Montag, August 11, 2008

der heurige


Was dem Engländer sein Pub und dem Steirer sein Buschenschank, ist dem Niederösterreicher sein Heuriger.
Ausg’steckt is’.
Das bedeutet, dass am Eingang des Hauses ein Buschen hängt, der aussieht wie ein Pompon eines Cheerleaders und irgendwelche bösen Geister vertreiben soll.
Das Gegenteil ist der Fall.
Der Buschen zieht Leute von nah und fern an und so können alle, die dem Alkohol zugetan sind, mit gutem Gewissen so lange trinken, bis Hemmungen und Gleichgewichtsorgane außer Rand und Band sind.
Der Heurige ist ein Wein, der heuer geerntet wurde. Eigentlich. In Wirklichkeit trinkst du beim Heurigen keinen heurigen Wein. Das geht auch nicht. Weil der heurige Wein hängt noch auf den Weinstöcken. Du trinkst irgendeinen Wein. Einen vom Vorjahr oder noch einen älteren. Auch wenn der schon zwanzig Jahre alt ist, macht das nichts. Er heißt in jedem Fall Heuriger.
Egal, wie alt der Wein ist, wenn der Nachbar ausg’steckt hast, musst zu zum Heurigen gehen. Das ist die Pflicht jeden Niederösterreichers.
Ich bin zu Besuch bei meiner Cousine Helene und ihrem Mann Harry, die in Bad Vöslau wohnen.
Und kaum bin ich da, heißt es: Wir freuen dich zu sehen, Amadea. Aber nun richt’ dich zamm, wir gehen zum Heurigen, der Nachbar hat ausg’steckt.
Ich hab’s ja nicht so mit dem Wein. Ich bekomm Sodbrennen, mir wird nach mehr als einem Achterl schlecht.
Heute werden wir einige Weine verkosten, sagt Harry und lächelt.
Schön, sage ich und lasse mir meine Verzweiflung nicht anmerken.
Wir gehen in den Innenhof des Nachbarn.
Tag, sagen alle freundlich. Grüß Gott, sag ich.
Heast, Grüß Gott sagen wir nur zum Buagamasta, sagt Harry.
Ich sag trotzdem Grüß Gott und sonst nichts mehr. Vor Jahren hab ich den Harry beleidigt.
Ich sagte ich damals: Wenn einer jeden Tag Wein trinkt, ist er ein Alkoholiker.
Der Harry trinkt jeden Tag Wein.
Und er sagte: Du hast ja keine Ahnung, Amadea. Wir leben in einer Weingegend und Wein ist gesund.
Mittlerweile weiß ich, dass der Harry kein Alkoholiker ist. Er geht ins Fitnesscenter, ist geistig rege und arbeitet in der Stadtgemeinde.
Also sagte ich dieses Mal zum Harry: Wenn einer schon in der Früh Wein trinkt, ist er Alkoholiker.
Harry trinkt nie in der Früh Wein. Er stimmte mir zu. Gott sei Dank.
Harry und Helene sind meine Lieblingsverwandtschaft und ich will es mir nicht verscherzen mit ihnen.
Wir bestellen fünf Achterl von verschiedenen Weinen. Die Namen hab ich mir nicht gemerkt.
Für mich schmecken alle gleich, will ich fast sagen, aber ich sage nur: Gut. Pfeffrig im Abgang. Ich hab das mal wo gelesen.
Pfeffrig ist da nichts, sagt er. Das ist ein Barriquewein.
Na, da werma morgen aber Kopfweh haben, Helene.
Sodbrennen kombiniert mit Kopfweh. Was Besseres gibt es nicht.
Der Rose schmeckt ein wenig anders, aber die anderen schmecken gleich, sage ich. Harry verdreht die Augen, erwidert aber nichts.
Er reicht die Gläser herum und wir trinken. Ich nur ein kleines Schluckerl und danach fünf große Schluck Wasser.
Mein Gott, Amadea, du trinkst ja nur Wasser, sagt Harry.
Na ja, sage ich und lächle.
Ich trink eh, und nippe am Glas. Ich merke, wie mein Magen rebelliert. Aber ich lasse es mir nicht anmerken und schmatze ein wenig.
Ihr Salzburger, sagt Harry, seid ja nur das Bier gewohnt. Vom Wein habt’s ihr keine Ahnung.
Ich widerspreche nicht und erwähne auch nicht, dass ich die fünf Flaschen Wein, die mir Harry vor zwei Jahren mitgegeben hat, weggeschüttet habe, weil meine Gäste ihn abscheulich fanden und ich auch.
Der geht nit amoi fia an Glühwein, der Essig do, sagte der Bartl, als ich ihm den Wein kredenzte. Woher hast denn den?
Na, vom Harry aus Bad Vöslau, der hat g’sagt, es ist ein guter Wein, süffig und leicht.
Aber das erzähle ich nicht.
Die Stimmung wird immer besser.
Am Nachbartisch zwei Pensionisten. Ich belausche ihr Gespräch.
Na hearst, wie geht’s denn dem Poidl?
Na, dem geht’s eh guat, der redt jo nix.
Is er no mit der Lisl zamm?
Jo, kloar, de zwa vastehn se prächtig, er sogt nix und sie red’t die gonze Zeit. Unlängst hob i sie gfrogt, sog Lisl, wos host denn du fia a Hoarfoarb? Na, braun, sogt sie. Und oben, frog i sie?
Die beiden lachen laut.
Des is mei besta Schmäh, hearst. Hearst, Fredi, heit derfst ned so vül tringa, de Kiwarei passt uns ab.
Mein Gott, an Dialekt habt’s ihr schon, einen wilden, sag ich zu Harry. Kiwarei, was für ein Ausdruck.
Kennst das nicht, Amadea?
Klar kenn ich das, hab ja seinerzeit auch immer Kottan geschaut.
Der Pensionist am Nachbartisch redet weiter.
Hearst, Fredi, woarst gestern im Bod?
Geh spinnst, Toni, glaubst i geh ins Bod ba der Hitzn? Do kriag i jo an Herzkaschperl. Des is a Treib’m do im Bod. De Leit kumman jo za uns va Wien. De hob i eh scho g’fressn, de G’schertn. Do ham mia Insider nix mehr zu melden. Olle Parkplätz san aufg’füllt. Do kummst goar nimma eine in de Gossn. Do sitz i mi liaba in Schanigoartn und trink a Achterl.
Na, recht host, Fredi. I moch des a. Hearst, gestern frogt mi de meinige, ob i ihr des Fruahstuck ans Bett serviern kunnt, Ideen hom die Weiwa. Hearst, hob i g'sogt zu ihr, wonn du a Fruahstuck im Bett wüllst, donn schlof in da Kuchl.
Na, der woar guat, brüllt der Fredi und beide heben ihr Glas.
An unserem Tisch heben auch alle ihr Glas. Ich heb mein Wasserglas.
Prost, Amadea, sagt Harry, heut saufst aber ganz schön viel.

Kommentare:

Bjoern hat gesagt…

Habe nie verstanden, warum sich Leute etwas darauf einbilden, wenn sie sich mit Getränken auskennen.

Anonym hat gesagt…

Also beim Wein muss man sich auskennen. Aber wenn du noch im Osten bist, dann lad ich dich auf eine heiße Schokolade in Wien ein.
Als Danke für die köstliche Unterhaltung da.
teacher

amadea's world hat gesagt…

Ich finde das eigentlich ganz gut wenn jemand sich da auskennt. Vor Jahren, als ich anklöckeln (in der weihnachtszeit von haus zu haus gehen, singen und für guten zweck sammeln) kannte ich mich sehr gut mit schnäpsen aus.

A Gaugau is immer gut, teach.

solo hat gesagt…

1.Einen Busch raushängen? Soso. Kopfüber? Dass ihm der Harz zu Kopf steigt? In D. kann man übrigens einen "Pferdekopf raushängen", wenn man pleite ist.

2. Ach ich denke in Österreich gehts noch. Wir haben hier Suchterziehung in jeder Familie!
Pünktlich nach dem Mittagessen fängt es mit einem Magenbitter an.
Nach dem Kaffeetrinken gibt es einen Cognac und dann noch 2. Danach gibt es 2 Bier. Danach eine halbe Flasche Wein. (für jeden, klar. Dann noch 2 Schnaps uns noch 2 Bier. Und dann geht, wer stehen kann, noch in die Bar.
(Durchschnitt für einen deutschen Familienabend zu Hause). Findet dagegen ein Grillfest statt, ist folgendes angesagt: mindestens 5 Bier für jeden, dazu etwa 4 Whiskey.