Samstag, Dezember 16, 2006

die verwandlung

Posted by Picasa
Ich kaufe manchmal Kleidungsstücke ein, ohne sie zu probieren. Das ist ein Fehler. Ich kaufe auch manchmal Kleidungsstücke ein, die mir ein klein wenig zu eng sind. Das ist auch ein Fehler.
Und da steh ich dann in der Ankleidekabine der Boutique, verschwitzt, mit zerrauftem Haar, ziehe den Bauch ein und antworte auf die Frage der Verkäuferin, ob die Jeans passen, gequält und kurzatmig: „ Ja sie passen fast. Aber im Sommer bin ich immer dünner, und dann passen sie wie angegossen.“
So hat sich im Laufe der Jahre in meinem Kleiderkasten eine ziemlich große Anzahl an Blusen, die mir nur passen wenn ich einen Buckel mache und Jeans, die ich nur zumachen kann, wenn ich mich auf den Boden lege und liegen bleibe.
Ich könnte ja all diese Sachen umtauschen und zurückgeben, aber das mache ich nicht. Aus welchen Gründen auch immer. Vermutlich hoffe ich doch auf den Sommer, der mir durch vermehrte körperliche Betätigung die überflüssigen Kilos weg schmelzt.
Unlängst sah ich diese tollen Jeans. Ich kaufte sie ohne zu probieren. Das war ein sehr großer Fehler.
Zu Hause angekommen, lege ich mich auf mein Bett, um sie anzuziehen. Mit dem ersten Bein geht das ganz gut. Mit dem zweiten Bein ist das schon schwieriger. Es will und will nicht. Das Bett quietscht und knarrt, ich schwitze und bin außer Atem weil ich mich winde und wälze. Der Mieter unter mir klopft schon mit dem Besen an die Decke. Mein Gestöhne ob der Schwerstarbeit muss ihn wohl in seinem Nachmittagsschläfchen gestört haben. Nun glaubt er sicherlich, ich habe wilden Sex und wird sich das Maul zerreißen. Und das mitten am Nachmittag.
Egal, ich habe andere Sorgen.
Endlich schaffe ich es doch irgendwie. Das zweite Bein ist nun auch im Hosenrohr. Aber nur zur Hälfte. Und nun geht gar nichts mehr. Nun liege ich da, die Jeans in Oberschenkelhöhe. Da sitzen sie nun fest. Trotz Zerren und Ziehen bewegen sie sich keinen Zentimeter. Weder nach oben noch nach unten. Also auf den Bauch gedreht. Keine gute Idee. Nun bekomme ich keine Luft mehr. Eigenartigerweise fällt mir in dem Moment Franz Kafkas "Die Verwandlung" ein.
Da liege ich nun, die Jeans wie angewachsen auf meinen Oberschenkeln. Das einzige, was ich bewegen kann, sind Arme und Beine und ein wenig den Kopf. Nach mehrmaligem Hin- und Herschaukeln liege ich wieder auf dem Rücken.
Und da fällt mir wiederum die Geschichte ein.

Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinauskommen . . . er versuchte es daher, zuerst den Oberkörper aus dem Bett zu bekommen, und drehte vorsichtig den Kopf dem Bettrand zu. Dies gelang auch leicht, und trotz ihrer Breite und Schwere folgte schließlich die Körpermasse langsam der Wendung des Kopfes. Aber als der den kopf endlich außerhalb des Bettes in der freien Luft hielt, bekam er Angst, weiter auf diese Weise vorzurücken, denn wenn er sich schließlich so fallen ließ, musste geradezu ein Wunder geschehen, wenn der Kopf nicht verletzt werden sollte. Und die Besinnung durfte er jetzt um keinen Preis verlieren; lieber wollte er im Bett bleiben.

Die Besinnung darf auch ich auf keinen Fall verlieren. Jetzt nicht. Weil in einer halben Stunden bekomme ich Besuch. Und was wird er sich denken wenn er mich da so sieht, halb nackt, schwitzend, die Jeans knapp über den Knien, vollkommen erschöpft.
Außerdem klopft der Mieter unter mir schon wieder. Ziemlich heftig. Ich kann nicht anders, ich fange an zu weinen. Die Tränen vermischen sich mit meinem Schweiß und rinnen die Brust hinunter bis zum Nabel, wo sich eine kleine Schweiß-Tränen-Pfütze bildet.
Auf einmal höre ich es. Zuerst ganz leise. Ein leises Kichern. Ein stickiges, hämisches Kichern. Die Tränen laufen nun in Bächen hinunter zum Nabel und ich merke, wie die Jeans feucht werden.
Ich schaue hinunter auf meine Beine. Hinunter auf die Jeans auf meinen Oberschenkeln. Sehe sie nur verschwommen durch das Meer der Tränen. Ein verschwommenes, verwaschenes Blau, ein verschwommenes, verwaschenes, kicherndes Blau.
Das schaffst du nicht“, zischelt das blaue Denim-Ungetüm an meinen Beinen. "Nie und nimmer schaffst du das.“
„Das werden wir sehen, du Monster“, zischle ich zurück. „Was bildest du dir eigentlich ein? Klar schaffe ich es. Wegen der einen Größe, die du kleiner bist. Wenn ich es nicht heute schaffe, dann halt morgen oder nächste Woche oder nach Weihnachten oder im Sommer. Ich weiß, dass du mich hasst. Aber so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen.“
Schon wieder dieses Kichern. Gemein, hinterhältig.
„Wenn ich nicht will, dann geht das nicht. Glaub mir das.“
Und wieder fällt mir die Geschichte ein.

Ehe es einviertel acht schlägt, muss ich unbedingt das Bett vollständig verlassen haben. Im Übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.

Ehe es halb ist, muss auch ich das Bett vollständig verlassen haben. Weil um sieben Uhr kommt er. Und wird nach mir rufen und dann ins Schlafzimmer kommen er wird dann das Denim-Monster bezwingen. Welche Schande, wenn er mich so sieht. Aber ich muss da durch. Da muss ich durch. Plötzlich Panik. Ich habe die Tür abgesperrt. Wie kommt er rein? Ich komm nicht aus dem Bett. Und der Schlüssel steckt von innen.
Warum denke ich nun schon wieder an diese Geschichte?

Gregor schob sich langsam mit dem Sessel zur Tür hin, ließ ihn dort los, warf sich gegen die Tür, hielt sich an ihr aufrecht – die Ballen seiner Beinchen hatten ein wenig Klebstoff – und ruhte sich dort einen Augenblick lang von der Anstrengung aus. dann aber machte er sich daran, mit dem Mund den Schlüssel im Schloss umzudrehen.

Mein Gott, eine Horrorvorstellung. Wie komm ich zur Tür? Ich habe keinen Sessel hier im Schlafzimmer. Ich habe auch keinen Klebstoff an den Ballen meiner Beine. Ich kann mich höchstens aus dem Bett fallen lassen und danach zur Tür robben. Aber ich brech mir beim Rausfallenlassen sicher das Genick und wenn nicht das Genick, dann bestimmt den Arm.
Das Denim-Monster lacht schon wieder. Dieses Mal laut. So, als ob es meine Gedanken lesen könnte.

Dann sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor.
Sehen Sie nur mal, es ist krepiert; da liegt es, ganz und gar krepiert.


Was ist wenn ich so ende wie Gregor in "Die Verwandlung"?
Ich will nicht krepieren, so nicht. Nicht mit den Jeans da an meinen Beinen, halbnackt.
Wie sieht das denn aus?
Schon bald sechs. Kochen kann ich heute nichts mehr.
Das geht sich nicht aus. Aber ich muss noch mein Haar waschen, unbedingt. Ich will nicht, dass er mich so sieht.
Ein Weilchen noch, ein kleines Bisschen noch. Ausruhen. Etwas schlafen. Nur ein wenig. Damit ich wieder zu Kräften komme.
Wenn nur dieses Licht nicht da wäre. Diese grelle, gleißende. Es blendet mich, sogar wenn ich die Augen schließe. Wieso hab ich dieses blöde Licht eingeschaltet, wieso nicht die kleine Nachttischlampe?
"Amadea, Amadea!"
Dieses Monster. Woher kennt es meinen Namen?
Auf einmal ein Ziehen. Da unten. An meinen Beinen. Zuerst ganz leicht, dann immer stärker. "Amadea, Amadea!"
Nun ruft es ganz laut. Halt die Klappe. Ich will nicht mit dir reden. Es ruft immer lauter. Immer lauter. Unerträglich laut.
Und dieses Ziehen und Zerren.
Dieses Monster. Es wird doch nicht aufgeben?
Das wäre ja wunderbar, ganz wunderbar wäre das.
Und ich merke, wie es sich von dannen macht, das Monster. Ich merke, wie meine Beine auf einmal wieder beweglich werden. Nun ist es ganz weg. Ganz weg! Nicht zu glauben ist das.
Ich öffne die Augen ein wenig und schaue vorsichtig nach unten.
Das Monster baumelt vor mir hin und her. Und hinter ihm die Verkäuferin. „Ist Ihnen schlecht geworden, Amadea?“
Ich öffne die Augen ganz. Sehe an mir hinab. Sehe nur Höschen und T-Shirt. Mein Bett ist weg. Ich liege am Boden der Umkleidekabine, über mir das grelle Licht.
„Diese Hose ist eine Nummer zu klein. Ich bringen Sie Ihnen eine Nummer größer.“
Langsam stehe ich auf. Ich sehe auf die Uhr.
Es ist fast sechs.
„Ein andermal“, sage ich und ziehe mich an. Ich bekomme in einer Stunde Besuch.“

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

manchmal kommt man nur durch zufall zu perfekt passender kleidung.
probieren, vor dem spiegel drehen, passt perfekt, ist gekauft.
zu hause habe ich dann an der marke auf der innenseite der hose folgendes gelesen: M A M A S
(damals war ich niiiichtttt!!!! schwanger)

amadea's world hat gesagt…

Nicht wegscnmeißen, vielleicht braucht sie mal wieder.