Mittwoch, August 16, 2006

die verzauberung


Ich rufe Erika an.
I bin a dabei !
Du a?
Voi klass.
Kimm vabei auf a Glasal.
Helene ist auch dabei.
Und Annas Zwillingstochter.
Die ältere.
Der zweite eineiige nicht.
Da saßen wir nun.
Und stießen an.
Vor zwei Wochen waren wir beim Casting gewesen.
Casting klingt toll.
Statisten-Casting ein bisschen weniger.
Aber auch toll.
Für mich.
Weil das hab ich noch nie gemacht.
Ja, morgen in der Früh, beim Habersatter um halb neun Besprechung.
Hat sie gsagt, die von der Olga-Film-Agentur.
Olga klingt nach Pornofilm, sagte Helene.
Ihr braucht drei Outfits, nichts Schwarzes, nichts Weißes, nichts Neonfarbiges.
Und die Sozialversicherungsnummer.
Vormittag Besprechung.
Danach Straßenszene.
Nachmittag Szene in der Arztpraxis.
Wie heißt der Film eigentlich genau?
Irgendwas mit Zauber. Zauberberg, sagte Erika.
Die Verzauberung heißt er.
Aja, den Zauberberg gibt’s schon.
Erika und ich waren vorgesehen als special-extras, Spezialkomparsen.
Warum ich wohl nicht dabei bin? fragte Anna.
Du gingst mit ihm in dieselbe Schule.
Ja, wir nannten ihn Glühdraht.
Warum Glühdraht?
Na, wegen dem Wolfram.
Ich hab ihn schon mal getroffen, den Wolfram Paulus. Damals, als er für seinen Film „Heidenlöcher“ Laiendarsteller suchte, erzählte ich.
Ich traf ihn vor zwei Jahren, sagte Anna.
Da waren wir essen mitsammen.
Und der Film den er damals drehte, war nicht so erfolgreich.
Damals sagte er zu mir: Du bringst mir kein Glück.
Drum hat er mich auch nicht genommen.
Wir warteten im Nebenstüberl vom Habersatter.
Dann mussten wir alle raus.
Ich hatte den Fotoapparat vergessen.
Stand da mit dem Haio von Stetten herum.
Und der Paulus auch ganz nah da.
Und ich durfte nicht weg.
Nein, weil die Einstellung müssen wir vielleicht nochmals machen.
Wir warten auf die Sonne.
Da stand ich. Ich hatte mich umziehen müssen.
Das türkise T-Shirt gefiel der Regieassistentin besser.
Meine Zehen waren kalt.
Das Auto mit der Katharina Abt und dem Herrn von Stetten fuhr zum vierten Mal vor.
Ich bekam von Frau Assistentin einen Klaps auf die Schulter.
Das Signal für’s Losgehen.
Vorbei an der Kamera, nicht zu eng.
Ihr zwei, bleibt da beim Ständer.
Gelächter.
Zum x-ten Mal durchforsteten sie den Kleiderständer vor dem Textilgeschäft
Hey, ihr da, ihr Männer, auf den Gehsteig, schrie Claudia, die Regieassistentin.
Die beiden alten Herren zuckten zusammen.
Da kommt das Auto sonst nicht vorbei.
Klappe die siebente.
Marsch. Los.
Mike im rot karierten Hemd ging dieses Mal links an mir vorbei.
Ich grinste ihn an.
Ein Auto parkte.
Direkt vor der Kamera.
Aus ! Von vorne !
Sie können hier nicht parken. Hier ist Parkverbot.
Hier war noch nie Parkverbot, sagte eine der zwei alten Damen.
Die Diskussion dauerte einige Minuten.
Dann fuhren die Damen wieder.
Ton ab.
Klappe.
Hat da wer geredet?
Klappe, die neunte.
Es klappte nach der neunten Klappe.
Schnell hinein in die Gaststube.
Aufwärmen.
Die Sonne ließ sich nicht mehr blicken.
Umziehen.
Andere Farben.
Lange Hose.
Ein Loch im Pullover. Das hatte ich zu Hause nicht gesehen.
Michel, zuvor im rotweiß karierten Hemd und Lederhose, nun in vintage Jeans und grünem Walkjanker neben mir.
Ausgangsposition. Los, marsch.
Wir gingen los und redeten über Irland, die Kinder, Urlaub.
Weiter Richtung Kamera, vorbei an den zwei alten Herren, die am Gehsteig standen und redeten.
Vorbei am Eingang vom Habersatter, aus dem der Herr von Stetten und die Frau Abt kamen.
Michel, sagte ich.
Wir sind nun sicher toll im Bild, ich spüre das.
Wir sind wirklich professionell.
Das war sicher eine Totale.
Noch dazu auf meiner Schokoladenseite.
Wir sind genau in der Schusslinie von dem Haio und der Katharina.
Ausgangsposition.
Schnell !
Die Regieassistentin schrie laut.
Wieso blinkt das Auto da vorne?
Weiterfahren, rief sie einem Holländer zu, der zuvorkommend in die Parklücke gefahren war.
Herr Paulus schaute angestrengt.


Man merkte, dass er der Regisseur war.
An der Kleidung.
Beige Hose, beiges Sakko, dunkelroter Schal, die Wollsocken in derselben Farbe.
Handgestrickt.
Bergschuhe.
Szene zwei dauerte nur acht Klappen.
Alles im Kasten.
Aufatmen.
Michel und ich hatten die acht Klappen lang die letzten acht Jahre Urlaubserlebnisse ausgetauscht.
Dann wieder in die Gaststube.
Honorarausgabe.
Dreißig Euro.
Es tut mir leid, sagte Claudia.
Es wird nichts mit der Szene beim Arzt.
Du bist zu oft im Bild gewesen.
Oje.
Wieder nix mit der Entdeckung.
Dabei hab ich gestern noch Stimmübungen gemacht.
Und eine Gurkenmaske aufgelegt.
Aber wenigstens hab ich ein Foto.
Ich war Nachmittag nochmals am Set beim Arzt.
Nun hab ich wenigstens den Paulus in der Kamera.
Der noch angestrengter schaute und genervt war.
Mehr als am Vormittag.
Wegen der Baustelle nebenan.
Und dem Lärem der Maschinen.
Außerdem schien die Sonne.
Es war heiß.
Es war drückend.
Fast hätt’ ich ihn gefragt:
Warum tun’S den Schal nicht runter? Ich halte ihn.
Aber ich war verzaubert.
Ein wenig.
Ich werde zweimal im Film sein.
Wenn ich Glück hab.
Einmal mit dem Hinterteil.
Und einmal mit dem Michel.


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Kommentare:

500beine hat gesagt…

gurkenmaske immer grün.

Schickse hat gesagt…

Bravo, den Film werd ich mir nicht entgehen lassen. Nicht nur wegen Ihnen, sondern auch wegen des Themas. Sind das eigentlich Sie, Frau Amadea, dort ganz unten neben dem Herrn Walz?

Und wo gibt es Gurkenmasken?

amadea's world hat gesagt…

Gurkenmaske, Herr 500, erfrischt wunderbar müde Beine. Ham'S das schon probiert?
Langsam gehen!
Ja, und Gurkenmaske Immergrün!


Frau Schickse.
Das bin nicht ich da beim Herrn Waltz. Das ist die Frau Katharina Abt.
Typmäßig käm' das schon hin. Aber meine Nase ist breiter, mein Mund schmaler.
Ich schick Ihnen mal ein Foto, wenn Sie wollen.

Hier das Rezept für die Gurkenmaske:

2 TL Magertopfen (Ihr sagt's Quark)
1 Teelöffel Zitronensaft
1/4 Gurke
6 Minzblätter

Die Gurke schälen die Kerne entfernen. Das Gurkenfleisch in Stücke schneiden und pürieren. Zutaten mischen.
Auftragen, 15 Minuten einziehen lassen.