Samstag, Juni 16, 2007

heimatabend


Als ich fünfzehn war, sagte mein Vater zu mir: So, Amadea. Du bist nun fünfzehn.
Ja, Papa, sagte ich, und?
Du gehst nun Volkstanzen. Da gewöhnst dich ein wenig an die Burschen und dann verdienst noch was am Samstagabend beim Heimatabend.
Samstagabend war immer Heimatabend im Gasthaus. Gleich nach dem Platzkonzert der Musikkapelle im Pavillon.
Papa, das will ich nicht.
Aber Papa hörte das Willichnicht gar nicht. Ich musste. Weil Papa duldete keine Widerrede. Und schon gar nicht, wenn es um unsere Volksmusik ging.
Mein Papa ist einer, der da sehr viel drauf hielt. Meinen Papa sah man ständig mit Lederhose. Er spielte Trompete, er war Schuhplattler, er jodelte.
Ein Salzburger, wie er im Buche steht, ein Paradesalzburger.
Und seit ich denken kann, hat er versucht, mich für Volksmusik zu begeistern.
Mit sechs Jahren musste ich an lauen Sommerabenden, wenn die Sonne untergegangen war, mit ihm auf den Balkon, Weisen blasen. Mit der Blockflöte. Zweistimmig. Meist waren es Kärntner Weisen. Und am nächsten Tag sagte dann die Nachbarschaft zum Papa –Gestern habt’s aber schön geblasen.
Und der Papa strahlte, stieß mich an und sagte – Siagst, Amadea. Siagst?
Und so war es auch mit dem Volkstanzen. Mein Protest nützte nichts, gar nichts.
Und so stand ich nun Samstag für Samstag auf der Bühne im örtlichen Gasthaus. Volkstanzend.
Die Burschen, die da waren, sagten mir gar nicht zu. Sie waren laut und hatten keine Manieren. Sie erzählten ordinäre Witze, die ich nur halb verstand und wollten mich immer begrapschen. Obwohl es gar nichts gab an mir, das man begrapschen konnte. Ich war eh vorn und hinten flach wie ein Stecken.
Ich war überfordert. Mit allem. Mit den Burschen, mit dem Geschwätz, den Witzen, dem Geschmuse, das sich hinter der Bühne abspielte, mit der Musik und mit den grölenden, schunkelnden Leuten, die da unten saßen. Und vor allem mit dem Dirndlkleid.
Ein Dirndlkleid ist nicht gemacht für einen Stecken. Ein Dirndlkleid ist gemacht für eine dralle Person. Eine, die einen ordentlichen Vorbau hat. Und den hatte ich nicht.
Das Dirndlkleid hing an mir herunter wie ein nasser Putzfetzen. Und drall war da gar nichts.
Mein Tanzpartner hieß Gugg. Gugg ist bei uns die Abkürzung für Gottfried.
Gugg war der einzige Schüchterne in der Gruppe. Der war noch schüchterner als ich. Gott sei Dank. Und weil Gugg so schüchtern war, sagte er auch nichts. Fast nichts. Gott sein Dank. Und ich sagte auch nichts.
Und wenn Gugg mal was sagte, dann sagte er: Mia hom an neichn Traktoar kriagg.
Er hatte einen Knödel im Rachen und war heiser. Vermutlich weil seine Stimmbänder nicht gewohnt waren, sich zu bewegen. Ich verstand nur Traktor.
Dann sagte ich zu ihm. Gugg, sei einfach ruhig. Und – Du darfst nur mit mir reden wenn ich dich was frage.
Und Gugg hielt sich daran.
Vor dem Auftritt musste ich immer mein Dirndlkleid bügeln. Und die weißen Stutzen waschen und dann alles anziehen, das Schultertuch mit Hilfe der Brosche raffen und um den Hals drapieren und dann musste ich mir eine Rose in Mamas Garten abschneiden und sie mir in den Ausschnitt stecken. Die Rose fiel dann bei der ersten Bewegung herunter. Weil da kein Ausschnitt war, wo die Rose Halt gefunden hätte. Manchmal fiel sie auch in den Ausschnitt hinein und unten wieder raus.
Und ich kam mir vor wie eine Vogelscheuche in dem hängenden Dirndlkleid.
Dem Gugg gefiel ich trotzdem.
Manchmal machte er mir unbeholfene Komplimente wie – Heit host owa a schene Ros’n. Obwohl da gar keine Rose mehr war.
Gugg, sei einfach nur ruhig, sagte ich dann.
Vor dem Auftritt saßen wir hinter der Bühne und warteten auf unseren Auftritt. Die Burschen im weißen Hemd und in dunkler Lederhose und Hosenträger und Hut mit Hennafeder oder Auerhahnfeder.
Die Mädchen mit Dirndlkleid und weißen Stutzen. Der Heimatabend, der sich Tirolerabend nannte, obwohl er in Salzburg stattfand,oder gerade deshalb, begann immer mit dem einer flotten Polka mit Trompetensolo.
Der Ansager – heute würde man ihn Moderator nennen, erzählte einen Witz, einen schlechten, die Zuschauer klopften sich auf die Schenkel, schunkelten und lachten laut.
Und dann wir auf die Bühne. Die Burschen schnalzten mit der Zunge und juchzten. Die Mädchen drehten sich wie Kreisel. Ich auch. Das Publikum raste.
Ich hatte jedes Mal Angst, dass man meine Unterhose sehen würde, wenn ich mich drehte. Klar sah man sie, die Unterhose. Das war ja der Sinn der Sache.
Außerdem waren die Dirndlkleider damals kurz. Sie endeten knapp über dem Knie. Bei einigen waren sie so kurz, dass man die Unterhose sah, auch wenn sie nicht tanzten. Und die Musik spielte und spielte, und die Burschen juchzten bis sie heiser waren, und ich grinste und das Publikum tobte.
Ganz schlimm tobte es, wenn das Kufsteinlied gespielt wurde oder der Kuhtuttenjodler. Und mir wurde dann fast jedes Mal schlecht. Ob von der Musik oder der Extrawurstsemmel, die wir als Jause bekamen, weiß ich nicht.
Dann irgendwann im Laufe des Heimatabends mussten wir Leute aus dem Publikum auf die Bühne holen. Das war das schlimmste.
Die Auswahl war nicht groß. Meist erwischte ich einen Deutschen, der keine Ahnung von Walzer und Polka hatte, schwitzende Hände und eine Bierfahne, und in meinen nicht vorhandenen Ausschnitt glotzte. Da war ich dann froh, dass ich beim letzten Tanz wieder meinen Gugg hatte. Ich hatte ihn mittlerweile soweit, dass er nicht mehr mit mir redete. Er redete nur wenn ich ihn fragte. Und ich fragte ihn nie.
Nach dem Heimatabend mussten wir Autogramme schreiben. Wir hatten richtige Autogrammkarten mit Fotos von uns.
Und dann bekamen wir das Geld. Das war der Höhepunkt des Abends. Fünfhundert Schilling. Ein Vermögen für mich.
Vier Jahre lang war ich bei der Volkstanzgruppe.
Der Gugg nur drei.
Weil er wurde Vater. Mit achtzehn.
Hat wohl doch eine gefunden, sie seinen Traktor interessant fand.

Kommentare:

T.M. hat gesagt…

Der Gugg musste also leiden, weil das Dirndl wie ein Putzlappen an der Amadea hing? - Die Anklage hat keine weiteren Fragen, Herr Vorsitzender.

hannamaja hat gesagt…

amadea (t.m.),
hat der gugg unter seiner vaterschaft gelitten?

das assoziere ich:

.....gelitten unter volkstanzlichem schweigen, gesext, geschwängert und verlobt, hinabgestiegen in das reich der ehe, im dritten jahre wieder aufgestiegen durch die scheidung, von dort wird er kommen zu richten die schweigenden und die volkstänzerinnen....
annanym

amadea's world hat gesagt…

t.m., der Gugg hatte nur seinen Traktor im Kopf.


anna, du hast vergessen: er sitzt zur rechten...
warum nicht zur linken?