Freitag, Dezember 31, 2010

5 vor


Was machst du in den letzten fünf Minuten?
Ich meine, fünf Minuten bevor etwas Neues beginnt.
Fünf Minuten vor einer Reise, die du machst. Fünf Minuten, bevor der Zug abfährt. Du küsst denjenigen, derdich zum Bahnhof gebracht hat.
Fünf Minuten, bevor das Flugzeug abhebt, richtest du dir das Speibsackerl her oder schaust, wo die Notausgänge sind, falls du abstürzt.
Und was machst du in den letzten fünf Minuten des alten Jahres?
Schauen, ob dein Glas voll ist?
Dein Haar richten?
Eine Zigarette rauchen?
Bereite dich vor, sei gewappnet.
Geh noch schnell lulu, hätte Oma gesagt. Wer will ein Neues Jahr mit gekreuzten Beinen und einer vollen Blase beginnen?
Du könntest auch etwas tun, das du im Neuen Jahr tun willst.
Du könntest mit der Diät beginnen, die du im ganzen Neuen Jahr durchziehen willst oder du könntest aufhören zu rauchen.
Du könntest singen, wenn du im Neuen Jahr Gesangsunterricht nehmen willst.
Ich habe mich jedenfalls im alten Jahr an Omas Spruch gehalten und mich entschieden, die letzten fünf Minuten auf der Toilette zu verbringen.
Naja, sagen wir, drei von fünf Minuten.
Ein wahrlich symbolischer Akt. Das Alte loslassen und wegspülen um Platz für Neues zu machen.
FÜNF MINUTEN, ruft jemand.
Auf geht’s, Amadea.
Ich gehe gemütlich aus dem Lokal, die Treppe hinunter. Erhobenen Hauptes gehe ich, wie eine Königin schreite ich. Ich habe ja noch fünf Minuten. Eine Ewigkeit.
Niemand da. Wunderbar. Ich ganz allein. Wie schön. Und noch fast fünf Minuten. Oder vier.
Oh, eine Laufmasche. Das macht nichts. Ich habe eine Reserverstrumpfhose mit und noch vier Minuten. Oder dreieinhalb.
Laufmaschenstrumpfhose aus, neue raus. Und rein. Warum geht das nicht? Ich hänge fest. Mit der Hand. Dieses Armband, ich hätte es nicht nehmen sollen. Da hat sich was verhakt. Aber wie. Da geht nun gar nichts mehr.
Ein Bein in der Laufmaschenstrumpfhose. Das andere in der Luft.
Mein Armband mit Arm verhakt im Nylon.
Du hast noch genug Zeit, Amadea. Stress dich nun nicht. Du bist schon mit anderen schwierigen Situationen fertig geworden.
Wieso höre ich die Band nicht mehr?
Und plötzlich höre ich es.
ZEHN!
Was?
NEUN!
Nein!
ACHT!
Das kann nicht sein!
SIEBEN!
Verdammt!
SECHS!
Armband runter!
FÜNF!
Strumpfhose hoch!
VIER!
Spülknopf gedrückt und raus.
DREI!
Die Treppe hoch!
ZWEI!
Hinein ins Lokal.
EINS!
Ich schnappe ein Glas.
Die Donau so blau, so blau, so blau.
Raketendonner.
Ein gutes Neues Jahr! Da küsst mich schon einer auf die Wange. Einer, den ich nicht kenne. Ein Deutscher.
Alle anderen am Tisch küssen mich auch.
Ein gutes Neues Jahr! Wildfremde Menschen umarmen mich.
Ich gehe zurück zum Tisch. Wie in Trance, das fremde Glas in der Hand.
Ein gutes neues Jahr, Amadea. Bleib g’sund.
Du auch, Anna. Gutes Neues Jahr. Ich muss mir die Hände waschen.
Beim Hinausgehen ruft sie mir nach: Da hängt was an deinem Bein, Amadea. Und eine Laufmasche hast du auch.

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