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Samstag, Juli 07, 2007

sebastian - teil 3


Neun Wochen Ferien liegen vor mir.
Und heute, am ersten Tag bin ich um sieben wach. Wegen Sebastian.
Und wegen des Besuchs von Sebastian.
Der Sebastian hat Besuch aus Wien.
Der Besuch Sebastians heißt Kevin.
Mit Kevin sind auch Kevins Eltern gekommen.
Und da hör ich nun ganz neue Töne schallen.
Heaaaaast, Kevin, kummm ausse do, schreit der Kevinpapa aus Wien.
Der Kevin schreit.
Der Kevin schreit wie der Sebastian. Nur halt wienerisch.
Der Wiener Dialekt kann ja ganz amüsant sein.
Aber nicht um sieben morgens am ersten Ferientag.
Nicht, wenn ich im Bett liege.
Das fängt ja gut an.
Heaaaaaaaast, Kevin, kumm ausse do vum Nochboargoatn.
Nun höre ich den Sebastian rattern.
Auf dem Traktor.
Do her, Sebaaaaaaaastian, schreit der Sebastianpapa.
Nit zan Kevin gehen in den Goartn.
So ein Gfrast, i vasteh däs net, der spült do Vasteckn. Her kummst do, Kevin, schreit der Kevinpapa aus Wien.
Kevin kommt nicht.
Kimm her do, Sebaaaastian, schreit der Sebastianpapa.
Sebastian kommt nicht.
Der Traktor rattert nicht mehr so laut.
Sebaaaastian, pass auf, do kimmt a Auto.
Sebastian passt nicht auf.
Kevin ist noch immer im Nachbargarten und Sebastian rattert noch immer auf seinem Traktor.
Ich stehe auf und gehe auf den Balkon.
Der Sebastianpapa und der Kevinpapa stehen beide mit verschränkten Armen im Hof.
Der Sebastian ist nicht zu sehen.
Der Kevin ist nicht zu sehen.
Der Sebastian und der Kevin sind auch nicht zu hören.
Heaaaast, i sog da, des woar a Foahrt do heer. A Wohnsinsstau auf a Autobohn, sagt der Kevinpapa zum Sebastianpapa. Und des G’frast hot mi woohnsinnig g’mocht. Dieses Gepläärre in aaaana Duaaa.
Ich schaue hinunter. Vor dem Nachbargarten steht der Traktor vom Sebastian.
Heaaaaaast, wo san de Buabn hin, host du a Aahnung? fragt der Kevinpapa.
I woaß nit, es is mia a wuascht, sagt der Sebastianpapa.
Hupf eini in Goartn, wer waaß, wos de badn tuan.
Spinnst, i hupf do nit do eini in den fremdn Goartn, de san eh so empfindliche Nochbarn.
Das Fenster im Haus gegenüber öffnet sich.
Die Sebasianmama erscheint.
Frühstück!
Habt’s ihr Semmeln geholt?
Was für Semmeln? fragt der Sebastianpapa.
Ihr solltet doch Semmeln holen gehen, sagt die Sebasianmama. Und wo ist überhaupt der Sebaaastian?
Es erscheint die Kevinmama im Fenster.
Heaaast, wo is da Kevin?
Auf einmal lautes Geschrei aus Nachbars Garten.
Die beiden Frauen vom Fenster gegenüber verschwinden.
Gleich darauf geht die Haustür auf und sie sausen heraus.
Vorne dran die Sebastianmama.
Hinten nach die Kevinmama.
Sie springen über die Thujenhecke.
Zuerst die Sebastianmama.
Dann die Kevinmama.
Der Sebastian schreit.
Der Kevin schreit auch.
Die Nachbarin schreit auch.
Kennts ihr nit aufpassen auf eichane Kinder?
Eine Frechheit ist das.
Meine Salatpflanzln.
Alles hin.
Sebaaaastian, du Bösa, Bösa, wos hast du g’mocht?
Schau amoi, ois kaputt, bösa bösa Bua du.
Und schau amoi deine Handi an. Pfui gagga, hiaz gemma owa auffi, schimpft die Sebastianmama.
Nimm den Buam,
schimpft sie zum Sebastianpapa.
Er nimmt ihn.
Sebastian schreit.
Der Sebastianpapa schreit nicht.
Der Sebastianpapa sagt nichts.
Der Sebastianpapa schweigt.
Die Kevinmama schimpft auch.
Heast, du G’fraaast, wo glaubst du ääägentlich, du Frotz. Du konnst doch do nicht in an fremdn Gattn gehen. Na schau, wie du nun oooossiehst bäää de Finga, du Schweindl,
Na, heaaast, nimmst mia das Kind vielleicht ab,
schimpft die Kevinmama zum Kevinpapa.
Der Kevinpapa nimmt das Kind.
Der Kevin schreit.
Der Kevinpapa schreit nicht.
Der Kevinpapa sagt nichts.
Der Kevinpapa schweigt.
Der Sebastianpapa und der Kevinpapa gehen mit dem schreienden Sebastian und dem schreienden Kevin ins Haus.
Die Sebastianmama sagt zur Kevinmama: Geh schon mal rein, ich muss noch Semmeln holen. Und schon sind beide verschwunden.

Ich freue mich auf die Ferien.
Neun Wochen.
Neun Wochen Ferien mit Sebastian.

Montag, Mai 14, 2007

sebastian - teil 2


Weißt du, woran ich merke, dass Muttertag ist?
Nur der Sebastian und der Sebastianpapa sind zu sehen.
Direkt unter mir.
Der Sebastian ist auch zu hören. Lautstark.
Der Sebastian und der Sebastianpapa sind auf dem Asphalt.
Von der Sebastianmama ist nichts zu hören und nichts zu sehen. Die schläft vielleicht. Oder sie schiebt den Braten ins Rohr.
Der Sebastian schiebt auch. Seinen Traktor. Wie immer.
Der Sebastianvater schiebt ebenfalls. Keine ruhige Kugel. „Schiab nit so wüd, Sebastiaaaaan. Tuast den Traktoa eh nit so wüd schiam?“
Der Sebastianpapa sitzt auf dem Parkplatz. Der Sebastian schiebt den Traktor vom einen Parkplatzende zum anderen. Laut schreiend. Wie immer.
Alina kommt. Alina hat keinen Traktor. Alina hat eine Puppe. Alina gefällt der Traktor. Das sieht man. Weil die Puppe fliegt. In hohem Bogen. Und landet auf dem Parkplatz direkt neben dem Sebastianpapa. Der schaut die Puppe kurz an und schreit: „Schau amoi, Sebaaaaastian, die Alina is a do!“
Der Sebastian schaut nicht.
„Sebaaaaastian, die Alina, schau amoi. De wü mit dir spieli, die Alina.“
Der Sebastian schaut noch nicht.
Der Sebastian hört den Sebastianpapa gar nicht. Weil der Sebastian schreit nur und schiebt. Wer kann da schon etwas hören. Da kann man nicht einmal etwas sehen.
Alina steht neben dem Sebastianpapa und wartet. Sie schaut. Dem Sebastian nach. Sie hat die Hand im Mund. Die ganze Hand. Der Sebastianpapa nimmt die Puppe, die neben ihm liegt und ordnet ihr das Höschen.
„Sebastiaaaaan, die Alina is do, schau amoi. Schiab den Traktoa nit so wüd!“
Der Sebastian kommt. Aber nicht, weil der Sebastianpapa gerufen hat. Er kommt weil er ist am anderen Ende des Parkplatzes angelangt.
Er dreht um und kommt. Direkt auf den Sebastianpapa zu.
Mit dem Traktor.
„Sebaaaaastian, nicht den Papa zammfaaahn, das tut dem Papa weh, gö?“
Sebastian hört nicht.
Der Traktor rattert, Sebastian schreit.
Plötzlich schreit der Sebastianpapa auch. Der Traktor rattert nicht mehr. Er liegt verkehrt am Parkplatz. Der Sebastianpapa auch. Der Sebastian schreit eine Nuance lauter und eine Oktave höher. Wie eine Operndiva schreit er. Der Papa schreit auch: „Sebaaaastian, jetzt tut dem Papa sein Popschi aber weh. Du bist ein böser Sebastiaaaaan. Lieb sein, Sebastiaaaaan.“
Sebastian dreht sich um. Will den Traktor aufheben.
Da fährt die Hand aus Alinas Mund hin zum Traktor. Schon hat sie ihn. Und die zweite Hand ist auch schon da. So schnell kann der Sebastian gar nicht schauen ist sie weg, die Alina.
Rattert über den Parkplatz wie eine Schneekönigin.
Stille.
Sebastian schreit nicht mehr.
Eine Sekunde lang.
Dann wieder. Wieder eine Nuance lauter und und wieder eine Oktave höher.
Der Sebastianpapa schreit ebenfalls. Auch eine Nuance lauter aber eine Oktave tiefer.
„Der Sebaaaaastian lasst die Alina schon mit dem Traktor foahn, gö?“ „Du derfst derweil mit der Alina iahn Puppi spieln, gö?“
„Schau, wos des liabe Puppi fia a nett’s Blusi an hat. So a nett’s Blusi is des.“ Der Sebastian sieht weder Blusi noch Puppi. Er sieht gar nichts. Wenn einer so schreit, kann er nichts sehen. Sebastian sieht nur rot. Obwohl der Traktor grün ist. Der Sebastianpapa hält dem Sebastian das liabe Puppi mit dem netten Blusi vor’s Gesicht. Der Sebastian schnappt das liabe Puppi beim netten Blusi und haut es dem Sebastianpapa ins Gesicht.
„Sebaaaaaastian, hiaz gemma owa heiti heiti, gö?“ „Hiaz is’ owa gnuag. Hiaz tuat da Papa dem Sebaaaaastian sei Handi patschi patschi.“
Alina ist weg. Mit ihr der Traktor. Der grüne.
Der Sebastian sieht noch immer rot.
Mittlerweile sieht der Sebastianpapa auch rot. Er schnappt den Sebastian und zerrt ihn über den Parkplatz Richtung Haustür.
In diesem Moment öffnet sich das Fenster. Die Sebastianmama streckt den Kopf heraus und schreit:“ Wos is den los mit mein’ Sebastiaaaaaanschatzibutzi? Hat die Alina dem Sebaaaaastian an Traktoa g’numma? Du oarm’s Schatzi, du oarm’s. Owa hiaz tan ma eh mampfin, gö?“
Und zum Sebastianpapa schreit sie. „Des is wieda amoi typisch. Oamoil im Joahr loß i di mit dem Buam alloa. Scho schreit er!“
Sie knallt das Fenster zu.
Der Sebastian und der Sebastianpapa gehen ins Haus. Beide schreiend.
Wehmütig schaue ich ihnen nach.
Dann ist es still. Den ganzen Nachmittag lang. Auch am Abend höre ich nichts. Ungewöhnlich ist das. Unheimlich. Der Sebastian wird doch nicht? Nein, das kann nicht sein. Er ist ja noch so klein. Und so lieb.
Aber verstehen würd’ ich das schon, würd ich, gell?

Donnerstag, April 19, 2007

sebastian


Ich kann den Namen Sebastian nicht mehr hören.
Weil ich höre ihn seit Beginn der Schönwetterperiode jeden Tag. Mehrmals.
Ich weiß nicht, wie der Sebastian aussieht. Nicht genau, jedenfalls. Ich kenne ihn nur von weitem.
Ich weiß nicht, wie der Sebastian redet. Ich habe ihn noch nie reden gehört. Nur schreien.
Ich weiß nicht, wie alt der Sebastian ist. Vermutlich um die drei Jahre..
Ich weiß auch nicht, ob der Sebastian ein nerviges Kind ist.
Ich weiß aber, dass die Sebastianmama nervig ist.
Ich weiß auch, dass der Sebastianpapa nervig ist.
Der Sebastian wohnt im Haus gegenüber.
Ich habe nichts gegen den Sebastian.
Aber ich habe sehr wohl etwas gegen die Sebastianmama. Sie kann nicht reden. Reden kann sie schon, aber nicht sprechen. Nicht ordentlich. Sie kann nur Sebaaaaastian sagen. Sie hat einen Knödel im Rachen stecken. Zusätzlich zum Rachenknödel hat sie eine nervige Stimme. Eine nervige Stimme, die an den Bohrer beim Zahnarzt erinnert.
Ich habe auch ziemlich viel gegen den Sebastianpapa. Der Sebastianpapa hat keinen Rachenknödel. Aber er hat einen Frosch. Da, wo bei der Sebastianmama der Knödel steckt, sitzt beim Sebastianpapa der Frosch.
Und jedes Mal, wenn der Sebastianpapa redet, quakt der Frosch. Entweder gleichzeitig oder stattdessen.
So genau kann ich das nicht sagen.
Jedenfalls kann der Sebastianpapa mit Rachenfrosch auch gut Sebaaaaastian sagen.
Leuten mit Knödeln oder Fröschen im Rachen sollte verboten werden, ihr Kind Sebastian zu nennen. Es sollte ihnen überhaupt verboten werden, ihrem Kind einen Namen zu geben, in dem ein A enthalten ist.
Solche Eltern dürften ihre Kinder nur Tom, Joe oder Su nennen.
Bei Tom, Joe und Su hört man nicht, wenn jemand einen Rachenknödel hat, und eine froschige Stimme würde auch nicht besonders auffallen.
Das Wetter ist schön, die Sonne scheint und Sebastian ist vor dem Haus.
Dagegen ist nichts zu sagen. Es sind auch andere Kinder vor dem Haus.
Das Problem ist halt, dass die Sebastianmama und der Sebastianpapa auch vor dem Haus sind.
Sebastian redet nie. Er schreit stattdessen. Er plärrt.
Er schreit und plärrt relativ wenig.
Er ist sehr geduldig.
Ich bewundere das an ihm.
An seiner Stelle würde ich ständig schreien. Und plärren.
Sebaaaaastian, komm her da! Da kommst her, Sebaaaaastian. Das ist die Sebastianmama. Sebastian kommt nicht.
Ich sehe das zwar nicht weil ich im Liegestuhl liege, aber ich höre, dass Sebastian nicht kommt.
Weil die Sebastianmama sagt schon wieder: Komm her, Sebaaaaastian, komm doch her. Sebastian kommt nicht.
Sebaaaaastian, du musst dein Huti aufsetzen. Das ist der Sebastianpapa.
Die Sebastianmama und der Sebastianpapa können nicht Deutsch. Das ist aber nichts Besonderes. Viele Österreicher können nicht deutsch.
Die Sebasianmama und der Sebastianpapa können aber auch nicht österreichisch. Sebaaaaastian, gemma Kuhlimuh schauen?
Keine Antwort.
Sebaaaaastian, tun wir zu den Kuhlimuh schauen gehen?
Keine Antwort.
Sebaaaaastian, die Mama tut auch mitgehen zu die Kuhlimuh.
Ja, Sebaaaaastian, die Mama tut auch mitgehen zu die Kuhlimuh, sagt die Sebastianmama.
Der Sebastian fährt Traktor.
Ich höre es. Sebastian, ich bitte dich, gib eine Antwort, sage ich lautlos.
Oder magst Sandi spielen gehen, Sebaaaaastian?
Ja, Sebaaaaastian, tust mit der Alina Sandi spielen!
Der Papa geht auch mit,
sagt der Sebastianpapa. Der Sebastian fährt noch immer Traktor. Ich höre es.
Der Papa hat auch das Küberl mit und das Schauferl, sagt der Sebastianpapa.
Der Papa hat einen Dachschaden, sage ich. Halblaut. Und - Geh ja nicht mit, Sebastian. Der Papa ist ein Vollkoffer. Fahr weiter mit deinem Traktor. Fahr, fahr. Bis ans Ende der Welt.
Sebaaaaastian, sagt die Sebastianmama, die Mama geht auch Sandi spielen.
Und hutschihutschi machen können wir auch, Sebaaaaastian.
Ich höre, dass er muss, der Sebastian. Sandi spielen und Hutschihutschi machen.
Er schreit. Den Traktor höre ich nicht mehr.
Nicht die Alina mit Sand bewerfen, Sebaaaaastian! Nein, Sebaaaaastian, das tut der Sebaaaaastian nicht, gell? Das ist kein böser Sebaaaaastian. Der Sebaaaaastian ist ganz lieb.
Nicht die Alina hauen tun, Sebaaaaastian.
Sebastian, hau ihnen die Schaufel über die Birne, sage ich laut.
Nein, Sebaaaaastian. Du böser Sebaaaaastian, Papa tuat hiaz Handipatschipatschi, sagt der Sebastianpapa.
Sebastian schreit. Alina schreit auch.
Sebastian plärrt. Alina plärrt auch.
Schau, Sebaaaaastian, jetzt tut die Alina weini weini. Du böser. böser Sebaaaaastian.
Nun gehen wir aber hinein, Sebaaaaastian. Es ist eh schon halb sieben.
Sebaaaaastian, wir tun jetzt heiti machen gehen, gell?
Sebastian schreit.
Sebaaaaastian, tust jetzt das Küberl und das Schauferl mitnehmen und dann gehen wir ins Betti heiti heiti machen.
Sebastian plärrt.
Jetzt setz das Huti wieder auf, Sebaaaaastian.
Schau, der Papa hat den Zutzi. Mh, so gut, der Zutzi.
Es reicht mir. Ich gehe in die Wohnung und schließe die Balkontür.
Das war letzte Woche.
Und heute waren sie wieder alle da.
Vor dem Haus.
Der Sebastian mit Traktor.
Die Sebastianmama mit dem Küberl.
Der Sebstianpapa mit dem Schauferl.
Sebaaaaastian, jetzt bekommen wir dann bald ein Butzi, ein kleines. Da drin in der Mami ihrem Bauchi ist das.
Ja, das Butzi kommt bald, Sebaaaaastian.
Wenn es ein Buberl wird, dann heißt es Karl-Matthias, und wenn es ein Mäderl wird, dann heißt es Anna-Maria.
Sebastian schreit.
Ich schreie auch.