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Sonntag, September 27, 2009

itaka, depperte


Weg. Sie ist weg! Die Geldbörse ist weg, Lo. Und die Bankomatkarte auch. Die war drinnen.
Ja, ja. Wieder einmal. Heute ist sie schon das fünfte Mal weg.
Dieses Mal ist sie weg, schau doch.
Ich leere den Inhalt meiner alten, braunen Handtasche auf den Boden des Geschäftes.
Sie ist nicht da.
Lo bezahlt die Briefmarken, die ich gekauft habe. Ich bin genervt.
Ich hab sooo aufgepasst Lo. Alle drei Reißverschlüsse sind offen! Wann ist das passiert?
Okay, alles der Reihe nach. Ich ging nach vor, während du in das kleine Geschäft gingst. Das neben dem Musikladen. Wo war das?
Da um die Ecke.
Wir gehen hin und fragen. Die Verkäuferin weiß nichts.
Mich hat ein Mann angerempelt, Lo. Als ich über die Piazza ging. Du warst drüben im Eck vor dem Schaufenster, erinnerst dich? Ein Mann hat mit zwei Kindern Fangen gespielt und die rempelten mich an. Ich war überrascht, verärgert und stellte mich so hin.
Und ich zeige Lo, wie ich dastand. Arme zur Seite, Körper geöffnet.
Und dann muss ein Vierter da gewesen sein, der die Geldbörse nahm. Und alle drei Reißverschlüsse der Tasche öffnete! Der Mann sah ganz normal aus. Wie ein Vater. Gar nicht wie ein Dieb.
Mich haben die auch schon angerempelt, genau! Ich dachte mir noch, komisch.
Ja, das dachte ich mir auch.
Und ich hab ganz instinktiv meine Tasche festgehalten. Mit beiden Händen. Die machen das sicher mehrmals am Tag.
Die Kellner des Restaurants müssen das doch sehen.
Die stecken alle unter einer Decke. Mafia. Eh klar. Die entkommen uns nicht, Amadea. Morgen setzen wir uns hier her und bestellen was zu trinken. Und dann warten wir, bis die wieder kommen.
Wer weiß, ob die da nochmals kommen. Die sind ja nicht dumm.
Die kommen auf jeden Fall. Wir setzen uns hier her, warten und wenn sie kommen, rufen wir die Polizei.
Alle drei Reißverschlüsse offen, unglaublich. Und dann nur die Geldbörse genommen. Das sind Profis. Dabei hab ich extra die ganz kleine genommen. Sonst ist alles noch da.
Das sind ganz ausgefuchste. Die machen das mit Hypnose. So schnell kannst gar nicht schauen. Keine Chance hast du da. Du kennst doch eh die Zauberer, die man manchmal im Fernsehen sieht. Die, die den Leuten die Armbanduhr runternehmen, ohne dass die es merken.
Sehr ausgefuchst. Scheiße, keine Bankomatkarte mehr. Und was wenn nun mein Konto leer geräumt ist?
Nein, mit Bankomatkarte geht das nicht. Nie und nimmer.
Wer weiß, wie ausgefuchst die sind. Lo, ich rufe heute noch den Tom an von der Raika an. Der soll mein Konto sperren lassen. Und warum haben die genau mich ausgeraubt? Alle drei Reißverschlüsse offen ! Alle drei!
Naja, du schaust schaust ziemlich wohlhabend aus. Kamera in der Hand, toller Schal und die Pailletten da.
Das T-Shirt hat 5 Euro gekostet, Lo. Factory-Outlet und Ausverkauf.
Trotzdem schaust reich aus, die Sandalen schauen auch teuer aus.
15 Pfund, Lo. Die sind aus Camden. Alles billiges Zeug.
Die Handtasche?
Okay, die war a bissl teurer, aber auch nicht wirklich. Aus dem EZA Laden. Da ist nichts exklusiv, gar nichts, Lo.
Ich brauch nun einen Drink. Gehen wir einen Aperol trinken.
Ich hab keine Ruhe, Lo. Ich ruf nun den Tom an. Der muss mir sagen, ob mein Geld noch am Konto ist.
Mein Gott, Amadea, du bist hysterisch. Den kannst nun nicht mehr anrufen. Schon halb zwölf. Egal. Ich ruf an.
Tom klingt verschlafen.
Deppate Itaker, sagt er. Was fahrt ihr auch nach Italien? Mach dir keine Sorgen, Amadea. Ich überprüf das morgen. Und nun gute Nacht.
Ich glaub, er war schon im Bett, so grantig wie der war.
Klar. Andere Leut arbeiten ja.
Nerv mich nicht schon wieder, Lo.
Wann hab ich dich je genervt?
Während der Anreise. Du weißt schon.
Sie wusste.

Lo als Beifahrerin. Was Anstrengenderes als sie gibt es nicht. Die ganze Zeit Bemerkungen wie: Nicht so schnell. Brems doch. Pass auf, da vorne. Hast den Laster nicht gesehen?
Dabei sehe ich immer alles.
Lo, sei endlich ruhig, schrie ich genervt.
Nur weil du schreist, hast du nicht mehr recht, schimpfte sie zurück.
Fahr du wenn es dir nicht passt.
Lo fuhr nicht, weil sie Angst hat beim Fahren. Besonders in Italien. Stattdessen fuchtelte sie mit dem GPS herum, das eh nicht funktionierte. Die ganze Zeit über schimpfte sie abwechselnd mit mir und dem GPS.
So ein Graffl.
Ja, sag ich doch. Straßenkarte ist immer besser.
Du hast ja keine mit, Amadea.
Na, ich dachte, du bist die, die mir ansagt, wie ich fahren muss. Und ich besitze keine Straßenkarte, ich fahr nach Gefühl. Immer. Außerdem ist alles angeschrieben.
Du und dein Gefühl, jaja. Drum fahrst auch so wild.
Lo! Ich steig nun gleich aus. Halt nun endlich den Mund.
Lo hielt den Mund. Zwei Sekunden lang.
Gar keine Straße mehr da auf dem Kastl.
Eben, neumodisches Zeugs. Wo ich eh überall hinfind. Dauert halt ein Zeitl. Und sich ein bisserl zu verfahren gehört zum Abenteuer des Reisens.
Endlich waren wir vor dem Hotel angekommen. Das GPS hat es auch bemerkt. Es redete! Das erste Mal! Und zwar auf Italienisch!

Ich nippte an meinem Aperol.
Schön, gell, Lo. Das Flair und alles. Schön wär’s, wenn ich halt meine Bankomatkarte noch hätte.
Hör mit dem Gejammer aus, genieß lieber.
Ich kann nicht genießen, wenn ich kein Geld mehr hab. Wenigstens hab ich die Kreditkarte daheim gelassen. Na, das wär was, wenn ich die verloren hätte.
Mittlerweile war es Mitternacht geworden. Wir machten uns auf den Weg in unser Hotel.
Schön, die neue Handtasche, gell? Schön, dieses Violett, sagte ich zu Lo, als wir im Hotelzimmer waren.
Und da ist noch ein Extrafach, schau mal. Mit Reißverschluss.
Und Lo schaut.
Amadea.
Was?
Amaaaaaaaaaaaaadeaaaa.
Waaaaaaaaaaas?
Da ist dein Geldbörsel, du Wahnsinnige. In der neuen Handtasche. Und alles drin. Alles! Auch die Bankomatkarte.
Na sowas. Ich muss nochmals den Tom anrufen. Der wird sich freuen.

Sonntag, Mai 03, 2009

willkommen an bord


Über das Fliegen habe ich ja schon hie und da und da auch geschrieben.

Ich sitze mit meinem Jüngeren im Flugzeug nach Köln.
Vorne spricht die Flugbegleiterin ins Mikrophon.

Herzlich willkommen an Bord unseres Fluges nach Köln. Die Flugzeit wird etwa eine Stunde betragen.

Ich will nicht wissen, wie lange die Flugzeit dauert, sondern ob das Flugzeug überhaupt landet, und zwar in Köln.

Bitte vergewissern Sie sich, dass großes und schweres Handgepäck sicher unter Ihrem Vordersitz platziert ist.

Was soll denn dieser Unsinn? Wie soll ich bittschön irgendwas hier unter den Sitz stellen wenn nicht mal meine Beine Platz haben?

Wir bitten Sie jetzt noch einen Augenblick um Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit für einige Sicherheitshinweise.

Nun sitz ich hier festgeschnallt, darf nicht mehr raus und nun gibt es Sicherheitshinweise? Warum bekomm ich die nicht, bevor ich das Ticket kaufe? Was ist denn das für eine Geschäftsstrategie?
Das gibt es sonst nirgends.
Stell dir vor, du kaufst dir ein Auto, bezahlst es und anschließend erzählt dir der Verkäufer, dass da einiges im Argen liegt; dass es sein kann, dass das Auto explodiert, die Bremsen versagen oder der Airbag sich nicht öffnet.

Wir demonstrieren Ihnen zunächst, wie Sie Ihren Sitzgurt schließen und öffnen können.

Sehr aufmerksam. Glauben Sie im Ernst, ich weiß nicht, wie ich einen Sitzgurt auf- und zumache?

Schnallen Sie sich jetzt an und ziehen Sie Ihren Sitzgurt fest. Aus Sicherheitsgründen empfehlen wir Ihnen während des gesamten Fluges angeschnallt zu bleiben.

Ich bin schon lange angeschnallt, du Taube. Und warum bitte muss ich die ganze Zeit da festgeschnallt bleiben? Doch nicht so sicher, Ihr Flugzeug, was?
Und lassen Sie das Herumfuchteln mit den Armen. Erinnert mich an den Pfarrer, der dem Totgeweihten noch das Kreuzzeichen mit auf dem Weg gibt.

Wir bitten Sie jetzt noch einen Augenblick um Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit für einige Sicherheitshinweise. Sollte es zu einem Druckabfall in der Kabine kommen, öffnet sich eine Deckenklappe über Ihnen und Sauerstoffmasken kommen zum Vorschein.

Na sowas, eine Maske! Sogar mit Sauerstoff. Das ist wirklich großzügig. Ein Druckabfall in 3000 m Höhe, und schon kommt die Maske herunter.
Nun hör mir mal zu, du Schnepfe, da vorn.
Weißt du, was passiert, wenn wir in 3000 m Höhe einen Druckabfall haben? Wir machen uns alle in die Hose! Das passiert. Und zwar in Sekunden! Sag doch wie’s ist. Deshalb brauchen wir die Maske. Weil es stinkt in der Kabine.

In diesem Fall ziehen Sie eine Maske schnell zu sich heran und platzieren diese fest auf Mund und Nase. Danach helfen Sie Kindern und hilfsbedürftigen Personen.

Hilfsbedürftig? Wer ist bitte hilfsbedürftig? In erster Linie ich bin ich hilfsbedürftig wenn wir abstürzen.
Und ich werde mich von Leuten, die zu langsam sind, fernhalten. Und von Kindern auch. Wie komm ich denn sonst da schnell raus?
Im Fall einer Notlandung schau ich, dass ich als Erste aus dem Kasten komm. Und dann helfe ich den Armen und den Kleinen.
Apropos Notlandung. Es gibt keine Notlandung. Es gibt nur einen Notabsturz! Mit einer Landung hat das gar nichts zu tun.

Unter Ihrem Sitz findet sich eine Schwimmweste. Auf Anweisung der Besatzung ziehen Sie die Schwimmweste über den Kopf, befestigen die Verschlüsse vorn und ziehen die Gurte fest.

Weshalb auf Anweisung? Warum nicht sofort? Ich muss das alles in Ruhe ausprobieren - das Überziehen, das Befestigen und Festziehen.

Erst kurz bevor Sie das Flugzeug verlassen ziehen Sie an den Auslösegriffen um die Schwimmweste aufzublasen.

Was heißt denn Flugzeug verlassen? So wie ich eine Veranstaltung verlasse? Ich verlasse das Flugzeug nicht, ich sause raus, besser gesagt, es zieht mich raus! Und wie! Wir sind schließlich auf 3000 m Höhe.
Und wo verlasse ich bitte? Noch in der Luft oder nach dem Aufprall?
Und ziehen auch noch? Während es mich hinaus saugt hab ich was anderes zu tun als zu ziehen.
Und die Schwimmweste wird sich nicht aufblasen, die wird in der Luft zerfetzt.
Außerdem – was soll ich mit der Schwimmweste? Eine Schwimmweste zieh ich an, wenn ich in der Sportwoche mit den Schülern Wasserschifahrern geh. Ich will keine Schwimmweste in 3000 m Höhe, wenn ich nicht mal weiß, ob unter mir überhaupt Wasser ist. Außerdem will ich nicht schwimmen gehen.
Ich hab mich auf Fliegen eingestellt, auf Fliegen und Landen und nicht auf Abstürzen und Schwimmen.

Sollte es erforderlich sein, benutzen Sie die Ventile an den Seiten der Weste um diese aufzublasen.

Was soll das schon wieder? Wann sind die Ventile erforderlich? Wenn kein Wasser unter mir ist? Zum Fliegen? Oder kurz vor dem Aufprall?
Muss ich die Schwimmweste so aufblasen wie eine Luftmatratze? Ich kann das nicht.
Ich kann das nicht mal am Land, das Aufblasen, geschweige denn während ich durch die Luft segle. Luftmatratzen blase ich mit Blasebalg auf. Mir geht sonst die Puste aus.
Ich sag Ihnen, ich werde die Ventile an den Seiten nicht aufblasen, auch nicht, wenn es erforderlich ist.

Wenn Sie das Flugzeug durch eines der Notfenster verlassen, blasen Sie die Weste erst auf wenn Sie das Flugzeug verlassen haben.

Na, das ist klar. Vorher geht das auf keinen Fall. Es ist ja kein Platz im Flugzeug. So schon eng genug.
Stell dir vor, es blasen alle dreihundert Passagiere gleichzeitig ihre Schwimmwesten auf. Dann wären das dreihundert Passagiere und dreihundert Westen. Viel zu viel.
Außerdem – wie willst du durch das enge Notfenster kommen mit der aufgeblasenen Weste? Viel zu fett.
Klar blase ich die Weste erst im freien Flug auf. Viel gemütlicher und genug Platz. Ich kann das schon, auch wenn es da draußen minus fünfzig Grad hat. Kein Problem.

In der Sitztasche Ihres Vordersitzes finden Sie dieses Informationsblatt mit allen Sicherheitshinweisen.

Ja, das hab ich schon gesehen. Da steht, ich soll meine Arme kreuzen und den Kopf auf meine Oberschenkel legen. Und dann? Dann warte ich bis wir auf einem Felsen zerschellen oder was? Etwas ist mir noch nicht ganz klar. Soll ich nun die Weste anziehen oder den Kopf auf meine Oberschenkel legen? Oder beides? Und was zuerst?

Bitte beachten Sie besonders die Lage der Notausgänge, welche deutlich mit dem Wort "Exit" gekennzeichnet sind.

Hab ich schon gesehen. Exit heißt in dem Fall nicht Ausgang, sondern Abgang.

Leuchtstreifen im Boden führen Sie direkt dort hin.

Da führen Leuchtstreifen hin? Toll. Und wie ist das dann bitte, wenn das Flugzeug notstürzt? Leuchten die dann noch immer?
Ich sage Ihnen, die leuchten dann nimmer, weil dann ist alles im Eimer - der Strom und die Stromversorgung. Da leuchtet dann gar nichts mehr, so schaut’s aus. Und falls sie leuchteten - dann würde das keiner sehen, weil der Großteil der Passagiere auf dem Boden liegen würde und die anderen, die Stärkeren, würden alle gleichzeitig zum Notausgang laufen. Und man würde gar nichts mehr sehen. Also, schalten Sie die Leuchtstreifen aus. Die braucht keiner.

Wir sind nun startbereit und ich bitte Sie, die Rückenlehnen Ihrer Sitze senkrecht zu stellen und die Tische vor sich zurückzuklappen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Wir wünschen Ihnen einen schönen Flug mit uns.

Herzlichen Dank. Sehr liebenswürdig.
Eine Frage hätte ich noch, bittschön - bevor ich fliege und abstürze.
Es geht um die Blackbox. Sie beschäftigt mich. Diese Blackbox ist doch das Sicherste auf der Welt.
Wann immer ein Flugzeug abstürzt, egal ob es Überlebende gibt oder nicht, die Blackbox, die ist immer ganz. Immer! Und die wird auch immer gefunden. Die geht niemals verloren, niemals!
Wieso hatte noch nie jemand die Idee, Flügel auf die Blackbox zu montieren und sie in ein Flugzeug zu verwandeln?

Mittwoch, September 24, 2008

on the plane


Über Flughäfen gibt es ja einiges zu sagen. Und da ist nichts Positives dabei.
Der Heathrow Flughafen ist die Hölle.
Eingepfercht wie in einem Viehtransport mit Tausenden von Urlaubern. Es wird geschubst und gedrängt, du findest keinen Sitzplatz, weder in der Lounge noch in einem Cafe.
Jeder Flug hat Verspätung. Jeder.
Da hörst du über den Lautsprecher, dass dein Flug zwanzig Minuten Verspätung hat. Nach zwanzig Minuten hörst du wieder, dass dein Flug zwanzig Minuten Verspätung hat. Und das geht immer so weiter. Und schließlich hat der Flug dreizehn Stunden Verspätung gehabt. Aber das weißt du vorher nicht.
Dreizehn Stunden ist nicht viel.
Ich war einmal am Flughafen Heathrow und wir hatten zweiundzwanzig Stunden Verspätung.
Du sitzt oder liegst, meistens am Boden und vergeudest wertvolle Urlaubszeit. Endlich ist das Flugzeug da und du steigst ein. Du gehst zu deinem Sitz und siehst, dass neben dir ein Platz frei ist.
Super, ein freier Sitz, denkst du! Da kann ich mich schön breit machen, meine Tasche, die Jacke, die Zeitung hinlegen. Wunderbar!
Mehr und mehr Leute steigen ein und alle gehen an dir vorbei.
Ja, ja!
Die Türen werden geschlossen und deine Laune steigt.
Was für ein Glück!
Auf einmal hörst du die Stimme der Stewardess: Wir haben noch einen Fluggast.
Und dann siehst du ihn. In Zeitlupe.
Herr Dickmann – schnaufend, wackelnd.
Und du weißt es. Herr Dickmann sitzt neben mir.
Deine Laune sinkt auf Null.
Warum sitzen neben mir immer Übergewichtige? Immer!
Wirklich stark Übergewichtige ab hundertachtzig Kilo.
Warum muss ich genauso viel für einen Flug bezahlen muss wie einer, der hundertachtzig Kilo hat? Wie komm ich dazu?
Es sollte eigene Flugzeuge für extrem übergewichtige Personen geben mit doppelt so breiten Sitzen wie normale Flugzeuge.
Und wenn du dann da sitzt, dann beginnt der Kampf um die Armlehne. Was heißt Kampf, ein Krieg ist das.
Regel Nummer eins: Der, der als erster sitzt, bekommt beide Armlehnen.
Regel Nummer zwei: Männer bekommen immer beide Armlehnen. Ja, beide!
Ich verstehe das nicht. Es ist so einfach. Für jeden ist eine ganze Armlehne da. Männer akzeptieren das nicht. Die merken gar nicht, wenn ihr Arm den deinen berührt. Und wenn sie es merken, ist es ihnen egal.
Und warum können Männer nicht normal sitzen? Normal heißt: Beine geschlossen.
Nein, Männer sitzen immer breitbeinig da. Immer!
Und ich sitz da, kein Stückerl Armlehne frei, Beine gekreuzt.
Endlich hebt das Flugzeug ab.
Und schon sind die Stewardessen da und fuchteln herum. Sicherheitstipps.
Niemand hört oder schaut zu. Klar, es will jeder cool sein und den anderen Mitreisenden zeigen, dass er ein Jetsetter ist und den Unsinn nicht hören will. Und während die Stewardessen fuchteln, sagt der Lautsprecher, dass man die Schwimmweste anlegen soll wenn wir im Meer landen.
Wieso Schwimmweste? Gehen Flugzeuge nicht sofort unter wenn die im Wasser sind? Die sind doch schwer, oder?
Was brauch ich diese lächerliche gelbe Schwimmweste?
Außerdem, falls es brennen sollte und wir einen Flügel verlieren, dann denkt doch keiner an die Schwimmweste. So schnell kannst gar nicht schauen, haben wir einander schon erdrückt oder zertrampelt in der Panik.
Und was ist mit dem Pfeiferl? Kann ich sicher sein, dass mein Pfeiferl funktioniert? Hat das je einer ausprobiert?
Da bin ich dann im Meer, und ich sehe ein Rettungsboot, aber es sieht mich nicht, und ich will pfeifen, und das Pfeiferl geht nicht und ich ertrinke jämmerlich, nur weil ich nicht ausprobiert habe, ob es funktioniert.
Endlich bist du eingenickt, schon meldet sich der Captain.
Captain, my captain, du hast mir gerade noch gefehlt.
Er erklärt mir, wie kalt es draußen ist, wie hoch wir fliegen, wie weit der Zielflughafen entfernt ist und welches Dorf wir gerade überfliegen. Mir ist das egal! Ich will das nicht wissen.
Ich kann mir weder vorstellen, wie kalt minus 3000 Grad sind, noch wie viel fünftausend Kilometer sind. Es ist mir egal, wie das Dorf unter mir heißt, ich will schlafen. Ich will meine Ruhe. Dann sagt er mir auch noch, wie er heißt und ich erfahre auch den Namen vom Copilot und dass beide schwul sind und ihre Lieblingsspeise Spaghetti al Tonno ist.
Das ist mir auch wurscht!
Und wenn der Captain Niki Lauda heißt, ist es mir wurscht.
Endlich kommt das Essen.
Die Stewardessen schieben ihr Wagerl durch den Gang. Und jeder trinkt Tomatensaft. Kein Mensch trinkt je Tomatensaft außer beim Fliegen.
Komischerweise müssen genau zu dieser Zeit alle Passagiere aufs Klo. Und da stehen dann die Stewardessen mit dem Wagerl und dahinter die Passagiere. Und die müssen dann ganz zurückgehen, damit die Stewardessen mit dem Wagerl auch zurückgehen können, dann gehen die Passagiere vor aufs Klo, die Stewardesssen gehen auch wieder vor, mit dem Wagerl und nach drei Minuten stehen wieder Passagiere, die aufs Klo müssen, da und das Ritual wiederholt sich.
Wenn es nach mir ginge, gäbe es keine Klos in Flugzeugen.
Wenn es nach mir ginge, müsste jeder Passagier auf seinem Platz bleiben. Und zwar die ganze Flugzeit über.
Und dann schmeißt dir die Stewardess dein Alugeschirr mit dem Essen her. Und du sitzt da, eingepfercht zwischen Sitzen, aufgeklappten Tischen, Tabletts und Alubox , öffnest das Plastiksackerl mit dem Plastikbesteck und schmierst dir ein zähes Semmerl.
Du nimmst das Plastikhäferl mit dem grauen Kaffee und willst trinken. Genau in dem Moment hast du eine Lehne im Gesicht, weil es sich der Passagier vor dir gemütlich macht und du verschüttest die Brühe.
Gleichzeitig macht der stark Übergewichtige neben dir seine Alubox auf und rutscht ab. Zur grauen Brühe auf deiner Bluse gesellen sich Spaghetti al Tonno.
Du rufst die Stewardess, die dich anlächelt wie eine Schaufensterpuppe und dich behandelt, als wärst du debil und verlangst nach einem Fetzen, damit du dich abwischen kannst.
Und wenn du bis jetzt nicht klaustrophobisch warst, nun bist du es.

Montag, September 22, 2008

fly away


Nun dauert es Gott sei Dank wieder ein Jahr, bis ich den Koffer für den Urlaub packen muss.
Es ist eine Qual. Die ganzen Vorbereitungen für den Urlaub sind eine Qual.
Ich frage mich manchmal, warum wir in ein Land fliegen, in dem wir uns überhaupt nicht auskennen. Und dann, wenn wir uns auskennen und wissen, wo der schönste Strand, das beste Restaurant und die tollste Bar sind, fliegen wir wieder nach Hause. Urlaub machen wir alle, um uns wirklich zu erholen und wir wollen alle dahin fahren, wo sonst keiner ist.
Aber das will jeder. Und so ist jeder da, wo er meint, dass da sonst keiner ist.
Und jeder ist genervt weil er nur von Urlaubern umgeben ist. Von tausenden Urlaubern.
Die Misere beginnt schon zu Hause. Diese Packerei. Und die ganzen Vorkehrungen für die Zeit, in der du weg bist.
Du brauchst jemanden, der die Katze füttert und die Blumen gießt. Du findest aber niemanden. Weil alle Nachbarn sind weg.
Und die, die nicht weg sind, gießen die Blumen und füttern die Katzen der Nachbarn. Dann musst du dafür sorgen, dass keiner dein Haus ausräumt. Du musst dem Briefträger Bescheid sagen, dass er die Post nicht zustellt, sondern sie im Postamt am Regal fein säuberlich aufstapelt bis du wieder da bist.
Du musst die Alarmanlage überprüfen lassen und dein elektrisches System so einstellen, dass sich das Licht am Abend automatisch einschaltet und wiederum ausschaltet sobald die Sonne aufgeht.
Das Schlimmste aber ist das Kofferpacken. Für die Frau.
Mann hat es da einfacher. Mann beginnt zwei Stunden vor der Abreise.
Als Frau beginnst du zwei Wochen vor dem Urlaub. Du nimmst alle Medikamente mit, die du hast. Man weiß ja nie was alles passieren kann.
Und die leidige Unterwäsche. Die Frau nimmt doppelt so viele Höschen mit als der Urlaub Tage hat.
Der Mann nimmt zwei Unterhosen mit. Eine zieht er an, die zweite wäscht er aus.
Der Mann hat auch kein Problem mit den Schuhen. Der Mann braucht keine Schuhe. Er hat ein Paar Schuhe mit, am Strand geht er barfuß.
Eine Frau braucht flache Schuhe, Sandalen, high heels für den Abend, dann die mit den Pailletten, falls sich die Gelegenheit ergeben sollte, das Abendkleid anzuziehen, und dann die Turnschuhe. Die sind für‘s Wandern.
Das sind zehn Paar Schuhe. Und damit ist der Koffer voll.
Nun hast du endlich den Koffer gepackt und es ist Zeit, zum Flughafen zu fahren. Du fliegst natürlich am Morgen, weil du ja vom Tag noch was haben willst und wenn du nicht in der Nähe des Flughafens wohnst, musst du um drei Uhr morgens wegfahren, weil es über eine Stunde dauert, bis du dort bist.
Außerdem musst du zwei Stunden vor dem Einchecken da sein. Dann kommst du endlich an, saumüde, weil du am Abend nicht einschlafen konntest weil du ständig daran gedacht hast, ob du wohl nichts vergessen hast und dann hat um zwei Uhr morgens der Wecker geläutet und dann siehst du tausende andere grantige Urlaubshungrige die auch um zwei Uhr aufgestanden sind.
Außerdem bist du genervt weil dein Mann überpünktlich ist und dich ständig angelabert hat mit: Beeil dich doch, wir sind schon spät dran.
Warum haben unpünktliche Frauen immer überpünktliche Männer und umgekehrt?
Dann kommst du endlich zum Checkin.
Das ist der Höhepunkt des morgendlichen Abenteuers.
Und nun diese Frage: Haben Sie den Koffer selbst eingepackt?
Ja.
Es sagt jeder ja. Jeder!
Du sagst ja obwohl es durchaus sein kann, dass dein Mann noch schnell die Halterlosen und die Strapse in deinen Koffer gesteckt hat.
Bist du dir sicher? Nein, du bist dir nicht sicher. Aber du sagst einfach ja. Ohne nachzudenken.
Dann die zweite Frage: Hat Ihnen jemand angeboten, etwas für ihn mitzunehmen?
Die Antwort ist ebenfalls ja!
Ja, da kam dieser Mann im Trenchcoat und mit dunkler Brille und hat mich gefragt, ob ich dieses Paket für seinen Bruder mitnehmen kann. Der wartet am Zielflughafen.
Scherz beiseite. Solche Fragen sind wichtig.
Terroristen, die eine Bombe mit haben, lügen niemals. Niemals!
Endlich hast du eingecheckt. Und nun hast du Zeit. Endlos viel Zeit. Zeit, die du sonst nie hast. Aber das nützt dir nichts! Du kannst nichts tun. Du kannst nur warten. Oder einkaufen!
Warten ist anstrengend weil Tausende von Leuten auch warten und kein Platz mehr frei ist. Also gehst du ins DutyFree Geschäft. Und du kaufst Dutyfreeparfum, Dutyfreewhiskey, Dutyfreepralinen, Dutyfreewein. Und du hast fünfzig Cent gespart und schleppst das ganze Graffl tausende von Kilometern mit und wieder zurück.
Um sechs Uhr früh gehst du in das einzige Cafe, das es gibt, lehnst am Stehtisch mit dir völlig Fremden, trinkst ein Bier, das fünf Mal so teuer ist wie zu Hause weil du das Urlaubsfeeling haben willst und wartest.
Du wartest und wartest. Und mit dir warten Tausende andere. Sie warten und warten. Und schauen grantig.
Und du denkst daran, wie gemütlich es nun zu Hause wäre, ganz allein im Bett, Zeitung lesend, den Kaffee am Nachttisch und Ruhe. Wohlige Ruhe. Niemand da, der dich stört, kein einziger Mensch da. Alle im Urlaub.
Und nach drei Stunden steigst du endlich ins Flugzeug, das Verspätung hatte, zwängst dich in den Sitz, schließt deine Augen und nimmst dir vor, so wie jedes Jahr, den nächsten Urlaub allein zu Hause zu bleiben.

Samstag, August 23, 2008

wien ist anders


Ich war ja nun einige Tage in Wien.
Wenn du in Wien unterwegs bist, was siehst du als erstes? Den Stephansdom? Nein. Das Riesenrad? Aber nein.
Hundsbröckerl siehst.
Ich sah sie nicht. Ich stieg hinein. In ein richtig gatschiges, als ich meinen Fuß auf Wiener Boden setzte.
Wien ist anders.
Wien ist bekannt. Für seine Hundsbröckerl.
Hundsbröckerl heißen in Wien Gackerl. Auf Hochdeutsch heißt das Hundescheiße.
Dabei dürfte in Wien eigentlich kein einziges Hundegackerl herumliegen, bei dem Aufwand, der betrieben wird.
Nimm ein Sackerl für mein Gackerl, ist der neueste Slogan, erfunden von der Gacktionsgemeinschaft für Hundekot der Wiener Regierung.
Nimm ein Bürsterl für mein Würsterl war der zweite Vorschlag, aber das mit dem Bürsterl...naja.....wär nicht wirklich hygienisch.
Ja, die Regierung in Wien ist auf den Hund gekommen. Hundsbröckerl sind ein scheißes Thema.
Unzählige Pappendeckelhunderl sind aufgestellt worden, um die Hundebesitzer zu warnen. Vor den Strafen. 36 Euro für ein nicht weggesackerltes Hundegackerl. Gut, gell?
Hat aber nichts gebracht, weil die Wiener und die Touristen die Hundegackerlpappendeckelhunderl mitgenommen haben. Als Souvenir. Oder als Gartenzwergersatz. Statt den Schneekugeln mit dem Steffl drin.
Diese Glaskugeln haben sowieso bald ausgedient. Weil der Steffl soll ja einen zweiten Turm bekommen. Es hat sich ja ein Sponsor gefunden, der unerkannt bleiben will, und der will den Nordturm fertig bauen lassen. Na, und in paar Jahren hat dann der Steffl einen hohen Nordturm. Und du stehst da mit dem einturmigen Steffl in der Schneekugel. Aber das ist so geheim, dass sogar der ORF darüber berichtet hat.
Darum nehmen die Touristen jetzt statt der Schneekugel so ein Pappendeckelhunderl mit.
Hundsbröckerl wird es immer geben in Wien. Für Hundsbröckerl findet sich nicht so schnell ein Sponsor.
Wenn du also in Wien wohnst und einen Hund hast und mit ihm äußerln gehst, dann musst du ein Plastiksackerl mitnehmen. Jedes Mal.
Eine Hundebesitzerin mit Sackerl sah ich. Im Stadtpark. Eine Wienerin mit Plastiksackerlhand.
Ihr Pudel hatte gerade die typische Haltung eingenommen, die darauf schließen ließ, dass es passieren würde. Und so geschah es auch. Er hinterließ ein riesiges, dampfendes Häuferl mitten im Gras. Schon griff die Plastiksackerlhand zum dampfenden Gackerl, packte es, zog es wie einen Handschuh von der Hand, steckte es in ein zweites Plastiksackerl und ließ es in ihrer Handtasche verschwinden. In ihrer Handtasche! Ist das nicht vorbildlich?
So sind die Wiener eben. Die nehmen jeden Scheiß mit nach Hause.

Montag, August 11, 2008

der heurige


Was dem Engländer sein Pub und dem Steirer sein Buschenschank, ist dem Niederösterreicher sein Heuriger.
Ausg’steckt is’.
Das bedeutet, dass am Eingang des Hauses ein Buschen hängt, der aussieht wie ein Pompon eines Cheerleaders und irgendwelche bösen Geister vertreiben soll.
Das Gegenteil ist der Fall.
Der Buschen zieht Leute von nah und fern an und so können alle, die dem Alkohol zugetan sind, mit gutem Gewissen so lange trinken, bis Hemmungen und Gleichgewichtsorgane außer Rand und Band sind.
Der Heurige ist ein Wein, der heuer geerntet wurde. Eigentlich. In Wirklichkeit trinkst du beim Heurigen keinen heurigen Wein. Das geht auch nicht. Weil der heurige Wein hängt noch auf den Weinstöcken. Du trinkst irgendeinen Wein. Einen vom Vorjahr oder noch einen älteren. Auch wenn der schon zwanzig Jahre alt ist, macht das nichts. Er heißt in jedem Fall Heuriger.
Egal, wie alt der Wein ist, wenn der Nachbar ausg’steckt hast, musst zu zum Heurigen gehen. Das ist die Pflicht jeden Niederösterreichers.
Ich bin zu Besuch bei meiner Cousine Helene und ihrem Mann Harry, die in Bad Vöslau wohnen.
Und kaum bin ich da, heißt es: Wir freuen dich zu sehen, Amadea. Aber nun richt’ dich zamm, wir gehen zum Heurigen, der Nachbar hat ausg’steckt.
Ich hab’s ja nicht so mit dem Wein. Ich bekomm Sodbrennen, mir wird nach mehr als einem Achterl schlecht.
Heute werden wir einige Weine verkosten, sagt Harry und lächelt.
Schön, sage ich und lasse mir meine Verzweiflung nicht anmerken.
Wir gehen in den Innenhof des Nachbarn.
Tag, sagen alle freundlich. Grüß Gott, sag ich.
Heast, Grüß Gott sagen wir nur zum Buagamasta, sagt Harry.
Ich sag trotzdem Grüß Gott und sonst nichts mehr. Vor Jahren hab ich den Harry beleidigt.
Ich sagte ich damals: Wenn einer jeden Tag Wein trinkt, ist er ein Alkoholiker.
Der Harry trinkt jeden Tag Wein.
Und er sagte: Du hast ja keine Ahnung, Amadea. Wir leben in einer Weingegend und Wein ist gesund.
Mittlerweile weiß ich, dass der Harry kein Alkoholiker ist. Er geht ins Fitnesscenter, ist geistig rege und arbeitet in der Stadtgemeinde.
Also sagte ich dieses Mal zum Harry: Wenn einer schon in der Früh Wein trinkt, ist er Alkoholiker.
Harry trinkt nie in der Früh Wein. Er stimmte mir zu. Gott sei Dank.
Harry und Helene sind meine Lieblingsverwandtschaft und ich will es mir nicht verscherzen mit ihnen.
Wir bestellen fünf Achterl von verschiedenen Weinen. Die Namen hab ich mir nicht gemerkt.
Für mich schmecken alle gleich, will ich fast sagen, aber ich sage nur: Gut. Pfeffrig im Abgang. Ich hab das mal wo gelesen.
Pfeffrig ist da nichts, sagt er. Das ist ein Barriquewein.
Na, da werma morgen aber Kopfweh haben, Helene.
Sodbrennen kombiniert mit Kopfweh. Was Besseres gibt es nicht.
Der Rose schmeckt ein wenig anders, aber die anderen schmecken gleich, sage ich. Harry verdreht die Augen, erwidert aber nichts.
Er reicht die Gläser herum und wir trinken. Ich nur ein kleines Schluckerl und danach fünf große Schluck Wasser.
Mein Gott, Amadea, du trinkst ja nur Wasser, sagt Harry.
Na ja, sage ich und lächle.
Ich trink eh, und nippe am Glas. Ich merke, wie mein Magen rebelliert. Aber ich lasse es mir nicht anmerken und schmatze ein wenig.
Ihr Salzburger, sagt Harry, seid ja nur das Bier gewohnt. Vom Wein habt’s ihr keine Ahnung.
Ich widerspreche nicht und erwähne auch nicht, dass ich die fünf Flaschen Wein, die mir Harry vor zwei Jahren mitgegeben hat, weggeschüttet habe, weil meine Gäste ihn abscheulich fanden und ich auch.
Der geht nit amoi fia an Glühwein, der Essig do, sagte der Bartl, als ich ihm den Wein kredenzte. Woher hast denn den?
Na, vom Harry aus Bad Vöslau, der hat g’sagt, es ist ein guter Wein, süffig und leicht.
Aber das erzähle ich nicht.
Die Stimmung wird immer besser.
Am Nachbartisch zwei Pensionisten. Ich belausche ihr Gespräch.
Na hearst, wie geht’s denn dem Poidl?
Na, dem geht’s eh guat, der redt jo nix.
Is er no mit der Lisl zamm?
Jo, kloar, de zwa vastehn se prächtig, er sogt nix und sie red’t die gonze Zeit. Unlängst hob i sie gfrogt, sog Lisl, wos host denn du fia a Hoarfoarb? Na, braun, sogt sie. Und oben, frog i sie?
Die beiden lachen laut.
Des is mei besta Schmäh, hearst. Hearst, Fredi, heit derfst ned so vül tringa, de Kiwarei passt uns ab.
Mein Gott, an Dialekt habt’s ihr schon, einen wilden, sag ich zu Harry. Kiwarei, was für ein Ausdruck.
Kennst das nicht, Amadea?
Klar kenn ich das, hab ja seinerzeit auch immer Kottan geschaut.
Der Pensionist am Nachbartisch redet weiter.
Hearst, Fredi, woarst gestern im Bod?
Geh spinnst, Toni, glaubst i geh ins Bod ba der Hitzn? Do kriag i jo an Herzkaschperl. Des is a Treib’m do im Bod. De Leit kumman jo za uns va Wien. De hob i eh scho g’fressn, de G’schertn. Do ham mia Insider nix mehr zu melden. Olle Parkplätz san aufg’füllt. Do kummst goar nimma eine in de Gossn. Do sitz i mi liaba in Schanigoartn und trink a Achterl.
Na, recht host, Fredi. I moch des a. Hearst, gestern frogt mi de meinige, ob i ihr des Fruahstuck ans Bett serviern kunnt, Ideen hom die Weiwa. Hearst, hob i g'sogt zu ihr, wonn du a Fruahstuck im Bett wüllst, donn schlof in da Kuchl.
Na, der woar guat, brüllt der Fredi und beide heben ihr Glas.
An unserem Tisch heben auch alle ihr Glas. Ich heb mein Wasserglas.
Prost, Amadea, sagt Harry, heut saufst aber ganz schön viel.

Donnerstag, Juli 31, 2008

der tourist


Es wimmelt von Touristen. In der Stadt Salzburg und hier in den Bergen. Ich habe sie in verschiedene Gruppen unterteilt:


Der Kofferzieher
Jeder Tourist beginnt als Kofferzieher.
Kofferziehen ist Phase eins des Touristenlebens.
Der Kofferzieher tritt allein oder in Gruppen auf.
In der Anfangsphase sucht jeder Kofferzieher ein Hotel. Sein Kopf ist in dieser Phase stats nach oben gerichtet. Sein Blick ist wirr und verloren.
Der Kofferzieher mutiert zu neunundneunzig Prozent im Laufe seines Touristenlebens zu einem anderen Typ Tourist.
Immer kehrt er jedoch am Ende seines Touristenlebens in die Kofferzieherphase zurück, und zwar dann, wenn er abreist und seinen Weg zum Bahnhof oder zur Bushaltestelle sucht. Sein Blick ist dann nicht mehr so verloren, aber nach wie vor wirr.
Der Kofferzieher zieht immer einen Koffer. An der Größe des Koffers erkennt man die Länge seines Urlaubs. Je größer der Koffer, desto länger bleibt er.
Es gibt jedoch Ausnahmen, wie jeder weiß. Diese Ausnahmen beschränken sich ausschließlich auf das weibliche Geschlecht. Es kann also durchaus sein, dass eine Touristin einen Schrankkoffer hinter sich herzieht, in dem sie achtzig Prozent ihrer Garderobe verstaut hat, obwohl sie nur für ein Wochenende bleibt.
Der Kofferzieher ist der gefährlichste aller Touristen. Es kümmert ihn nicht, dass er mitten auf einer stark befahrenen Straße Koffer zieht.
Es ist ihm egal, dass er die Breite des Gehsteigs in Anspruch nimmt.
Er ist der Meinung, dass er Vorrang hat. Und zwar immer.
Er zieht seinen Koffer über alles drüber. Über Schuhe, Zehen, Hunde und Kinderwägen. Wenn dir also ein Kofferzieher unterkommt, so wechsle die Straßenseite. Wenn dir eine ganze Horde von Kofferziehern unterkommt, kehr um, geh nach Hause und sperr die Tür zwei Mal zu. Du ersparst dir so einen Krankenhausaufenthalt.
Kofferzieher sind international. Es gibt weder Ost-West-Gefälle noch Sprachenbarriere.

Der Knipser
Der Knipser befindet sich meist vor einem berühmten Gebäude, auf einer Brücke, vor einer Statue, vor einem Brunnen oder vor einem Berg.
Der Knipser reist in einer Gruppe. Diese Gruppe unterteilt sich in zwei Untergruppen. Eine Untergruppe knipst, die andere lässt sich knipsen.
Der Knipser zeichnet sich durch Autorität und Durchsetzungsvermögen aus. Er schafft es, für die Dauer des Knipsens berühmtes Gebäude, Brücke, Statue, Brunnen und Berg frei zu halten von Einheimischen.
Manchmal benutzt er den Einheimischen sogar als Knipser. Das macht er sehr subtil. Er grinst und sagt immer wieder bitte, please, prego oder s'il vous plaît und zwar so lange, bis der Einheimische einwilligt, ihn vor dem berühmten Gebäude, auf der Brücke, vor der Statue, vor dem Brunnen und vor dem Berg zu knipsen.
Der Knipser kommt zu siebzig Prozent aus Japan, zu neunundzwanzig Prozent aus den USA, und zu ein Prozent aus anderen Ländern.

Der Jäger
Den Jäger findet man in Städten und Dörfern mit alten Gebäuden, Statuen und Museen. Der Jäger ist auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten jeder Art. Er ist der lauteste von allen Touristentypen und glaubt, seine nicht vorhandenen Sprachkennntisse durch Lautstärke ausgleichen zu können.
Wenn das nicht funktioniert, wechselt er zur Methode des Langsamsprechens mit gleichzeitigem Fingerzeig auf ausgebreitete Landkarten oder in verschiedene Richtungen. Begleitet wird die Methode von Grinsen, Kopfschütteln und Nicken.
Merkmal des Jägers ist der an der Hand angeklebte Stadtführer.
Weit verbreitet ist auch die Mischform Jäger-Knipser. Der Jäger (vor allem der laute) kommt zu neunzig Prozent aus den USA.

Der Wanderer
Der Wanderer ist von weitem erkennbar an Kniebundhose, kariertem Hemd und Hut mit Gamsbart. Bis vor wenigen Jahren war sein Merkmal der hölzerne Wanderstab, vollgenagelt mit Plaketten.
In den letzten Jahren tritt er vermehrt mit Nordic-Walking-Stöcken auf. Anstatt der Plaketten trägt er Wandernadeln am Hut.
Der Wanderer ist nicht in jedem Fall einer, der wandert. Er muss nur aussehen wie einer.
Der Wanderer fährt oft auf Forstwegen und Waldwegen mit Fahrverbot und wandert die letzten zehn Meter zu Fuß auf den Gipfel.
Der Wanderer ist der kreativste aller Touristen. Er schreibt Gedichte und weise Sprüche in Gipfelbücher, er ritzt Namen, Adressen und Ich liebe Rita in Bäume und Gipfelkreuze.
Oft findet man den Wanderer sitzend vor Almhütten bei Bier, Obstler und Brettljause und Kaffee und Apfelstrudel.
Der Wanderer ist immer gut gelaut, hat immer einen Sonnenbrand und Blasen an den Füßen.
Der Wanderer kommt zu neunzig Prozent aus Deutschland.

Der Abenteurer
Der Abenteurer ist eigentlich kein Tourist. Er schaut sich nichts an, er knippst nicht, er hält sich nur in Bars und in Nachtklubs auf. Er wandert, aber nur nachts. Der Abenteurer ist jünger als dreißig und meistens männlich.
Er reist nur in Gruppen und ist nachtaktiv. Den Tag verbringt er im verdunkelten Zimmer mit einem Kübel im oder vor dem Bett.
Der Abenteurer übernachtet oft im Freien, sehr oft auf oder vor Parkbänken und Hauseingängen.
Der Abenteurer wird manchmal vom Knippser geknippst und erhält gemeinsam mit Millionen von Menschen auf der ganzen Welt ein Aktfoto als bleibende Urlaubserinnerung per Email.
Der Abenteurer ist also der Berühmteste unter den Touristentypen. Der Abenteurer kommt zu fünfzig Prozent aus Großbritannien und zu fünfzig Prozent aus Schweden.

Der Einheimische
Der Einheimische fühlt sich immer besser als der Tourist. Auch im Ausland.

Montag, Juli 28, 2008

alles was zählt


Mittwoch. Tag zwei der Tour de Mur. Strömender Regen und Gegenwind.
Wir fahren auf der Bundesstraße. Die Laster brausen vorbei, dass es nur so sprüht. Am liebsten würde ich das Radl hinschmeißen, in’s nächste Gasthaus gehen und da bleiben.
Vor mir radelt Batgirl im grauen Regenponcho.
Lo, mein Radl klemmt, schrei ich.
Pause.
Wir fahren in eine Ausfahrt. Ein Gasthaus, etwas heruntergekommen, ein Bushäuschen. Vor uns biegt ein Geländewagen mit Viehanhänger ab.
Schau, ein Anhänger, schreit Lo.
Ja und? Was hat sie nun? Will sie nun die Kühe anschauen?
Ich frag, ob wir mitfahren können, ruft Lo. Schon ist sie am Fenster des Autos und redet auf den Fahrer ein. Da brüllt die Kuh im Anhänger.
Ei biein auf’m Weig nouch Nieideröisterrieich, sagt der Bauer.
Na, dann können wir nicht mitfahren, sagt Lo. Sie sagt es so, als hätte sie gerade einen guten Witz gehört.
Bei mir geht nun gar nichts mehr. Die Schaltung klemmt.
Ich bin klatschnass. Im Wartehäuschen ziehe ich mich um.
Der Fahrer nimmt mein Rad und kurvt herum. Die Schaltung knarrt und quietscht.
Der macht mir das Radl noch ganz hin, sage ich.
Weißt du, sagt Lo, immer wenn ich mit dem Rad fahre, dann stelle ich mir vor, ich trete auf der Stelle und der Boden unter mir bewegt sich. So wie ein Rollband. Einmal schneller, einmal langsamer.
Fang nun ja nicht an, zu philosophieren, Lo. Ich stell mir vor, ich träume das alles und wache gleich auf.
Mit nasser Hose, fragt Lo grinsend? Mir fällt keine Antwort ein.
Sou, deis Raudl geiht wieider, sagt der Bauer im steirischen Dialekt, der der schlimmste Dialekt Österreichs ist.
Ich bedanke mich wieder und wieder und sage: Das hat der liebe Gott sicher gesehen. Der liebe Gott hat das nicht gesehen, sagt Lo. Weil wenn der grad schauen würde, dann würde er die Wolken wegschieben. Wenn der sehen würde, wie wir uns da plagen, dann würd der uns helfen. Wir fahren weiter.
Meine Schulter ist verspannt, meine Hände schlafen ein. Es regnet. Das Rad klemmt nun nicht mehr, aber es funktionieren nur mehr drei Gänge. Die kleinen. Es geht gerade aus. Das Rollband unter mir steht. Ich trete in die Pedale und komm nicht vorwärts.
Batgirl verschwindet aus meinem Blickfeld.
Es geht bergab. Es ist nach zwölf.
Mittagspause im Cafe gleich neben dem Sportgeschäft. Welche Wohltat. Das Sportgeschäft sperrt um halb drei auf. Wie schön!
Lo jammert: Wir kommen heut nicht nach Leoben.
Das ist mir egal, denke ich. Ich will nur sitzen.
Endlich Sonne. Wir sitzen im Freien und dampfen.
Der Kellner ist überfreundlich und setzt sich an unseren Tisch. Er kommt nicht viel zum Reden. Wir reden. Eigentlich jammern wir. Wie anstrengend es ist, wie fertig wir sind. Und vom Schweinehund erzählen wir. Der, der im Nacken sitzt und auf den Oberschenkeln.
Dabei wollten wir ganz anders erzählen. Wir wollten nur Wörter wie zügig, flott, toll, abenteuerlich, lustig verwenden. Alles vergessen.
Und der Kellner bewundert unsere Kondition, unsere Ausdauer und gibt uns Tipps.
Aom beisten fouahrt’s die läeingere Tour. Dou ieis diei Loundschouft vieil schöina.
Gegenüber eine ältere Frau mit guter Figur aber ledriger Sonnenbankhaut und strohigem, rotblondem Haar.
Sie hat falsche Zähne, sage ich zu Lo.
Des is mia wurscht, sagt Lo. Red’ nicht so laut!
Die hört das nicht, die ist nur mit sich selber beschäftigt, sage ich, während die Lady in ihren hautengen Jeans und Stöckelschuhen ins Cafe stöckelt.
An ihrem Tisch ein unsicherer Sechzehnjähriger, der nicht weiß, wie er schauen soll. Er rutscht nervös auf dem Sessel hin und her und weiß nicht, wohin mit seinen Händen.
Wir genießen die Sonne, den Kaffee und den Apfelstrudel.
Wie einfach doch das Leben ist. Alles was zählt, ist sitzen, essen und schlafen. Ich freue mich, wenn es am Radweg bergab geht und ich bin grantig, wenn der Radweg ansteigt.
Ich freue mich, wenn die Sonne scheint, ich bin frustriert wenn es regnet.
Je länger wir mit dem Rad unterwegs sind, desto weniger kümmern wir uns um unsere Frisur, um das Make-up. Das spielt auch keine Rolle, wenn du drei Stunden im Regen mit Helm unterwegs bist, verschwitzt, verdreckt und ausgelaugt.
Es ist halb drei. Lady und Bub stehen auf und sperren das Sportgeschäft auf.
Oje, Lo. Der Bub kann meine Schaltung nicht reparieren, ich seh das.
Und so ist es auch. Er gibt sich zwar Mühe, schaltet herum, zieht da und dort eine Schraube an.
Nach wie vor nur drei Gänge.
An dem Tag radeln wir bis halb sieben. Wir sind in Leoben im Gasthof Zum Greif. Das Zimmer kostet sechzig Euro.
Zu teuer, sagt Lo.
Lo, ich rühr mich nicht mehr von der Stelle, ich brauch einen Kaffee und fahr keinen Meter mehr.
Während Lo geht, sitze ich in der Gaststube am Tresen. Der Mann neben mir baggert mich an. Er hat zu viel getrunken.
Wollen’S an Schnaps, fragt er mich.
Nein, ich will keinen Schnaps, ich will meine Ruh’.
Oder ein Glaserl Wein vielleicht?
Er nervt. Ich setze mich ins Freie direkt neben das gekippte Fenster der Küche. Ich höre Geschirrklappern und rieche Gebratenes.
Lo kommt.
Hast du was gefunden?
Ja, sagt sie, ein Studio für fünfundreißig Euro. Aber nun essen wir zuerst.
Wir setzen uns in die hinterste Ecke des Gastzimmers und bestellen Grillteller mit Pommes und als Nachtisch Besoffenen Kapuziner. Innerhalb kürzester Zeit haben wir alles weggeputzt.
Weißt du, sagt Lo, das ist das Beste an dieser Radtour. Wir können so richtig viel essen.
Ja, sage ich. Wir können richtig fressen. Grillteller mit Pommes hab ich seit meiner Kindheit nicht mehr gegessen.
Der Kellner hat eine Freud mit uns.
Wollen’S noch ein Cordon Bleu, fragt er uns, als wir mit dem Nachtisch fertig sind. Ha, sage ich zu Lo, er ist witzig.
Ich lege mich auf die Bank.
Amadea, die Leut’ schauen schon.
Des ist mir wurscht, die schauen sowieso, so wie wir ausschauen, außerdem kennt uns keiner.
Nach dem Essen beziehen wir das Studio im Zentrum Leobens, das Lo für uns gefunden hat.
Hundert Quadratmeter Wohnung.
Aber das ist uns egal. Auch die Riesencouch vor dem Fernseher beeindruckt uns nicht.
Alles was zählt, sind Dusche und Bett.
Im acht Uhr liegen wir.
Um acht ging ich das letzte Mal ins Bett, als ich zwölf war.
Wie einfach doch das Leben ist.

Samstag, Juli 26, 2008

tour de mur





Dienstag: Mauterndorf - Scheifling




















Mittwoch: Scheifling - Leoben










Donnerstag: Leoben - Graz




Freitag: Mit dem Zug von Graz nach Hause



Freitag, Mai 09, 2008

endlich urlaub


. . . und eine Woche Meer

Montag, August 13, 2007

I am off


...to Vienna


Montag, August 06, 2007

das souvenir


Mein Koffer liegt am Boden mit offenem Maul, unausgepackt, und starrt mich an.
Räum mich aus, sagt er.
Ich liege auf der Couch mit offenem Mund, gähnend, und starre ihn an.
Später, sage ich.
Plötzlich sehe ich, dass zwischen den Kleidern und Schuhen, die aus seinem Mund quellen, sich etwas bewegt. Es ist ziemlich groß. Es gehört nicht hier her. Nicht in meine Wohnung.
Ein riesiger Käfer mit riesigen Fühlern, dunkelbraun, groß.
Mein Koffer hat noch immer sein Maul offen, er schaut gelangweilt.
Ich auch, aber ich schaue entsetzt.
Eine Küchenschabe!
Da kriecht eine riesige, grausliche Küchenschabe über meinen Boden. In Windeseile. Ich liege noch immer auf der Couch. Reglos. Nicht fähig, mich zu bewegen. Panik. Was mach ich nun? Ich kann da nicht runter mit den Beinen. Nicht auf den Boden. Nicht dahin, wo diese Schabe krabbelt, dieses Untier.
Diese Küchenschabe habe ich eingeschleppt. Unwissentlich. Die hat sich bei mir im Auto eingenistet undversteckt. In der Stille der Nacht hineingekrabbelt in mein Auto und in den Koffer.
Das war eine Verschwörung. Klar, nun weiß ich auch, warum diese Fensterputzer ständig um mein Auto herumgeschlichen sind. Die wollten gar nicht mein Fenster putzen. Nein, sie waren alle Mitglieder der Mafia.
Der Küchenschabenfensterputzermafia.
Ja, genau so war das.
Fenster putzen, mich ablenken, mich zum Geldwechseln schicken und währenddessen einen blinden Passagier in mein Auto schmuggeln.
Und den Koffer haben sie auch rumgekriegt. Der war auch beteiligt.
Ich schaue ihn an. Er schaut gelangweilt.
Wenn ich mir das vorstelle! Ich saß vermutlich stundenlang neben diesem Untier. Und diese Schabe hat mich die ganze Zeit beobachtet, während ich heimfuhr. Die saß da irgendwo am Rücksitz und beobachtete mich heimlich. Oder am Boden und schaute mir unter den Rock. Oder an der Decke und schielte in meinen Ausschnitt. Vermutlich ist sie mir ganz nahe gekommen, hat mich berührt mit ihren Fühlern, mit ihren Beinen, ohne dass ich etwas bemerkt habe.
Klar bemerkst du nichts wenn du konzentriert fährst und die Musik laut dröhnt.
Und irgendwann, kurz vorm Ziel muss sie in meinen Koffer geschlüpft sein.
Ja, genau, an der Tankstelle. Da war ich schon in Österreich. Da holte ich mir die anderen Schuhe aus dem Koffer.
Und da ist sie hinein. Blitzschnell. Und der Koffer hat bereitwillig sein Maul geöffnet. Na toll. Ich schaue ihn an. Er schaut weg. Und nun krabbelt diese Schabe da herum. Auf meinem Boden.
Was mach ich nur? Ich muss sie töten. Aber wie? Ich habe Angst.
Ich schaue zum Koffer. Das hast du mir eingebrockt. Nun hilf mir.
Er hilft mir nicht. Sein Maul ist noch immer offen. Er grinst.
Grins nicht so blöd. Ich weiß schon Bescheid über dich.
Klapp. Sein Maul schnappt zu.
Nun tut der auch noch beleidigt. Eine Frechheit ist das. Der braucht nun gar nicht so beleidigt tun. Der hätte auch was unternehmen können. Der hätte dieses Untier einklemmen können und zerquetschen. Der ist ja gut im Einklemmen. Jedenfalls bei mir. Hat ja mich auch schon einige Male gezwickt.
Jedenfalls kommt er nicht mit das nächste Mal. Auf keinen Fall. Ich nehme seine schwarze Cousine, die Reisetasche mit.
Die Küchenschabe krabbelt nicht mehr. Sie sitzt. Nur ihre Fühler bewegen sich. Mit erhobenem Kopf sitzt sie da. Was macht sie? Überlegt sie? Hat sie Pläne? Oder ist sie verwirrt?
Ich muss diesen Moment nützen. Carpe momentum.
Ich greife ganz langsam nach den Illustrierten.
Der Koffer starrt mich an. Halt ja dein Maul, flüstere ich ihm zu.
Ich merke, dass er beleidigt ist. Der sagt nun nichts mehr, das spüre ich.
Ich hole aus mit meiner ganzen Kraft aus und schleudere die Illustrierten auf das gepanzerte Untier. Wie ein Donnerschlag.
Der Koffer zuckt zusammen. Sein Maul klappt wieder auf.
Ich stehe schnell auf und springe auf die Zeitschriften. Hüpfe auf und ab. Mehrmals. Nun ist sie tot. Nun ist sie bestimmt tot, die Schabe.
Der Koffer schaut mich noch immer an. Schon wieder scheint er zu grinsen.
Hör sofort auf, rufe ich ihm zu, sonst bist du der nächste.
Er schließt die Augen und ächzt ein wenig.
Es ist ruhig. Die Illustrierten liegen am Boden. Darunter, irgendwo die Küchenschabe. Ich wage nicht, nachzusehen.
Der Koffer liegt auch da wie leblos. Ich gehe ins Bett.
Am nächsten Morgen räume ich den Koffer aus. Die Illustrierten liegen noch immer da.
Schau schon nach, raunt er mir zu.
Halt dein Maul, du kommst gleich in den Keller.
Ich hebe vorsichtig die Zeitschriften hoch.
Da liegt sie. Zerquetscht, platt, die Fühler daneben. Zwei ihrer Beine auch.
Mitleid hab ich keines. Ich hole den Staubsauger und sauge sie weg.
Als ich den Koffer in den Keller trage, flüstert er mir zu:
Du hysterisches Weib, du hysterisches. Weißt du eigentlich, dass ich jedes Jahr ein kleines Souvenir mitnehme? Vorigen Sommer war es die Eintagsfliege. Zu Ostern die Spinne. Vielleicht im nächsten Jahr eine kleine Schlange, wer weiß? Lass dich überraschen.

Sonntag, Juni 10, 2007

camping


Bin ich froh, dass die Zeiten des Campingurlaubs vorbei sind.
Jahrelang hab ich diese Tortur mitgemacht.
Als Kind mit meinen Eltern und meiner Schwester, später als Mama von zwei Söhnen.
Ein Urlaub am Meer war natürlich viel zu kostspielig. Bei uns ist es eh so schön, warum also anderswo hinfahren, war das Motto meines Vaters.
Der Renault 6, unser nagelneues Auto, wurde vollbepackt mit Zelt, Luftmatratzen, Schlauchboot, Alugeschirr, Dosen mit Bohnensuppe, Rindsgulasch und unzähligen Packerlsuppen. Dann ging es los - Richtung Wolfgangsee. Und der Papa stellte ständig Fragen nach Namen von Bergen, Seen und Flüssen. Ich hatte keine Ahnung und es interessierte mich auch nicht.
Mama stellte auch Fragen. An den Papa. Haben wir die Geschirrtücher mit? Wo hast du die Campingsessel verstaut? Haben wir nicht etwas vergessen?
Zu uns sagte sie: Schaut, wie schön die Landschaft ist! Ist es nicht wunderbar, in den Urlaub zu fahren?
Ich sagte nichts und stellte mich schlafend.
Kaum angekommen, wurden die Zelte aufgestellt. Es gab immer irgendwelche Zwischenfälle. Und Papa nervte.
Wo sind die Haken? Nein, diese Stange gehört nach hinten. Hilf mit, Amadea. Stell dich nicht so dumm an. Hausverstand hast du gar keinen. Das kommt davon weil du ständig bei deinen Büchern hockst und dich nicht nützlich machst. Ihr schlaft im kleinen Zelt.
Und damit begannen die Streitigkeiten. Wer schläft auf welcher Seite und auf welcher Luftmatratze? Ich war ohnehin grantig, die ganze Zeit. Zwei Wochen im Zelt mit meiner Schwester, dieser Nervensäge. Mama war auch grantig.
Papa, wir haben die Petroleumlampe nicht dabei.
Ich habe sie auf den Tisch gestellt, sagte Papa.
Auf dem Tisch war nur der Blasebalg.
Der Blasebalg war auf dem Küchentisch. Die Petroleumlampe stand auf dem Wohnzimmertisch. Ich stelle sie jedes Jahr auf den Wohnzimmertisch.
Na, da hab ich nicht geschaut, sagte Mama. Nun haben wir halt kein Licht.
Und wo ist der Hammer? fragte Papa.
Um den Hammer hab ich mich noch nie gekümmert.
Wie soll ich dann die Zelthaken einschlagen?
Nimm den Schnitzelklopfer.
Und wo ist der?
Ganz unten in der grünen Tasche.
Da ist keine grüne Tasche, da ist nur eine blaue.
Das ist die grüne Tasche, die blaue.
Es regnete immer wenn wir das Zelt aufstellten. Wenn es nicht regnete, dann begann es zu regnen, noch bevor es aufgestellt war. Regnen stimmt eigentlich nicht, es schüttete.
Papa war klatschnass. Er war auch klatschnass, wenn es nicht regnete. Weil er so schwitzte.
Und endlich stand das Zelt. Mitten im Bach, der sich gebildet hatte und nicht weit weg vom Klo.
In der Nähe des Waschraumes ist es kommot, sagte Mama. Da habt ihr nicht weit zur Abwasch. Heuer wasche ich nicht ab, sagte die Schwester. Heuer wäscht Amadea ab. Ich habe voriges jahr abgewaschen.
Das reichte mir dann vollends.
Die ersten Tage hatten wir immer Regen.
Die einzige Abwechslung war das Beobachten des Baches. Würde er durch das Zelt der Eltern fließen oder durch das unsrige? Er floss meistens durch das Zelt der Eltern. Und dann flüchteten wir immer ins Auto, dessen Fenster anliefen. Da saßen wir und warteten. Auf besseres Wetter. Meine Schwester nervte wie immer.
Nervt nicht, sagte Mama.
Ich nerv nicht, sagte ich. Sie nervt.
Spielt halt Mensch ärgere dich nicht. Und ich spielte halt.
Amadea schwindelt immer, raunzte meine Schwester.
Streitet nicht, genießt den Urlaub.
Und Papa machte dann auf Abenteuerurlaub und wurde übermütig. Vor Stress vermutlich. Kommt, Kinder, raus in den Regen. Das tut gut. Da wachsen die Haare.
Und schon ging’s raus in den Regen und ich musste mit, obwohl ich nicht wollte. Ich wollte nur meine Ruhe haben und lesen. Aber Lesen im Auto war auch unmöglich weil Mama ständig jammerte und alle paar Minuten das Autofenster runterkurbelte besorgt zum Himmel schaute und sagte: So ein Regen. So einen Regen hatten wir noch nie.
Mama, so einen Regen hatten wir letztes Jahr auch und das Jahr zuvor. Wir hatten immer Regen, wenn wir zelten fuhren. Wir hatten Regen solange ich denken kann.
Red nicht so einen Blödsinn, sagte Mama. Willst ein Schmalzbrot?
Ich wollte nicht.
Und dann spielten wir Fangen mit Papa. Im Matsch. Und wenn ich ihn erwischte, packte er mich und kitzelte mich. Wie ich das hasste, gekitzelt zu werden.
Und Papa wurde immer übermütiger.
Und Mama kurbelte das Fenster runter und rief: Bis eine weint.
Und schon weinte eine. Meine Schwester. Wie immer.
Sie weinte, weil ich sie erwischt hatte. Lass sie halt gewinnen, sagte Mama.
Scheiß Zelteln, schrie ich.
Und Mama schimpfte, Das Kind hat Manieren. Von mir hat sie das nicht.

Dann kam der Tag, an dem schwor, niemals mehr Campingurlaub zu machen. In meinem ganzen Leben nicht mehr.
Das war der Tag, als unser Zelt vom Regenbach weggeschwemmt wurde gemeinsam mit meiner Kassettensammlung von Eric Clapton, Bob Dylan und der Rolling Stones. Auch mein Tagebuch war weg und meine Bücher.
Aber wie das halt so ist mit den Schwüren, die man in seinem Leben so macht. Irgendwann sind sie vergessen oder man wird überrumpelt mit Argumenten, die keine sind.
Das geschah, als ich Familie hatte.
Mein Exmann, ein Naturbursche, der ebenfalls, so wie mein Vater der Meinung war: Bei uns ist es eh so schön und wir sind keine Familie wie jede andere, und deshalb fahren wir nach Kärnten an den Millstättersee.
Meine Bedenken, dass Zelten anstrengend sei und nur Arbeit und ungemütlich, wurden in den Wind geschlagen. Vor allem dadurch, dass wir via Zeitungsannonce einen Zeltanhänger erstanden.
Eine feine Sache, so ein Zeltanhänger, sagte der Exmann, du bist nicht auf dem Boden, du bist weg vom Boden. Eben auf einem Anhänger. Da fließt der Bach unten durch falls es mal regnen sollte, und du bist da fein im Trockenen. Eine feine Sache.
Der Zeltanhänger war wirklich etwas Tolles. Ein russisches Modell. Ich war ein wenig skeptisch ob der vielen Ösen. Die Reißverschlüsse waren aus Metall.
Das ist russische Qualität, versicherte mir der Exmann, da kann kein Reißverschluss reißen, das ist alles ordentlich gemacht.
Er riss nicht, der Reißverschluss, aber er war undicht. Undicht war auch das Zelt. Und da half auch nicht das vorsichtige Entfernen der Wasserlachen, die sich an verschiedensten Stellen des Zeltdaches angesammelt hatten.
Das Geheimnis ist, sagte der Exmann, dass du das Zelt nicht berühren darfst wenn du das Wasser abschüttelst.
Ich berührte nichts, trotzdem tropfte es. Herein in unser Zelt. Auf die Tuchenten und Polster, auf die Kleidung.
Der Bach rauschte unter dem Zeltanhänger durch und hinein ins Vorzelt. Aber das war egal. Weil im Vorzelt waren wir nicht. Wir waren alle im Schlafzelt im Zeltanhänger. Die Kinder quengelten, der Exmann war in Abenteuerstimmung.
Ist das nicht toll? Draußen regnet es und wir haben es hier herinnen so richtig gemütlich.
Die Uno-Karten wurden zum zwanzigsten Mal ausgeteilt nachdem ich die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz zehnmal vorgelesen hatte.
Wenn ich dann manchmal doch das Zelt verließ, weil Mutter Natur ihr Recht forderte und ich die Waschanlage aufsuchte, verging mir die Lust am Zelten vollends.
Die Waschanlage stank zum Himmel, es gab weder Klopapier noch Papierhandtücher und der Blick auf die Zeltstadt glich einem Flüchtlingscamp.
Die männlichen Bewohner der Zeltstadt sahen ebenfalls aus wie Flüchtlinge. Abgekämpft vom ständigen Wasserschöpfen und Regenbachumleiten, mit grimmigen Mienen und nass-struppigen Haaren. Ihre Frauen saßen gelangweilt und genervt in den Vorzelten und beobachteten den Regen und ihre Ehemänner beim Wasserschöpfen und Regenbachumleiten.
Wenn wir Glück hatten, kam an den letzten beiden Tagen unseres Urlaubs die Sonne zum Vorschein und wir verbrachten die Tage mit dem Trocknen der Kleidung.
Es dampfte im Zelt. Die Kleidung dampfte auch und stank wie ein nasser Putzfetzen. Am letzten Tag wurde dann alles zusammengepackt.
Alles war feucht und stank.
Ich stank auch.
Der Exmann war nach wie vor in Abenteuerstimmung und gutgelaunt. Wie schön und erholsam das doch war.
Und wir fuhren wieder heim. Ich war fix und fertig. Die Kinder quengelten.
Der Exmann war guter Dinge.
Wie schön, dass wir wieder nach Hause fahren. Nun haben wir noch ein paar Tage zum Entspannen, bevor die Arbeit wieder beginnt.
Ja, wunderbar,
sagte ich und dachte an die viele Arbeit, die vor mir lag – auspacken, verstauen, Wäsche waschen.
Gestern Abend kam der Lover.
Überraschung, Überraschung! Wir fahren im Sommer nach Spanien.
Wie schön,
sagte ich. Spanien kenn ich nicht gut. Da war ich erst einmal. An's Meer?
Ja, an's Meer. Wir fahren mit Motorrad und Zelt, ist das nicht wunderbar?

Wunderbar, sagte ich.
Ich kann es kaum erwarten.