im Religionsunterricht statt. Gemeinsam mit meinen KlassenkameradInnen gingen wir zur Massenbeichte.
Der Geruch aus Weihwasser und Weihrauch und die Stille in der Kirche machten mir zu schaffen. Jeden Atemzug hörte man und ich war immer ganz genau darauf bedacht, dass das Holz der Kirchenbank nicht zu sehr knarrte, wenn ich mich hinsetzte.
Und dann war es so weit. Ich war dran.
Der Beichtstuhl, ein dunkelbrauner Kasten mit Gitterstäben, machte mir Angst. Ich weiß noch genau, wie der Türgriff aussah. Es knackte leicht, wenn man die Tür öffnete.

Und dann saß ich da.
Dunkel war es.
Und der Pfarrer, der da vor mir saß, und von dem ich nur die Hände ein wenig sah, fing an mit Imnamendesvatersunddessohnes und ich kniete mich hin und spürte seinen Atem.
Den Kopf gesenkt, blinzelte ich vorsichtig hinauf, um zu sehen, wer da saß und hoffe unständig, es möge nicht der örtliche Pfarrer sein. Aber nie sah ich das Gesicht.
Er roch muffig und abgestanden, er stank. Nach Schnaps und Mottenkugeln.
Ich atmete langsam und vorsichtig durch den Mund und starrte auf meine Hände, dich ich gefaltet hatte, so wie es sich gehört. Ich konzentrierte mich auf meinen Atem, ich wüsste, wenn ich nicht aufpasste, würde ich umfallen, gegen die Holzwand des Beichtstuhls knallen und das Bewusstsein verlieren.
Den Kopf seitlich gesenkt, versuchte ich dem schlechten Atem des Pfarrers auszuweichen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er sich bewegte, den Kopf schüttelte oder nickte, und ich sah diese violette Schärpe. Er murmelte irgendwas dahin. In Lateinisch.
Zum Gestank, das durch das Holzgitter drang, kamen kam der Geruch der ganzen Sünden, die hier in dieser Folterkammer gebeichtet worden waren, und die sich ins Holz gesaugt hatten.
All das nahm mir die Luft.
Ich stammelte schnell ein Vaterunser.
Endlich kam das erlösende Imnamendesvatersunddessohnesamen und meine Buße. Die Buße bestand aus einem oder zwei Vaterunser und dem Gegrüßtseistumaria.

Erleichtert verließ ich den Beichtstuhl, ging nach vor zum Seitenaltar, kniete nieder und betete drei Vaterunser aus Dankbarkeit, dass diese Tortur zu Ende war.

Am Abend sagte mein Vater: Na, Amadea, ist das nicht ein wunderbares Gefühl nach der Beichte? Nun musst dich halt zusammereißen und nicht zurückschnabeln wenn ich was sag, gell? Ich sag dir, du wirst nie einen Mann bekommen, wenn du so aufmüpfig bist.

Gott sei Dank habe ich doch einen bekommen, einen Mann. Ist halt nicht geblieben. War wohl doch zu aufmüpfig.
Ich sollte mal wieder beichten gehen. Irgendeine Sünde wird sich schon finden.

Samstag, April 03, 2010

osterhasentrauma


Unsere armen Kinder!
Da wird ihnen jahrelang vom Osterhasen erzählt – und auf einmal, irgendwann, erfahren sie dann, dass es ihn nicht gibt.

War das nicht wunderbar, damals, vor langer Zeit, als wir alle glaubten, dass die bunten Eier, die da überall herum lagen, vom Osterhasen versteckt wurden?
Der wunderbare Osterhase, groß und stark, mit einem Korb voller Ostereier am Buckel inmitten von Krokussen und Märzenbechern unter der alten Weide am Fluss.

Irgendwann ist es dann passiert. In der Volksschule, am Schulhof, kurz vor Ostern. Du hast ihn erwähnt, den Osterhasen.
Was, du glaubst noch an den Osterhasen? Den gibt es nicht!
Und alle lachen dich aus.
Aufgebracht erzählst du das Unfassbare deiner Mutter. Aber sie versichert dir, dass es ihn sehr wohl gibt. Und als du zweifelst, holt sie das Märchenbuch, streicht dir über’s Haar, liest dir die Osterhasengeschichte vor und erzählt von all den vielen Helferlein, die der Osterhase hat – die Elfen und Zwerge, die im Wald wohnen und fleißig sind, damit alle Eier bemalt werden können und rechtzeitig zu den Kindern gebracht werden können. Du bist beruhigt und deine Welt ist wieder in Ordnung.

Und dann siehst du ganz zufällig, am Ostersonntag, kurz vor dem Kirchgang, dass deine Mutter im Garten hin und her huscht und die Ostereier versteckt.
Du bist geschockt aber du sagst nichts. Irgendwie willst du deine Mutter nicht enttäuschen.
Und dann vergisst du deinen Kummer weil den ganzen Tag über viel los ist und freust dich über die bunten Eier und die Süßigkeiten.
Am Abend vor dem Einschlafen denkst du wieder daran. Und du fragst dich, ob es sein kann, dass es auch das Christkind nicht gibt.
Aber dann fällt dir ein, dass du es ja schon gesehen hast und beruhigst dich wieder.

Und irgendwann kurz vor Weihnachten erzählt dir dann eine Mitschülerin, dass die Mama das Christkind ist.
Und dieses Mal sagt die Mama: Hör zu Kind, du bist nun alt genug. Es gibt kein Christkind.
Nun ist es soweit.
Du stellst dich den Tatsachen.
Du bist erwachsen.
Vorbei die Träume.
Es gibt kein Christkind, sieh das endlich ein. Es gibt auch keinen Osterhasen. Versteh das doch endlich. Und der Nikolaus ist auch kein Heiliger, sondern der alte, fette Nachbar.

Kein Wunder, dass die Selbstmordrate in Österreich so hoch ist.
Der Osterhase ist schuld.

Frohe Ostern!

Donnerstag, Juni 04, 2009

der herr hofrat



Nun war ich mit meinen Eltern auf dem Großglockner. Nein, nicht wirklich auf dem Berg, halt vor ihm. Oder besser gesagt, unterhalb. Aber wir konnten ihn sehen.
Wenn wir sagen: Wir fahren auf den Glockner, meinen wir: Wir fahren dahin, wo man den Glockner sehen kann, also auf die Franz-Josefs-Höhe.
Ich bin mit dem Glockner aufgewachsen, sozusagen. Ich erinnere mich an die langen Autoschlangen im Sommer, als die Deutschen noch nicht nach Italien fuhren oder in die Domrep flogen, sondern auf den Glockner.
Ich war damals ein kleines Kind, und ich brauchte jedes Mal einige Stunden, bis ich vom Einkaufen zu Hause war. Ich blieb bei jedem deutschen Auto stehen und schaute auf die Plakette, auf der stand, woher die Autos kamen. Herford, Mannheim – Das sagte mir nichts. Ich kannte nur DA. DA für Darmstadt. Weil da lebten meine Verwandten.
Wir wohnten damals direkt auf der Zubringerstraße zum Glockner, und in unserer Nachbarschaft lebte der Erbauer derselbigen, der Herr Hofrat Wallack.
Der Wallack war der berühmteste Mann in Bruck. Ich sah ihn manchmal. Er trug immer eine Knickerbocker und einen Rucksack. Sein Haar war schlohweiß. Ich grüßte ihn immer ehrerbietig mit Grüß Gott, Herr Hofrat, und er kannte mich auch, hatte doch mein Vater, ein begeisterter Wochenend-Maler und - zeichner, ein Porträt von ihm gezeichnet und es ihm dann geschenkt.
Der Wallack wohnte im Haus gleich nebenan. Geheimnisvoll war es, versteckt zwischen hohen Fichten in einem Wald.
Für mich war das der Inbegriff eines Märchenwaldes. Stundenlang schauten meine Nachbarin, die Gabi und ich über den Zaun durch die Bäume hindurch, um irgendwas Interessantes zu entdecken, einen Elfe, einen Zwerg oder wenigstens einen Fuchs. Viel gab es nichts zu sehen, eigentlich gar nichts.
Nur manchmal kam die Köchin, die Frau Liesl in einer weißen Rüschenschürze aus dem Haus, um in den Gemüsegarten zu gehen.
Jedes Mal rief sie uns zu: Dirndln, was steht ihr denn stundenlang da herum? Und: Untersteht euch und klettert über den Zaun.
Einmal taten wir es. Es war an einem verregneten Sonntag.
Wir hatten beobachtet, wie die Herrschaft im großen Auto mit dem Stern weggefahren war und kletterten hinüber. Schon standen wir vor dem schlammgrauen Haus. Gabi, wir müssen da rein, ich will sehen, wie der Wallack wohnt. Sicher wie ein König.
Wir kletterten die Veranda hinauf, sprangen über eine kleine Mauer und standen vor der Waschküche, deren Tür offen war. Weiter kamen wir nicht. Wir sahen gar nichts außer einem großen Bottich und einer Wäscheleine.
Beim Hinausgehen gingen wir in den Garten, setzten uns auf die bemooste Steinbank und fühlten uns wirklich verzaubert. Dunkel war es und ruhig. Nur ein paar Vögel zwitscherten. Aber weil sonst nichts passierte, machten wir uns wieder von dannen. Als wir über den Zaun hinüber kletterten, empfing uns schon mein Vater. Fuchsteufelswild war er. Es Lausdirndln, was glaubt ihr eigentlich, da einfach einzubrechen? Morgen geht’s euch entschuldigen.
So geschah es auch. Im Beisein meines Vaters stotterten wir herum und der Herr Wallack, der nicht wirklich wusste, wovon wir sprachen, nickte nur und lächelte.
So hab ich es jedenfalls in Erinnerung.
Und daran dachte ich, als wir die Glocknerstraße hinauf fuhren.
Mein Gott, wie schön, sagte Papa immer wieder.
Mama sagte nichts, wie so oft. Sie hing vermutlich ihren Gedanken nach, hatte sie doch in jungen Jahren im Sommer hier als Kellnerin gearbeitet.
Danke für den schönen Ausflug, sagte Papa. Der Hofrat war schon ein Hund, gell?

Montag, Mai 11, 2009

von mama lernte ich . . .


… zu beten
Bete zu Gott, dass ich diesen Fleck wieder rausbekomme.

… die Arbeit eines anderen zu würdigen

Wenn ihr euch schon gegenseitig umbringen wollt, geht raus, ich hab gerade geputzt.

… einsichtig zu sein

Weil ich es sage!

... auf Hygiene zu achten

Zieh frische Unterwäsche an, du könntest im Krankenhaus landen.

… zynisch zu sein

Hör auf zu weinen. Es gibt gleich eine drauf, damit du weißt, warum du weinst.

… auf meinen Ruf zu achten

Der Rock ist zu kurz.

… logisches Denken

Wenn du von der Schaukel fällst und dir das Genick brichst, darfst du heute nicht fernsehen.

… Wohnkultur

Schließ die Tür, das ist kein Vogelhaus.

… Vorfreude

Wenn wir zu Hause sind, dann kannst du was erleben.

… zu flirten

So wie du dich aufführst, wirst du nie einen Mann bekommen.

...die Gesetze der Vererbung

Du bist wie dein Vater.

… bescheiden zu sein.

Ich habe dir schon tausendmal gesagt, du sollst nicht so übertreiben.

… loyal zu sein

Wenn das der Papa wüsste.

… die Freuden der Mutterschaft

Bevor du geboren wurdest, hatte ich keine Schwangerschaftsstreifen.

… Humor

Weg mit dem Messer. Wenn du dir den Finger absägst, ich verbinde ihn dir nicht.

… Biologie

Hör auf zu schielen, das bleibt dir.

… weise zu sein

Wenn du so alt bist wie ich, verstehst du das.

… Einfühlungsvermögen

Zieh einen Pullover an, ich weiß, dass dir kalt wird.

… meine Meinung zu sagen

Antworte, wenn ich mit dir rede!

… meine Meinung nicht zu sagen

Ich habe das letzte Wort.

… diplomatisch zu sein

Es ist egal, wer angefangen hat mit dem Streit. Du gehst in dein Zimmer.

…loszulassen

Bin ich froh, wenn du einundzwanzig bist und ausziehst.

… Verständnis für die Schwachen dieser Welt

Iss den Spinat. Es gibt Millionen von Kindern, die nichts zu essen haben.

…auch Unmögliches zu versuchen

Mund zu beim Essen!

… mich gesund zu ernähren

Iss das Gemüse, sonst wächst du nicht.

…geduldig zu sein

Aber wart, bis der Papa heimkommt!

… Gerechtigkeit

Ich hoffe für dich, dass deine Kinder nicht so werden wie du.

Aber auch
… Liebe
Was auch passiert, ich werde immer für dich da sein.

Montag, Jänner 19, 2009

ich vermisse ihn


Heute Nacht im Traum tauchten Bilder aus vergangenen Tagen auf. Im Gras hockend am Bach, die Ärmel nass vom Eiswasser.
Der Großvater schweigsam im schwarzen Rock neben mir sitzend.
Die Perlmuttknöpfe seines Hemdes schillern in den Regenbogenfarben. Ich hab niemals herausgefunden, woher diese Knöpfe stammten.
Ich flocht ihm einen Kranz aus Gänseblümchen und legte ihn auf seinen Kopf. Er wurde verlegen, wenn ich das tat, hinderte mich jedoch niemals daran. Durch das weiße Haar schimmert die Kopfhaut, fettig und weiß,
adrig. Er riecht gut.
Noch heute hab ich den Geruch in der Nase. Etwas rauchig, weil der Ofen in seinem Zimmer nie richtig zog. Nach Seife und nach Holz.
Nach einer Weile nimmt er sein Taschenmesser und das weiße Taschentuch aus seinem Rock. Ein Apfel und ein Stück Schwarzbrot darin eingewickelt. Ich bekomme die Brotrinde
und die Apfelschalen. Welch ein Genuss. Man muss beides gleichzeitig essen. Das Sauer-Saftige des Apfels und das Trocken-Würzige des Brotes.
Er war groß und hager.
Wir gehen langsam. Meist schweigend. Er sagt nie viel. Manchmal meinen Namen, der derselbe war wie der seiner Frau. Ich kannte sie nicht. Sie war früh gestorben. Seine Stimme hab ich noch immer im Ohr. Er flocht Körbe und schnitzte Windräder.
Er war mein Urgroßvater und seine Tochter, meine Großmutter, war ungeduldig mit ihm.
Dabei tat er gar nichts. Saß nur auf seinem Platz auf der Küchenbank.
Wenn er müde wurde, legte er den Kopf auf seine Arme und schlief. Am Tisch lehnend.
Eines Tages war er tot. Eingeschlafen.
Am Morgen nicht aufgestanden zur üblichen Zeit.
Ich verstand nicht, warum Oma weinte. Sie hätte doch froh sein müssen.
Er war ihr nur im Weg gewesen.
Und heute Nacht träumte ich von ihm.
Ich vermisse ihn, meinen Uropa.

Donnerstag, Dezember 25, 2008

lieselotte


Nun hörte ich vor kurzem irgendwo den Namen Lieselotte.
Lieselotte. Wie dieses Wort auf der Zunge zergeht, nicht wahr? Lieselotte ist der Inbegriff eines Mädchennamens.
Ich kannte auch eine Lieselotte. Vor vielen Jahren.
Ich kenne sie zwar noch immer, aber ich sehe sie sehr selten. Was gut ist.
Lieselotte ging mit mir in eine Klasse. Lieselotte war perfekt. Sie hatte langes, dunkles Haar, das zu einem Rossschwanz zusammen gebunden war, und der pendelte hin und her wenn sie ging. Lieselotte hatte einen wogenden Gang und ihr Hintern hatte diese besondere Form, von der mein Hintern meilenweit entfernt war. Klar, bei diesem dünnen Boanag’stell, das ich war. Vorn und hinten nix dran. Jedenfalls nicht mit dreizehn.
Lieselotte hatte überall was dran, vorne und hinten. Und was! Da wogte und schaukelte alles. Mir gefiel es, wie der Rossschwanz von Lieselotte im Takt mit dem Hinterteil tanzte.
Lieselotte lachte immer. Sie hatte kleine Mausezähne. Die waren zwar ganz hübsch anzusehen, aber das besondere an ihrem Lachen war die Lippen. Kennst du das, wenn sich beim Lachen der innere Teil der Oberlippe nach außen wölbt und als kleines Läppchen, eine Art Zusatzlippe, an der Oberseite der Zähne zu sehen ist? Man nennt sie Innere Mundlippen. Ja, so heißen die in der Fachsprache.
Lieselotte war gescheit. Und laut. Sie hatte immer was zu sagen. Sie war die Oberste der Klasse. Sie war immer toll gekleidet, sie hatte immer die beste Jause mit und versorgte die Buben der Klasse mit Essen, besonders den Hahn im Korb, der jedem Mädchen gefiel, auch mir. Aber er wusste das nicht. Ich hätte ihm das nie verraten. Lieselotte schon. Lieselotte machte kein Geheimnis aus ihrer Liebe. Stefan hieß er. Und Stefan wurde von Lieselotte, ihrem Rossschwanz und ihrem wogenden Hinterteil umschwärmt. Und er bekam all die Köstlichkeiten, die Lieselotte zur Jause mit hatte. Lieselotte hatte eine Freundin, die hieß Brigitte Bauer. Brigitte war das Gegenteil von Lieselotte. Blond und dünn. Und schüchtern. Rossschwanz hatte sie auch keinen, dafür aber eine Brille und vorstehende Zähne.
Brigitte war Lieselotte ganz ergeben. Hörig war sie ihr. Und Lieselotte genoss das. Brigitte war immer Lieselottes Meinung. Brigitte holte jeden Morgen Lieselotte zu Hause ab und trug ihre Schultasche zusätzlich zu ihrer eigenen. Und nach der Schule dasselbe. Man sah die beiden immer mitsammen. Aber sie waren keine Freundinnen, sie waren Herrin und Magd.
Mir tat Brigitte leid. Am liebsten hätte ich ihr die Meinung gesagt. Am liebsten hätte ich ihr gesagt: Brigitte, halt dich fern von Lieselotte. Die ist nichts für dich, die benutzt dich.
Doch das traute ich mich nicht. Das hätte nichts genützt, im Gegenteil. Die Brigitte hätte mich bei Lieselotte verratscht und hätte nie auf mich gehört, niemals! Lieselotte war blöd, sie hatte keine Freundinnen, alle hatten Angst vor ihr und wollten es sich mit ihr nicht verscherzen. Nett war Lieselotte nur zu den Buben, besonders zu Stefan. Zu den Mädchen war sie nicht nett. Das war mir nur recht. Weil wenn sie nett zu mir gewesen wäre, hätte ich auch nett sein müssen. Und das wollte ich auf keinen Fall. Ich ignorierte sie.
Nicht, weil sie mir egal war, nein im Gegenteil, sie beschäftigte mich sehr, ich ärgerte mich über sie. Sie war ein Problem für mich. Klar, war ich neidisch.
Zu jener Zeit war ich auf ziemlich viele Mädchen neidisch. Ich war auf all die Mädchen neidisch, die einen Busen hatten. Ich hatte keinen. Ich war auf all die Mädchen neidisch, die einen lockeren Umgang mit den Buben hatten. Ich war gehemmt und schüchtern. Ich war auf all die Mädchen neidisch, die schon geschmust hatten. Nicht, dass ich das mit vierzehn wollte, ich ekelte mich davor und konnte mir es gar nicht vorstellen, an einem fremden Mund herum zu lecken. Nicht mal an Stefans. Aber neidisch war ich trotzdem.
Und besonders neidisch war ich auf Lieselotte. Allein schon auf ihren Namen war ich neidisch. Wie gerne hätte ich Lieselotte geheißen. Oder wenigstens Gabriele. Oder Susanne. Amadea hieß ich. Wer heißt schon Amadea?
Die Jahre sind vergangen. Lieselotte ist Lehrerin. Schon lange.
Manchmal treffe ich sie. Den Rossschwanz gibt es nicht mehr. Er ist einem schwarz-roten Bubikopf gewichen. Das Hinterteil wogt immer noch. Mehr als je zuvor. Und diese inneren Mundlippen hat sie auch noch. Laut ist sie immer noch. Und blöd. Ich mag sie immer noch nicht.
Neidisch bin ich nimmer. Nicht mal auf ihren Namen.
Sie hatte bis vor kurzem einen Direktor. Einen, der Lieselotte bewunderte. Eíner, der ihr hörig war. Aber der ist in Pension gegangen. Kurz vor Weihnachten.
Und nun kam jemand neuer. Aber kein Direktor mehr. Nein, eine Direktorin. Aus Niederösterreich. Ist damals ausgewandert nach Baden, als sie heiratete. Und nun, da sie geschieden ist, kehrte sie wieder heim. Wieder zurück. Und kam an Lieselottes Schule.
Wie sie heißt? Na, Brigitte, Brigitte Bauer.
Ein bisserl tut sie mir schon leid, die Lieselotte.

Sonntag, März 23, 2008

die ederoma


Der Spruch, den ich als Kind in der Karwoche immer hörte – Nun fliegen die Glocken nach Rom - war mir ein Mysterium.
Ich hatte keine Ahnung, wo Rom war.
Wenn die Ederoma dann sagte - Rom ist die Hauptstadt von Italien - konnte ich mir auch nichts darunter vorstellen. Das einzige, was ich von Italien wusste, war, dass dort die Zitronen wachsen.
Die Ederoma war die Mutter meines Vaters. Sie war schwerhörig. Ich hatte Angst vor ihr. Die Ederoma lebte in der Südtirolersiedlung. Die hat der Hitler bauen lassen, erzählte sie immer. Ihre Wohnung hatte Kuchl, Schlafzimmer, Kabinett und Speis und Bad mit Klo. Das war was Besonderes.
Wir hatten damals nur Küche und Schlafzimmer.
In der Wohnung roch es eigenartig. Die Ederoma hatte ganz ungewöhnliche Lebensmittel. Pumpernickel hatte sie und Ingwer. Und Joghurt mit Marmelade in Plastikbechern.
Und einen Saustall hatte sie.
Wenn ich ihr helfen wollte, aufzuräumen, wurde sie fuchsteufelswild. Du brauchst mir gar nicht zu helfen, ich mach das schon allein.
Einmal, als sie mich zum Bäcker schickte, und ich beim Nachhauselaufen fast vom Postbus überfahren wurde lief sie zornig auf das Feld hinter ihrem Garten, holte eine Handvoll Brennnesseln und versohlte mir den Hintern. Den nackten natürlich.
Zu Ostern kam immer ihre Tochter aus München zu Besuch. Die Tante Resi.
Die Tante Resi war eine Schönheit in jungen Jahren. Sie sah aus wie Gina Lollobrigida und hatte eine Wespentaille. Das fiel mir damals schon auf. Und wie sie gekleidet war. Die höchsten und spitzesten Stöckelschuhe, die ich jemals gesehen hatte.
Sie nahm mich dann immer an der Hand und wir gingen durch’s Dorf. Wo wir hingingen, weiß ich nicht mehr. Aber das spielte keine Rolle. Wichtig war, dass wir durch’s Dorf gingen. Ich mit meiner wunderschönen Tante.
Die Ederoma erzählte oft, dass die Tante Resi in der Stadt Salzburg auf der Straße angeredet wurde. Von Regisseuren und Werbeleuten. Wegen ihrer Schönheit. Ob sie nicht im Film arbeiten wolle oder in der Reklame.
Oma sagte immer Reklame.
Aber Tante Resi wollte weder zum Film noch in die Reklame. Sie wollte nach München. Und da ging sie auch hin. Mit zwanzig. Und da hat sie dann reich geheiratet. Meinen Onkel. Der mit fünfzig gestorben ist. Herzinfarkt. Weil er so viel gearbeitet hat. Darum war er auch so reich geworden.
Einmal hat mich die Tante Resi überredet, bei der Ederoma zu übernachten. Das war an einem Karsamstag.
Amadea, wenn du morgen aufstehst, gemma in den Garten hinaus Osternesterl suchen und da finden wir bestimmt einen großen Schokoladeosterhasen und viele kleine Gelee-Osterhasen. Und du darfst bei mir im Kabinett schlafen.
Ich glaube, ich habe mich wegen der Gelee-Osterhasen überreden lassen. Am nächsten Tag lag Schnee und es gab kein Osternesterlsuchen im Garten. Und es gab nur einen kleinen Gelee-Osterhasen.
Das war das erste und letzte Mal, dass ich bei der Ederoma übernachtete.
Jeden Sonntag nach der Messe mussten wir zur Ederoma. Meine Eltern und ich. Sie hatte dann immer Malzkaffee gekocht, weil sie war ja schon bei der Frühmesse gewesen.
Immer wenn wir da waren und vor unserem Malzkaffee saßen, suchte sie ihre Strümpfe.
Wo san meine Stimpf? Sie sagte Stimpf zu den Strümpfen.
Jahre später kam ich drauf, dass das Mundart war. Ich hatte immer gemeint, sie kenne den Unterschied zwischen Strümpfen und Stümpfen nicht.
Und während sie dasaß und ihre Strümpfe anzog, dampfte der Malzkaffee vor mir, der die gleiche Farbe wie ihre Strümpfe hatte. Ich trank nur einen Schluck, der Höflichkeit wegen. Dann war es aus.
Und die Ederoma wurde böse und sagte zu meiner Mutter: Was ist das Kind heikel. Keine Erziehung! Zu meinem Vater sagte sie nichts. Mama schaute dann immer schuldbewusst. Das nervte mich. Ich kam mir ziemlich erzogen vor.
Geredet wurde nicht viel weil die Ederoma eh immer falsch verstand und meistens so tat, als hätte sie alles kapiert und nur nickte und ja sagte. Und das ja passte oft nicht. Sie redete immer irgendwas und wir nickten nur.

Als die Ederoma sehr alt war und gehbehindert, wohnte sie im Altersheim, das gleich neben meinem Elternhaus war. Ich besuchte sie manchmal mit meinen Kindern. Und sie redete dann fast nie. Sie lächelte, wenn sie meine Buben anschaute und nickte immer wieder mit dem Kopf.
Einmal sagte sie: Weißt du noch, Amadea, als du bei mir übernachtet hast? Da hatte sie Tränen in den Augen.
Eines Morgens lag die Ederoma tot im Bett.
Die Tante Resi lebt noch in München. Ich sehe sie alle paar Jahre zu Allerheiligen am Grab der Ederoma. Sie hat noch immer eine Wespentaille. Die Stöckelschuhe sind nicht mehr so hoch wie früher. Aber schön ist sie immer noch.

Donnerstag, Dezember 13, 2007

geh und such



Ich glaub, ich fing mit ungefähr fünf an, meine Weihnachtsgeschenke zu suchen.
Um diese Zeit war es ungefähr.
Mitte Dezember.
Ich fand sie immer.
Damals glaubte ich nicht mehr ans Christkind. Ans Christkind glauben hieß, zu glauben, dass das Christkind die Geschenke bringt.
Thomas hatte mir erzählt, dass die Geschenke nicht das Christkind bringt, sondern dass sie die Mama kauft.
Thomas hatte mir auch erzählt woher die Kinder kommen und wie sie gemacht werden.
Mit Thomas war ich im Kindergarten. Wir wollten beide heiraten. Später.
Mit Thomas konnte ich alles besprechen. Thomas und ich hatten keine Geheimnisse voreinander.
Thomas und ich küssten einander auch. Mit Zunge.
Das ging folgendermaßen: Ich streckte die Zunge ganz weit heraus und Thomas leckte mit seiner ganz kurz an meiner. Nur den Bruchteil einer Sekunde lang. Wir machten das natürlich nicht vor anderen Leuten. Wir machten das heimlich. Wenn wir nach Hause gingen vom Kindergarten.
Wir wurden nicht abgeholt. Wir gingen alleine nach Haus vom Kindergarten. Wir hatten denselben Heimweg. Dabei mussten wir immer durch eine Unterführung gehen. Tunnel nannten wir diese Unterführung.
Wir sagten nicht Tunnel sondern Tunell.
Immer wenn wir im Tunell waren, machten wir Zungenlecken. So nannten wir das.
Einmal kurz vor Weihnachten klärte mich Thomas auf.
Es gibt kein Christkind, sagte er. Das macht alles die Mama. Die kauft Geschenke und die versteckt sie dann und dann packt sie die ein und legt sie unter den Christbaum.
Und wer bringt dann den Christbaum? fragte ich. Den bringt nicht die Mama. Den könnte sie gar nicht tragen, so groß wie der ist.
Nein, den bringt dein Papa. Der holt den vom Wald.
Weißt du, redete Thomas weiter, ich war mal mit meinem Papa im Wald einen Baum holen. Der ist für den Herrn Pfarrer, sagte er. Aber ich glaubte ihm das nicht. Ich brach heimlich ein Asterl ab und dann am Heiligabend sah ich, dass das Asterl fehlte. Also, Amadea. Glaub deinen Eltern nicht. Die lügen dich an. Es gibt kein Christkind.
Das beschäftigte mich sehr.
Ich entschied, daran zu glauben, dass die Geschenke die Mama besorgte. Aber das mit dem Christbaum, das glaubte ich nicht. Weil Christbaum fand ich nie einen. So viel ich auch suchte.
Mama wusste natürlich nicht, dass ich nicht mehr an das Christkind glaubte. Niemals hätte sie das wissen dürfen. Ich wollte sie nicht enttäuschen und wollte, dass sie glaubt, dass ich glaube.
Und als eines Heiligen Abends die Puppe, die ich schon entdeckt hatte, nicht unter dem Christbaum lag, konnte ich meine Mutter nicht fragen, warum ich sie nicht bekommen hatte. Ich wusste, dass sie sie nicht gefunden hatte.
Sie war nämlich in der Garage hinter der Gasflasche gelegen, versteckt unter Papas dreckigen Overall. Ich bekam dann zu Ostern nicht nur Ostereier, Socken und den Plüschhasen, sondern auch die Puppe mit selbst gestricktem, rosafarbenem Pullover und Schihaube.
Als ich damals am Heiligabend zu Mama sagte, dass ich dem Christkind geschrieben hatte - weil ich hoffte, sie würde sich vielleicht daran erinnern, dass sie da draußen in der Garage unter dem Overall vom Papa liegt - da war sie ganz durcheinander.
Vielleicht bekommst du vom Osterhasen eine, sagte sie schnell, und – Nun mach dein Packerl auf.
Und im Packerl waren nur rosafarbene Socken und ein Buch.
Und so brachte der Osterhase die Puppe.
Als ich Mama fragte, warum die Puppe die warme Pudelmütze und den dicken Pullover trug, in derselben Farbe wie die Socken, die ich zu Weihnachten bekommen hatte, sagte sie nur: Ostern ist früh in diesem Jahr und der Osterhase will nicht, dass du frierst.

Also, ihr Lieben. Es ist nun Mitte Dezember und höchste Zeit, eure Geschenke zu suchen. Die Krawatte, die CD, die Schiunterwäsche und die Eduscho-Armbanduhr sind da irgendwo.

Hier einige Tipps:
Unter dem Sofa. Schmeiß die Socken in den Wäschekorb.
Zwischen den T-Shirts. Lass den Vibrator.
Auf dem Kleiderkasten. Staub gleich mal ab.
Unter dem Bett. Wohl schon drei Wochen nicht gesaugt?
Im Nachtkastl. Lass die Kondome. Die gehören dir nicht.
Hinter dem Sofa. Kannst gleich den Staubsauger holen und saugen.
Hinter dem Computer. Was machen all die Kulis das?
Im Stauraum in der Diele. Hast du die letzte Altkleidersammlung verschlafen?
Im Abstellraum unter den alten Zeitungen. Trag die gleich runter.
In der Sauna. Die gehört auch mal geputzt.
Im Hobbyraum im alten Kasten. Du liest Pornoheftln?
In der untersten Lade der Kommode. Feinrippstrick ist wohl wieder in?
Hinter den Vorhängen im Arbeitszimmer. Nimm sie ab und hau sie in die Waschmaschine. In der Speisekammer. Du hast keine? Na, dann halt im Keller.
In den Schachteln, die das rum stehen. Sind die noch von der Uroma?
Am Bücherregal hinter den Buchattrappen. Abstauben!
Unter dem Berg Bügelwäsche. Kannst gleich bügeln.
Unter der Abwasch. Das Abflussrohr ist verstopft. Mach das mal sauber.
Im Mikrowellenherd. Wisch den Fettfilm da weg.
Im Geräteschuppen. Geh gleich mal Schnee schaufeln.
Im Kofferraum. Morgen putzt du das Auto. Aber ordentlich.
Im Schmutzwäschekorb. Wasch endlich deine Unterwäsche.
In der Waschmaschine. Schalte den Schongang ein.
In der Garage hinter der Gasflasche unter dem dreckigen Overall.
Nun geh schon.
Such. Was, du findest nichts?
Na, dann wart auf Ostern. Über Krawatte, CD und Uhr freust du dich zu Ostern auch. Und die Schiunterwäsche kannst du als Pyjama anziehen.
Ostern ist früh in diesem Jahr und der Osterhase will nicht, dass du frierst.

Und wenn du nicht so schlampig wärst und den Overall gewaschen hättest, dann, ja dann…..
Aber noch ist ja Zeit.
Für den Weihnachtsputz.

Freitag, November 16, 2007

pisa

Ich hab ja schon darüber geschrieben - irgendwann.
Über die Zwänge.
Aber da ich derzeit nicht weiß, wo mir der Kopf steht, und mir sonst nichts einfällt, worüber ich schreiben könnte, schreibe ich heute wiederum über Zwänge. Der Kopf steht ja nicht. Er sitzt. Meiner sitzt zwar noch, aber ich weiß nicht genau wo und wie er sitzt.
Ich weiß nicht, ob er noch richtig sitzt.
Er sitzt irgendwie schief oder verdreht.
Wegen des Haufens. Des großen Haufens in meinem Kopf. Der Haufen ist so groß wie ein durchschnittlicher Misthaufen eines Nebenerwerbsbauern.
Dazu kommt noch, dass überall Schnee liegt. Vor und hinter dem Haus, auf meinem Balkon. In meinem Kopf.
Dazu kommt noch, dass die Klassenräume überhitzt sind. Und die Schüler auch und deren Kopf und ich auch und auch mein Kopf.
Und weil ich das alles gerade nicht ändern kann, ist mein Kopf schief und verdreht und heiß und innen ganz durcheinander.
Und weil ich derzeit nicht weiß, wo mir der Kopf steht oder sitzt, geht es wieder um Zwänge.
Ich bin drauf gekommen, dass meine Zwänge gar nicht so schlimm sind, wie ich immer glaubte.
Meine ehemalige Kollegin, die Iris, die machte mich wahnsinnig. Mit der Iris ging ich manchmal nach der Schule essen zum Sonnhof.
Die Iris, die aß alles, was sie auf dem Teller hatte, der Größe nach.
Das war was.
Sie begann mit dem Kleinsten. Bei Schnitzel und drei Erdäpfel auf dem Teller war das ja einfach. Da ging das ganz flott.
Aber wenn es Reisfleisch gab, dann war das eine Katastrophe. Es dauerte schon ziemlich lang, bis die die Fleischstückerl der Größe nach sortiert hatte. Dann musste sie die noch essen. Aber dann fing es erst richtig an.
Die Reiskörner.
Nein, die Reiskörner sind nicht gleich groß. Das glaubt nur einer, der sich damit niemals mit Reiskorngrößen beschäftigt hat.
Und dann kommt noch dazu, dass die Reiskörner ja auch zusammen kleben. Jedenfalls kam an den Tagen, an denen es im Sonnhof Reisfleisch gab, die Iris nicht vor zehn Uhr abends vom Sonnhof raus.
Als ich ein Kind war und die Iris noch nicht meine Kollegin war und ich sie auch noch nicht kannte, hatte ich den Gehsteigritzen-Zwang. Das ist kein besonderer Zwang. Den Zwang haben viele Kinder.
Zusätzlich hatte ich noch den Schritte-zählen-Zwang. Ich musste jeden Tag auf dem Heimweg von der Schule mit derselben Anzahl von Schritten mein Elternhaus erreichen. Manchmal war ich noch zwanzig Meter vom Haus entfernt und hatte nur mehr drei Schritte. Dann musste ich wieder zurück laufen. Und ich musste darauf achten, dass mich meine Mutter nicht erwischte. Weil wenn das passierte, war mein ganzer Plan beim Teufel. Wenn ich beim Weg in die Schule die richtige Zahl erwischte, dann durfte ich zur Belohnung ohne zu zählen nach Hause laufen.
Daheim ging es dann weiter. Daheim ging es erst richtig los. Da ging es um den Weltrekord. Um den Zwei-Schritte-die-Treppe-hinauf-Weltrekord. Ich schaffte das nicht. Also probierte ich den Zwei-Schritte-die-Treppe-hinunter-Weltrekord.
Den schaffte ich. Ich landete im Elektrokasten, der gegenüber der Kellertür war. Abends ging es weiter.
Ich war im Bett, Mama gab mir ein Gutenachtbussi, ging hinaus und schloss die Tür. Dann ging es los.
Das war der Mörder-such-Zwang.
Unter das Bett schauen. In den Kasten schauen. Hinter den Vorhang schauen. Unter den Kopfpolster schauen. Unter die Bettdecke schauen. Wieder ins Bett gehen. Kopf unter die Tuchent stecken und verkriechen.
Die Tuchent war das Allerwichtigste. Die Tuchent war meine Rüstung. Die Tuchent beschützte mich vor allem und allen. An Weihnachten denken. Einschla…...
Hab ich die Tür kontrolliert? Hab ich unters Bett geschaut?
Ich muss noch einmal alles kontrollieren. Ich muss!
Weil heute gerade könnte er da sein. Heute Nacht wartet er. Mit dem Messer. Unter dem Bett. Und von unten ersticht er mich. Durch die Matratze hindurch.
Ich muss das überprüfen.
Zur Sicherheit.
Und erst wenn ich alles wiederum ordentlich kontrolliert hatte, konnte ich schlafen. Manchmal hörte ich den Mörder flüstern. Mit dem Mörder Nummer zwei flüsterte der.
Sie ist zu klug für mich. Sie überlistet mich jede Nacht. Aber irgendwann vergisst sie, alles zu kontrollieren. Irgendwann vergisst sie, sich zu verkriechen. Dann ist es aus mit ihr. Dann habe ich sie.
Aber ich wusste, dass er mich nie erwischen würde. Bis zum heutigen Tag hat er mich nicht erwischt. Ich bin zu klug für meinen Mörder.
Klar – ich bin ja viel erfahrener und klüger heute. Solchen Unsinn mache ich nicht mehr.
Ich schaue noch immer unters Bett. Aber da ist nie ein Mörder. Da liegt höchstens der Lurch.
Eine kleine Schwäche habe ich noch.
Dinge müssen gerade hängen. Bilder zum Beispiel.
Oder Linien, die senkrecht sein sollen, müssen auch senkrecht sein. Das stört mich, wenn die nicht senkrecht sind.
Unlängst redete ich mit Steffi. Und da sah ich im Augenwinkel, dass ein Baum schief war. Sehr schief. Total schief. Ich hielt das nicht aus. Ich musste meinen Kopf schief halten. Mir wär sonst schlecht geworden.
Steffi hörte auf zu reden.
Dann fragte sie: Amadea, was hast du denn? Wieso hältst du den Kopf schief?
Wegen des Baumes. Der ist schief. Ich halte das nicht aus.
Du hältst den schiefen Baum nicht aus, spinnst du? Du hörst mir ja gar nicht zu. Ich habe dir gerade erzählt, dass ich mich von meinem Mann trennen will. Und du schaust auf den Baum?
Entschuldige, Steffi. Das wollte ich nicht. Wieso willst du dich trennen?
Das habe ich dir gerade gesagt.
Ich ignorierte die Antwort und redete weiter: Wenn du dich noch vor Ostern trennst, dann fahren wir in der Karwoche nach Italien. Was meinst?
Vielleicht. Mal sehen. Und wo würden wir hinfahren?
Das ist mir egal. Irgendwo hin. Halt nicht nach Pisa.

Samstag, Oktober 13, 2007

size does not matter

Ich sitze mit meinem Sohn Mike im Restaurant und da seh’ ich am Nachbartisch die Teresa. Mit Ehemann und Tochter.
Ein perfektes Bild. Teresa in der zartrosa Bluse, der Mann im grauen Anzug, die Tochter adrett mit perfekt sitzender Frisur und Vorhangstirnfransen.
Wir begrüßen einander nur flüchtig. Die üblichen Floskeln.
Dabei waren die Teresa und ich in einer Klasse.
Aber wir hatten nichts gemeinsam, die Teresa und ich – ganz im Gegenteil.
Die Teresa hatte einen wahnsinnig großen Busen für eine Dreizehnjährige.
Wenn die Teresa in die Klasse kam, dann sah man als erstes nur Busen. Und als zweites und drittes auch. Die Buben sahen vermutlich ständig Busen.
Die Teresa hatte mit dreizehn den größten Busen, den man sich vorstellen kann und ich hatte den kleinsten Busen, den man sich vorstellen kann.
Wenn ich an die Teresa denke, dann fällt mir immer die Handarbeitsstunde ein.
Ich hasste Handarbeiten.
Ich hasste die Handarbeitslehrerin.
Und ich hasste Teresas großen Busen. Besonders in der Handarbeitsstunde.
Weil da hatte ich Zeit, ihren Busen anzuschauen und mit meinem zu vergleichen.
In der Handarbeitsstunde saß die Teresa gebückt in ihrem Sessel. Die hätte sonst vor lauter Busen ihr Strickzeug nicht gesehen.
Ich saß auch gebückt im Sessel. Aber aus anderen Gründen.
Wenn ich nämlich einen Buckel machte, dann bildete sich vorne – da wo der Busen sein sollte – eine kleine Falte im Pullover und es sah aus, als sei da so etwas Ähnliches wie ein Busen.
Wenn wir nicht mehr weiter wussten, mussten wir hinaus zum Katheder gehen und die Frau Pröll fragen.
Die Teresa stand da draußen nicht gebückt, sondern immer ganz gerade. Und man sah nur Busen und sonst nichts. Und ich schielte auf die Falte in meinem Pullover und war ganz verzagt.
Wenn ich zum Katheder gehen musste, war ich noch immer gebückt. Und ich hielt die Hand vor die Nase. Weil die Frau Pröll hatte den schlimmsten Mundgeruch, den man sich vorstellen kann. Ich musste oft zum Katheder gehen, weil ich blitzdumm war in Handarbeiten und die Frau Pröll schimpfte jedes Mal. Amadea, nun steh mal gerade und hör auf, in der Nase zu bohren. Wie ich sie hasste.
In der vierten Klasse war Teresas Busen überdimensional geworden. Den Buben gefiel das.
Am Samstagabend durfte die Teresa immer ins Vereinsheim gehen. Da war Disco. Ich habe gar nicht gefragt, ob ich da hingehen dürfte. Die Eltern hätten ohnehin nein gesagt. Außerdem wollte ich das nicht. Buben haben mich zu jener Zeit nur von weitem interessiert. An Körperkontakt mit ihnen war ich nicht interessiert. Ich hätte mich da nicht hineingetraut. Außerdem hätte mich keiner angeschaut mit dem nicht vorhandenen Busen.
Die Teresa erzählte mir dann immer. Sie wohnte nicht weit weg von mir und wir hatten denselben Schulweg. Beim Heimgehen wollte ich immer singen mit ihr. Dieses melancholische Herbstlied, dessen Titel mir nun nicht einfällt. Aber sie machte mich wahnsinnig – weil sie die erste Stimme nicht halten konnte. Und es war nur melancholisch wenn man die zweite Stimme dazu sang.
Aber die Teresa wollte eh nicht singen. Sie wollte mir immer ihre Geschichten erzählen. Die Geschichten, die sie mit den Buben erlebt hatte. Die erzählte so unglaubliche Geschichten, dass mir der Mund offen blieb und ich geschockt war. Ich ließ mir das nicht anmerken.
Sie erzählte, dass sie mit zwei Buben gleichzeitig geschmust hatte. Und ich hatte noch nicht einmal mit einem geschmust.
Und dann träumte ich von überdimensionalen Bubenzungen und wogendem Busen und wachte dann schweißgebadet auf.
Einmal erzählte sie, dass sie mit der Marina und dem Hannes und dem Bernhard Strip-Poker gespielt hatten. Vermutlich haben sie nicht Poker gespielt, sondern Quartett. Egal, jedenfalls musste der, der verlor, sich ausziehen. Und dann lagen sie alle nackt in den Betten. Und als ihre Mutter an die Tür klopfte, hüpften die nackten Buben aus dem Fenster.
Ich war entsetzt. Diese Geschichte hat mich noch eine Zeitlang beschäftigt. Ob die Buben, die da aus dem Fenster hinausgehüpft sind, ihre Kleidung mitgenommen hatten, ob sie nicht von irgendjemandem gesehen worden sind. Viele Fragen ungeklärt. All die Jahre über.
Mittlerweile hat die Teresa einen normal großen Busen. Sie hat sich operieren lassen. Bevor sie den Banker kennenlernte. Sie ist eine adrette Bankbeamtin. Freundlich, höflich, zuvorkommend. Für meinen Geschmack ein wenig langweilig.
Die alten Geschichten sind vergessen.
Wir bezahlen. Ich verabschiede mich von Teresa. Bevor wir gehen frage ich sie: Teresa, dein Zimmer lag doch im zweiten Stock, oder? - Ja, warum?
Egal, sage ich und lächle.

Samstag, August 11, 2007

keep smiling

"Schau nicht so ernst."
Diesen Satz habe ich oft gehört. Besonders als Kind.
Diesen Satz habe ich oft von meinem Vater gehört.
Stell dich da hin zum Blumenbeet und lächle.
Und ich stellte mich hin zum Blumenbeet und lächelte. Gequält. Und Papa knipste. Dann als er nach einem halben Jahr das Foto in der Hand hielt – ein Film blieb bei uns damals ein halbes Jahr in der Kamera – weil nur zu besonderen Anlässen wie Ostern und Weihnachten fotografiert wurde, sagte mein Vater: Wie du immer schaust, Amadea.
"Du schaust immer so ernst."
Diesen Satz höre ich nach wie vor.
Ja, ich schaue ernst.
Und? Soll ich den ganzen Tag grinsend herum laufen wenn mir nicht danach ist?
Ich habe eine Kollegin, die immer lächelt.
Nein, lächeln ist das falsche Wort.
Weil wenn jemand lächelt, dann lächeln auch die Augen. Und bei der Kollegin lächeln die Augen nicht. Nur ihr Mund ist hochgezogen. Mehr ist das nicht. Bei jeder Gelegenheit zeigt sie ihre Zähne. Sie verzieht auch den Mund, wenn es gar keinen Grund zum Mundverziehen gibt.
Mich irritiert das.
Und mich irritiert noch mehr, wenn mir ein Fremder sagt, ich solle lächeln.
Nein, ich will nicht. Ich will nicht auf Kommando lächeln. Ich will lächeln wenn mir danach ist.
Unbegründetes Zähne zeigen, also Lächeln, ist eine Art der Beschwichtigung, der Unsicherheit. Das sagt auch der Konrad Lorenz.
Bei der Kollegin ist das bestimmt so. Eine Art der Unterwürfigkeit. Wenn der Feind naht, dann lächle. Sie will immer nett sein. Die ganze Zeit nett sein. Wie nervig. Wie anstrengend.
Gestern, beim Familientreffen wurden die alten Fotoalben durchgeschaut.
Amadea, wie du da ernst schaust. Immer schaust so ernst, sagt Mama.
Ja, Mama da schaue ich ernst. Ich schaue da nicht nur ernst, ich schau da grantig. Und ich bin da auch grantig. Und weißt du warum? Schau einmal, genau, Mama.
Ich seh nix. Ich seh nur, dass du nicht lächelst. Dabei hattest immer schöne Zähne.
Das hat mit den Zähnen gar nix zu tun, Mama. Und außerdem sind meine Zähne immer noch schön. Schau mal die Frisur an, die ich da hab.
Eh nett, sagt Mama.
Ja, eh nett. Schau mal die Stirnfransen an.
Da sind keine, sagt Mama.
Ja, genau, da sind keine. Und weißt du warum, weißt du warum, Mama? Weil Papa sie mir geschnitten hat. Falsch, nicht geschnitten, verschnitten hat er sie. Er hat schief geschnitten. Und immer schiefer. Und es wurde partout nicht grad.
Du hattest aber auch Haare wie Borsten, ruft Papa herüber von der Couch.
So ein Blödsinn. Ich hatte nie Borsten. Niemals.
Deine Borsten ließen sich nicht gerade schneiden. So sehr ich mich auch bemühte. Ich ignoriere ihn.
Also, Mama. ich erinnere mich noch genau. Da saß ich mit dem Spiegel in der Hand da und der Papa schnitt und schnitt.
Wir konnten uns damals keinen Friseur leisten. Darum hat der Papa geschnitten.
Ja, sage ich. Und darum hab ich auch da keine Stirnfransen. Weil er sie alle weg geschnitten hat.
Aber da schaust auch ernst, sagt Mama und deutet auf das Foto auf der nächsten Seite des Albums.
Ja, da schau ich auch ernst. Klar schau ich da ernst. Weil ich dieses blöde Kleid anziehen musste. Dieses erbsengrüne. Und ich hasste es.
Das war ein schönes Kleid, sagt Mama. Das hat die Oma genäht.
Es war ein entsetzliches Kleid, sage ich. Ein Sackkleid.
Jo, do host ausgschaut wia a g’spiebene Gerscht, mischt sich Papa wieder ein und lacht.
Siehst du, Mama, genau das ist der Punkt. Da soll man lächeln als Kind, bei so einem Vater?
Mama seufzt.
Schluss nun, hört auf zu streiten. Wir sitzen heut so nett beinand’, da machen wir ein Foto. Und du lächelst, Amadea. Wenigstens einmal.
Und schon nimmt sie meine Kamera.
Wo schalt ich die ein, fragt sie?
Sie ist eingeschaltet, Mama. Da vorn drückst drauf, auf den großen Knopf.
Ich seh’ keinen.
Na, da vorn.
Aja, da, sagt sie. Setz dich schön hin zum Papa und lächle.
Ich setze mich schön hin zum Papa und lächle.
Amadea, hast du zugenommen? fragt Papa.
In diesem Moment blitzt es.
Rate mal, ob ich lächle auf dem Foto.

Montag, Juli 23, 2007

wie in alten zeiten


Ribisel brocken, Amadea. Du kannst gleich anfangen. Aber ordentlich. Keine Blätter und keine Stängel. Da hast den Kübel. Den bindest dir rum. Und den großen stellst du daneben. Da kannst dann immer wieder reinleeren.
Und schon bin ich mittendrin.
Im Brocken.
Zwischen Ribiselstauden, deren Blätter mich stechen und kitzeln, den kleinen Kübel festgebunden an der Taille.
Ich fang auf der anderen Seite an, sagt Mama.
Ich sage nichts. Ich bin angefressen.
Kommst mit schwimmen, Amadea? ruft mir meine Freundin über den Zaun zu.
Nein, siehst eh. Das dauert.
Sie muss nie Ribisel brocken. Sie muss überhaupt nichts tun. Weder Ribisel brocken noch Holz aufstapeln, noch Kohlen in den Keller tragen, Gar nichts. Sie wird ständig bedient von ihrer Mutter. Von hinten bis vorne. Ich beneide sie. Sie wird sogar gefragt, was sie zum Mittagessen will.
Ich werde nie gefragt.
Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, sagt Papa.
Ich werde nur an meinem Geburtstag gefragt.
Die Freundin geht schwimmen, ich brocke die Ribisel.
Mein Gott, Amadea, du brockst ja gar nicht. Mach schneller.
Ich hasse es, ich bin den Tränen nahe, mir ist heiß, mir graust vor den Spinnen und den Spinnweben, die Gelsen stechen und die Bremsen beißen und ich komm nicht weiter. Meine Finger sind rot von den Ribiseln und der Kübel wird und wird nicht voll.
Ich kann nicht schneller. Ich brock eh, besser kann ich nicht, sage ich weinerlich.
Was weinst du denn? sagt Mama. Pass nur auf, dass das der Papa nicht sieht.
Ja, der Papa darf das nicht sehen, weil der schimpft sowieso ständig.
Du bist zu nichts zu gebrauchen, du hast nur Unsinn im Kopf, nur deine Bücher. Keinen Hausverstand hast und du stellst zu viele Fragen. Es gibt nichts zu fragen. Du und deine Leserei, schimpft er. Und diese ständige Lernerei. Sowieso für die Fisch’, das jahrelang zur Schule gehen. Und dann heiratest mit zwanzig.
Niemals, Papa. Ich heirate überhaupt nicht.
Ich heiratete doch.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Mama kommt nachschauen.
Amadea, schau einmal, diese Sauerei. Die halben Ribisel sind am Boden und das da ist auch nix. Sie deutet auf den Kübel. Da hast ja die Hälfte Blätter drin.
Nun reicht es mir. Ich reiße mir den Kübel herunter und laufe weg.
Nie ist dir was recht. Ich lass das nun. Ich hasse Ribisel brocken.
Beim Weglaufen ruft mir Mama nach: Dann putz mir wenigstens die Fenster. Aber ordentlich. Und nimm das Fensterleder und tu Essig ins Wasser.
Wie ich die Ferien hasste als Kind.
Es war immer was zu tun.
Ich musste immer arbeiten.
Alle meine Freundinnen fuhren in den Urlaub. Ich nicht.
Mein Urlaub war eine Woche bei Onkel Hans in der Nähe von Salzburg. Und das war auch nichts. weil ich stritt ständig mit meiner Cousine und meine Tante, die Schweizerin, kochte Dinge, die ich nicht essen konnte weil mir grauste. Gurkengemüse und Kochsalat, saure Nieren und Lebernockerl.
Man hat es schon schwer als Kind. Und niemandem kannst du dich anvertrauen. Deinen Freundinnen erst recht nicht.
Da kommst du nach den Ferien wieder in die Schule und alle erzählen vom Urlaub an See und Meer und du erzählst vom Urlaub beim Onkel Hans und vom Ribisel brocken, Fensterputzen und Holz aufschlichten.
Ich log da meistens.
Ich erfand den Onkel in Kärnten am Ossiachersee, der ein Restaurant hatte und wo ich Vormittag servieren durfte und Nachmittag schwimmen. Ich war da sehr erfinderisch. Er hieß Onkel Reinfried. Es gab ihn nicht, den Onkel. Aber für mich war er so real wie mein Onkel Hans. Nur war er viel toller.
Gestern war ich bei meinen Eltern. Mama war gerade dabei, Ribisel zu brocken.
Kannst mir gleich helfen, Amadea. Mein Protest nützte nichts.
Und da stand ich – wie in alten Zeiten mit dem umgebundenen Kübel und es nervte mich und die Gelsen stachen und die Bremsen bissen und die Ribiselstauden kitzelten. Und die halben Ribisel lagen wieder am Boden und im Kübel waren wieder zu viele Blätter und Mama sagte wieder: Amadea, du brockst ja gar nicht.
Soll ich Fenster putzen, Mama? fragte ich. Und Mama sagte: Ja, aber ordentlich. Und nimm das Fensterleder und den Essig.
Als ich ins Haus ging, rief sie mir nach: Schön, gell, Amadea. Wie in alten Zeiten.

Montag, April 09, 2007

urbi et orbi


Feiertage in unserem Haus waren anstrengend.
Es begann schon am Aschermittwoch.
Da mussten wir in aller Herrgottsfrühe aus den Federn. Sieben Uhr Frühmesse. Das muss sein. Weil da bekommst du ein Aschenkreuz auf die Stirn. Das ist gut gegen Kopfweh. Du hast ja eh immer Kopfweh, Amadea. Ich hatte oft Kopfschmerzen als Kind, und das Aschenkreuz nutzte nichts. Im Winder steckte ich oft meinen Kopf in den Schnee. Heute würde ich vermutlich der Psychologin vorgeführt werden und die würde die Eltern vorladen und ihnen die Leviten lesen. Eh klar, dass sie Kopfweh hat, die Amadea. Steht zu sehr unter Druck bei dem strengen Vater. Das arme Kind. Ich mag diese verbrannte Butter nicht, und den Stinkerkäse auch nicht. Dann isst du halt Polenta mit Preiselbeermarmelade drauf.
Kaum hatte ich mich von den Strapazen des Weihnachtsputzes erholt, ging es dann in der Karwoche los mit dem Osterputz. Und dieses Mal ordentlich und gründlich. Mit System.
Mama in ständiger Anspannung und umgebundener Schürze und Kopftuch, mit Putzlappen und Kübel im Haus herumwuselnd.
Papa in der Blauen, musste die Vorhänge abmachen, Matratzen raus tragen und Teppiche klopfen. Gut gelaunt waren beide nicht. Sie waren grantig.
Vermutlich hing das damit zusammen, dass die ganze Karwoche gefastet wurde. Wir fasteten nicht, um abzunehmen, es gab nichts abzunehmen. Wir waren eh alle spindeldürr.
Fasten reinigt Körper und Geist, sagte Mama. Und wir erinnern uns an das Leiden Christi, sagte Mama, als sie gerade den Ofen kehrte. Dabei dachte sie aber nicht an den Christi, sondern daran, ob sie mit der Schmierseife wohl den Ruß, der sich überall in der Küche verteilt hatte, wieder wegbekommen würde. Ich sah das an ihrem verbissenen Gesichtsausdruck.
Ich nieste die ganze Zeit, nicht wegen des Rußes, sondern weil es saukalt war im ganzen Haus. Die Fenster waren ständig offen, und endlich, als Mama den Ofen fertig gekehrt hatte und mit der Schmierseife den Ruß beseitigt hatte, wurde eingeheizt. Aber gleich darauf wurden die Fenster wieder aufgerissen, weil es in der ganzen Küche rauchte und stank. Mama hatte die Oberfläche des Küchenherdes mit Öl bestrichen. Das glänzt schön, sagte sie.
Mama, das mit dem Öl, das ist ein Blödsinn, einmal Einheizen das ganze Öl ist verbrannt und dann glänzt gar nichts mehr.
Aber es musste sein. Mama hörte gar nicht, was ich sagte. Vermutlich weil mein Magenknurren lauter war als meine Stimme.
Das hat schon die Uroma so gemacht. Basta.
Am Gründonnerstag fing der Stress so richtig an. Wehe, du warst die letzte, die aufstand am Morgen. Da kam Papa ins Zimmer gestürmt, im Schlepptau Mama und kleine Schwester und machten einen Riesenlärm und riefen Dontlersgohn, Dontlersgohn. Und Papa riss mich aus dem Bett.
Was eine Dontlersgohn genau ist, weiß ich nicht. Eine Gohn ist ein Wagen mit Holzrädern. Und Dontlers heißt vielleicht Donnerstag.
Der Stress dauerte bis zum Ostersonntag. Lang Schlafen war nicht drin, aber das wäre wegen des Osterputzes eh nicht möglich gewesen.
Außerdem musste man am Donnerstag die ersten Kräuter sammeln, Eier wurden in unserem Hause immer mit Zwiebelschalen und Kräutern gefärbt. Selbst gesucht und gepflückt. Von mir. Meine Schwester war nicht zu gebrauchen. Sie war zu klein und nervte mich ohnehin ständig. Zu essen gab es Spinat mit Spiegelei.
Und am Abend in die Messe. Zu Christis Leidensweg.
Am Freitag war ich dann die Karfreitagsratsch. Ich war wieder die letzte beim Aufstehen.
Die Glocken sind nach Rom geflogen, sagte Oma, gestern schon. Und sie kommen erst zu Ostern wieder zurück. Heute hörst du nur die Ratschen. Und die hörten wir dann am Nachmittag. Um punkt drei Uhr in der Kirche. Um punkt drei Uhr ist Jesus gestorben und da muss man ruhig sein und sich besinnen.
Und da saß ich dann in der Kirche, hungrig und müde und der Pfarrer wollte und wollte nicht aufhören. Mit der ganzen Schar der Ministranten blieb er an jedem Bild des Kreuzweges stehen und betete und erzählte die ganze Leidensgeschichte und je länger er erzählte umso übler wurde mir.
Und ich betete brav das Jesusderfürunsamkreuzgestorbenist mit. Schlecht war mir, weil ich nur ein wenig Grießbrei gegessen hatte.
Und die Ministranten schwangen die Ratschen, dass es nur so klapperte. Endlich war der Leidensweg zu Ende. Heim, Osterlamm backen. Ich musste die Butter rühren und die Osterlammformen ausschmieren und kostete heimlich vom süßen Teig. Hungrig wie ich war.
Samstag früh wieder das Übliche.
Feuerhund, Feuerhund, Amadea. Gejohle. Und Papa zerrte mich wieder aus dem Bett. Karsamstag Vormittag. Einkaufen. Noch immer nichts Ordentliches zu essen. Am Nachmittag war das Schlimmste überstanden. Ausgelaugt und müde saßen wir alle herum und warteten auf den Abend.
Weil am Abend war das Hochamt in der Kirche. Um acht.
Zieh was ordentliches an, Amadea. Die weiße Bluse und den karierten Rock. Und nimm das rote Kapperl.
Dieses blöde rote Kapperl. Und Papa zupfte herum und setzte es mir schief auf und ich hielt den Kopf schief damit es nicht herunter fiel und Mama gab mir die Osterkerze und sagte, Halt den Kopf nicht so schief, und halt die Kerze gerade und lass das heilige Feuer später ja nicht ausgehen.
Um sieben Uhr Feuerweihe. Ich mit geweihter Kerze in die Kirche. Und das war dann ein Singen und Klingen und Weihräuchern. Und die Glocken waren mittlerweile wieder zurück aus Rom und läuteten, dass einem die Ohren nur so klingelten. Und alle hatten eine Freude und den Osterfrieden und waren froh. Ich war müde und hielt meinen Kopf wegen dem Kapperl noch immer schief und auch die Kerze mit der heiligen Flamme war schief und das Wachs tropfte auf den karierten Rock und die weiße Bluse.
Aber dann zu Hause gab es was zu essen. Aufschnitt und roten Paprikasalat und Schinken und Eier. Und alle hauten rein, der Papa und die Mama und die Oma. Ich nicht so. Ich war zu schwach, die Gabel zu halten. Und mir war schlecht. Und dann vor dem Schlafengehen die Kerze in die Abwasch. Die Osterkerze mit der heiligen Flamme.
Und tu den Vorhang weg, Papa, sonst fängt der noch Feuer.
Und dann am Ostersonntag wieder der Stress mit dem Aufstehen. Weil wenn du am Ostersonntag die letzte warst beim Aufstehen, war das das Schlimmste, das passieren kann. Da warst du dann die Osterblo. Blo ist ein ein Kuhfladen. Ich war immer die Osterblo.
Und wieder in die Kirche. Mit dem Korb zur Speisenweihe. Schinken, Eier, Osterlamm, Butter. Ich musste den Korb tragen und ganz vorn vor den Altar stellen. Und das Hochamt dauerte drei Stunden und danach mussten wir das heilige Zeug essen. Zumindest ein Ei. Ein heiliges.
Und dann um zwöfl Uhr im Radio Urbi et Orbi vom Papst. Und alle hörten zu. Andächtig.
Und am Nachmittag dann das Osternestsuchen und ich fand es immer sofort aber ich durfte das nicht zeigen wegen der Kleinen. Weil es war ja die ganze Großfamilie versammelt. Alle Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen da. Und die Cousins und Cousinen waren alle jünger als ich. Und ich hatte das Feischtougsgwond – Feiertagskleidung – an.
Und fiel jedes Mal in die Wiese und alles war dreckig. Und Mama schimpfte, Amadea, alles für die Katz. Es ist ein Kreuz mit dir.
Der Ostermontag war ruhig. Es war der einzige Tag, an dem ich lang schlafen konnte, ohne dass Papa mich aus dem Bett riss. Mein einziger Feiertag. Und mein Magen hatte sich auch wieder gewohnt an das normale Essen.
Die Dinge haben sich geändert.
Ostern ist nicht mehr das, was es war.
Ich kann schlafen, so lange ich will.
Ich muss nicht mehr in die Kirche, nicht mal mehr zum Hochamt. Und ich bekomm auch kein Aschenkreuz mehr auf die Stirn, und trotzdem habe ich fast nie Kopfweh.
Und das Feiertagsgwand ist auch nicht mehr für die Katz. Ich fall nie mehr in die Wiese. Und es ist kein Kreuz mehr mit mir. Ein Problem habe ich aber noch immer.
Wo schneide ich das Osterlamm an?

Donnerstag, März 29, 2007

ohrgasmus


Ich sitze auf der Bank vor dem Cafe.
Und da lese ich: Ich liebe Kerstin.
Graffiti heißt das heute.
Graffitis gab es immer schon. Aber damals hießen anders. Wie, weiß ich nicht.
Ich ritzte meine Graffitis in die Kirchenbank. Während der Predigt. Amadea liebt Reinhold.
Reinhold wusste natürlich nicht, dass ich ihn liebte. Reinhold liebte ich, als ich sieben war. Kurz vor der Erstkommunion.
„Willst du mit mir gehen?“, fragte ich ihn. Mit gehen meinte ich die Erstkommunionsprozession. „Ja, aber nur wenn du einen Schleier hast“, sagte Reinhold.
Klar, und was für einen.“
Es stellte sich dann aber später heraus, dass der Schleier, den ich hatte, nicht ein Schleier für den Kopf, sondern einer für die Kerze war. Darüber schrieb ich hier.
Ich sitze da auf der Bank vor dem Cafe und lese. Kevin liebt Kerstin. Kerstin hat einen Busen. Kerstin ist feil. Wohl verschrieben.
Ich wünsche dem Kevin von Herzen, dass er irgendwann glücklich wird mit Kerstin. Ein ganzes Leben lang. Oder wenigstens eine Woche lang.
Kerstin weiß sicher nicht, dass Kevin sie liebt. Kevin ist bestimmt schüchtern. Und Kerstin ist für Kevin bestimmt unerreichbar. Er wird sich niemals trauen, sie anzureden und vermutlich wird er immer wieder irgendwo ihren Namen einritzen und dabei seufzen. Ich bin sicher – er seufzt.
Ich seufzte auch, wenn ich Reinholds Namen in die Kirchenbank ritzte.
Nach Reinhold kam Herbert. In Herbert war ich mit dreizehn verliebt.
Und auch er ist in der Kirchenbank verewigt. Gleich neben Reinhold. Amadea liebt Herbert. Mit Datum.
Herbert wusste auch nicht, dass ich ihn liebte. Und ich konnte ihn auch nicht fragen, ob er mit mir gehen wollte, weil es gab keine Erstkommunion mehr. Es gab nur mehr Firmung. Und bei der Firmung geht man mit keinem Buben. Bei der Firmung geht man mit seiner Firmpatin. Und Schleier gibt es auch keinen.
In Herbert war ich sehr verliebt. Er war der Hahn im Korb in der Klasse.
Da gab es diesen beiden Mädchen, die nicht so schüchtern waren wie ich.
Die eine, Susanne, hatte langes Haar und immer die besten Leckereien mit als Jause.
Ihre Eltern hatten ein Gasthaus. Sie war auch immer gut gekleidet.
Und sie fütterte Herbert jeden Tag mit Extrawurstsemmeln mit Essiggurkerl drin und Topfengolatschen.
Da hatte ich keine Chance. Ich hatte weder Wurstsemmel mit Gurkerl noch Topfengolatsche mit sondern meist ein Käsebrot. Manchmal ein Speckbrot.
Und Herbert mochte Wurstsemmel lieber als Käsebrot.
Glaubte ich jedenfalls. Gefragt hab ich ihn nie.
Außerdem hätte ich nicht meine Jause verschenkt, und wenn, dann nur an jemanden, der keine hatte.
Die zweite, Annemarie, war eine Wilde. Sie raufte immer mit den Buben. Aber nicht mit Herbert. Mit Herbert war sie zuckersüß. Ihm schenkte sie Süßigkeiten.
Vermutlich war Herbert überfordert mit Susanne und Annemarie.
Weil irgendwann, im Physiksaal, saß er hinter mir und begann, ganz leicht mein Haar zu streicheln. Ich saß da wie versteinert mit Gänsehaut und konnte mein Glück nicht fassen.
Von da an liebte ich die Physikstunden. Natürlich nur wenn wir in den Physiksaal gingen. Und Herbert liebte ich noch mehr. Und ich wusste, er liebte mich.
Er schenkte mir jeden Tag heimlich Susannes Wurstsemmel mit Gurkerl.
Und ich wusch mir zweimal in der Woche mein Haar, montags und mittwochs. Weil da hatte ich Physik.
Meiner Mutter gefiel das nicht. „Was wäschst dir denn ständig die Haare? Ein Luxus ist das. Und ungesund. Und eine Wasserverschwendung.“
Aber ich hörte nicht auf sie. Von Herbert erzählte ich ihr natürlich nichts. Am Ende der dritten Klasse hatte ich in Physik ein Genügend. Wegen Herbert. Aber das war mir egal.
Das Ritual weitete sich mit der Zeit aus. Herbert streichelte nun nicht nur im Physiksaal, sondern auch im Filmsaal.
Und im Filmsaal war das viel aufregender. Weil im Filmsaal war es dunkel. Und das gefiel dem Herbert. Und mir auch.
Er fing mit dem Haar an und dehnte sein Streicheln dann aus auf Nacken und Schultern.
Einmal, in der Biologie-Stunde während eines Films, ich hatte die Augen geschlossen, und ruhte mit dem Kopf auf der Sessellehne, fuhr er mir mit zwei Fingern in die Ohren. In beide. Ich war elektrisiert.
Mein erster Ohrgasmus war das!
In dem Moment riss der Film. Was ich nicht bemerkte. Weil meine Ohren zugestopft waren mit Herberts Fingern. Als das Licht anging, war es zu spät. Die Lehrerin hatte alles gesehen. Sie schaute mich funkelnd an. Nun war es zu spät.
Ihr Mund öffnete sich: „ Amadea, kannst du mir helfen, den Film wieder einzuspannen?“
Ich war sprachlos.
Ich war überwältigt.
Solche Momente vergisst man nicht.
Momente, in denen man einer anderen Person ausgeliefert ist und diese Person das nicht ausnützt. Momente, in denen man ertappt wird. Mit Fingern in den Ohren, zum Beispiel.

Beim letzten Klassentreffen traf ich Herbert wieder.
Aus der Zauber.
Nie und nimmer dürfte er mein Haar streicheln.
Und erst recht nicht seine Finger in meine Ohren stecken. Höchstens einladen dürfte er mich. Auf eine Wurstsemmel.
Mit Essiggurkerl.

Dienstag, Dezember 05, 2006

first cut

Posted by Picasa
Er war siebzehn. Ich war sechzehn. Dünn und hochgeschossen mit großen Augen.
Er lächelte mich an. Er berührte mich manchmal wie zufällig. Diese Art der Aufmerksamkeit war neu für mich. Er verzauberte mich. Ich war durcheinander, wie verloren. Ich starrte ihn an mit ungläubigem Blick. Immer wieder. Heimlich. Er hatte schwarzes, lockiges Haar. Er öffnete mir eine Tür in etwas Unbekanntes, Neues.
Dann war da noch ein Mädchen. Sie war viel schöner als ich. Sie hatte langes, dunkles Haar, sie bewegte sich anmutig, sie war selbstbewusst, sie hatte ein wunderbares Lächeln. Sie machte ihm schöne Augen. Und ich wusste nichts von dieser Art des Spiels. Ich war zu jung dafür, zu unerfahren, zu naiv. Und eines Tages waren sie ein Pärchen.
Als ich die Küche betrete, sieht sie mich an. Sie lächelt und fragt mich. Und ich erzähle ihr.
Und ich sage- Es tut weh da drinnen. In meinem Herzen.
Und ich weine.
Und sie umarmt mich so wie eine Mutter ihr Kind umarmt.
Du bist zu jung für diesen Schmerz.
Was für ein Schmerz?
Der Schmerz der ersten Liebe.

Freitag, April 28, 2006

how embarrassing


Jeder hatte schon seine peinlichen Momente.
Ich hatte einige ziemlich peinliche.
Das Peinlichste war für mich, als ich – ich lebte damals in London – zum Frisör round the corner sagte, „I’d like to have a haircut and a blowjob“ - anstatt „blowdry“.
Wirklich peinlich war mir, dass ich danach, als der Friseur den blowing job ausführte, nur daran dachte: „Der glaubt nun ich denke den ganzen Tag an nix anderes als an blowjobs."
Es war auch peinlich, dass er jeder Kundschaft, die ins Geschäft kam, meinen Fauxpas erzählte, zur Heiterkeit aller Anwesenden außer mir.
Warum ist es einem eigentlich peinlich, wenn uns vor fremden Leuten ein Missgeschick passiert? Es kennt einen doch keiner, und es sollte einem eigentlich wurscht sein.
Ich meine, es ist klar, dass es es peinlich ist, wenn man von der Toilette kommt und der Rock ist eingeklemmt in der Strumpfhose, wie es einer ehemaligen Kollegin, deren Hinterteil der Venus von Willendorf ähnelte, passierte. Ich konnte es mir damals nicht verkneifen, und das war kein Mitleid, sie lautstark darauf hinzuweisen, hatte sie mir doch einige Wochen zuvor den Lockenwickler, der zwischen meinen Schulterblättern am Mohair-Pullover kleben geblieben war entfernt und lautstark gerufen: „Hattest du es eilig heute morgen?“
Ich beobachtete ganz genau ihre Mimik und sah, wie blankes Entsetzen ihren Lippenstiftmund verzerrte, ihre Bewegungen fahrig wurden und sie blitzschnell ihr Hinterteil an die Wand drückte und den Rock aus Strumpfhose herauszog. Und während dies alles wie in Zeitlupe ablief, herrschte Grabesstille im Raum.
Meine Mutter erzählte mir von einer Begebenheit, die mich betraf, aber nur für sie peinlich war.
Es war meine Erstkommunion. Wir hatten wenig Geld und mein Erstkommunionkleid samt Schleier und Schuhen hatte ich von der Cousine aus Frankfurt übernommen.
Den Abend zuvor waren Mama, beide Omas und Tanten zur Generalanprobe versammelt. Das Kleid passte wunderbar. Ich fühlte mich wie eine Prinzessin. Nur mit dem Schleier kamen sie nicht gut zurecht. Er wollte einfach nicht richtig passen. Ich war ungeduldig und genervt, weil alle an meinem Kopf herumzupften, mir Haare ausrissen, mich mit Spangerln und Haarnadeln stachen und durcheinander redeten. Zufrieden waren sie nicht mit dem Schleier.
Am nächsten Tag saß ich in der Kirche. Andächtig, mit Kerze und Schleier. Reinhold, mein Verehrer schaute mich immer wieder an. Ich war so stolz auf meine langen Locken und den schönen Schleier. Hatte er mich doch zuvor immer wieder gefragt, ob ich wohl einen Schleier hätte, was ich stolz bejahte.
Jedenfalls litt meine Mutter während der ganzen Zeremonie. Weil ihr, als sie die anderen Mädchen mit ihren schönen, langen Schleiern vor ihr sitzen sah, es wie Schuppen vor die Augen fiel. Mein Schleier war zwar ein Schleier, Aber keiner, den man auf den Kopf setzt, sondern auf die Kerze steckt. Ich trug also einen Schleier, der nicht einmal meine Ohren bedeckte.
So weit so gut.
Für mich war das kein peinlicher Moment. Ich fühlte mich trotz Kerzenschleiers auf dem Kopf fromm und heilig.
Eine weitere Peinlichkeit passierte einer Freundin.
Es war vor einigen Jahren. Bei uns gibt es einen Kunsthandwerk-Markt der immer am letzten Samstag im Oktober stattfindet.
So lang ich denken kann, ist es an diesem Tag immer kalt und regnerisch oder es schneit überhaupt schon.
Jedenfalls hatte die Freundin am Tag zuvor das erste mal eine Strumpfhose unter den Jeans getragen. Am Tag des Marktes hatte sie es eilig, zog schnell Strumpfhose und Jeans drüber und machte sich auf den Weg zum Markt. Nun ist es so, dass auf diesem Markt einfach jeder da ist. Nicht nur Leute vom Ort, sondern auch die Einwohner der Nachbargemeinden.
Und die Freundin zog ihre Runden. Von einem Stand zum anderen. Blieb stehen, redete mit Leuten, die sie kannte, trank da und dort was, und war guter Dinge. Es war ihr nicht kalt, sie trug ja Strumpfhose und Jeans, einen warmen Pullover und eine Winterjacke. Sie kaufte auch einiges. Glaskugeln in verschiedenen Rottönen, eine Glasschale und ein Windspiel.
Sie war schon unterwegs zu ihrem Auto nach einem Nachmittag kurzweiliger Unterhaltung, als ihr eine Bekannte zurief, sie solle kurz warten.
Und sie wartete. Was sie dann erfuhr, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
„Dir hängt da hinten eine Strumpfhose raus“, sagte die Bekannte.
Da hinten hing eine Strumpfhose nicht nur ein klein wenig raus. Da hinten hing ein brauner Strumpfhosenschlauch lang wie eine Königspython wie eine Schleppe aus ihrem Hosenbein. Mittlerweile durchfeuchtet und dreckig von all dem Regen.
Es war die Strumpfhose, die sie am Vortag unter den Jeans getragen hatte.
Die Freundin schnappte blitzschnell den Nylonschleier, verstaute das Ende in ihrer Winterjacke und lief wortlos und geschockt zu zum Auto.
Zu Hause dann der Anruf.
„Hallo, ich bin’s. Ich hab gesehen, wie du aus dem Auto gestiegen bist und hab dir zugerufen. Du hast mich aber nicht gehört. Wollte dir nur sagen, dass dir hinten die Strumpfhose raushängt!"
Das Peinlichstes, das ich je gesehen habe, passierte in einem italienischen Lokal in St.Albans.
Ich war mit Cedric, einem Kollegen dort. Neben uns saß die Belegschaft, vermutlich eines Büros, mit einer schicken, blonden, toll gestylten Lady um die vierzig.
Sie stand auf, ging zur Toilette, ihre high heels rhythmisch klappernd, Kopf hoch, selbstbewusst, die Tasche lässig am Arm, die Blicke der Männer hinter sich herziehend.
So kam sie auch wieder zurück. Ever so cool.
Nur dass sie nun statt der Blicke der Männer ein weißes Band hinter sich herzog. Das Ende einer Klopapierrolle hatte sich in ihrem Höschen oder sonst wo verfangen.
Ich saß da wie gelähmt. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich lachte oder nicht. Ich sehe noch immer dieses weiße Band. Ein weißes Band quer durch das ganze Lokal,
Die ganze Belegschaft sprachlos. Erst als der Kellner herbei eilte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, schrie sie, „How embarrassing!“ Sie verlor fast das Gleichgewicht, als sie sich das Klopapier herunter riss.
Nach einigen Minuten merkte man, dass alle Anwesenden nur über das eine Thema redeten. Die Lady war nicht mehr da. Sie hatte sofort das Restaurant verlassen. DenKopf etwas weniger hoch, die Tasche etwas weniger lässig, ihr high heels hektisch klappernd, die Blicke der Männer hinter sich lassend. Nur das weiße Band erinnerte an ihre Anwesenheit.

Leitet sich das Wort embarrassing eigentlich von bare ass ab?

Sonntag, Jänner 08, 2006

die fremden kommen


Die Fremden kommen. So hieß es immer kurz vor Weihnachten.
Das bedeutete, dass meine Schwester und ich aus unseren Zimmern ausziehen und im notdürftig hergerichteten Raum im Keller schlafen mussten.
Das bedeutete, dass die Gäste am Heiligabend mit uns zu Abend aßen und auch bei der Bescherung dabei waren.
Das bedeutete, dass Oma und Opa uns erst am Stefanitag besuchen durften, weil dann die Fremden Schi fahren waren.
Wenn meine Schwester und ich jammerten, weil es im Keller im Zimmer keinen Strom gab, hörten wir nur – stellt euch nicht an – es ist leicht verdientes Geld. In vierzehn Tagen sind sie wieder weg.
Und untersteht euch – redet sie ordentlich an. Es sind Gäste.
Manchmal, wenn sie nicht da waren, schlich ich in mein Zimmer.. Ich durchwühlte Kästen und Schubladen. Genommen habe ich nie etwas. Das hätte ich mich nicht getraut.
Nur an der schönen, rosafarbenen Seife roch ich manchmal.
In der Früh mussten meine Schwester und ich abwechselnd zum Bäcker gehen um frische Semmeln zu holen. Während sie frühstückten, standen wir beim Ofen und schauten ihnen zu. Sie redeten viel und unverständlich. Die Mutter in der weißen, gestärkten Schürze servierte Speck, Käse und Eier vom Bauern nebenan. Den Kaffee schenkte ich ihnen ein.
Danach räumten wir den Tisch ab. Dafür bekamen wir Schokoladetaler.
Am Dreikönigstag fuhren sie.
Wir bezogen wieder unsere Zimmer, in denen es noch eine Weile anders roch.
Einmal vergaßen sie die rosa Seife.
Ich nahm sie an mich, bevor meine Schwester sie entdeckte und legte sie in mein Nachtkästchen zwischen die Taschentücher.
Den Geruch der Seife habe ich noch immer in der Nase.