Samstag, Juni 12, 2010

liebste - wir haben WM


Liebe Ehefrau,

Nun ist es an der Zeit, dir zu sagen, dass du ab sofort jeden Tag in der Zeitung den Sportteil lesen sollst.
Nein, du liest den Artikel über den weiblichen Zyklus nicht, du interessierst dich auch nicht für Schminktipps und du liest weder die Wienerin noch Woman.
Du liest überhaupt keine Hochglanzmagazine, weil in denen gibt es keinen Sportteil. Nein, das ist nicht Sport, wenn da steht, welches neue Outfit die Ehefrau von Didier Drogba zur Eröffnung in Südafrika trägt.
Du liest nur den Sportteil der Tageszeitung, und da nur die Berichte über den Weltcup. Damit du weißt, was so ansteht und du ein wenig mitreden kannst.
Falls du dich weigerst, beschwere dich nicht, wenn ich dich nun ab sofort ignoriere. Und reg dich nicht auf, wenn ich dich vernachlässige und dir keine Aufmerksamkeit schenke.

Und nun zu den Regeln:

1)
Während der WM gehört der Fernseher mir. Und zwar immer und ohne Ausnahme. Solltest du es wagen, die Fernbedienung nur anzurühren, ist er weg, der manikürte Daumennagel.

2)
Wenn du am Fernsehgerät vorbei musst, dann hab ich nichts dagegen, solange du auf allen Vieren kriechst.

3)
Während der Fußballübertragungen bin ich blind, taub und stumm. Die einzigen Ausnahmen beschränken sich auf Essen und Trinken. Wenn ich ein Bier will, werde ich es dir sagen und wenn ich hungrig bin, auch.
Unterlass es mir zu sagen, ich soll dir zuhören, weil du mit mir reden musst. Du musst nicht mit mir reden.
Ich werde auch keine Telefongespräche führen, weder mit irgendeiner Freundin und schon gar nicht mit deiner Mutter. Und komm mir ja nicht mit dem Satz: Schatz, das Telefon läutet. Geh ran, ich kann grad nicht.
Ich werde auch nicht Babysitten, egal was passiert. Und wenn es an der Tür läutet, werde ich nicht aufstehen.

4)
Es wäre eine gute Idee, den Kühlschrank täglich mit Bier aufzufüllen und dafür zu sorgen, dass immer genügend Nachschub da ist.
Ich brauche in den nächsten Wochen weder dreigängige Menüs noch irgendwelche gesunden Buchweizenlaibchen. Ich brauche nur was zu knabbern (und ich meine damit nicht deine Ohrläppchen oder ähnliches).
Und wenn meine Kumpels kommen, sei einfach ruhig. Keine vorwurfsvollen oder abschätzigen Blicke, bitte. Sei einfach unsichtbar und vor allem ruhig.
Wenn du das alles befolgst, erlaube ich dir, zwischen Mitternacht und sechs Uhr früh den Fernseher zu benützen, außer ich habe ein wichtiges Spiel verpasst.

5)
Und nun das Wichtigste. Wenn du merkst, dass ich aufgebracht bin und nervös, weil meine Mannschaft verliert, sag ja nicht: Es ist nur ein Spiel. Reg dich nicht auf. Sag auch nicht: Das nächste Mal gewinnen sie sicher.
Du willst doch nicht meine Liebe zu dir auf’s Spiel setzen, oder?
Nein, du brauchst mich nicht aufzumuntern, du erreichst nur das Gegenteil.
Nein, du verstehst nichts vom Fußball.
Ja, solche Äußerungen könnten zur Scheidung führen.

6)
Einmal werde ich dir erlauben, mit mir gemeinsam ein Spiel anzuschauen. Vielleicht wenn Nordkorea spielt. Das sehen wir noch, wann. Ich werde dich rechtzeitig informieren. Du darfst dann ein wenig mit mir reden, aber nur wenn Werbung läuft.

7)
Wiederholungen von Toren sind wichtig. Es ist egal, ob ich das Tor gesehen habe, ich will es immer wieder sehen. Immer wieder. Und zwar in Ruhe.

8)
Erzähle bitte im Voraus deiner riesigen Verwandtschaft, dass es ab nun keine Besuche mehr gibt. Weder zum Kaffeeklatsch am Wochenende noch zum Grillfest am lauen Sommerabend. Es gibt überhaupt keine Besuche in den nächsten Wochen, merk dir das. Gar keine. Die sollen sich alle Besuche bis zum 12. Juli aufsparen.
Außerdem werde ich in den nächsten Wochen weder Hochzeiten noch Beerdigungen besuchen.
Ich will keine Fragen ob diese oder jene Schuhe besser passen oder du in diesem oder jenem Fummel dick aussiehst und ich will auch nicht die Farbe des Sarges von deinem Urgroßonkel Erwin diskutieren, falls er das Zeitliche segnen sollte.
Ersuche deine Freundinnen, in den nächsten Wochen weder zu entbinden, noch irgendwelche Taufen anzusetzen. Ich werde auch zu keinen Geburtstagsfeiern gehen, mögen sie noch so rund sein.
Egal, was ansteht: Ich werde nirgends hingehen.

9)
Die Zusammenfassungen am Abend im Fernsehen sind genauso wichtig wie die Fußballspiele. Sag ja nicht: Das hast du schon gesehen. Warum schaltest du nicht um damit wir gemeinsam die nette Serie anschauen können? Bevor du noch was sagst, lies den ersten Absatz der Regeln noch einmal genau durch.

10)
Solltest du irgendwann eine Autopanne haben, wenn du unterwegs bist, erlaube ich dir ausnahmsweise, fremde Männer anzusprechen, damit sie dir helfen. Ja, ausnahmsweise darfst du auch per Anhalter nach Hause fahren, und ja, egal wenn es dunkel ist.

Ich danke dir für dein Verständnis.

In Liebe,
Dein Ehemann

Kommentare:

audrii hat gesagt…

Ich habe mir eine Viertelstunde von Serbien gegen Ghana angeschaut, wegen der Ghanesen. Ich wollte schwarze Spieler uebers Feld zischen sehen. Das foerdert die Verdauung und regt die Phantasie an, dachte ich. Bald war ich war mit der Jause fertig. Da gab es noch kein Tor. Trotzdem stand ich auf.
PS: Weil ich kein Eheleuteteil bin, gilt keine der oben angefuehrten Regeln fuer mich. Nicht schlecht, oder?

365 Tage hat gesagt…

das ist knallharte Satire, mir sind ein paar Lachtränchen ausgekommen. Brilliant.

Anonym hat gesagt…

Ich habe mit Frauchen ein Spiel der Nordkoreaner gesehen - wie in den Regeln besprochen. Seitdem hat sie Mitleid. Sie weiß, dass die lieben Männer bald in schlimmen Bergwerken frühstücken werden ... und ist nicht mehr zu trösten. Was habe ich falsch gemacht?
lg teach

amadea's world hat gesagt…

aurdrii - das einzige spiel, das ich sehen wollte, war das D gegen GB. Ging nicht, war mit Schülern auf Sportwoche. Es wär mir ein Genuss gewesen ...
Ich hätte Deutschland den Sieg soo vergönnt (erstmals - keine Ahnung, werum)

Danke, 365

teach, ich bin mir nicht sicher, ob Mitleid ein guten Gefühl ist...
Tu was, mach was Wildes/Draufgängerisches ...