Montag, Mai 07, 2007

dead gorgeous woman walking


Du, Amadea – beim Hofer gibt’s die Nordic- Walking-Stecken. Die kaufst du dir.
Anna, du weißt genau, dass ich nichts davon halte. Dieses Nordic Walking. Das ist spazieren gehen mit Hakelstecken. Ich sehe sie manchmal, diese nordischen Spaziergänger. Wie Elche spazieren sie herum. Es gibt zwei Arten von diesen Walkern. Die ausgemergelten, die sich nur von Spargel und Buchweizenlaibchen ernähren. Die haben diesen verbissenen Zug um den Mund.Man sieht sie auf Waldwegen im Gebirg. Die hetzen durch die Gegend. So als ob ihnen Gevatter Tod dicht auf den Fersen folgte. Dead men and women walking. Ausgemergelt und dünn sind die. Und die Jogginghose schlottert um die Beine. Und dann gibt es die, die Walken bei mir vorbei. Ich hör sie schon von weitem wenn ich am Balkon bin. Tack, tack, tack. Wie die Wanduhr meiner Oma. Und wenn ich dann schau, dann sehe ich stark übergewichtige Menschen, meistens Frauen, mit Leggings die sich wie eine Wursthaut sich um die prallen Schenkel spannt und weiten T-Shirts Größe xxx-large.
Nein, das Walking ist nichts für mich. Ich bin mit meinem Radl zufrieden. Da komm ich überall hinauf und bin nicht ewig lang unterwegs.
Sei nit so fad, sagt Anna. Wir wandern da flott, du, Schneewittchen und ich, ham a Gaudi, die stecken hamma halt mit und nach dem Wandern gemma a Kaffeedscherl trinken oder a Bier und das war’s. Die kosten nicht die Welt, die Stecken, die kaufst du dir.
Also machte ich mich letzte Woche auf zum Hofer.
Ich fahre ja nicht gerne zum Hofer. Weil da muss ich mit dem Auto fahren und ich kauf immer zu viel ein. Ich kaufe unnützes Zeugs, das nicht brauche. Dieses Mal eine Muffin-Backform und ein tragbares Kuchenblech mit Deckel und Henkel.
Die liegen nun im Keller. Originalverpackt.
Ich backe keine Kuchen mehr. Muffins schon gar nicht. Ich trennte mich nicht nur von Ehemann sondern auch von sämtlichen Kuchen- Gugelhupf- und Rehrückenformen. Endgültig, so wie ich glaubte. Wie man sich doch täuschen kann.
Natürlich kaufte ich auch die Nordic-Walking-Sticks. Deswegen war ich ja gekommen. Und die waren supergünstig. Noch am selben Abend probierte ich sie aus. weil es regnete. Und wenn es regnet, dann fahr ich nicht mit dem Radl. Und weil ich den ganzen Tag herumgesessen und deppert im Kopf war, kamen die wie gerufen, die Walking-Stecken. Raus an die Luft.
Ich wartete, bis es dunkel war. Nicht notwendig, dass der ganze Ort meinen Hakelsteckenjungfernwalk sah. Alles dabei – vom Kapperl bis zum Ipod. Dämmrig war es. Perfekt. Es nieselte. Der Anfang war ein wenig kompliziert. Und dann ging es ganz gut. Es ging eigentlich ausgezeichnet. Das ist eben so bei sportlichen Leuten. Die haben das gleich intus – auch wenn das noch kompliziert ist. Das geht da gleich alles flott. Querfeldein über die Wiese walkte ich, dass es nur so eine Freude war. Pearl Jam im Ohr mit It's okay. It’s okay, and you say it’s okay.
Und ich sang laut mit.
It’s okay. This is my plea, this is my need. This is my day to be free. This is my time, this is my way. In a world that's never safe. It's okay, it's okay. You gotta let me run away, It's okay, it's okay. Oh now let me run away. It's okay, it's okay.
Und es war sehr okay. Die Walking-Stecken flogen mir nur so um die Ohren.
Über zwei Stunden dauerte der Jungfernwalk.
Und wie ich mich fühlte! Wunderbar. Mein Gang federnd, leicht. Ich flog nur so über die Felder, und die Stecken flogen mir nur so um die Ohren. Wie eine Gazelle glitt ich über die nasse Wiese.
It’s okay, this is my day. I love you anyway.
In diesem Augenblick liebte ich meine Walking-Stecken. Von ganzem Herzen.
Heute nicht mehr so. Heute liebe ich sie etwas weniger.
Heute rief Anna an.
Du, Amadea. Ich wollte dir sagen, die Walking-sticks.
Ja, Anna. Stell dir vor, ich hab sie gekauft. Letzte Woche. Klasse dass sie so lang sind. Da kommt man schnell vorwärts. Ich wusste gar nicht, dass die so lang sind.
Amadea.
Ich sag dir, Anna. Ich bin da herumgesaust, über zwei Stunden.
Amadea.
Es hat geregnet, aber das war egal. Ich konnte gar nimmer aufhören.
Amadea.
Ich war klatschnass in den Schuhen. Aber das war mir völlig wurscht.
Amadea.
Ein toller Kauf war das.
Amadea.
Ich bin dir so dankbar, Anna.
Amadea.
Ja?
Ich wollte dir nur sagen.
Du brauchst nichts zu sagen. Morgen gehen wir gemeinsam walken. Nordic-walking ist toll. Ich hatte da einfach Vorurteile.
Amadea.
Ja?
Du hast keine Nordic-walking-sticks.
Klar hab ich die. Hab ich ja gekauft. Beim Hofer. So wie du gesagt hast.
Amadea. Das sind keine Walking-sticks. Das sind Langlaufstecken. Drum sind sie auch so lang. Drum waren sie auch so billig. Ausverkauf sozusagen.
Ich lege auf.
Und hole die Langlaufstecken. Ich trage sie in den Keller. Und leg sie zu Muffinbackform und tragbarer Kuchenform mit Henkel.

Früh bin ich dran mit den Weihnachtsgeschenken dieses Jahr.
Mama bekommt eine Muffinbackform, meine Schwester ein tragbares Kuchenblech mit Henkel und der Lover Langlaufstecken.
Der soll mal was tun, der faule Knochen.

Kommentare:

T.M. hat gesagt…

Ja, Sportzeugs halt. Man darf sich davon nicht verrückt machen lassen. Volkssport ist ja heute nicht mehr das, wo man sich bewegt, vielleicht noch mit Freude, sondern eine der vielen Sachen, wo man viele teure Dinge kauft und in kurzer Zeit verschleisst, um neue, teure Dinge zu kaufen ...

P.S.: Hier bei uns steht die Walking-Gruppe (ü40w) regelmässig um die Ecke in eine dicke Qualmwolke eingehüllt, laut quatschend und kichernd. Und die sind sogar geschminkt ...

yerryfeldstein hat gesagt…

das er ihre menscheitsbetrachtungen mit faszination liest. manchmal gerne,manchmal mit ungeduld, manchmal mit widerwillen, aber da muss ich durch. An dieser Stelle..Danke!

amadea's world hat gesagt…

t.m.
Ich bin eine Radfahrerin. Immer schon. Und es ist mir ziemlich egal, was andere machen. Mich freut das Joggen nicht und das Walken ebenfalls nicht. Das Schönste für mich ist es, mit dem Radl hinauf auf den Berg und hinein in den Wald zu fahren.

na, sowas, yerry :-)
Das mit dem Widerwillen beschäftigt mich nun aber...

yerryfeldstein hat gesagt…

das er die Geschichte mit dem kleinen Sebastian schon recht nervend fand, also jetzt nur schon beim Lesen.Sebastians und ihre Eltern kenne ich leider auch.Zum meinem Glück wohne ich mitten in einem Wald. Da habe ich meine Ruhe.Keine Sebastianseltern und kein handliches Telefon ;-)