
Gregor, zieh deine Jeans rauf, ich will deine Unterhose nicht sehen. Ich will deine Hausübung sehen. Den Simpson auf deiner Unterhose sehe ich jeden Tag, dein Hausübungsheft einmal in der Woche, sage ich.
Wir sind auf dem Weg zum Sammelpunkt. Zum Sammelpunkt gehen wir immer dann, wenn Feueralarm ist. Zum Sammelpunkt ist es um die zweihundert Meter.
Wieder einmal Feueralarm.
Der Zeitpunkt ist optimal gewählt. Straße und Gehsteig sind nass und drecking.
Fast fünfhundert Schüler latschen in Riesenflauschpatschen auf dem nassbraunen Gehsteig dahin, dass es nur so spritzt.
Seit einigen Monaten sind diese Riesenflauschpatschen in Mode. Fast alle haben solche. Gregor nicht. Gregor hat gar keine Patschen. Er schlapft nur mit Socken an den Füßen durch den Dreck.
Hebt eure Füße, spritzt nicht so! schimpfe ich.
Frau Lehra, das geht nicht anders. Die Patschen sind so schwer.
Ich seufze.
Ich seufze und erinnere mich an den Feueralarm an der englischen Schule, an der ich vor fünf Jahren war.
Feueralarm war an der Tagesordnung. Jede Woche mehrmals. Es war ein Spaß für die Schüler, den Alarmkasten aus Glas einzuschlagen. Und es gab unzählige Alarmkästen. Der Schuldige wurde niemals gefunden, obwohl der Direktor jedes Mal sagte: This time we’re gonna find the brat. Mir war der Feueralarm nur recht. Das Unterrichten war das Anstrengendste, das ich je im Leben gemacht habe. Stell dir vor, der Alarm geht los. Nein, nicht so einer, wie wir ihn hier kennen. Nein, keine Sirene, sondern eine Glocke. Aber was für eine! Da ist die Pummerin ein Glöckerl dagegen. Eine wahnsinnig laute, schrillende Glocke. So laut, dass dir die Ohrwascheln wackeln und dir das Hirn stehen bleibt. Dann tausend Schüler die engen, verdreckten Treppen hinunter auf den Sportplatz. Hintendrein die Lehrer wie Marionetten. Der Direktor, ein Typ wie Louis de Funes mit Megaphon vor der Truppe. Stand in an orderly queue – gellt er. Sie stehen in keiner orderly queue. Sie stehen überhaupt nicht. Sie laufen herum, raufen, schreien, johlen. Sie raufen, sie kichern, sie streiten. Die Klassenvorstände lesen aus der Klassenliste die Namen vor. Yes, miss und Yes, sir sollten sie antworten. Es antwortet keiner. Es hört dich nicht mal einer. Ein Zirkus, ein Kasperltheater! Nach einer Viertelstunde wieder Abmarsch. Kaum im Gebäude, das an ein Gefängnis erinnert mit den dunklen Ziegelwänden, schon wieder Feueralarm. Die Masse macht kehrt und saust wiederum kreischend ins Freie. Die Lehrer wohl oder übel hintendrein. Raus zum Sportplatz. Louis de Funes mit Megaphon erwartet uns schon. An der Stirn die Zornesader, die wild pulsiert. Die Lehrer stehen resigniert da. Ich finde das Ganze amüsant. Aren’t we clowns, sage ich zu Andy, dem Lehrer aus Perth, der auch nur für ein Jahr hier ist. Er grinst und nickt. I don’t care, sagt er. Me neither, antworte ich und grinse zurück. Es ist Freitag Nachmittag und ich hätte die neunte Klasse in Deutsch. Freitag Nachmittag und Deutschunterricht. Wen interessiert das in England? Deutsch interessiert sie gar nicht. Why do we have to learn that stupid language? I will never go to Germany in my whole life. I hate the language. And all these long stupid words. Why don’t you just keep it as simple as in English? Ständig fragen sie mich. Und ich erkläre und rede und erzähle und versuche sie zu motivieren. Es schaut nix raus. Wie auch? Dreißig Schüler, und eine Stunde Deutsch pro Woche. An jenem Nachmittag hatten wir fünf Mal Feueralarm. Diejenigen, die ihn verursacht hatten, wurden nie ausgeforscht.
Mittlerweile sind wir wieder in der Klasse. Gregor zieht eine braunfeuchte Spur. Die Riesenflauschpatschen der anderen dampfen. Es riecht streng.
Heute ist alles wieder blitzblank. Statt der Riesenflauschpatschen haben alle Birkenstocksandalen an.
Nur Gregor nicht.
Gregor wieder nur in Socken. Wenigstens in frischen.
Gregor, zieh deine Jeans rauf, ich will den Simpson auf deiner Unterhose nicht sehen. Wo ist deine Hausübung?
Das ist heute nicht der Simpson, das ist der Garfield, Frau Lehra. Die Hausübung bring ich morgen.
Na wenigstens. Ein Anfang.












