Mittwoch, Juli 29, 2009

kaufrausch


Du kennst das auch, nicht wahr?
Du gehst in ein Geschäft weil du einen Wecken Brot brauchst und kommst mit zehn Sachen raus.

Ich bin mit dem Rad unterwegs und sause schnell in den Supermarkt weil ich einen Wecken Brot brauche. Da fällt mir ein, dass ich auch keinen Käse mehr habe. Also nehme ich ein Stück Emmentaler aus dem Regal.
Ach ja, die Butter ist auch fast aufgebraucht und Schinken brauch ich auch noch.
Und dann fällt mir ein, dass ich nur mehr ein Lackerl Milch habe. Und auch keinen Salat mehr.
Mittlerweile bin ich vollgepackt wie ein Esel und bevor mir das ganze Zeugs runterfällt, lege ich alles auf dem Obstregal ab, um mir ein Einkaufswagerl zu holen.
Da ich aber keinen Euro im Geldbörsel hab, muss ich zur Kassa.
Wechseln, bitt‘ schön.
Die Kassiererin ist beschäftigt, den Einkauf einer Frau, die anscheinend zehn Kinder hat, zu bearbeiten.
Ich warte und bin genervt. Endlich bekomm ich den Euro, gehe raus vor den Supermarkt, nehme ein Wagerl und will meine Sachen vom Obstregal zu holen.
Alles weggeräumt von einer überfleißigen Verkäuferin.
Also wieder von vorne.
Ich bin etwas mehr genervt. Was hatte ich? Butter und Käse und auch Schinken. Tomaten brauch ich noch, ach ja – Joghurt hab ich keines mehr. Und dieser gute Senf ist im Angebot. Und der Balsamico auch. Zwei Flaschen zum Preis von einer. Wein, ja, Wein will ich. Welchen nehme ich? Roten oder weißen? Österreichischen oder italienischen? Oder doch mal australischen oder einen aus Kalifornien? Ich nehme den aus dem Burgenland.
Genau, Ich brauche noch Oliven. Wo sind denn die? Die waren doch immer hier neben dem Olivenöl. Warum räumen die ständig um? Nicht nur manchmal, immer. Jedesmal wenn ich hierher komm, gibt es Ecken, die ich noch nie zuvor gesehen habe, angeräumt mit Dingen, die mir vollkommen neu sind.
Ich hasse Einkaufen!
Und warum hab ich schon wieder so viel Zeug im Wagerl? Ich wollte doch nur das Brot kaufen, ja, nur das Brot. Egal – wenn es Angebote gibt, musst du zugreifen.
Nun kommt das Schlimmste. Der Alptraum. Anstellen an der Kassa. Diese Warterei.
Noch schrecklicher ist es wenn niemand vor dir ist.
Wenn jemand vor dir seine Sachen auf das Band legt, hast du wenigstens Zeit, dein Zeugs in Ruhe auszuräumen. Und kannst danach gemütlich, während die Kassiererin tippt, alles wieder fein säuberlich in dein Wagerl räumen.
Aber wenn da niemand vor steht und du ganz allein bist, ist das nur Stress. Die Kassiererin tippt mit einer Affengeschwindigkeit die Preise in die Kassa und du kommst gar nicht mit mit dem Schauen und Hinauflegen der Waren, geschweige denn mit dem Einräumen in dein Wagerl.
Du stehst da, in der einen Hand die Geldbörse, zwischen den Lippen die Vorteilscard, deren Vorteil sich zum Nachteil gewandelt hat, unter der Achsel die Bankomatkarte eingeklemmt, schwitzend versuchst du, den Stapel, der sich vor der Kassiererin angesammelt hast, zu verkleinern, da fragt dich die Kassiererin, ob das alles ist, du lallst Ja, mit Bankomat bitte.
Geben’s mir zuerst die Vorteilscard.
Du hältst ihr den Mund hin, sie schaut dich fassungslos an, die Geldbörse fällt zu Boden während du ihr die Vorteilscard reichst und die verschwitzte Bankomatkarte am T-Shirt abwischst. Die Leute hinter dir starren dich an. Am liebsten würdest du ihnen eine klatschen. Du bist aber nach wie vor beschäftigt, einzuräumen.
Warten’S, ich helf Ihnen, bellt die Kassiererin und schmeißt das Marmeladenglas auf die Bananen drauf.
Du willst sie zurechtweisen, aber fühlst dich schuldig, weil du hast neun Wochen Ferien, bist ausgeruht und schaffst es nicht einmal deine paar Lebensmittel flott auf das Band und danach in den Einkaufswagen zu legen während die Kassiererin, die den ganzen Tag unter menschenunwürdigen Verhältnissen hier sitzen muss, mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit Preise in die Kassa tippt für einen Hungerlohn und dir noch hilft weil du zu dumm bist.
Zum Glück ist es meistens so, dass vor mir Leute anstehen und ich diesen ganzen Stress nicht mitmachen muss.
Aber heute war es schlimm. Heute war ich noch gestresster als sonst. Erstens drängte sich eine vor. Eine Alte. Nein, keine alte Frau. Eine Alte.
Normalerweise sage ich nichts. Heute nicht. Heute reichte es. Sieben Leute in der Warteschlange. Ich bin die Dritte. Da drängt sich diese Alte vor. Einfach so.
Hey, sage ich. Wieso drängen Sie sich vor?
Oh, sagt sie. Entschuldigung, ich hab das nicht gesehen?
Sie haben das nicht gesehen? Sie haben sieben Leute nicht gesehen?
Sie tut schwerhörig. Was sagen Sie? Ich habe meinen Apparat nicht dabei.
Sie fährt an ihr Ohr. Schon liegen ihre Sachen am Band.
Die Kassierin tippt.
Die Äpfel haben Sie nicht abgewogen, sagt sie. Und schon ist sie weg, geht durch den Supermarket zum Obststand und kommt nach zehn Minuten wieder.
Depperte Alte, murmle ich. Der Mann hinter mir nickt.
Susanne, wie viel kosten die weißen Bohnen? Die sind nicht angeschrieben, schreit die Kassiererin.
Susanne hört nicht.
Entschuldigen Sie, sagt die Verkäuferin. Und weg ist sie wieder. Inzwischen sind fünfzehn Minuten vergangen.
Der Salat, den ich gekauft habe, ist welk und die Milch abgelaufen.
Die Kassiererin ist wieder da und tippt weiter.
Sechzehnneunundachtzig, bitte, sagt sie.
Na endlich, denk ich. Nun hamma’s bald.
Warten’S, ich hab das genau, sagt die Alte.
Na toll. Sie nestelt herum in ihrer Geldbörse, zählt laut mit. Zehn, vierzehn, vierzehnfünfzig, vierzehnfünfundfünfzig, sechsundfünfzig.
Nein, der gilt nicht mehr, sagt die Kassiererin.
Ach ja, ein Schilling. Die Alte lächelt mich an.
Ich lächle nicht.
Sie haben doch da einen Zwanzigeuroschein, nehmen Sie ihn, sage ich.
Was sagen Sie? fragt sie mich und fährt wieder entschuldigend an ihr Ohr.
Am liebsten würde ich den Zwanzigeuroschein aus ihrer Geldbörse nehmen und ihn der Kassiererin hinschmeißen. Doch ich beherrsche mich.
Ich halte das nicht mehr aus und schaue weg.
Nach fünfzehn Minuten Herumzählen bezahlt sie mit dem Zwanzigeuroschein.
Endlich bin ich dran. Es geht schnell. Fünf Minuten höchstens.
Ich gehe hinaus, genervt und gefrustet mit drei Plastiktaschen.
Rad fahren geht nicht, weil ich zu bepackt bin.
Also schieben.
Nach einer Stunde endlich daheim.

Brot habe ich keines gekauft.
Egal, das nehm ich morgen mit. Hab eh keine Eier mehr.

Montag, Juli 27, 2009

was habt Ihr gegen pausen?


Wir machen ständig Pausen.

Beim Sprechen zum Beispiel.
Richtig platziert sind Pausen wichtig für das Verständnis und den Nachdruck des Gesagten. Eine Pause ist gleich wichtig wie ein Wort oder Satz. Oder wichtiger.
Magisch so eine Pause. Vor allem eine kleine.
Eine kleine Pause vor dem Wort JA zum Beispiel. Diese kleine Pause hat es in sich. Diese kleine Pause bedeutet NEIN. Und dadurch wird das darauf folgende JA umso wertvoller.

Eine Pause vor einem Wort drückt aus, dass das, was nach der Pause folgt, von großer Bedeutung ist. Der Sprecher drückt durch die Pause aus, dass er genau weiß, was er sagt, dass er abwiegt, nicht leichtfertig und oberflächlich redet sondern wohl überlegt.
So wirkt es jedenfalls.
In Wirklichkeit ist es ganz anders.
Jedenfalls bei mir.
Wenn ich im Satz eine Pause mache, dann ist da gar nichts wohl überlegt, ganz im Gegenteil. Ich mache vor Wörtern nur dann Pausen, wenn ich mir nicht sicher bin. Wenn ich nicht genau weiß, was ich sagen will oder soll. In diesen Bruchteilen von Sekunden arbeitet mein Gehirn fieberhaft, wie wahnsinnig, wie los gelöst von mir selbst, fast panisch. Ich bin unsicher und irgendwann, sag ich halt was. Aber das ist ganz und gar nicht wohlüberlegt, das ist nur spontan.
Aber mein Gegenüber merkt das nicht, und darum geht es doch, nicht wahr?
Ich bin halt keine Weise, die denkt, bevor sie redet. Das tun ja die Weisen bekanntlich.
Ich bin der Meinung, dass dieses Sprichwort Unsinn ist.
Dann würde ja einer, der ganz besonders weise ist, gar nichts sagen, weil er ständig damit beschäftigt ist, zu denken.
Demnach wäre mein Exmann einer der weisesten Menschen überhaupt, weil der hat nie was gesagt. Nicht einmal, als ich ihn fragte, warum er mich geheiratet hat.
Nein, die Nichtssager sind keinesfalls weise. Ganz im Gegenteil. Die verwenden dieses Sprichwort nur als Ausrede, um nichts sagen zu müssen.

Nicht nur beim Reden brauchen wir Pausen. Auch in der Musik. Vor allem in der Musik. Das wär was, ein Musistückl ohne eine Pause. Aufreibend, langweilig. Einfach nur fad.
Eine Pause in der Musik ist ein schöpferisches Innehalten.
Ein besonders langes schöpferisches Innehalten zeigt dieses Musikstück:


Toll. Da gehst in ein Konzert und hörst nix, dann a bissl Husten und Schnäuzen. Aber so sind halt Pausen. In Pausen passiert eben nicht viel. Das Beste bei dem Stückl ist das Klatschen. Die Leut klatschen wahnsinnig toll und aufregend. Sie klatschen ganz normal, wohlgemerkt, aber durch die Pause vorher wird das Klatschen zu etwas Besonderem. Magisch eben!

Manchmal redet man von einer Pause, will aber etwas Altes abschließen, um etwas Neues zu beginnen. Das ist keine richtige Pause. Das ist eine Unterbrechung, würde ich sagen. Eine richtige Pause ist die Zeit, die ich brauche, um mich zu erholen und dann wieder mit der ursprünglichen Tätigkeit weiter zu machen.
So wie ich. Ich mach weiter genau so wie ich aufgehört habe. Kein neuer Stil, keine neuen Fehler, keine andere Sprache. Alles wie gehabt.

Am schönsten sind die Pausen für mich wenn ich auf Fortbildung bin. Diese Pausen sind wie die Pausen seinerzeit in der Schule. Als ich noch Schülerin war. Als Lehrerin hab ich zwar auch Pausen, aber die sind anders. Nicht so toll wie die als Schülerin.
Aber die Fortbildungsseminarpausen sind die besten. Das Kostbarste, was es an Pausen gibt. Im Nachhinein betrachtet sind diese Pausen ein Dazwischen, eine Art Nichtsein, eine Zeit, die eigentlich gar nicht war. Eine Zeit, in der das Denken zu sich kommt und einen Gedankenstrich ins Jetzt setzt. Ein Gedankenstrich zum Durchatmen.

Meine Pause ist heute zu Ende. Aber ich hab immer noch Ferien. Wie schön.