Montag, November 02, 2009

manche dinge bleiben


Ich habe Verpflichtungen. Die muss ich einhalten. Sonst werde ich ausgestoßen. Aus der Familie.
Zu diesen Verpflichtungen gehört der alljährliche Friedhofbesuch zu Allerheiligen. Eigentlich klingt Allahheiligen wie der höchste Festtag der Moslems. Leider ist das nicht so. Allerheiligen ist der höchste Festtag der Christen. Der Christen unserer Familie jedenfalls.
Zu Ostern kräht kein Hahn, wenn ich nicht mit der Familie in die Kirche gehe. Wohl aber zu Allerheiligen. Alle Familienmitglieder würden krähen, gackern und mit den Flügeln um sich schlagen wenn ich nicht mit auf den Friedhof ginge.
Und so wanderten wir gestern mit tausenden anderen Friedhofgängern gen Friedhof, der nur einige Minuten von meinem Elternhaus entfernt ist. Mama und Papa rechts und links untergehakt.

Es ist warm, die Sonne scheint und Papa ist ausgerüstet wie für eine Nordpolexpedition. Flanellhemd, Winterjacke und Lodenhose. Mama trägt den Hut mit der Auerhahnfeder. Er wippt lustig auf und ab. Die Sonne scheint, es ist warm. Und fast bin ich guter Dinge. Fast.
Mei Bluatdruck is heit so weit herunt‘, jammert Mama.
Normalerweise jammert sie, weil er so weit oben ist.
Dann freu dich, Mama. Dann kannst heut ein Stück Kuchen essen.
Sie seufzt. Mama seufzt ständig.
Ich reiß mich zusammen und sage: Schön, das Wetter heute, nicht wahr? Und so warm.
Es wird glei koit, werst seg’n. Wonn d’Sunn weg ist, werd’s frisch. und donn wird dia koit mit dem dünnen Janka do.
Der dünne Janker ist eine gefütterte Lederjacke. Ich sage nichts. Früher habe ich immer was gesagt. Mit den Jahren hab ich gelernt, nichts zu sagen. Und das ist besser so.
Mia teilen ins heit auf, gell? Du gehst mit mir, und die Kinder mit’m Papa.
Die Kinder sind die Kinder meiner Schwester und aufteilen heißt: Die Hälfte der Familie zum Grab der Familie meines Vaters, die anderen zum Grab der Familie meiner Mutter.
Ich gehe mit Mama zum Grab. Der Kies knirscht. Obwohl der Friedhof voll Menschen ist, ist es mucksmäuschenstill. Nur die Blicke der Anwesenden wie stumme Pfeile. Ein beklemmendes Gefühl jedes Mal.
Onkel Hans ist schon da. Onkel Hans mag ich gerne. Er ist der jüngere Bruder meiner Mutter. Er ist siebzig und noch immer ein fescher Mann. Als er jung war, sah er aus wie ein Schauspieler - braungebrannt, groß, schlank mit schwarzem, lockigem Haar. Die Musik spielt Näher mein Gott zu dir, so wie jedes Jahr und der Pfarrer, der Weihrauch heißt, sagt das Übliche und zählt die Verstorbenen dieses Jahres auf.
Ich weiß, dass Mama immer mitzählt. Ich zähle nicht mit. Weil sie sagt mir nachher eh immer, wie viele gestorben sind. Und ich ärgere mich dann immer, dass ich mitgezählt habe. Wie kindisch! Dieses Mal sagt sie nichts. ich hätte doch mitzählen sollen.
Die Musikant'n hom neiche Hiat, sagt Mama. Schau, Amadea. Die Jungen do vuan.
Für mich sehen alle Hüte gleich aus.
Vor uns redet eine korpulente Rothaarige laut mir ihrem Ehemann. Ihr Kind sitzt am Rand des Grabes und quengelt. Sie holt ihr Handy aus der Tasche und redet ungeniert laut weiter: Wo bleibt’s ihr denn? Mia san scho do.
Ruhe, ruft Onkel Hans und schaut grantig zu ihr hin. Ich grinse. Es gefällt mir, dass er sie beanstandet.
Sie redet weiter. Er ruft nochmal Ruhe und sie packt ihr Handy weg.
Die Musikkapelle spielt, ich schaue zum Glockenturm der Friedhofkapelle.
Das weckt Kindheitserinnerungen.
Wenn ich traurig war, ging ich in den Friedhof, setzte mich auf eine Bank und weinte. Und der Blick auf den Glockenturm tröstete mich.
Manche Dinge bleiben.

Mir is nit guat, sagt Mama.
Ich gehe mit ihr zur Bank, auf der ich immer saß. Ich schaue zum Glockenturm und werde ruhig. Ich schaue Mama an und sehe ihre Traurigkeit. In einigen Jahren wird sie nicht mehr mit mir hier sitzen, denke ich. Ich verdränge den Gedanken.
Wir gehen jetzt heim, Mama. Die Blicke der Menschen folgen uns.
Mama legt sich auf die Couch, ich bringe ihr ein Glas Wasser. Nach einer halben Stunde kommen alle. Es gibt Kuchen und Kaffee wie jedes Jahr. Die Schwester hat sogar Vanillekipferl mitgebracht.
Ich esse zu viel wie jedes Jahr. Mama ist auch wieder guter Dinge. Ihr ist nicht mehr übel und und sie isst zwei Stück Kuchen.

Bevor ich heimfahre, gehe ich ins nahe Kaffeehaus. Onkel Hans ist schon da. Wir trinken jedes Jahr zu Allerheiligen ein Glas Wein mitsammen. Ein Ritual, ein schönes. Wir reden nicht viel.
Aber es tut gut, mit ihm hier zu sitzen.
Manche Dinge bleiben.

Kommentare:

solo hat gesagt…

neulich bei der beerdigung, ganz kurz vor allerheiligen, habe ich meine gesamtige familie wieder getroffen. einige davon kannte ich schon nicht mehr. wir haben dann auch ein foto gemacht nach dem leichenschmaus (so ein scheenes wort). weil keiner weiss, ob noch mal alle zusammenkommen. der tote opa wird derweil inne ostsee verteilt.

amadea's world hat gesagt…

Ja, leichenschmaus ist ein schönes wort. aber schön, die familie zu treffen, nicht wahr?
hihi..wenn ich den letzten satz les...du könntest ein wiener sein, solo.