Montag, Dezember 31, 2007

2008


Wir
wollen
glauben
an
ein langes Jahr,
das uns gegeben ist,
neu,
unberührt, voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit,
voll Aufgabe,
Anspruch und Zumutung.
Wir wollen sehen,
dass wir's nehmen lernen, ohne allzu viel fallen zu lassen
von dem
was es zu vergeben hat, an die, die Notwendiges, Ernstes und
Großes von ihm verlangen.

~ Rainer Maria Rilke ~

Samstag, Dezember 29, 2007

alright, said fred


Alright Fred, sagt Schneewittchen.
Don’t be afraid, sagt Anna.
Don’t be a Fred, be happy, sage ich.
You are a Fred, a happy one, sagt Schneewittchen.
Die Musik spielt, dass die Ohren dröhnen.
Fred tanzt, dass der Boden wackelt. Mit Anna.
Fred ist ein wunderbarer Tänzer. Fred ist was Besonderes. Fred tanzt wie ein Turniertänzer und schaut auch wie einer aus. Wenn er tanzt, dann spitzt er seine Lippen. Nicht immer, nur bei den hohen Tönen. Er gleitet über die Tanzfläche wie ein Torero. Diese Haltung, dieser Blick! Fred könnte der Ururenkel vom Astaire sein. so wie der tanzt.
Die Anna tanzt auch gut, aber mit der Ginger Rogers hat sie nichts gemeinsam. Ihr Haar ist nicht ginger, sondern schwarz. So schwarz wie das vom Schneewittchen. Klar, sie sind Schwestern.
Der Sepp, der an der Bar sitzt ist ganz hin und weg.
Fred, fesche Frauen hast wieder dabei. Ich hab einen Doppelgänger, wisst ihr das?
Ja, sag ich, du schaust dem Bäck ähnlich.
Dem auch, sagt Sepp. Und dem Hias.
Welchem Hias?
Na, dem vom Oagna.
Kenn i nit.
Fesche Weiwaleit hast du mit, Fred. Eine Ausstrahlung habt’s ihr, sagt er. Und fesch beinand seid’s auch. Er schaut auf unsere Beine. Und den Fred schaut er von der Seite her an. Auf die Beine schaut er dem Fred nicht.
Der Fred strahlt. Brauchst a Versicherung? fragt er.
Du Depp, i bin doppelt und dreifach versichert. Aber so a Weiwaleut könntest mir abtreten.
Die Band spielt sich die Seele aus dem Leib. Im Leben haben wir noch nicht so eine hässliche Band gesehen. Kein einziger fescher ist dabei. Alle schauen aus wie grad dem Kabinett entsprungen.
Die kommen alle aus dem gleichen Tal, sagt Anna. Kein Wunder.
Auf einmal setzt sich einer zu uns. Besoffen. Herman Munster Typ.
Schleich dich, sage ich. Haben wir dich eingeladen?
Er lallt.
Setz dich da drüben hin, da ist alles frei. Wir wollen a Ruah.
Er hört nicht. Er starrt uns an. Vor allem das Schneewittchen.
Amadea, bitte hilf mir. Ich halt den nicht aus.
Du hättest gar nicht reden sollen mit dem, sage ich. Was redest du auch mit jedem?
Ich hab nicht mit ihm geredet. Amadea.
Klar hast du, sage ich.
Hilf mir, er reibt sein Bein an mir. Ich bin mit Amadea zusammen, sagt sie zu Herman Munster.
Sie umarmt mich und küsst mich auf die Wange.
Ich werde dich immer lieben, sagt sie.
Ja, ich auch, sage ich. Darf ich zuerst mein Würschtl essen?
Ich schaue zu Fred. Aber der redet mit Anna. Die beiden sind keine Hilfe.
Fred, setz dich zwischen Schneewittchen und Herman Munster.
Fred hört nichts. Sie reden immer noch. Wenn die zwei reden, dann hast du keine Chance. Sie reden immer über wahnsinnig wichtige Dinge, wie Feng Shui oder die Todesstrafe.
Ich bin mit dem Würschtl fertig.
Hör gut zu, sage ich zu Herman Munster. Das Schneewittchen ist meine Geliebte, do geht nix. Also geh. Geh nun.
Er geht nicht. er schaut nur.
Er reibt noch immer an meinem Bein. Tu was, Amadea. Wir könnten schmusen, sagt Schneewittchen. Ich habe eh noch nie mit einer Frau geschmust.
Ich hab grad a Würschtl gegessen. Schmusen ist keine gute Idee. Außerdem turnt ihn das noch mehr an, sage ich. Ich hab dich lieb, Schneewittchen, aber nicht so lieb, dass ich mit dir schmusen will.
Herman Munster glotzt glasig.
Fred, rufen wir gleichzeitig.
Alright, said Fred. Tanzen. Kommt’s girls.
Er zieht uns auf die Tanzfläche. Ich schaue zurück. Herman Munster ist weg. Stattdessen sitzt am Tisch ein Dackel. Ein riesiger. Und er sieht aus wie Herman Munster.

(Die Band am Foto ist eine andere als die im Text)

Dienstag, Dezember 25, 2007

send me an angel


Es läutet an der Tür. Ich mach auf und da stehen drei Jugendliche.
Verkleidet als Engel.
Einer davon ein Bursch. Grad der hat einen Heiligenschein. Keinen echten. Ein Drahtgestell, zu einem Heiligenschein gebogen. Ich bin ja gewohnt, dass die drei heiligen Könige kommen und für die Caritas sammeln. Aber drei Engel? Wofür die wohl sammeln? Aber darüber kann ich mir nun keine Gedanken machen.
Weil sie beginnen zu singen. Es ist eher ein Krächzen.
Stiiiiiiiiiiiiiiiiiiiihille Naaaaaaaaaaaaaacht, heiiiiiiiiiiiiiiiiiiilige Nacht.
Ich bin ein wenig überrascht. Überrascht, dass drei Jugendliche so laut singen, vor allem ein Weihnachtslied und vor allem so falsch.
Aus, aus, so geht das nicht, schreie ich dazwischen. So kann man nicht singen, Kinder. So nicht.
Schließlich habe ich noch vor einigen Jahren Musik unterrichtet und es ist meine Pflicht als Lehrerin, sie ein wenig zu unterrichten, auch wenn Heiligabend ist. Nun hört mir mal zu.
Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaalles schlääääääääft, einsam waaaaaaaaaaacht.
Sie starren mich an.
Klar, dass sie überrascht sind. Bei der tollen Stimme, bei diesem Ausdruck.
Der Bursch hat aufgehört zu singen, aber die Mädchen singen weiter. Ich finde das gut, wenn man nicht so schnell aufgibt. Die Jugend heutzutage ist eh so schnell frustriert und gibt gleich auf, wenn man sie kritisiert. Mir gefällt es, dass sie weiter singen, in Konkurrenz mit mir treten, besser sein wollen als ich obwohl die natürlich keine Chance haben, eh klar.
Ich habe ja jahrelang gesungen.
In einem Dreigesang, später in England Karaoke. Im Pub. Das ist zwar schon einige Jahre her, aber singen kann ich immer noch.
Jeden Abend habe ich gesungen. Jeden Abend meines dreiwöchigen Englandurlaubs. Und wie ich gesungen habe. Ich sag dir. Du hättest mich hören sollen. England kommt ja bei Karaoke gleich an zweiter Stelle nach Japan. In England gibt’s gute Sänger, durchaus. Nicht nur natürlich. Da war eine. Eine, die auch jeden Abend sang. Dagmar hieß sie. Dagmar sang jeden Abend im Wellington. Im Wellington in Minehead.
Minehead liegt in der tiefsten Provinz in Somerset. Aber ich liebe tiefste englische Provinzen. Für ein paar Wochen im Jahr jedenfalls.
Dagmar war aus Dresden. Dagmar war jeden Abend im Wellington. Immer im selben Rock. Rot mit weißen Punkten. Rot und Plissee. Dagmar erzählte mir jedes Mal, dass sie demnächst heiraten würde.
Als ich sie dann im Jahr darauf fragte, wie ihr das Eheleben gefiele, war immer was dazwischen gekommen.
Geheiratet hat sie nie.
Dagmar hatte nie Geld.
Die Arme.
Sie arbeitete als Gärtnerin. Und als Gärtnerin verdienst du nix. Nicht in England und nicht als deutsche Gärtnerin. Die Deutschen sind nicht berühmt für ihre Gärten. In England jedenfalls nicht. In England sind die nur berühmt für ihre Autos. Und für die Brautwurscht und das Sauerkraut.
Dagmar sang immer dasselbe Lied. Light my fire.
Ich sag dir, das war was. Sprechgesang der feinsten Sorte. Englischer Sprechgesang mit Dresdner Akzent. Das kam nicht so gut an. Aber manchmal erwischte Dagmar doch einen, der ihr ein Pint bezahlte und mit dem sie dann heimging.
Ich sang mehr als ein Lied beim Karaoke im Wellington.
Yeah, Amadea from Australia, grölten einige, die mich schon kannten.
Ich sang alles von Tina Turner bis Shirley Bassey und den Beatles.
Du brauchst nun gar nicht zu lachen. Ich sang wunderbar. Und ich bekam immer wahnsinnig viel Applaus. Weil ich so gut sang.
Mein Exmann meinte dann immer, das könne nicht wegen des Singens sein, das müsse was anderes sein. Der kurze Rock, meinte er.
Jedenfalls fiel mir all das ein, als ich diese Zeile von Stille Nacht sang. Ich sah sie vor mir, die Dagmar in ihrem Plisseerockerl und das Pub sah ich auch und mich auf der Bühne und den Applaus hörte ich.
Tausend Gedankensplitter waren auf einmal in meinem Kopf. Tausend Gedankensplitter während ich Alles schläft, einsam wacht sang.
Nur das traute, hochheilige Paar, singen die beiden weiter.
Holder Knabe im lockigen Haar, singe ich. Natürlich singe ich viel schöner und besser. Viel richtiger.
Ich weiß schon, dass nicht jeder so gut singen kann wie ich und darum lasse ich sie meine Überlegenheit auch nicht spüren. Ein bissl a pädagogisches Gespür hab ich ja doch, nach all den Jahren des Unterrichtens. Das Lied ist aus und ein Bursch hält die Hand auf. Der mit dem Heiligenschein. Ich ignoriere das. Ich frage: Singt ihr für die Caritas?
Sie schütteln alle drei den Kopf. Der mit dem Heiligenschein hört gar nicht auf zu schütteln. Der Heiligenschein wippt nur so.
Ihr singt nicht für die Caritas, frage ich? Dann gibt’s auch kein Geld.
Es wird schon glei dumpa, es wird schon glei Nocht, singt er schon wieder, der mit dem Heiligenschein. Drum kimm i zu dir her, mei Heilond auf d’Nocht. . .
Aus, aus, rufe ich. Es ist zwar auf d’Nocht, aber der Heiland bin ich nicht und Geld bekommt ihr keins von mir. Aber – hört gut zu, ich habe eine Idee. Ihr übt noch a bissl und zu Dreikönig könnt ihr wieder kommen. Und wenn ihr besser seid, dann geh ich mit euch. Von Haus zu Haus geh ich dann mit euch. Und wir singen und ich sing a bissl mit und wir sammeln.
Die drei strahlen.
Wir sammeln Geld.
Die drei strahlen noch immer.
Wir sammeln Geld für die Caritas.
Mit einem Schlag ist das Strahlen weg.
Und der Heiligenschein aus Draht wippt wieder. Hin und her wippt der. Gemeinsam mit dem Kopf vom Engel, vom jugendlichen.
Und dann sind sie weg, die Engel.
Frohe Weihnachten, rufe ich ihnen nach. Und - Vergesst nicht zu üben, jeden Tag.

Dienstag, Dezember 18, 2007

ich hab eh alles



Was wünschst du dir zu Weihnachten?
Ich brauch nix. Ich hab eh alles. Nein, ich brauch wirklich nichts. Mach dir keine Umstände.
Bist du sicher? Ich würde dir gern was schenken.
Na, dann schenk mir was Kleines. Was Nettes, Kleines. Etwas, das du nur mir schenken würdest.
Falsche Antwort.
Die richtige Antwort ist eine Gegenfrage: Wie viel willst du ausgeben?
Wenn du das weißt, dann antworte kurz und bündig. Je einfacher dein Wunsch, desto einfacher für alle Beteiligten.
Überfordere den Fragenden nicht. Niemand will das Innerste deiner Seele erkunden, noch deine geheimsten Wünsche und Sehnsüchte wissen. Vor allem nicht eine Woche vor dem heiligen Abend.
Der Fragende will genau wissen, was du willst, wo er es kaufen soll, welche Farbe es haben soll und auf welchem Regal es sich befindet.
Also, klare Antworten, kein Herumreden.
Wenn du an der Wursttheke gefragt wirst, was du haben willst, dann sagst du ja auch nicht: Geben sie mir irgendeine Wurst, egal wie viel und wie teuer. Erst recht sagst du nicht, dass du nichts brauchst.
Natürlich haben wir alle gern Geschenke, die von Herzen kommen, die selbst gemacht sind und die wir uns schon jahrelang wünschen.
Aber wer hat schon Zeit, sich jahrelang Notizen zu machen, welcher Schal deine Augen zum Leuchten brachten oder welches Parfum genau zu deinem Typ passt. Und das mit dem Typ ändert sich ja auch. Im Sommer warst du ein anderer Typ als jetzt im Winter. Du warst besser drauf, du warst schlanker und du warst nicht so bleich. Und der Schal, der dir so gefiel, ist nur zu brauner Haut schön und zum Wintermantel passt der gar nicht.
Also sei realistisch.
Manchmal fragen uns Menschen, die wir das ganze Jahr über nicht sehen, was wir uns zu Weihnachten wünschen.
Solche Menschen sind vornehmlich Großtanten und Großonkeln in Altersheimen, die wir mit schlechtem Gewissen, dass wir sie seit letztem Weihnachten nicht besucht haben, vor einigen Tagen anriefen, um ihnen ein Frohes Fest zu wünschen.
Da kannst du dann zur Großtante nicht sagen, dass du dir die grüne Handasche wünschst, die du bei deinem letzten Parisurlaub im Lafayette gesehen hast.
Du kannst auch nicht sagen: Gar nichts, mach dir keine Umstände. Dann schenkt sie dir nämlich einen Eierlikör oder eine Tischdecke.
Sag, was du wirklich willst. Du besuchst sie wie jedes Jahr am Stefanitag, das hast du dir vorgenommen. Also sag was, auch wenn es gierig klingt. Und tu nicht so, als ob du Mutter Teresa wärst, nur weil grad Weihnachten vor der Tür steht. Jeder weiß, wie du bist, auch deine Großtante.
Es gibt auch Leute, die wollen besonders witzig, kreativ oder spontan sein, wenn man sie fragt, was sie sich wünschen.
Nochmals zwanzig sein, sagt die in die Jahre gekommene Cousine, was übersetzt so viel heißt wie: Ich wünsche mir ein Lifting und eine Fettabsaugung an Po und Oberschenkeln.
Das übersteigt deine finanziellen Möglichkeiten und außerdem weiß deine Cousine genau, dass dir ihre Reiterhosen schnuppe sind und ihr dicker Hintern auch.
Geh auf diesen dummen Wunsch nicht ein.
Meine Manneskraft, sagt der Großonkel aus dem Altersheim. Den hast du nämlich angerufen und gefragt, was er sich wünscht, weil den willst du am Stefanitag besuchen, so wie jedes Jahr.
Das heißt übersetzt: Viagra.
Das ist nun etwas anderes als bei der Cousine. Viagra kannst du dir leisten, nicht wahr?
Also mach ihm eine Freud’ und kauf es ihm. Und die Großtante hast du dann auch gleich beschenkt.
Frieden für die Welt, sagt der alternative Neffe.
Übersetzt heißt das: Ich will meine Ruh’.
Auf diesen Wunsch gehst du auch nicht ein. Du kannst ausnahmsweise auch mal witzig sein und antwortest: Der Papst wünscht sich das auch und nicht einmal der bekommt das.
Manchmal sind unrealistische Wünsche erlaubt.
Du kannst dir getrost einen Porsche wünschen. Den bekommst du nicht.
Bei Hund ist es anders.
Wünsch dir keinen Hund. Außer du wohnst in einer Villa mit Riesengarten. Aber dann hast du ja einen Hund. Oder mehrere.
Einen Hund kann sich jeder leisten. Hunde bekommt man sogar geschenkt. Im Hundeasyl. Da hast du dann einen Hund und kannst fünf Mal am Tag mit ihm Gassi gehen weil du kein Gassi hast sondern nur eine Dreizimmerwohnung im dritten Stock.
Sei bescheiden in deinen Wünschen.
Wünsch dir keine Panasonic Lumix DMC-L1 für 1400 Euro.
Der Fragende kennt nun zwar deinen Wunsch, aber er kann sich den Wunsch nicht leisten.
Tut mir leid, die Kameras waren aus. Aber der Verkäufer hat sich genau erinnert, wer die letzte Kamera gekauft hat und ich wusste sofort, das warst du. Und nun hab ich dir diesen extrabreiten Trageriemen gekauft. Freust du dich?

Was ich mir zu Weihnachten wünsche? Du beleidigst mich mit dieser Frage. Du solltest eigentlich wissen, was ich mir wünsche. Du solltest eigentlich meine geheimen Wünsche und Sehnsüchte kennen. Aber wenn du schon fragst ... Wie viel willst du ausgeben? Was bin ich dir wert? Wie ist dein Kontostand? Wie viele Leute beschenkst du? An wievielter Stelle bin ich? Gib mir das Geld, bitte. Ich flieg über Neujahr nach Paris und kauf mir diese grüne Handtasche.

anklöckler

Weil's so gut passt, hier ein Video, das meine Söhne letztes Jahr von den Anklöcklern machten.

Sonntag, Dezember 16, 2007

es wird ein kind geboren


Schatzi?
Ja?
Sind die Gäste schon angekommen?
Welche meinst du?
Die Männer.
Welche Männer? Ich hab nur den Herr Rodes da.
Die haben vor zwei Wochen das Zimmer bestellt. Per E-mail.
Ach ja, ich erinnere mich. Für drei Personen. Da waren grad welche da. Ein Schwarzer war dabei. Die hatten alle komische Hüte auf.
Das sind keine Hüte, das sind Turbane.
Turbane sind das nicht. Turbane haben doch keine Kronen.
Ist ja egal. Sind die nun da?
Ja, da waren drei Männer. Aber von einer Zimmerreservierung haben die nichts gesagt. Sie wollten zu einem Joseph.
Was für ein Joseph? Nachname?
Sie sagten nur Joseph.
Ach ja, Schatzi. Wir haben einen Joseph. Nun fällt es mir ein. Joseph und Maria. Die hab ich in der Stall-Suite untergebracht.
Sind das die mit dem Esel?
Ja, genau.
Was wollen die drei von dem Joseph, sag mal?
Ich habe keine Ahnung. Außerdem geht uns das nichts an. Wenn sie den Herrn Joseph sehen wollen, dann lass sie halt.
Die kommen aus dem Morgenland, haben sie gesagt.
Morgenland? Ich kenn kein Morgenland. Wo liegt denn das?
Im Orient.
Mit der Orient ierung tu ich mir schwer, das weißt du. Was die wohl vom Herrn Joseph wollen? Haben sie Gepäck?
Nein, ich habe nichts gesehen. Sie haben gesagt, dass sie Könige sind.
Könige, so ein Blödsinn. Könige aus dem Morgenland! In unserem Haus! Da hast du falsch verstanden. Die heißen sicher König mit Nachnamen. Sind vermutlich Brüder.
Sie haben Geschenke dabei.
Was für Geschenke?
Weihrauch und Myrrhe.
Was? Weihrauch? Wer bringt denn Weihrauch mit als Geschenk? Weihrauch gibt’s doch in jedem Supermarkt. Und was ist Myrrhe?
Keine Ahnung. Gold haben sie auch dabei.
Gold? Wie viel?
Das weiß ich nicht. Jeder hatte ein kleines Schachterl in den Händen. Sie sagten, die Geschenke sind für das Kind.
Was für ein Kind?
Es wird ein Kind geboren.
Wo? Bei uns? Das kann nicht sein. Ich war vor einer Stunde oben.
Wo oben?
Na, beim Herrn Josepf in der Stall-Suite. Die wollen nicht gestört werden. Das Schild hängt an der Tür. Darum hab ich auch nicht geklopft. Sag den Herrn Königen, sie sollen warten. Schick sie ins Wohnzimmer.
Da wartet schon einer.
Ach ja, der Herr Engel.
Der wartet schon seit zwei Stunden. Was will der eigentlich?
Keine Ahnung. Der ist sicher wegen Weihnachten da.
Ein Weihnachtsengel, hihi.
Lass die Scherze. Ich hab’s eilig. Ich muss noch den Truthahn vom Metzger holen und der Sekt muss auch eingekühlt werden. Kannst du das machen? ich bin so im Stress.
Ja, Schatz. Ich mach das. Ich weiß, dass du es stressig hast. Ist ja nichts Neues zu Weihnachten. Wann kommt deine Mutter?
Mein Gott, meine Mutter hätte ich nun bald vergessen. Was machen wir mit dem Engel und den Königen? Feiern die mit uns Weihnachten?
Mach dir keine Sorgen, ich erledige das.
Gut, dann hole ich nun den Truthahn und dann meine Mutter. Und du schaust, dass die weg sind. Ich brauch keine Gäste in meinem Wohnzimmer zu Weihnachten. Meine Mutter ist anstrengend genug.
Verlass dich auf mich, ich mach das schon.
Du bist ein Schatz. Ich liebe dich. Liebst du mich auch?
Natürlich, Schatzi. Das weißt du doch.

Donnerstag, Dezember 13, 2007

geh und such



Ich glaub, ich fing mit ungefähr fünf an, meine Weihnachtsgeschenke zu suchen.
Um diese Zeit war es ungefähr.
Mitte Dezember.
Ich fand sie immer.
Damals glaubte ich nicht mehr ans Christkind. Ans Christkind glauben hieß, zu glauben, dass das Christkind die Geschenke bringt.
Thomas hatte mir erzählt, dass die Geschenke nicht das Christkind bringt, sondern dass sie die Mama kauft.
Thomas hatte mir auch erzählt woher die Kinder kommen und wie sie gemacht werden.
Mit Thomas war ich im Kindergarten. Wir wollten beide heiraten. Später.
Mit Thomas konnte ich alles besprechen. Thomas und ich hatten keine Geheimnisse voreinander.
Thomas und ich küssten einander auch. Mit Zunge.
Das ging folgendermaßen: Ich streckte die Zunge ganz weit heraus und Thomas leckte mit seiner ganz kurz an meiner. Nur den Bruchteil einer Sekunde lang. Wir machten das natürlich nicht vor anderen Leuten. Wir machten das heimlich. Wenn wir nach Hause gingen vom Kindergarten.
Wir wurden nicht abgeholt. Wir gingen alleine nach Haus vom Kindergarten. Wir hatten denselben Heimweg. Dabei mussten wir immer durch eine Unterführung gehen. Tunnel nannten wir diese Unterführung.
Wir sagten nicht Tunnel sondern Tunell.
Immer wenn wir im Tunell waren, machten wir Zungenlecken. So nannten wir das.
Einmal kurz vor Weihnachten klärte mich Thomas auf.
Es gibt kein Christkind, sagte er. Das macht alles die Mama. Die kauft Geschenke und die versteckt sie dann und dann packt sie die ein und legt sie unter den Christbaum.
Und wer bringt dann den Christbaum? fragte ich. Den bringt nicht die Mama. Den könnte sie gar nicht tragen, so groß wie der ist.
Nein, den bringt dein Papa. Der holt den vom Wald.
Weißt du, redete Thomas weiter, ich war mal mit meinem Papa im Wald einen Baum holen. Der ist für den Herrn Pfarrer, sagte er. Aber ich glaubte ihm das nicht. Ich brach heimlich ein Asterl ab und dann am Heiligabend sah ich, dass das Asterl fehlte. Also, Amadea. Glaub deinen Eltern nicht. Die lügen dich an. Es gibt kein Christkind.
Das beschäftigte mich sehr.
Ich entschied, daran zu glauben, dass die Geschenke die Mama besorgte. Aber das mit dem Christbaum, das glaubte ich nicht. Weil Christbaum fand ich nie einen. So viel ich auch suchte.
Mama wusste natürlich nicht, dass ich nicht mehr an das Christkind glaubte. Niemals hätte sie das wissen dürfen. Ich wollte sie nicht enttäuschen und wollte, dass sie glaubt, dass ich glaube.
Und als eines Heiligen Abends die Puppe, die ich schon entdeckt hatte, nicht unter dem Christbaum lag, konnte ich meine Mutter nicht fragen, warum ich sie nicht bekommen hatte. Ich wusste, dass sie sie nicht gefunden hatte.
Sie war nämlich in der Garage hinter der Gasflasche gelegen, versteckt unter Papas dreckigen Overall. Ich bekam dann zu Ostern nicht nur Ostereier, Socken und den Plüschhasen, sondern auch die Puppe mit selbst gestricktem, rosafarbenem Pullover und Schihaube.
Als ich damals am Heiligabend zu Mama sagte, dass ich dem Christkind geschrieben hatte - weil ich hoffte, sie würde sich vielleicht daran erinnern, dass sie da draußen in der Garage unter dem Overall vom Papa liegt - da war sie ganz durcheinander.
Vielleicht bekommst du vom Osterhasen eine, sagte sie schnell, und – Nun mach dein Packerl auf.
Und im Packerl waren nur rosafarbene Socken und ein Buch.
Und so brachte der Osterhase die Puppe.
Als ich Mama fragte, warum die Puppe die warme Pudelmütze und den dicken Pullover trug, in derselben Farbe wie die Socken, die ich zu Weihnachten bekommen hatte, sagte sie nur: Ostern ist früh in diesem Jahr und der Osterhase will nicht, dass du frierst.

Also, ihr Lieben. Es ist nun Mitte Dezember und höchste Zeit, eure Geschenke zu suchen. Die Krawatte, die CD, die Schiunterwäsche und die Eduscho-Armbanduhr sind da irgendwo.

Hier einige Tipps:
Unter dem Sofa. Schmeiß die Socken in den Wäschekorb.
Zwischen den T-Shirts. Lass den Vibrator.
Auf dem Kleiderkasten. Staub gleich mal ab.
Unter dem Bett. Wohl schon drei Wochen nicht gesaugt?
Im Nachtkastl. Lass die Kondome. Die gehören dir nicht.
Hinter dem Sofa. Kannst gleich den Staubsauger holen und saugen.
Hinter dem Computer. Was machen all die Kulis das?
Im Stauraum in der Diele. Hast du die letzte Altkleidersammlung verschlafen?
Im Abstellraum unter den alten Zeitungen. Trag die gleich runter.
In der Sauna. Die gehört auch mal geputzt.
Im Hobbyraum im alten Kasten. Du liest Pornoheftln?
In der untersten Lade der Kommode. Feinrippstrick ist wohl wieder in?
Hinter den Vorhängen im Arbeitszimmer. Nimm sie ab und hau sie in die Waschmaschine. In der Speisekammer. Du hast keine? Na, dann halt im Keller.
In den Schachteln, die das rum stehen. Sind die noch von der Uroma?
Am Bücherregal hinter den Buchattrappen. Abstauben!
Unter dem Berg Bügelwäsche. Kannst gleich bügeln.
Unter der Abwasch. Das Abflussrohr ist verstopft. Mach das mal sauber.
Im Mikrowellenherd. Wisch den Fettfilm da weg.
Im Geräteschuppen. Geh gleich mal Schnee schaufeln.
Im Kofferraum. Morgen putzt du das Auto. Aber ordentlich.
Im Schmutzwäschekorb. Wasch endlich deine Unterwäsche.
In der Waschmaschine. Schalte den Schongang ein.
In der Garage hinter der Gasflasche unter dem dreckigen Overall.
Nun geh schon.
Such. Was, du findest nichts?
Na, dann wart auf Ostern. Über Krawatte, CD und Uhr freust du dich zu Ostern auch. Und die Schiunterwäsche kannst du als Pyjama anziehen.
Ostern ist früh in diesem Jahr und der Osterhase will nicht, dass du frierst.

Und wenn du nicht so schlampig wärst und den Overall gewaschen hättest, dann, ja dann…..
Aber noch ist ja Zeit.
Für den Weihnachtsputz.

Dienstag, Dezember 04, 2007

ein fast teilweise flächiger nachzieheffekt


Wehe irgendjemand fragt mich, warum ich so lange nichts geschrieben habe.
Es gibt keine Antwort.
Die einzige Antwort, die ich parat habe ist: Ich weiß es nicht. Immer ist was.
Aber das war früher auch schon so. Auch früher war immer was. Also kann das nicht der Grund sein.
Es ist auch nicht so, dass es nichts gäbe, worüber ich schreiben könnte. Es gibt immer was. Weil immer ist was. Und wenn immer was ist, dann kann man auch darüber schreiben.
Es gibt nichts Aufregendes.
Aber das ist ja nicht notwendig.
Wenn es aufregend ist, dann ist man selbst auch aufgeregt und wenn man aufgeregt ist, kann man nicht schreiben. Ich jedenfalls kann dann nicht.
Ich habe weder im Lotto gewonnen, noch war ich auf den Bahamas oder in China oder sonst wo. Wenn ich im Lotto gewonnen hätte, dann würde ich das eh nicht schreiben, und wenn, dann müsste ich die Kommentarfunktion deaktivieren weil das würde ich mich nimmer retten können vor Bettelkommentaren und ohne Kommentare macht das Schreiben ja auch nicht wirklich Spaß. Und wenn ich auf den Bahamas wäre, dann würde ich auch nicht schreiben, weil da hätte ich was Anderes zu tun. Und in China vermutlich auch. Es war also immer was aber trotzdem nichts Ungewöhnliches.
Da war ich einmal mit einigen Kollegen bei einem Vortrag. Unsere Schule hat nämlich einen Laptop gewonnen weil wir so gut waren in der BO-Woche.
Den Laptop tauschen wir vielleicht um in einen Waschmaschine. Genau wissen wir das nicht. Wir müssen nochmals die Putzfrauen fragen. Die haben nämlich gejammert, dass sie so viele Geschirrhangerl zum Waschen haben.
Und wenn die nicht aufhören zu jammern, dann müssen wir das wohl tun.
Aber darum geht es nicht.
Es geht um die Rede, die unser Chef hielt. Einer der Obersten der Lehrer.
Einer, der einen Namen wie ein Vogel hat. Nein, nicht Rotkehlchen und auch nicht Eichelhäher. Strauß auch nicht.
Das ist nun egal, was für ein Vogel.
Es geht um die Rede, die er hielt. Ich sag dir, das war eine Rede. So eine Rede bringst du nicht zusammen, auch wenn du dich noch so anstrengst.
Mein Lieblingssatz war – Da bin ich ganz bei Ihnen. Das ist zur Zeit mein Lieblingssatz. Wenn ich den Satz höre, dann flipp ich aus. Da bin ich ganz bei Ihnen. Einfach schön dieser Satz.
Jeder hat so seinen Lieblingssatz. Meine Freundin, die Frau Therapeut hat auch einen Lieblingssatz.
Der ihr Lieblingssatz ist – Du musst einfach nur loslassen.
Und als der Lehreroberste mit dem Vogelnamen da diese Rede hielt und die ganze Zeit bei mir war, da wurde mir so richtig warm ums Herz und sonst auch überall.
Hast du einen obersten Chef, der ganz bei dir ist und immer wieder während einer Rede? Ich konnte ihn sogar spüren. Ein leichter Luftzug gemischt mit dem Parfüm, das dieser gut aussehende Schwule hatte, den ich damals in Frankreich kennen lernte, als ich meine ersten erotischen Erfahrungen machte.
Die machte ich nicht mit dem Schwulen, sondern mit einem anderen. Mit Antoine. Antoine war nicht schwul. Aber über Antoine schreibe ich nun trotzdem nicht. Obwohl es ganz gut ist, dass mir Antoine nun grad einfiel, weil über Antoine gäbe es einiges zu schreiben. Ja, Erotisches gäbe es auch. Aber darüber schreibe ich nun nicht.
Ich habe eigentlich heute gar nicht vor, irgendwas zu schreiben. Heute will ich nur darüber schreiben, warum ich nicht schrieb und nicht schreibe. Eben weil immer was ist.
Vielleicht schreibe ich nun doch ein wenig. Von dieser Rede könnte ich noch ein bisschen was schreiben.
Er hatte so nette Anglizismen in seiner Rede. Der Lehreroberste. Das klingt ja gleich viel besser wenn du einige Anglizismen reinstreust in deine Rede. Ich bin da ja immer wahnsinnig begeistert als Englishmiss.
Na, der hat diese Anglizismen drauf gehabt, sag ich dir. Der hat sogar so ein schwieriges Wort wie daiwörsitti verwendet.
Du wirst nun sagen, dass es schwierigere Wörter gibt als daiwörsitti. Klar, gibt es die. Alle die mit einem Ti-Ätsch.
Aber für einen, der kein Engländer ist und nicht einmal Englischlehrer, ist daiwörsitti schon ganz schön schwierig.
Und dann hatte er auch noch Wörter, die nicht einmal ich verstand. Und das heißt was. Dabei waren das deutsche Wörter oder fast deutsche Wörter. So genau weiß ich das nicht.
Vielleicht waren das österreichische Wörter.
Österreichisch ist ja fast deutsch. Darum war es eigenartig, dass ich diese Wörter nicht verstand. Nachzieheffekt. Was ist wohl ein Nachzieheffekt? Mir fällt da nur ein Schlitten ein. Aber den kann er nicht gemeint haben.
Und dann redete er noch von der fast teilweisen flächigen Einführung.
Auch etwas unklar, nicht wahr?
Und von den AHessen redete er. Nein, das sind keine Elite-Deutschen, du Dummkopf! AHessen ist Plural. Plural von AHS. Klar?
Und dann zum Schluss gab es noch einen Anglizismus obendrauf. Wunderbar!
Retesting.
Yeah! Retesting.
Nein. Nix mit Rate und Sting. Englisch ist wohl nicht deine Stärke, was?
Retesting – das neue Wort für Wiederholungsprüfung.
Ist das nicht grandios? Kurz und prägnant.
Ich weiß zwar nun nimmer, in welchem Zusammenhang er das gesagt hat. Weil er war da noch immer ganz bei mir und da war ich so abgelenkt, und hab mir nicht alles gemerkt. Und zum Schluss hat er dann noch gesagt, wir sollen uns vor den Vorhang stellen oder uns vor dem Vorhang vorstellen oder den Vorhang vorstellen oder uns den Vorhang vorstellen.
Wie war das? Ich hab das vergessen. Weil da war er wieder ganz bei mir. Ganz nah. Wange an Wange. Mit einem Spatz. Oder Storch. Oder was.
Egal.
Vogel halt.