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Freitag, August 13, 2010

sorry, sons


Sätze, von denen ich nie glaubte, dass ich sie jemals sagen würde. Aber hab das alles gesagt und vermutlich vieles mehr. Aus purer Verzweiflung.
Sorry, sons - I love you.

Nein, du steckst das Flascherl der Katze nicht hinten rein, dein kleiner Bruder kann dann nicht mehr raustrinken.

Hör auf zu weinen, du hast die Katze als erstes gebissen.

Hör sofort auf, die Katze zu schlagen.

Schluss nun. Wir essen keine Nudeln aus dem Kompostkübel.

Den Regenwurm isst du nun nicht.

Das ist nichts für kleine Buben, das gehört der Mama. Hör auf, das überall hinzukleben. Ja, so schaut ein Walross aus aber du darfst die nicht in die Nase stecken, gell?

Das Fleisch war unser Abendessen und hat nicht der Katze gehört. Ja, Nudeln sind eh auch gut.

Ja, Schatzi. Eis ist gut. Ketchup ist gut. Mitsammen ist das grauslich.

Nein – du isst nicht das Katzenfutter, gell?

Nein, du bleibst auf dem Topferl sitzen. Greif nichts an, steck die Finger ja nicht in den Mund, ich hole schnell den Waschlappen.

Warum hab ich dir beigebracht, wie man geht?

Ja, du darfst Feuerwehrmann werden. Aber gib mir nun das Feuerzeug.

Schau mal, du bist ein Bub. Du bist kein Mäderl. Nein, du gehst nicht als Prinzessin. Nein, wir ziehen kein Rockerl an.

Ich habe heute das Christkind getroffen und wenn du nun das Gemüse nicht isst, dann sag ich ihm das und du bekommst nix zu Weihnachten.

Nein, wir bemalen heute nicht den Kleiderkasten.

Schau mal, man kann die Kaffeekanne nicht auf den Boden werfen. Sie ist aus Porzellan. Siehst, nun ist sie kaputt.

Schatzerl, warum hast du den Kübel auf dem Kopf? Argh, nun steckt er fest….Ja, ich bin im Krankenhaus, weil sich unser Sohn den Kübel auf den Kopf gesteckt hat. JA, ICH HABE ES MIT SEIFE VERSUCHT! Kannst du nun kommen?

Nein, wir trinken nicht aus dem Klo.

Nein, du bemalst deinen Bruder nun nicht mit dem Edding.

Ja, du warst eh brav. Aber wenn ich dir sage, ruhig zu sein, darfst du schon reden, wenn dich jemand fragt und brauchst nicht zu sagen: Mama hat gesagt, ich darf nicht reden. Gell, Schatzerl?

Schluss nun. Wir ziehen die Katze nicht am Schwanz durch die Wohnung.

Nein, die Fernsteuerung gehört nicht in die Klomuschel!

Das nächste Mal wenn du Kuchen backen willst, nimmst eine Schüssel, gell? Siehst, nun ist die ganze Küche weiß.

Nein, in die Badewanne gehört weder Ketchup noch Mehl noch Sonnenöl. Nur Wasser.

Wenn du das nochmals machst, sperr ich dich zwei Stunden in die Speisekammer. Hör auf zu weinen, Schatzi. War nur ein Scherz. Mama hat dich eh lieb.

Nun gibt’s gleich eine ordentlich hinten drauf.

Wenn du nicht sofort aufhörst damit, sag ich's dem Papa.

HÖR SOFORT AUF ZU SCHREIEN!!! IN DIESEM HAUS WIRD NICHT GESCHRIEN!

Montag, Dezember 07, 2009

maddie


Lo, ich hätte wirklich gern einen Hund. Ich hab auch schon einen Namen für ihn. Wenn er ein Bua is, dann heißt er Buddy.
Und die Hundedame heißt dann Holly.
Hey, Lo, du bist witzig heut.
Ich lerne von dir. Amadea, du kannst keinen Hund haben. Das ist so.
Das ist so?
Ja, den Satz habe ich auch von dir.
Meine Schüler sagen auch immer Das ist so. Ich habe mich schon gefragt, woher sie das haben.
Das sagst du ständig. Und wenn du das sagst, dann verstummen alle.

Wer alle?
Na, die Lehrer. Manchmal haben die wirklich Angst vor dir.
Angst? Vor mir?
Ja, und Respekt.
Ich wusste das gar nicht. Aber eh nicht schlecht.

Also - wenn ich einen Dirndlhund hätte, dann würde sie Stupid heißen.
Spinnst du? rufen alle im Chor.
Wir sitzen beim Italiener. Nach der Vernissage.
Ich habe mir die Namen heute Nachmittag im Wald überlegt. Maddie wär auch noch ein netter Name.
Das geht nicht, sagt Lo. Maddie hieß doch das kleine Mädchen, das in Spanien entführt wurde.
Okay. Das geht nicht. Dann eben Stupid.
Woran denkst du wenn du an Hund denkst?
An spazieren gehen.
Typisch.
Als ich heute im Wald war, dachte ich mir, das wär nun nett, wenn da ein Hund neben mir herlaufen würde.
Und wo wär der nun?
Nun wär er zu Haus.
Ja, und er würd deine Möbel anknabbern. Wenn jemand von Hunden redet und sie als Bua und Dirndl bezeichnet, darf niemals einen Hund haben.
Weißt du, wie anstrengend so ein Hund ist? Wenn du heimkommst vom Spazieren gehen, dann musst du ins Bad mit ihm und ihm die Pfoti waschen.

Das war vor einigen Wochen.

Nun hab ich meinem Papa zum 80er einen Hund gekauft. Eine Hündin.
Hündin klingt nicht gut. Ein Hundemäderl.
Ich kaufte sie bei der Frau Wieser. Die Frau Wieser wohnt hoch oben am Berg. Fast an der Baumgrenze wohnt die.
Und das Hundemäderl gefiel mir auf Anhieb und ich nahm sie mit.
Und sie saß im Hundekorb hinten im Auto und winselte. Klar, dass sie winselte. Wie eine Entführerin kam ich mir vor. Weg von ihren Geschwistern herunter vom Berg in eine Wohnung im zweiten Stock.
Wir gingen gleich mal Gassi. An der Leine. Aber das konnte sie nicht. Und weil ich eine Lehrerin bin und gut im Beibringen von Dingen, die Kinder und Hunde nicht können, konnte sie das Gassi gehen blitzschnell. In einer Viertelstunde hatten wir das.
Und sie schaute mich immer fragend an: Das mach ich schön, gell?
Brav machst du das, Maddie, sagte ich.
Ich hab sie nun doch Maddie genannt. An den Entführungsfall denkt nun keiner mehr und der Name Stupid wär unpassend, so gscheit wie die Maddie ist.
Nachts schlief sie neben meinem Bett im Körberl und ich konnte kein Auge zutun weil ich so aufgeregt war.
Um halb sechs läutete der Wecker. Im Pyjama nur mit der Jacke drüber ging ich mit Maddie Gassi. Es regnete. Und Maddie war nass und dreckig und ich auch. Die Schlafanzugbeine, die verdreckten, schlotterten mir um die Knie.
Das war ein Tag vor Papas Geburtstag.

Und die Tränen stehen ihm in den Augen als ich ihm das Hundemäderl bringe.
Papa, das ist Maddie. Und sie gehört nun dir.
Na, so nett, ein Mädi, sagt er.
Maddie ist ein hübsches Hundemädi. Ein ganz hübsches. Und Maddie wohnt nun bei den Eltern. Sie haben eine mords Freud mit der Maddie. Mit der Erziehung hapert’s halt. Nichts Neues. Mit dem Erziehen war Papa nie gut.
Auch bei mir nicht. Die wichtigen Dinge, die ich für’s Leben so brauch, hab ich mir alle selber beigebracht. Nach den Jahren der Erziehung im Elternhaus.
Viel zu streng ist er. Und dann wieder viel zu weich. Keine Linie halt.
Maddie kennt sich nicht aus, was Papa will. Manchmal bellt er sie an und erschreckt sie, dann schmeißt er sie wieder in die Luft, dann schimpft er sie.
Wenn er Gassi geht, und sie nicht will, trägt er sie.
Und wenn er am in der Früh mit ihr rausgeht, dann wartet er eine Minute, geht wieder hinein und sagt zu Mama: Sie muss nicht.
Und gleich darauf macht Maddie im Wohnzimmer ihr Lackerl.
Also fahre ich am Sonntag Nachmittag zu den Eltern um die Erziehung von Maddie zu übernehmen. Und die vom Papa zusätzlich.
Papa, schau mal. Unerwünschtes Verhalten ignorieren, erwünschtes Verhalten belohnen. Immer wieder sagen: Brav Maddie.
Und Maddie folgt und freut sich. Und Papa auch.
Ja, das mach ich so. Ja, hast eh recht, Amadea. So a liab’s Hunderl, a liab’s.
Ich bin sicher, Papa hat es kapiert. Trotz des Alzheimer, der ihn alles vergessen lässt.

Heute ist Montag. Und gestern war ich wieder bei den Eltern.
Mama und ich sitzen im Wohnzimmer.
Papa hat es nicht kapiert, sagt Mama. Sie seufzt.
Er hat es schon kapiert, sage ich. Er vergisst es halt. Du musst ihn immer erinnern, Mama.
Wir streiten jetzt immer wegen dem Hund, sagt Mama.
Ihr streitet sonst auch. Vor allem du streitest, hätte ich am liebsten gesagt. Stattdessen sage ich: Ihr streitet immer über irgendwas, egal ob ein Hund da ist oder nicht.
Das stimmt nicht, sagt Mama. In letzter Zeit haben wir nie gestritten.
Na, ganz was Neues, Mama. Dann muss die Maddie halt ins Tierheim, sage ich. Ich sage das nur so, ich meine es nicht.
Auf keinen Fall, sagt Mama. Aber es muss sich was ändern. Maddie gehört ja dem Papa.
Und dir auch, Mama.
Papa kommt herein. Er hat Maddie auf dem Arm.
Wart ihr Gassi? frage ich.
Ja, aber sie musste nicht, sagt Papa.
Er setzt Maddie auf die Couch.
So a liab’s Hunderl, die Mädi, sagt er. Danke nochmals, Amadea.
Maddie hüpft von der Couch, saust unter den Esstisch und macht ihr Lackerl.
Da hamma’s wieder, sagt Mama. Und ich muss den Saustall wieder wegwischen.
Die Mädi ist halt noch ein Baby, sagt Papa. Da muss man Geduld haben, Mama.
Ja, sage ich. Geduld.
Ich seufze.
Ich hätte sie doch Stupid nennen sollen.

Montag, November 02, 2009

manche dinge bleiben


Ich habe Verpflichtungen. Die muss ich einhalten. Sonst werde ich ausgestoßen. Aus der Familie.
Zu diesen Verpflichtungen gehört der alljährliche Friedhofbesuch zu Allerheiligen. Eigentlich klingt Allahheiligen wie der höchste Festtag der Moslems. Leider ist das nicht so. Allerheiligen ist der höchste Festtag der Christen. Der Christen unserer Familie jedenfalls.
Zu Ostern kräht kein Hahn, wenn ich nicht mit der Familie in die Kirche gehe. Wohl aber zu Allerheiligen. Alle Familienmitglieder würden krähen, gackern und mit den Flügeln um sich schlagen wenn ich nicht mit auf den Friedhof ginge.
Und so wanderten wir gestern mit tausenden anderen Friedhofgängern gen Friedhof, der nur einige Minuten von meinem Elternhaus entfernt ist. Mama und Papa rechts und links untergehakt.

Es ist warm, die Sonne scheint und Papa ist ausgerüstet wie für eine Nordpolexpedition. Flanellhemd, Winterjacke und Lodenhose. Mama trägt den Hut mit der Auerhahnfeder. Er wippt lustig auf und ab. Die Sonne scheint, es ist warm. Und fast bin ich guter Dinge. Fast.
Mei Bluatdruck is heit so weit herunt‘, jammert Mama.
Normalerweise jammert sie, weil er so weit oben ist.
Dann freu dich, Mama. Dann kannst heut ein Stück Kuchen essen.
Sie seufzt. Mama seufzt ständig.
Ich reiß mich zusammen und sage: Schön, das Wetter heute, nicht wahr? Und so warm.
Es wird glei koit, werst seg’n. Wonn d’Sunn weg ist, werd’s frisch. und donn wird dia koit mit dem dünnen Janka do.
Der dünne Janker ist eine gefütterte Lederjacke. Ich sage nichts. Früher habe ich immer was gesagt. Mit den Jahren hab ich gelernt, nichts zu sagen. Und das ist besser so.
Mia teilen ins heit auf, gell? Du gehst mit mir, und die Kinder mit’m Papa.
Die Kinder sind die Kinder meiner Schwester und aufteilen heißt: Die Hälfte der Familie zum Grab der Familie meines Vaters, die anderen zum Grab der Familie meiner Mutter.
Ich gehe mit Mama zum Grab. Der Kies knirscht. Obwohl der Friedhof voll Menschen ist, ist es mucksmäuschenstill. Nur die Blicke der Anwesenden wie stumme Pfeile. Ein beklemmendes Gefühl jedes Mal.
Onkel Hans ist schon da. Onkel Hans mag ich gerne. Er ist der jüngere Bruder meiner Mutter. Er ist siebzig und noch immer ein fescher Mann. Als er jung war, sah er aus wie ein Schauspieler - braungebrannt, groß, schlank mit schwarzem, lockigem Haar. Die Musik spielt Näher mein Gott zu dir, so wie jedes Jahr und der Pfarrer, der Weihrauch heißt, sagt das Übliche und zählt die Verstorbenen dieses Jahres auf.
Ich weiß, dass Mama immer mitzählt. Ich zähle nicht mit. Weil sie sagt mir nachher eh immer, wie viele gestorben sind. Und ich ärgere mich dann immer, dass ich mitgezählt habe. Wie kindisch! Dieses Mal sagt sie nichts. ich hätte doch mitzählen sollen.
Die Musikant'n hom neiche Hiat, sagt Mama. Schau, Amadea. Die Jungen do vuan.
Für mich sehen alle Hüte gleich aus.
Vor uns redet eine korpulente Rothaarige laut mir ihrem Ehemann. Ihr Kind sitzt am Rand des Grabes und quengelt. Sie holt ihr Handy aus der Tasche und redet ungeniert laut weiter: Wo bleibt’s ihr denn? Mia san scho do.
Ruhe, ruft Onkel Hans und schaut grantig zu ihr hin. Ich grinse. Es gefällt mir, dass er sie beanstandet.
Sie redet weiter. Er ruft nochmal Ruhe und sie packt ihr Handy weg.
Die Musikkapelle spielt, ich schaue zum Glockenturm der Friedhofkapelle.
Das weckt Kindheitserinnerungen.
Wenn ich traurig war, ging ich in den Friedhof, setzte mich auf eine Bank und weinte. Und der Blick auf den Glockenturm tröstete mich.
Manche Dinge bleiben.

Mir is nit guat, sagt Mama.
Ich gehe mit ihr zur Bank, auf der ich immer saß. Ich schaue zum Glockenturm und werde ruhig. Ich schaue Mama an und sehe ihre Traurigkeit. In einigen Jahren wird sie nicht mehr mit mir hier sitzen, denke ich. Ich verdränge den Gedanken.
Wir gehen jetzt heim, Mama. Die Blicke der Menschen folgen uns.
Mama legt sich auf die Couch, ich bringe ihr ein Glas Wasser. Nach einer halben Stunde kommen alle. Es gibt Kuchen und Kaffee wie jedes Jahr. Die Schwester hat sogar Vanillekipferl mitgebracht.
Ich esse zu viel wie jedes Jahr. Mama ist auch wieder guter Dinge. Ihr ist nicht mehr übel und und sie isst zwei Stück Kuchen.

Bevor ich heimfahre, gehe ich ins nahe Kaffeehaus. Onkel Hans ist schon da. Wir trinken jedes Jahr zu Allerheiligen ein Glas Wein mitsammen. Ein Ritual, ein schönes. Wir reden nicht viel.
Aber es tut gut, mit ihm hier zu sitzen.
Manche Dinge bleiben.

Donnerstag, Februar 05, 2009

I proudly present...


Mit diesen Worten schickt mir der Älteste heute seine Diplomarbeit mit dem Titel:

Ergebnisse und Komplikationen
von Korrekturosteotomien am Kniegelenk

zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der gesamten Heilkunde
(Dr. med. univ.)
an der
Medizinischen Universität Innsbruck


Und dann schreibt er noch:
Liebe Mum, Ich danke dir für deine emotionale und finanzielle Unterstützung in den letzten Jahren (und vielleicht auch noch in den kommenden Monaten). Ich hoffe, wir sehen uns mal in Köln.
Und morgen fährt er. Nach Köln. Für ein halbes Jahr an dier Uniklinik.
Er ist schon ein Schatzerl. Und ich bin sehr stolz auf ihn.

Sonntag, Februar 03, 2008

erfindung


Jahrelang schon schwirrt diese Idee in meinem Kopf herum.
Die Idee von dieser Erfindung.

Mit Erfindungen ist das so eine Sache.
Zwei Leute kenne ich, die eine Idee für eine Erfindung hatten.
Mein Vater und die Tante Resi.
Mein Vater hat eine Vorrichtung erfunden, mit der Kinder ihre Schier am Rücken tragen können. Ich war Versuchskaninchen.
Eines Tages schnallte er mir einen Lederriemen auf den Rücken, befestigte die Schi und ich musste zehn Mal in Schischuhen und Schianzug ums Haus gehen. Er wollte möglichst authentische Bedingungen.
Es war mitten im Sommer. Ich schwitzte und schleppte und war grantig. Die Nachbarn hatten sich schon versammelt, schauten zu und tuschelten.
Aus der Erfindung wurde nichts.
Die Schier fielen andauernd raus weil die Schnallen immer aufgingen. Mein Vater verbesserte den Prototyp und befestigte neue Schnallen. Die Schnallen gingen nun nicht mehr auf.
Wiederum musste ich ums Haus. Es war noch immer Sommer und ich schwitzte noch immer. Die Schnallen gingen nun gar nicht mehr auf. Es dauerte zwei Stunden, bis mich mein Vater befreien konnte. Mittlerweile war das halbe Dorf versammelt und meine Mutter verteilte Erfrischungsgetränke.
Leider hat sich diese Erfindung bis zum heutigen Tag nicht durchgesetzt.
Meine Tante Resi hat eine Vorrichtung erfunden, mit der das Dekolletee einer Frau faltenlos bleibt.
Sie hat eine Art Korsett aus Papiermache gebastelt und es hellblau bemalt. Über Nacht legte sie sich das Gestell auf den Busen. Versuchskaninchen war ich damals nicht. Ich hatte keinen faltigen Busen damals. Ich hatte gar keinen Busen. Sie hat dieses Gestell im Selbstversuch getestet. In der Nacht. Schrecklich sah das aus. Wie eine hellblaue Kopfstütze mit Schnüren hinten dran zum Zubinden.
Ich habe mich nicht weiter dafür interessiert aber viel hat es nicht geholfen, wenn ich an das faltige Dekolletee meiner Tante denke.

Nun zu meiner Erfindung. Meine Erfindung existiert nur in meinem Kopf.
Es geht um das Bett.
Es geht um ein Bett, in dem zwei Menschen schlafen. Mitsammen.
Seit Jahren liegt mir diese Erfindung am Herzen. Es geht um den Arm. Und zwar um den Arm, der nicht aktiv ist.
Stell dir vor, du liegst mit deinem Liebsten im Bett. Ihr seid einander zugewandt und es ist soweit. Ihr habt beide Lust, küsst euch, streichelt euch. Alles wunderbar. Das Bett ist schön warm, du auch, der Liebste heiß.
Die Nacht ist lau, die Kinder schlafen, die Kerzen brennen.
Alles stimmt.
Aber da ist der Arm.
Der passive Arm.
Der auf dem du liegst.
Er ist im Weg.
Du hebst ihn, du bekommst einen Krampf.
Du drehst ihn nach hinten, der Nacken schmerzt.
Du hältst ihn hoch, er kribbelt.
Was immer du auch tust, der Arm ist ihm Weg.
Also hatte ich die Idee.
DIE Idee. Ein Bett mit einem Loch. Für den Arm. Ein Armloch.
Im Armloch lässt du den passiven Arm, den du beim Liebesspiel nicht brauchst, einfach verschwinden. Das Armloch ist natürlich gemütlich ausgepolstert.
Und während du deinen Liebsten küsst und mit dem aktiven Arm noch heißer machst als er schon ist, ruht die passive Hand sich ganz gemütlich aus. Und wenn die aktive Hand müde geworden ist, dann wechselst du die Position. Manchmal braucht man auch zwei Hände für das Liebesspiel. In dem Fall deckst du das Armloch zu. Mit dem Armlochdeckel.
Ein Problem gibt es noch. Den Namen. Armloch und Armlochdeckel klingt nicht wirklich gut.
Ich dachte an armrest und armrestcover. Englisch kommt immer gut.
Hat jemand eine Idee?
Namensvorschläge bitte bis spätestens 18. Februar. Am 20. hab ich einen Termin beim Patentamt.

Samstag, August 11, 2007

keep smiling

"Schau nicht so ernst."
Diesen Satz habe ich oft gehört. Besonders als Kind.
Diesen Satz habe ich oft von meinem Vater gehört.
Stell dich da hin zum Blumenbeet und lächle.
Und ich stellte mich hin zum Blumenbeet und lächelte. Gequält. Und Papa knipste. Dann als er nach einem halben Jahr das Foto in der Hand hielt – ein Film blieb bei uns damals ein halbes Jahr in der Kamera – weil nur zu besonderen Anlässen wie Ostern und Weihnachten fotografiert wurde, sagte mein Vater: Wie du immer schaust, Amadea.
"Du schaust immer so ernst."
Diesen Satz höre ich nach wie vor.
Ja, ich schaue ernst.
Und? Soll ich den ganzen Tag grinsend herum laufen wenn mir nicht danach ist?
Ich habe eine Kollegin, die immer lächelt.
Nein, lächeln ist das falsche Wort.
Weil wenn jemand lächelt, dann lächeln auch die Augen. Und bei der Kollegin lächeln die Augen nicht. Nur ihr Mund ist hochgezogen. Mehr ist das nicht. Bei jeder Gelegenheit zeigt sie ihre Zähne. Sie verzieht auch den Mund, wenn es gar keinen Grund zum Mundverziehen gibt.
Mich irritiert das.
Und mich irritiert noch mehr, wenn mir ein Fremder sagt, ich solle lächeln.
Nein, ich will nicht. Ich will nicht auf Kommando lächeln. Ich will lächeln wenn mir danach ist.
Unbegründetes Zähne zeigen, also Lächeln, ist eine Art der Beschwichtigung, der Unsicherheit. Das sagt auch der Konrad Lorenz.
Bei der Kollegin ist das bestimmt so. Eine Art der Unterwürfigkeit. Wenn der Feind naht, dann lächle. Sie will immer nett sein. Die ganze Zeit nett sein. Wie nervig. Wie anstrengend.
Gestern, beim Familientreffen wurden die alten Fotoalben durchgeschaut.
Amadea, wie du da ernst schaust. Immer schaust so ernst, sagt Mama.
Ja, Mama da schaue ich ernst. Ich schaue da nicht nur ernst, ich schau da grantig. Und ich bin da auch grantig. Und weißt du warum? Schau einmal, genau, Mama.
Ich seh nix. Ich seh nur, dass du nicht lächelst. Dabei hattest immer schöne Zähne.
Das hat mit den Zähnen gar nix zu tun, Mama. Und außerdem sind meine Zähne immer noch schön. Schau mal die Frisur an, die ich da hab.
Eh nett, sagt Mama.
Ja, eh nett. Schau mal die Stirnfransen an.
Da sind keine, sagt Mama.
Ja, genau, da sind keine. Und weißt du warum, weißt du warum, Mama? Weil Papa sie mir geschnitten hat. Falsch, nicht geschnitten, verschnitten hat er sie. Er hat schief geschnitten. Und immer schiefer. Und es wurde partout nicht grad.
Du hattest aber auch Haare wie Borsten, ruft Papa herüber von der Couch.
So ein Blödsinn. Ich hatte nie Borsten. Niemals.
Deine Borsten ließen sich nicht gerade schneiden. So sehr ich mich auch bemühte. Ich ignoriere ihn.
Also, Mama. ich erinnere mich noch genau. Da saß ich mit dem Spiegel in der Hand da und der Papa schnitt und schnitt.
Wir konnten uns damals keinen Friseur leisten. Darum hat der Papa geschnitten.
Ja, sage ich. Und darum hab ich auch da keine Stirnfransen. Weil er sie alle weg geschnitten hat.
Aber da schaust auch ernst, sagt Mama und deutet auf das Foto auf der nächsten Seite des Albums.
Ja, da schau ich auch ernst. Klar schau ich da ernst. Weil ich dieses blöde Kleid anziehen musste. Dieses erbsengrüne. Und ich hasste es.
Das war ein schönes Kleid, sagt Mama. Das hat die Oma genäht.
Es war ein entsetzliches Kleid, sage ich. Ein Sackkleid.
Jo, do host ausgschaut wia a g’spiebene Gerscht, mischt sich Papa wieder ein und lacht.
Siehst du, Mama, genau das ist der Punkt. Da soll man lächeln als Kind, bei so einem Vater?
Mama seufzt.
Schluss nun, hört auf zu streiten. Wir sitzen heut so nett beinand’, da machen wir ein Foto. Und du lächelst, Amadea. Wenigstens einmal.
Und schon nimmt sie meine Kamera.
Wo schalt ich die ein, fragt sie?
Sie ist eingeschaltet, Mama. Da vorn drückst drauf, auf den großen Knopf.
Ich seh’ keinen.
Na, da vorn.
Aja, da, sagt sie. Setz dich schön hin zum Papa und lächle.
Ich setze mich schön hin zum Papa und lächle.
Amadea, hast du zugenommen? fragt Papa.
In diesem Moment blitzt es.
Rate mal, ob ich lächle auf dem Foto.

Freitag, Juli 27, 2007

jagodnak


Es ist schon ein rechtes Kreuz mit meiner Orientierung. Da bin ich schon fast am Ziel und dann verfahr ich mich mehrmals.
Dabei habe ich die Straßenkarte wirklich genau studiert. Ich bleib stehen. Da ist ein kleines Restaurant. Restaurant ist übertrieben. Ich weiß gar nicht, wie man dazu sagt. Eine Terrasse halt. Mit zwei Schildern vorn dran. Eins mit einer Bierflasche und das Zweite mit dem CocaCola-Schriftzug.
Besser hätte ich es mir nicht einteilen können. Es ist zwölf.
Die Hitze schlägt mir entgegen und nimmt mir kurz den Atem.
Da sitzen nur Männer. Mittagspause. Straßenarbeiter und Pensionisten. Sie wirken alle schüchtern. Schauen mich fast nicht an. Und wenn, dann nur von der Seite.
Und ich bestelle ein Cola und breite meine Straßenkarte aus.
Can anyone help me? Einer kann englisch. Er ist besser gekleidet als die anderen. Er kommt zu mir an den Tisch und erklärt mir, dass ich fast da bin. Nur mehr zehn Kilometer. Jagodnak, sage ich immer wieder.
Ein jüngerer meldet sich zu Wort. Der Mann an meinem Tisch übersetzt. His girlfriend is from there. Zum Schluss frage ich, ob ich fotografieren darf. Den einen Mann mit dem Hut.
Und dann tauen sie alle auf. Ich bin schon beim Gehen und sie wollen mich einladen. A drink, lady? Aber ich bin schon weg. Vom Gefühl müsste ich hier links fahren. Aber links geht nicht. Baustelle.
Also gerade aus.
Die Dörfer hier sind hier klug gebaut. Direkt neben dem Straßenrand verläuft ein Graben, in dem vermutlich mal Wasser war. Aber der ist ausgetrocknet.
Vor jedem Haus eine eine Einfahrt und dahinter Bäume.
Beim Fahren sehe ich immer wieder Kinder barfuß entlang der Häuserreihen gehen. Das erinnert mich an meine Kindheit. Ich ging immer barfuß. Einige Familien sitzen vor ihren Häusern im Schatten. Teils auf Stühlen, teils im Gras. Gemütlich sieht das aus. Sie sitzen da und tratschen. Jung und alt. Irgendwie beneidenswert.
Ich fahre vorbei an Sonnenblumenfeldern.
Dann ein Acker, auf dem Störche nach Futter picken. Es gibt keine Möglichkeit, anzuhalten. Gern hätte ich sie fotografiert. Einen Storch sah ich nur einmal in meinem Leben. Als ich noch klein war. Er hatte auf dem Kamin der Waschhütte sein Nest gebaut.
Ich merke, ich bin zu weit gefahren. Ich drehe um. Schon zum dritten mal fahr ich an der Baustelle vorbei.
Und da, die Kirche, da muss ich abbiegen. Umleitung. Durch das Dorf Mece und bei der Kirche nach links.
Ich bin aufgeregt und mir fallen die Geschichten ein, die mir meine Oma erzählte. Mama hat mir nie viel erzählt. Ein wenig schon. Einmal blieb sie im Winter mit der Zunge am Brunnenrand kleben, weil es so kalt war. Sie erzählte auch von einer Sommer- und Winterküche. Die Mädchen schliefen in der Winterküche und die Buben in der Sommerküche. Und sie erzählte, dass sie jeden Tag den Hof kehren musste. Und dass am Abend Opa immer Geige spielte, und Oma am Spinnrad saß und Geschichten erzählte oder sang. Für mich hat das immer romantisch und aufregend geklungen. Und wenn Oma von der Flucht erzählte, so klang das abenteuerlich. Wir mussten in einen Zug hinein. Und wir wussten nicht, wo wir hinkamen. Und da war Suppe in einem großen Behältern Und oben schwammen Maden drauf. Wir mussten weg von heut auf morgen. Weil der Russ' ist gekommen. Und wir durften fast nichts mitnehmen. Nur das, was wir tragen konnten. Ja, der Russ', der Russ' war böse. Und über die Serben schimpfte der Opa so lang er lebte. Und über die Partisanen.
Endlich das Straßenschild. Jagodnak. Ich habe Herzklopfen. Im Dorf ist es still. Niemand ist zu sehen. Klar, bei der Affenhitze. Es ist mittlerweile fast zwei Uhr. Ich halte vor der Post an und mache mich auf den Weg.
Und dann stehe ich vor dem Haus meiner Mama. Ich kenne es von Fotos. Auf der Mauer vor dem Haus sitzt ein alter Mann.
Ich steige aus und frage nach der Familie meiner Mutter. Ich nenne nur den Namen. Den Namen meines Großvaters und den Mädchennamen meiner Großmutter. Er nickt.
Als ich den Fotoapparat raushole und frage, ob ich fotografieren darf, nimmt er seine Kappe ab, streicht sich sein Haar zurecht und blickt in die Kamera. Traurig sieht er aus. Er wohnt allein hier. In dem einen Zimmer, das es noch gibt. Der Rest des Hauses ist verfallen.
Das Zimmer war die ehemalige Winterküche. Unglaublich, dass man hier hausen kann. Als wir wieder hinausgehen, ist ein anderer Mann da. Der Nachbar, der gegenüber wohnt. Milan, stellt er sich vor. Er ist freundlich. Er strahlt, als ich ihm den Namen meines Großvaters nenne und erzählt irgendwas, lachend. Aus dem Auto hole ich Bettwäsche, die ich mitgenommen habe. Meine Großmutter hat sie mir vermacht. Schöne, weiße Bettwäsche, aber nicht passend für die heutigen Größen. Polster und Tuchent zu klein.
Ich gebe sie den beiden. Sie nehmen sie voll Freude. Milan lädt mich ein. Er wohnt gegenüber.
Wir überqueren die Straße. Stolz zeigt er mir seinen neuen Traktor. Er bittet mich in die Küche. Ich lehne ab und deute auf den Tisch im Innenhof. Wir sitzen da und er holt eine Flasche Cola und zwei Gläser. Wir trinken und stoßen an. Er lacht die ganze Zeit. Nur mehr zwei Zähne hat er. Und dann rufe ich Mama an. Milan staunt als er mein Handy sieht. Und er redet mit Mama, die auch kein kroatisch spricht. Aber seine Augen leuchten.
Als ich mich verabschiede von ihm, macht er ein Kreuz auf meine Stirn.
Ich fahre zum Friedhof. Viele alte Gräber, deren Namen man auf den Grabsteinen nicht mehr lesen kann.
Es ist unmöglich, das Grab meiner Urgroßoma zu finden. Ich bin erschöpft. Die Sonne brennt vom Himmel. Als ich wieder vorbeifahre am Haus meiner Mutter, winken mir die Männer zu. Sie sitzen noch immer auf der Mauer.
Diese Reise zu meinen Wurzeln war interessant, aber ich wurde nicht sentimental. Es hat nichts zu tun mit meinem Leben.
Aber gestern, als ich meine Mutter besuchte und ihr erzählte, sah ich die Tränen in ihren Augen.
Und auf einmal sah ich das kleine Mädchen. Und ich wurde doch sentimental.

Montag, Dezember 11, 2006

mama's little helper

Posted by Picasa
Es gibt Dinge, an die ich mich in der Vorweihnachtszeit ungern erinnere.
Da ist einmal der Weihnachtsputz. Meine Mutter putzte das ganze Haus von oben bis unten. Da wurde geschrubbt und gewischt, die Vorhänge wurden gewaschen, die Küchenschubladen und –kästen ausgeräumt und mit neuem Wachspapier ausgelegt, das Silberbesteck wurde geputzt, die teuren Gläser aus Tante Marias Nachlass wurden gewaschen und poliert, die Matratzen und Teppiche ausgeklopft, der Küchenherd und der Kachelofen gekehrt und Keller und Dachboden ausgemistet. Es war ungemütlich. Sehr ungemütlich. Weil die Fenster standen alle offen zum Durchlüften. Herd und Kachelofen waren fast immer kalt und das Geschirr stand herum. Überall.
Auch das Backen der Weihnachtskekse habe ich in wenig guter Erinnerung. Wochen zuvor musste ich jeden Abend Walnüsse entkernen, Birnen und Äpfel schneiden, damit Mama sie trocknen konnte für das Kletzenbrot. Wenn es dann soweit war, dass die Zutaten bereit waren, fing die Arbeit erst richtig an. Mir wurde schon übel, wenn ich nach der Schule heimkam, denn es roch nach Schokolade, Marzipan und Marmelade. Es roch überall süß. Und Mama stand verschwitzt und aufgelöst am Küchentisch. Schälchen mit Walnüssen, Rosinen, Kokosraspeln und Korinthen standen herum und Mama rollte gerade den fünften Teig aus. Und wenn ich dann fragte, ob ich was zu essen haben könnte, zuckte sie nur mit den Schultern, meinte kurz, "Such dir was und nimm bitte das Blech mit den Vanillekipferln aus dem Herd und schäl mir dann die Mandeln."
Die schlimmste Erinnerung an Weihnachten ist das Verpacken von Geschenken. Jedes Jahr fragte mich Mama: "Kannst du mir bitte helfen, die Geschenke einzupacken?" Das Wort helfen hat bei meiner Mutter eine ganz eigene Bedeutung. Helfen bedeutet bei meiner Mutter nicht, dass man ihr wenig zur Hand geht. Nein. Helfen heißt bei meiner Mutter, dass sie mit irgendetwas beschäftigt ist, mit dem Backen von Keksen zum Beispiel, oder mit Ofen kehren, während ich die Arbeit, bei der ich eigentlich helfen hätte sollen, allein erledige. Mit dem Ergebnis, dass es ihr nicht passt, sie alles wieder auspackt und schimpfend wiederum einpackt.
Und ich inmitten von Schächtelchen und Schachteln, silbernem Geschenkspapier mit goldenen Sternen, goldenem Geschenkspapier mit silbernen Glöckchen, rotem Geschenkspapier mit grünen Tannenbäumen, grünem Geschenkspapier mit roten Kerzen, goldenem Geschenksband mit silbernen Sternen, silbernem Geschenksband mit goldenen Sternen, roten Packerlanhängern mit grünen Glöckchen, grünen Packerlanhängern mit roten Kugeln, Klebeband und Schere.
"Da ist die Liste", sagt sie, "Und hier sind die Geschenke." Und sie gibt mir ein Blatt Papier mit all den Namen und Geschenken von Cousinen, Cousins, Onkeln, Tanten, Großonkeln, Großtanten, Neffen, Nichten und Namen, die ich noch nie gehört habe. Und dann holt sie drei Waschkörbe von Zeugs. Und alles voll mit Spielzeug aus Holz, Plastik und Metall, unzähligen Paaren von selbst gestrickten Socken, Fäustlingen und Schimützen in allen Größen und Farben, Kerzen mit Engeln, Sternen und Glocken in allen Größen und Farben, schmalen und bauchigen Fläschchen und Flaschen mit Schnaps, Likör und Duftschaumbad, runden und eckigen Seifen, großen und kleinen Packungen Konfekt, selbst gemachter Marmelade, selbst eingelegtem Knoblauch und selbst gekauftem Speck.
Ich fange an mit dem ersten Packerl.
„So geht das nicht“, sagt sie, noch bevor ich überhaupt begonnen habe. Und schon sitzt sie da, Schere und Klebeband schwingend. Und sie schneidet und schnipselt, dann springt sie auf, läuft ins Schlafzimmer, weil sie hat die kleinen goldenen Sterne vergessen, saust wiederum herein in die Küche, schwingt wiederum Schere und Klebeband, springt nochmals auf weil sie das kleine Schächtelchen, das sie aus dem Geschäft mitgebracht hat, im Einkaufskorb vergessen hat.
Gleich darauf ist sie wieder da und man glaubt, nun geht es richtig los.
Aber irgendwie passt das Papier nicht zum Geschenk oder das Geschenkband nicht zum Geschenkspapier. Dann ist das Schächtelchen zu groß oder zu klein oder zu lang oder zu schmal. Innerhalb kürzester Zeit ist sie begraben unter Geschenkspapier, Geschenksband, Schächtelchen, Schachteln, Klebeband, goldenen und silbernen Sternen und Packerlanhängern. Dann und wann raschelt es und man sieht kurz eine Hand mit Schere, die gleich darauf wieder verschwindet. Manchmal sieht man kurz ihren Kopf auftauchen aus dem Geschenkspapiermeer. „Du bist mir keine Hilfe“, sagt sie dann jedes Mal.
In all den Jahren der Geschenke-Einpack-Orgien habe ich mir abgewöhnt, meine Meinung zu sagen. Es bringt nichts. Meine Mutter hat immer die besseren Argumente. Jedenfalls scheint es so.
Das ist aber alles Geschichte und längst vergangen.
Als ich selber Familie hatte, hat sie mich nie mehr um Hilfe gefragt. Dafür bin ich dem Christkind oder dem lieben Gott oder meiner Mutter oder wem auch immer, unendlich dankbar.
Ich glaubte, die Tage des Geschenke-Einpacken-Helfens seien nun endgültig vorbei.
Ich habe sogar vollkommen darauf vergessen, all die traumatischen Erlebnisse verdrängt, weit hinunter in mein tiefstes Unterbewusstsein. Jahrelang nicht mehr daran gedacht.
Bis gestern.
Gestern war es wieder so weit.
Gestern stellte mir meine Mutter wiederum die unselige Frage: „Kannst du mir helfen, die Geschenke einzupacken?“
Und da erinnerte ich mich wieder. Wie eine Sternschnuppe war dieses Gefühl wieder da, dieses Gefühl, alles falsch zu machen. Und das Bild war wieder da. Meine Mutter inmitten von all dem raschelnden Papier, ich daneben, hilflos, sprachlos, das Geräusch der Schere beim Geschenkband abschneiden.
Und ich war so mutig, zu antworten – ich war selbst überrascht von mir – „Ja, ich helfe dir, aber lass mich machen wie ich will und rede mir nicht drein.“
„Das tu ich doch immer“, antwortete sie kurz und beleidigt, und – „Hab ich dir je dreingeredet? Fang mit dem Geschenk für David an.“
David ist der Sohn meiner Schwester, also mein Neffe und Mamas Enkelkind. Nach kurzem Zögern erklärte ich mich bereit, das Geschenk einzupacken. Ich hatte zwar Bedenken, dass das lang dauern könnte und ich zu Mitternacht noch immer beschäftigt sein würde. Aber ich sagte nichts.
„Es sind nur zwei Packerl“, sagte Mama. So als ob sie mich beruhigen wollte. "Ein T-Shirt und ein Auto. Da hast du Geschenkspapier.“
Und sie gab mir einen rosaroten Bogen mit kleinen, gelben Blümchen drauf.
„Bist du dir sicher, das ist das richtige Papier, Mama? fragte ich.
„Ja, das passt schon. Fang an.“
Sie nahm die Schere, schnipselte kleine Stückchen Klebeband ab und klebte sie an den Tischrand. Und während ich sorgfältig das Auto einpackte, war sie schon da mit einem hellblauen Geschenkband.
„Mama, bist du dir sicher, dass dieses Packerl für David passt? Das ist ja gar kein Weihnachtspapier. Das ist doch ein Geburtstagsgeschenkpapier. Und eher für Mädchen mit den Blümchen da drauf. Rosa, gelb und hellblau. Das passt doch nicht. Das kannst du zu Ostern verwenden, nicht jetzt, zu Weihnachten.“
„Mein Gott, bist du kleinlich. Es ist wurscht, wie es verpackt ist. Wichtig ist nur, was drinnen ist."
Ganz was Neues. Ich war sprachlos.
Ich kann mich nicht erinnern, dass in all den Jahren, in denen ich meiner Mutter half, Geschenke einzupacken, irgend jemand zu Weihnachten ein Geschenk erhalten hatte, das nicht in Weihnachtspapier eingewickelt war. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass irgendein männlicher Verwandter oder Bekannter jemals ein Geschenk erhalten hatte, das in Blümchenpapier eingewickelt war, noch dazu in rosafarbenes mit blauem Geschenkband. Rosafarbenes Papier mit Blümchen ist für Mädchen. Ausschließlich. Geschenkspapier für Buben ist bedruckt mit Autos, Fußbällen und ist keinesfalls rosa.
Und zu Weihnachten gibt es Weihnachtsgeschenkspapier. In jedem Fall.
So war das jedenfalls bis zum gestrigen Tage.
„Weißt du“, redete sie weiter. „Es ist wie bei den Menschen. Die Verpackung zählt nicht. Das was drinnen ist, das ist das Wichtige."
Mir blieb der Mund offen.
„Übrigens“, sagte sie. „Was hast du für Jeans an? Die sind ja ganz abgewetzt. Kauf dir doch mal neue. Gut, dass es schon dunkel ist. Was würden die Nachbarn sagen?“

Alle Frauen werden wie ihre Mutter. Das ist ihre Tragödie
-Oscar Wilde-

Dienstag, Jänner 10, 2006

familientreffen


Am Dreikönigstag das obligate Familientreffen.
Obwohl das Wohnzimmer überhitzt ist, bemerkt Tantchen, dass sie etwas fröstelt.
Außerdem sei der Kuchen zu fett und das Schlagobers zu fest geschlagen.
Onkel Franz verschüttet Kaffee, die Kinder quengeln.
Immer wieder läutet es an der Tür. Küsschen links und rechts.
Mein Gott - jammert Tante Gretl - ich habe schon wieder zugenommen seit dem letzten Mal.
Sie richtet sich auf und zupft an der roten Blume, die an ihrem wogenden Busen steckt.
An hohen Feiertagen trägt sie immer ihre Tracht.
Zweimal hat sie mir meine Schneiderin schon weiter machen müssen, seufzt sie.
Ich darf ja nicht wegen des Zuckers, bemerkt der Onkel und nimmt zwei Stück Guglhupf.
Tante Frieda sitzt nach wie vor im Mantel da. Sie habe ihn günstig erstanden gleich nach Weihnachten und ihn erst heute anlässlich des Kirchgangs eingeweiht. Die Auerhahnfeder auf ihrem Hut wippt bei jeder Bewegung. Ich kann den Blick nicht losreißen von ihr hätte beinahe lauthals gelacht.
Morgen fange ich an, zu fasten, sagt Cousine Sylvia während sie sich Schokoladetorte in den Mund schiebt.
Kennst du die Krautsuppendiät? Ich schüttle den Kopf. Nein, leider nicht.
Sie verspricht, mir das Rezept zu mailen. Irgendwie ehrfürchtig fragen sie nach dem Jahr, das ich im Ausland verbrachte. Hast nicht Heimweh g'habt? - Nein. Es ist mir zu mühsam, irgendwas darüber zu erzählen.
Die zweite Cousine hat tizianrotes Haar mit schwarzen Streifen - ungewöhlich für sie, die im Bergdorf lebt. Sie ist stolz über ihren Wagemut. Ihr Lebensgefährte ist Extremsportler und hat die Krise, erzählt sie mir. Er hätte unlängst bemerkt, es gäbe viele und tiefe Gletscherspalten und es sei manchmal gefährlich. Vielleicht komme er irgendwann nicht mehr zurück. Eigentlich hätte er sich mehr erwartet vom Leben als die Fremdenpension zu führen und mit den Gästen Abenteuerausflüge zu machen. Wanderungen, die auf der Almhütte bei Kasnock’n und Schnaps enden.
Schnell wird es dunkel.
Als das Quengeln der Kinder unerträglich wird, packen alle ihre Sachen zusammen und verabschieden sich flüchtig.
Nett war's, bis zum nächsten Jahr!

Sonntag, Jänner 08, 2006

die fremden kommen


Die Fremden kommen. So hieß es immer kurz vor Weihnachten.
Das bedeutete, dass meine Schwester und ich aus unseren Zimmern ausziehen und im notdürftig hergerichteten Raum im Keller schlafen mussten.
Das bedeutete, dass die Gäste am Heiligabend mit uns zu Abend aßen und auch bei der Bescherung dabei waren.
Das bedeutete, dass Oma und Opa uns erst am Stefanitag besuchen durften, weil dann die Fremden Schi fahren waren.
Wenn meine Schwester und ich jammerten, weil es im Keller im Zimmer keinen Strom gab, hörten wir nur – stellt euch nicht an – es ist leicht verdientes Geld. In vierzehn Tagen sind sie wieder weg.
Und untersteht euch – redet sie ordentlich an. Es sind Gäste.
Manchmal, wenn sie nicht da waren, schlich ich in mein Zimmer.. Ich durchwühlte Kästen und Schubladen. Genommen habe ich nie etwas. Das hätte ich mich nicht getraut.
Nur an der schönen, rosafarbenen Seife roch ich manchmal.
In der Früh mussten meine Schwester und ich abwechselnd zum Bäcker gehen um frische Semmeln zu holen. Während sie frühstückten, standen wir beim Ofen und schauten ihnen zu. Sie redeten viel und unverständlich. Die Mutter in der weißen, gestärkten Schürze servierte Speck, Käse und Eier vom Bauern nebenan. Den Kaffee schenkte ich ihnen ein.
Danach räumten wir den Tisch ab. Dafür bekamen wir Schokoladetaler.
Am Dreikönigstag fuhren sie.
Wir bezogen wieder unsere Zimmer, in denen es noch eine Weile anders roch.
Einmal vergaßen sie die rosa Seife.
Ich nahm sie an mich, bevor meine Schwester sie entdeckte und legte sie in mein Nachtkästchen zwischen die Taschentücher.
Den Geruch der Seife habe ich noch immer in der Nase.