
Lieber Friedrich,
Herzlichen Dank für den romantischen Heiratsantrag.
Ehrlich gesagt, war ich etwas überrascht, war es doch erst unser erstes Date.
Als du mir beim Zwischenfall mit dem Kellner die Spaghettisauce über das Kleid leertest, war ich wirklich geschockt.
Und eigentlich konnte ich es nicht verstehen, dass du mir in so einer prekären Situation einen Antrag machtest.
Ich war ziemlich wütend weil mein Kleid ruiniert war und du an nichts anderes dachtest als ans Heiraten.
Aber dann, lieber Friedrich, merkte ich auf einmal – nenn es göttliche Eingebung – dass du ein entscheidungsfreudiger Mann der Tat bist.
Ich will mich für all das, was ich danach sagte, entschuldigen. Trotz der nicht wirklich feinen Ausdrücke, die ich gebrauchte, versichere ich dir hiermit, dass ich eine ausgezeichnete Erziehung genoss.
Ich war selbst überrascht, dass ich mich hinreißen ließ, dich als dummen Affen und alten Knacker zu bezeichnen. Aber du hast wunderbar reagiert und ich habe gemerkt, dass du ein geduldiger und höflicher Mann bist.
Also sei mir bitte nicht mehr böse. Es wird nicht wieder vorkommen. Manchmal geht eben mein Temperament mit mir ein wenig durch.
Lass mich dir erklären, warum ich nach deinem Heiratsantrag aus dem Restaurant lief, mir ein Taxi bestellte und nach Hause fuhr.
Eigentlich gibt es keine Erklärung. Wenn ich nun darüber nachdenke, ist es mir unverständlich, dass ich so reagiert habe!
Und es gibt auch keine Erklärung dafür, dass ich nicht ans Telefon gegangen bist, als du zum dreißigsten Mal angerufen hast.
Ja, ich erhielt heute Morgen deinen Brief und deshalb schreibe ich dir nun auch.
Ich danke dir für deine Ehrlichkeit. Ich merkte schon, dass du etwas älter bist als ich. Obwohl – so alt hätte ich dich nicht geschätzt. Du bist ja um einiges älter als mein Vater. Kompliment! Du hast dich wirklich gut gehalten!
Aber wie sage ich immer? Alter ist relativ und was zählt, ist nur die Liebe.
Ich habe gar nicht gemerkt, dass du ein Glasauge hast und auf dem linken Auge blind bist! Du hast mir aus dem Mantel geholfen und du bist auch ein sehr guter Autofahrer. Beeindruckend, wie natürlich so ein Glasauge aussieht!
Es tut mir leid zu hören, dass du dein rechtes Bein bei einer Regatta verloren hast. Wie du schreibst, hast du keine Probleme mit der Beinprothese.
Toll, wie flott du bei unserem zweiten Date in der Kuba-Bar getanzt hast! Wie ein Jungspund! Du bist in keinster Weise beeinträchtigt durch dein künstliches Bein, bewundernswert!
Kann es sein, Friedrich, dass sich das mit dem Auge ausgleicht? Linkes Auge, rechtes Bein? Entschuldige das kleine Späßchen. Aber ich bin halt eine Frau mit Humor.
Friedrich Liebling, mach dir über deine Erektionsprobleme keine Sorgen. Es gibt heutzutage schon so viele Wundermittel und ich bin sicher, eine Therapie mit gleichzeitiger Medikation wird uns wundervolle Flitterwochen ermöglichen.
Und Sex ist nicht das wichtigste, nicht wahr? Das sagt sogar der Dalai Lama.
Oh, entschuldige Friedrich! So bin ich, siehst du? Ich Dummerl.
Aber du hast es mittlerweile schon gemerkt, nicht wahr, Liebster?
Meine Antwort ist ja. Ja, Friedrich, ich will. Ich will dich heiraten.
Übrigens, vielen lieben Dank für die wunderbaren Fotos, die du mitgeschickt hast. Diese Yacht, traumhaft. Wirklich elegant! Und so groß.
Ja, ich freue mich wahnsinnig, auf die Hochzeitsreise. Und ich freue mich auch, die zwanzigköpfige Besatzung kenne zu lernen. Ich bin immer neugierig auf neue Begegnungen mit interessanten Menschen!
Ich möchte auch erwähnen, dass ich das Schloss reizend finde. Es hat vierzig Zimmer, schreibst du. Da kommt ja einige Arbeit auf mich zu! Das alles sauber zu halten! Scherz beiseite. Ich weiß, es gibt Personal. Aber ich will dir sagen, dass ich mich bemühen werde, eine gute Hausherrin zu sein.
Friedrich,es ist mir eine Freude, mit dir gemeinsam unsere Hochzeitsreise auf die Seychellen zu planen.
Noch etwas ganz Wichtiges, Liebster: Ich will, dass du weißt, dass Geld für mich nichts bedeutet. Ich bin eine Frau, die auf eigenen Beinen steht. Für mich zählt nur die Liebe. Die Liebe zu dir, Friedrich.
Mach dir wegen des Knötchens auf der Nase keine Sorgen. Die Schönheitschirurgen heutzutage sind Meister ihres Handwerks. Und auch wenn es sein sollte, dass du operiert werden musst, heißt das noch gar nichts. Vielleicht setzt du einen Modetrend, wer weiß? So wie die Tattoos.
Friedrich, ich will nun meinen Brief beenden und mit einem guten Buch ins Bett begeben. Ich denke an dich. Ich kann es gar nicht erwarten, deine Stimme zu hören. Ruf mich an, sobald du kannst, mein edler Ritter.
In Liebe deine zukünftige Ehefrau,
Nadine








