Donnerstag, Oktober 22, 2009

crispy duck


Wir betreten die wunderbare Welt des Salzburger Tiergartens.
Wir, das sind Nichte Kati, Neffe Michael und ich.
Siebzehn Euro und wir sind in der Heimat der brüllenden Löwen, der schlauen Leoparden, der unverschämten Affen und der sicheren Absperrungen.
Das stimmt nicht ganz. Der Teich da in der Mitte des Zoos liegt da, ohne Absperrung, ohne Zaun, ganz frei da.
Und da, in dem Teich tummeln sich die wirklich gefährlichen Viecher, allerlei Vogelgetier und Federvieh. Und alle laufen und schwimmen frei herum, auf der Suche nach Essbarem.
Und man bemerkt sofort – sie alle hassen die Menschen. Sie hassen die Zuschauer, die Voyeure, die eindringen in ihre Privatsphäre. Ihr Blick bedrohlich, die Schnäbel hoch erhoben. Bereit zum Angriff.
Hinterhältiges Federvieh, hinterhältiges.
Am schlimmsten sind die Enten.
Ich verspreche dem Neffen und der Nichte: Ja, wir füttern sie, die Enten.
Brot haben wir dabei.
Ich muss zu meinem Wort stehen. Als Tante. Sie werden sich immer erinnern an diesen schönen Sonntagnachmittag.
Weißt du noch? wird Kati zu mir sagen, jahrelang, immer wieder.
Weißt du noch, Tante Amadea, als wir im Zoo . . . ? Ja, Kati, werde ich sagen, und ihr über’s Haar streichen.
Damals . . . werde ich sagen, und der Angstschweiß wird mir auf der Stirn stehen. Auch noch in dreißig Jahren.

Langsam, ganz langsam nähere ich mich dem Federvieh. Und während ich mich anschleiche, beobachte ich die Enten genau, sehe, wie sie auf das Stück Brot in meiner Hand starren. Der Schnabel halb offen, bereit, anzugreifen. Mein Körper ist angespannt, mein Geist hellwach.
Du kriegst mich nicht, niemals kriegst du mich.
Plötzlich – Kati springt nach vor, ahnungslos, sich der Gefahr nicht bewusst, ihre Hand nach vor streckend: Da, Ente. Brot, nimm, da.
Die Ente weicht zurück. Vor Kati.
Dann - blitzschnell fährt der Schnabel nach vor.
Attacke!
Warum mich? Ich hab nichts gemacht.
Aua! Schmerz durchfährt mich. Meine Hand im Entenschnabel. Es zwickt, ich komm nicht los, obwohl ich ziehe und reiße.
Auf einmal! Au, mein Fuß! Ein zweites Untier hat sich festgeschnabelt. Es starrt mich an, zwickt, quakt laut.
Und wieder.
Aua!
Flügel, Federn, Schmerz.
Ich sehe nur Ente. Überall Ente, Federn, Schnäbel.
Flügel schlagen. Lautes Quaken. Aua!
Ich reiße mich mit letzter Kraft los und laufe. Weg, nur weg!

Da stehe ich nun. Ich schwitze. Ich friere. Ich zittere.
Tante, ruft Kati, Tante. Die Ente ist ganz lieb.
Ich beruhige mich. Schaue hinüber zum Ort des Schreckens.
Da stehen sie. Kati und Michael. Von Enten umringt. Ganz friedlich. So als ob nichts geschehen wäre. So, als ob die Enten nie etwas anderes getan hätten, als friedlich und zufrieden quakend Brot aus Katis und Michaels Händen zu fressen.
Ich mag keine Tiergärten. Ich hab sie nie gemocht. Schon als Kind nicht.
Kinder, wir gehen, ich hab Kopfweh. Kommt.
Kati und Michael folgen mir widerwillig.
Wir haben die Enten noch gar nicht gestreichelt, Tante Amadea.
Ein anderes Mal, sage ich. Wir fahren nun einkaufen.
Im Europark bekommt Kati eine Stoffente, Michael einen Lego-Zoo und ich kauf mir crispy duck beim Chinesen.

Magst du keine Enten? fragt mich Kati als wir im Auto sitzen.
Ich liebe Enten, Kati. Am liebsten knusprig und zerkleinert. Ganz fein.

Kommentare:

T.M. hat gesagt…

Das ist ja wie bei Hitchcock.

amadea's world hat gesagt…

Ja, federvieh, deppertes.