Montag, Oktober 29, 2007

Sonntag, Oktober 28, 2007

die räuber


Es reicht.
Jedes Jahr im Frühling, so um die Osterzeit, stiehlt man mir eine meiner Stunden. Ich hasse das.
Da kommt einer daher, immer zur Nachtzeit, und holt sich eine Stunde. Und wenn ich dann aufwache, ist sie weg.
Mein Frühling, mein Sommer, mein Leben ist um eine Stunde kürzer.
Da beginnt die schönste Zeit im Jahr und diese schönste Zeit ist um eine Stunde kürzer. Diese Stunde, die gerade zu jener Zeit so kostbar wäre. Ich hätte diese Stunde gebraucht. Sehr notwendig sogar.
Ich habe diese Stunde schon eingeplant.
Damals, im Frühling. Ich wollte genau in dieser Stunde in der Sonne sitzen. Diese eine Stunde wäre die wunderbarste Stunde des ganzen Sommers geworden. Diese Stunde fehlte mir den ganzen Sommer über.
Der Sommer war um eine ganze Stunde kürzer! Und das gerade bei uns, wo der eh schon so kurz ist. Ich leb’ ja schließlich nicht in Kalifornien sondern im Gebirg’. Da, wo die Sonn’ wegen der hohen Berg' ohnehin weniger lang scheint als anderswo.
Und den ganzen Sommer lang habe ich diese Stunde nicht mehr zurückbekommen. Nicht mal im September habe ich sie zurückbekommen.
Weißt du, wann ich sie zurückbekommen habe? Heute. Ja, heute. Das ist nicht zu glauben, nicht wahr? Aber so ist das. Eine Frechheit ist das. Unfassbar ist das. Heute bekomme ich sie zurück. Mitten in der Nacht. Heute, an diesem grauen Regentag bekomme ich die Stunde zurück.
Ich will diese Stunde nicht! Nicht heute!
Jedes Jahr dasselbe Theater. Jedes Jahr der Ärger. Mir reicht das. Ich will an einem depressiven Spätoktobertag keine Stunde dazu haben. Ich will nicht, dass der Oktober eine Stunde länger dauert. Ich will auch nicht, dass der November eine Stunde länger dauert. Ich will prinzipiell nicht, dass der Winter eine Stunde länger dauert. Das bedeutet eine Stunde länger rinnende Nase, Halskratzen und Frostbeulen.
Ich will diese gestohlene Stunde im Juni wiederhaben. Oder im Juli. Meinetwegen auch im August. Aber nicht Ende Oktober.
Ich werde heute all die Stunden, die man mir gestohlen hat und wieder gebracht hat, vor die Wohnungstür legen. Da haben sich einige angesammelt in all den Jahren. Ein großer Haufen ist das. Morgen früh sollen die kommen und den ganzen Krempel aufladen. Im Juli können sie mir die Stunden bringen. Oder im August. An einem warmen, klaren, sonnigen Tag. Da will ich dann die gestohlenen Stunden alle auf einmal.
An einem Sonntag.
Gleich nach dem Frühstück.

Montag, Oktober 22, 2007

Sonntag, Oktober 21, 2007

immer ist was


Die beste Zeit, ein Problem anzupacken, ist die Zeit vor seiner Entstehung.
R. Freimann.

Diesen Satz lese ich heute in dem weisen Buch, das auf dem Kasterl am Klo liegt und für jeden Tag einen guten Spruch parat hat.
Ist das nicht ein wunderbarer Satz?

Es war heute nach dem Frühstück. Ich sitze gemütlich auf der Couch und schaue aus dem Fenster. Plötzlich sehe ich ganz weit drüben, am Horizont, ein Problem entstehen. Nun könnte das ja irgendjemandes Problem sein. Ich will das nun genau wissen. Also hole ich das Fernglas und schaue mir das gerade entstehende Problem an. Ich erkenne sofort, dass es mein Problem ist.
Ich weiß, wie meine Probleme aussehen.
Meine Probleme haben diese eigenartige, undefinierbare Farbe. Eine Mischung aus regentaggrau, bundesheergrün und dreckigbraun.
Die Form der Probleme ist auch eigenartig und undefinierbar. Eine Mischung aus Misthaufen und Knödel.
Das Problem ist noch ganz klein. Ich nehme mein Fernglas weg vom Aug’ und denk nach. Es fällt mir nichts ein. Nun sehe ich das Problem schon mit freiem Auge. Es kommt näher und wird immer größer. Ich nehme das Fernglas und schaue es nochmals genau an. Und da sehe ich, dass es mir zublinzelt, mein Problem. Mein Problem hat keine Augen. Es kann aber trotzdem blinzeln. Das ist nichts Ungewöhnliches.
Mit dem Herzen kann man auch schauen.
Gut sogar.
Kennst du nicht den Spruch vom Saint-Exupery? Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Mein Problem blinzelt - in der Art - Hey, bald bin ich bei dir. Dann bin ich dein. Und ich blinzele zurück - in der Art - Nein, du passt mir heute nicht in meinen Tagesablauf. Kannst du nicht nächste Woche kommen? Dann ist es ruhiger.
Aber mein Problem sieht das Blinzeln nicht weil es nach wie vor beschäftigt ist mit Entstehen. Mein Problem wird nämlich nicht nur durch Näherkommen größer sondern auch durch Entstehen.
Aber heute hatte ich Glück. Großes Glück.
Ich stand schon eine Zeitlang am Fenster und schaute meinem Problem beim Entstehen zu. Ich hatte mir vorgenommen, es zu packen so lange es noch klein war, als ich merkte, dass es gar nicht mein Problem war.
Es war das Problem der Nachbarin. War ich erleichtert!
Als sie an meiner Tür läutete und ich aufmachte und sie zu mir sagte: Amadea, wir haben ein Problem, da nahm ich sie mit zum Fenster, reichte ihr das Fernrohr und sagte: Frau Nachbarin, schauen’S genau. Das ist nicht unser Problem. Das ist Ihr Problem. Damit hab’ ich nichts zu tun.
Und sie sah, dass es ihr Problem war.
Und nun muss sie den Parkschaden an meinem Auto bezahlen. Schließlich ist sie angefahren und nicht ich. Mein Problem ist das nicht. Sie wird mein Auto morgen in die Werkstatt bringen.
Vor zehn Minuten schau’ ich wieder so aus dem Fenster, nichts ahnend und zufällig hin zum Horizont und was seh’ ich da?
Ich sehe schon wieder ein Problem entstehen!
Ein regentaggraubundesheergründreckigbraunes Problem, das aussiehst wie ein Misthaufenknödel.
Ganz klein noch, aber eindeutig mein Problem.
Ich muss es anpacken. Bevor es zu groß wird. Sofort.
Das Problem heißt: Morgen kein Auto um in die Schule zu fahren.
Ich muss also zu Fuß gehen. Es hat einen halben Meter Schnee. Ich muss dreißig Hefte schleppen und zwei Mappen. Dann noch die Englischbücher. Da brauche ich eine Dreiviertelstunde, bis ich in der Schule bin. Ich muss noch was kopieren. Um dreiviertel acht habe ich Gangaufsicht.
Das heißt, ich muss um halb sechs aufstehen.
Um halb sechs aufzustehen, wird schwierig. Ich treffe mich heute mit ein paar Leuten. Eine Freundin und ich hatten letzte Woche Geburtstag und wir wollen ein wenig nachfeiern.
Das darf man, habe ich gestern gelernt. Man darf Geburtstage nachfeiern, solange man kein Sauerkraut isst. Ich habe gestern sehr viel gegessen. Aber Sauerkraut war keines dabei.
Gestern war ich nämlich auf einer Megageburtstagsfeier in Salzburg. Die hat bis zwei Uhr gedauert. Und dann noch heimfahren. Ich kam erst um drei ins Bett.
Und vorgestern erst um eins. Weil da habe ich meinen Geburtstag gefeiert.
Und vorvorgestern wurde es auch spät.
Immer ist was.
Jeden Tag war was. Und sogar am Wochenende. Die ganze Woche war was.
Morgen verschlafe ich bestimmt. Auch wenn ich den Wecker stelle. Auch wenn ich zwei Wecker stelle.
Wenn ich mich verschlafe, dann wird das den ganzen Tag nichts mehr.
Weil dann kann ich nicht in Ruhe frühstücken. Und wenn ich nicht in Ruhe frühstücken kann, dann bin ich ein Problem. Für die anderen. Probleme packt man an.
Und bevor mich jemand anderer anpackt, pack’ ich mich selbst an.
Das heißt konkret: Ich bleibe morgen zu Hause.
Ein kluger Mann, dieser R. Freimann.

Montag, Oktober 15, 2007

the postman never rings twice

Wenn jemand an deiner Tür läutet, und du hörst das Läuten beim ersten Mal nicht, dann läutet derjenige ein zweites Mal. Oder ein drittes und viertes Mal.
Jeder macht das so.
Außer einer Person.
Der Briefträger.
Wenn der Briefträger ein Paket für dich hat, das nicht in deinen Briefkasten passt, dann läutet er.
An deiner Tür.
Einmal.
Wenn du da grad auf dem Klo sitzt, hast du Pech gehabt. Dein Paket hat er wieder mitgenommen und du kannst es frühestens am Nachmittag vom Postamt abholen. Vorausgesetzt, der Briefträger ist schon fertig mit Briefaustragen.
Es ist wirklich eigenartig, dass ein Briefträger der einzige Mensch ist, der nur einmal läutet.
Vermutlich gibt es eine Anordnung der Postgewerkschaft, nur einmal zu klingeln.
Ein Mensch wartet kurz nach dem ersten Läuten. Wenn dann keiner rauskommt, klingelt er nochmals. Und eventuell ein drittes und viertes Mal. Und dazwischen wartet er immer ein bisschen. Nur der Briefträger nicht. Ich hab den Eindruck, der klingelt manchmal erst, wenn er schon wieder weg ist.
Immer, wenn es klingelt, bin ich entweder auf dem Klo, in der Badewanne oder in der Dusche.
Ich bin immer nackt oder fast nackt.
Fast immer habe ich nasses Haar.
Ich versuche dann meistens, mich rasend schnell anzuziehen und hoffe, dass nicht der Bürgermeister vor der Tür steht oder der Pfarrer. Weil du willst ja ordentlich angezogen sein und trockenes Haar haben, wenn dich der Bürgermeister oder der Pfarrer besucht.
Meistens schaffe ich es nicht und der- oder diejenige ist weg, wenn ich die Tür öffne.
Und dann ärgert es mich, dass ich nie erfahre, wer da geklingelt hat.
Ich schaffe es ganz selten, mich rechtzeitig anzuziehen.
Einmal schaffte ich es. Da stand der Briefträger vor mir.
Welch Glück! Endlich! wollte ich schon rufen.
Schön, dass Sie da sind, Frau Amadea. Die Frau Berger, die neben Ihnen wohnt, ist auf Urlaub. Kann ich das Packerl bei Ihnen lassen?
Freilich, sagte ich freundlich.
Schon schob er ein Riesenpaket mit vermutlich einem zweistöckigen Kühlschrank innen drin in meinen Flur. Oder einem Garderobenschrank. Jedenfalls riesengroß.
Das war vor zwei Wochen.
Das Riesenpaket steht immer noch in meinem Flur. Wenn ich ins Bad will, muss ich das Paket ins Stiegenhaus raus schieben. Ich bin dann immer komplett fertig.
Gestern Vormittag schaffte ich es endlich wieder einmal, mich rechtzeitig anzuziehen. Ich öffnete strahlend die Tür. Da stand ein Staubsaugervertreter.
Ich bat ihn herein. Fast wär er stecken geblieben zwischen dem Paket von der Frau Berger und der Garderobe.
Das war was! Er war schon blau im Gesicht und atmete ganz schwer, als ich es gerade noch rechtzeitig schaffte, das Paket ins Stiegenhaus zu schieben. Ich gab ihm schnell ein Glas Wasser, bevor ich ihn in’s Wohnzimmer führte.
Gottlob hatte er sich wieder erholt. Ich merkte das daran, dass er mich sogleich fragte, ob er meine Couch absaugen dürfe. Da konnte ich nicht nein sagen.
Ich ermunterte ihn sogar, den Couchsessel zu saugen und danach den Boden. Anschließend führte ich ihn ins Schlafzimmer. Da saugte der die Matratzen ab und den Boden. Fast hätte er die Tuchenten vergessen. Aber danach war er so in Fahrt, dass ich ihn nicht aufhalten wollte, als er unter’s Bett kroch. Nach einer Stunde war die ganze Wohnung blitzblank. Ich bedankte mich mit einer Tasse Kaffee.
Staubsauger kaufte ich keinen. Ich hab ja einen.
Ich war gerade dabei, in die Dusche zu steigen, als es läutete. Und ich schaffte es wieder nicht. Fast hätte ich es geschafft. Ich war schon angezogen. Aber da war dieses Paket von der Frau Berger im Flur. Und ich kam nicht daran vorbei weil ich es nicht ordentlich hingestellt hatte als der Vertreter gegangen war.
Und auf einmal steckte ich fest. Und ich kam weder vor noch zurück. Und da steckte ich. Bis heute Nachmittag. Wenn Lo nicht gekommen wäre, ich würde noch immer da stecken.
Nicht auszudenken. Ich wäre sicher bald ohnmächtig geworden. Oder verdurstet.
Lo hat dann den Schlüsseldienst angerufen. Glücklicherweise war ich nicht nackt, als der Schlosser meine Wohnungstür aufbrach.
Alles, was da passiert ist, ist nicht so tragisch. Wirklich tragisch ist, dass ich nicht weiß, wer da geklingelt hat.

Samstag, Oktober 13, 2007

size does not matter

Ich sitze mit meinem Sohn Mike im Restaurant und da seh’ ich am Nachbartisch die Teresa. Mit Ehemann und Tochter.
Ein perfektes Bild. Teresa in der zartrosa Bluse, der Mann im grauen Anzug, die Tochter adrett mit perfekt sitzender Frisur und Vorhangstirnfransen.
Wir begrüßen einander nur flüchtig. Die üblichen Floskeln.
Dabei waren die Teresa und ich in einer Klasse.
Aber wir hatten nichts gemeinsam, die Teresa und ich – ganz im Gegenteil.
Die Teresa hatte einen wahnsinnig großen Busen für eine Dreizehnjährige.
Wenn die Teresa in die Klasse kam, dann sah man als erstes nur Busen. Und als zweites und drittes auch. Die Buben sahen vermutlich ständig Busen.
Die Teresa hatte mit dreizehn den größten Busen, den man sich vorstellen kann und ich hatte den kleinsten Busen, den man sich vorstellen kann.
Wenn ich an die Teresa denke, dann fällt mir immer die Handarbeitsstunde ein.
Ich hasste Handarbeiten.
Ich hasste die Handarbeitslehrerin.
Und ich hasste Teresas großen Busen. Besonders in der Handarbeitsstunde.
Weil da hatte ich Zeit, ihren Busen anzuschauen und mit meinem zu vergleichen.
In der Handarbeitsstunde saß die Teresa gebückt in ihrem Sessel. Die hätte sonst vor lauter Busen ihr Strickzeug nicht gesehen.
Ich saß auch gebückt im Sessel. Aber aus anderen Gründen.
Wenn ich nämlich einen Buckel machte, dann bildete sich vorne – da wo der Busen sein sollte – eine kleine Falte im Pullover und es sah aus, als sei da so etwas Ähnliches wie ein Busen.
Wenn wir nicht mehr weiter wussten, mussten wir hinaus zum Katheder gehen und die Frau Pröll fragen.
Die Teresa stand da draußen nicht gebückt, sondern immer ganz gerade. Und man sah nur Busen und sonst nichts. Und ich schielte auf die Falte in meinem Pullover und war ganz verzagt.
Wenn ich zum Katheder gehen musste, war ich noch immer gebückt. Und ich hielt die Hand vor die Nase. Weil die Frau Pröll hatte den schlimmsten Mundgeruch, den man sich vorstellen kann. Ich musste oft zum Katheder gehen, weil ich blitzdumm war in Handarbeiten und die Frau Pröll schimpfte jedes Mal. Amadea, nun steh mal gerade und hör auf, in der Nase zu bohren. Wie ich sie hasste.
In der vierten Klasse war Teresas Busen überdimensional geworden. Den Buben gefiel das.
Am Samstagabend durfte die Teresa immer ins Vereinsheim gehen. Da war Disco. Ich habe gar nicht gefragt, ob ich da hingehen dürfte. Die Eltern hätten ohnehin nein gesagt. Außerdem wollte ich das nicht. Buben haben mich zu jener Zeit nur von weitem interessiert. An Körperkontakt mit ihnen war ich nicht interessiert. Ich hätte mich da nicht hineingetraut. Außerdem hätte mich keiner angeschaut mit dem nicht vorhandenen Busen.
Die Teresa erzählte mir dann immer. Sie wohnte nicht weit weg von mir und wir hatten denselben Schulweg. Beim Heimgehen wollte ich immer singen mit ihr. Dieses melancholische Herbstlied, dessen Titel mir nun nicht einfällt. Aber sie machte mich wahnsinnig – weil sie die erste Stimme nicht halten konnte. Und es war nur melancholisch wenn man die zweite Stimme dazu sang.
Aber die Teresa wollte eh nicht singen. Sie wollte mir immer ihre Geschichten erzählen. Die Geschichten, die sie mit den Buben erlebt hatte. Die erzählte so unglaubliche Geschichten, dass mir der Mund offen blieb und ich geschockt war. Ich ließ mir das nicht anmerken.
Sie erzählte, dass sie mit zwei Buben gleichzeitig geschmust hatte. Und ich hatte noch nicht einmal mit einem geschmust.
Und dann träumte ich von überdimensionalen Bubenzungen und wogendem Busen und wachte dann schweißgebadet auf.
Einmal erzählte sie, dass sie mit der Marina und dem Hannes und dem Bernhard Strip-Poker gespielt hatten. Vermutlich haben sie nicht Poker gespielt, sondern Quartett. Egal, jedenfalls musste der, der verlor, sich ausziehen. Und dann lagen sie alle nackt in den Betten. Und als ihre Mutter an die Tür klopfte, hüpften die nackten Buben aus dem Fenster.
Ich war entsetzt. Diese Geschichte hat mich noch eine Zeitlang beschäftigt. Ob die Buben, die da aus dem Fenster hinausgehüpft sind, ihre Kleidung mitgenommen hatten, ob sie nicht von irgendjemandem gesehen worden sind. Viele Fragen ungeklärt. All die Jahre über.
Mittlerweile hat die Teresa einen normal großen Busen. Sie hat sich operieren lassen. Bevor sie den Banker kennenlernte. Sie ist eine adrette Bankbeamtin. Freundlich, höflich, zuvorkommend. Für meinen Geschmack ein wenig langweilig.
Die alten Geschichten sind vergessen.
Wir bezahlen. Ich verabschiede mich von Teresa. Bevor wir gehen frage ich sie: Teresa, dein Zimmer lag doch im zweiten Stock, oder? - Ja, warum?
Egal, sage ich und lächle.

Montag, Oktober 08, 2007

hermann krepucleczu


Ich hab gehört, dass ein Mensch durchschnittlich zwanzig Passwörter besitzt, die er sich merken sollte.
Ich habe auch gehört, dass sich ein Mensch durchschnittlich drei Passwörter merkt. Ich merke mir nicht mal drei. Darum habe ich auch nur eines.
Ich hatte auch irgendwann um die zwanzig. Die hab ich dann im Computer abgespeichert und mit einem Passwort versehen. Dieses war ein sehr kompliziertes Passwort, ein ganz langes mit einer Zahl hintendran und das hab ich mir dann aufgeschrieben, aber ich fand den Zettel nicht mehr und all die Passwörter, die ich je hatte, waren weg. Für immer gespeichert auf meiner Festplatte.
Ein Passwort ist sehr wichtig. Es verhindert, dass jemand anderer Dinge von dir erfährt, die er wissen will aber nicht soll. Es verhindert, dass du Dinge von jemand anderem erfährst, die du wissen willst aber nicht sollst.
Passwörter helfen, Geheimnisse zu bewahren. Geheimnisse braucht der Mensch.
Es gibt Firmen im Internet, die wollen nicht, dass du ein eigenes Passwort findest. Die teilen dir ein Passwort zu. Die schicken dir eins.
Diese Passwörter sind wahnsinnig kompliziert. Die haben immer ein oder mehrere Ypsilons oder Ixen und hintendran eine fünfstellige Zahl. Und außerdem Groß- und Kleinbuchstaben gleichzeitig. So ein Passwort habe ich bei meiner Emailadresse. Das kann ich mir erstens nicht merken und zweitens brauch ich da immer eine Ewigkeit, bis ich es eingetippt habe.
Ich habe zum Glück einen klugen Computer, und der merkt sich dieses Passwort. Er merkt sich prinzipiell jedes Passwort und erinnert mich immer daran. Aber er erinnert auch meine Nachbarin daran, die manchmal an meinem Computer sitzt weil sie keinen Drucker hat und während das Manuskript ausgedruckt wird, liest sie meine Liebesbriefe.
Es gab Zeiten, da nahm ich mein Geburtsdatum als Passwort. Aber das schien mir unsicher. Vor allem weil man dann weiter unten in dem Formular das Geburtsdatum wiederum eingeben musste.
Also hab ich das geändert und wechselte zur österreichischen Hauptstadt. Das war dem Computer zu kurz.
Einmal hatte ich eine geniale Idee. Ich hatte Passwort als Passwort. Aber der Computer hat gemeint, das sei sehr unsicher. Also hab ich eine Zahl dran gehängt. Aber die Zahl hab ich vergessen.
Ich nahm dann auch mal meinen Vornamen von hinten. Aedama. Na, des woar a Kas. Das gefiel mir gar nicht. Außerdem viel zu unsicher.
Als ich den Computer neu hatte, wollte ich eine Emailadresse bei einem Freemail-Anbieter. Die wollten dann auch noch einen Benuterzernamen zusätzlich zum Passwort. Nun hab ich mich so angestrengt, mir Namen und Passwort zu merken, dass ich beides vergessen habe.
Da hat mich dann der Computer gefragt: Haben Sie Ihr Passwort vergessen? Und ich habe auf Ja geklickt und dann hat der Computer weiter gesagt: Geben Sie Ihren Benutzernamen ein. Aber das habe ich auch vergessen und der Computer fragte wieder: Haben Sie Ihren Benutzernamen vergessen? und ich tippte Ja und der Computer sagte: Geben Sie Ihr Passwort ein dann schicken wir Ihnen das Passwort an Ihre Email-Adresse. Aber ich hatte beides nicht.
Jedenfalls ging das Frage- und Antwortspiel eine Stunde dahin, bevor ich aufgab.
Dann sagte mir ein Kollege, der sich wirklich gut auskennt mit Computer und Passwörtern, dass die sichersten Passwörter die sind, die keinen Sinn machen und mit Zahlen kombiniert waren.
Ich nahm dann Kr3puc1eczu. Und dann komm ich durch Zufall drauf, dass in Tadschikistan jeder zweite Krepucleczu heißt. Das ist so dort so ein gängiger Name wie bei uns Maier. Es gibt so gar einen Hermann Krepucleczu in Tadschikistan. Aber ich glaub, das ist kein Schifahrer.
Und dann les ich vor einigen Tagen in der Zeitung, dass dem zweitreichsten Mann in Russland sein ganzes Vermögen abhanden gekommen ist. Ein österreichischer Hacker hat das Passwort geknackt und das russische Konto leer geräumt. Dabei hatte der ein ganz sicheres Passwort. Der hatte so ein Passwort, das keinen Sinn macht. Hat er gemeint, der Dummkopf. Das macht nur in Russland keinen Sinn. In Österreich schon. Weißt du, was der für ein Passwort hatte? OaChkaTzLschwOaf!
Du weißt nicht, was das heißt? Dann wird's Zeit, dass zu uns in den Urlaub fährst. Es ist eh bald Winter.

Donnerstag, Oktober 04, 2007

welttierschutztag


Ach, wie freue ich mich auf den Weltlehrertag. Der ist morgen.
Was, du hast das gar nicht gewusst? Gut, dass du das liest. Es ist noch nicht zu spät. Du kannst noch all der Lehrer, die du je hattest, gedenken, und vielleicht einige anrufen und ihnen gratulieren.
Eigentlich sollten wir ja morgen schulfrei haben. Oder irgendetwas gratis bekommen. Oder wenigstens billiger. Die Hunde bekommen beim Billa das Futter heute auch billiger, heute am Welttierschutztag.
Eigentlich sollte der morgige Tag auch Weltlehrerschutztag heißen. Nicht wahr?
Lehrer sind auch eine bedrohte Art.
Bedroht von den Schülern.
Jeden Tag.
Vor allem in der Stadt.
Bei uns am Land geht das ja noch. Wegen der guten Luft und so.
Aber auch hier gibt es eine massive Bedrohung.
Die Bedrohung des Lehrermännchens durch den Lehrerweibchenüberschuss.
Es gibt Schulen, das gibt es nur ein Männchen. Und dieses Männchen ist Direktor. Schlimm, gell?
Da ist morgen Weltlehrerschutztag und wir haben nicht schulfrei. Komisch, nicht wahr? Eigentlich eine Frechheit. Nun arbeiten wir schon drei Wochen lang ohne Unterbrechung.
Der Landesfeiertag am vergangenen Montag zählt nicht. Da hatten ja nur die Salzburger Lehrer frei.
Sogar am Tag der Arbeit hat jeder frei bei uns, obwohl der Tag der Arbeit heißt.
Mich trifft es dieses Mal besonders schlimm. Ich bin nicht einmal in der Schule.
Ich kann nicht einmal die Glückwünsche und Geschenke meiner Schüler annehmen. Und die Telefonanrufe der Eltern auch nicht.
Auf jeden Fall rufe ich morgen meinen ehemaligen Mathematik-Lehrer an. Der, der den Unterricht immer vorzeitig verließ und zwar durch das Fenster. Die Klasse lag erbenerdig. Sagt’s dem Direktor nichts und macht’s die Seite 187 zu Hause fertig.
Ja, das war der, der mir das Buch auf den Kopf klatschte und sagte: Leg dir das unter’s Kopfkissen, vielleicht hilft’s ja.
Ja, er sagte auch: Gengan’s Stana klopfen, Amadea, Sie packen die Matura nie.
Ja, ja, er stand auch immer hinter mir und massierte meinen Nacken und streichelte mein Haar. Ja, den ruf ich morgen an und bedanke mich. Er hat mir zu einer wichtigen Erkenntnis verholfen.
Der Großteil der Lehrer sind Psychopathen.

Dienstag, Oktober 02, 2007

sprachrohr


Ich bin sprachlos als Lo sagt: Endlich komm ich mal zum Reden.
Ich bin nämlich stimmlos. Sprachlos zu sein wenn man stimmlos ist, ist nicht so schlimm.
Stimmlos bin ich seit Freitag.
Und ich habe striktes Sprechverbot.
Vom HNO-Arzt. Bei dem war ich gestern Nachmittag. Das erste Mal im Leben bei einem HNO-Arzt. Das ist ein Erlebnis!
Da sitz ich auf dem Stuhl und kaum habe ich es mir bequem gemacht, da kommt er auf mich zu, sagt: Zunge raus und ich mach und schwuppdiwupp, schon klebt meine Zunge am Kinn. An meinem Kinn natürlich.
Da hat der, ohne mich zu fragen, mir die Zunge mit einem Tixo auf das Kinn gepickt! Und dann fuchtelt er mit einem Röhrl, das so lang ist wie ein Lineal, ein dreißig Zentimeter langes, vor meinem Mund herum. Und fährt mir damit in den Schlund hinein.
Ohne mich zu fragen! Ohne mich zu warnen! Der lässt mich gar nicht zu Wort kommen. Zu Wort kommen hätt’ ich eh nicht können, aber ich hätte mich wehren können. Mit dem Mittelfinger oder mit dem schneidenden Blick.
Aber alles ging so schnell. Ich konnte weder Hand heben, geschweige denn Mittelfinger noch schauen, geschweige denn schneidend. Nicht einmal beißen konnte ich ihn.
Hast du schon einmal probiert, jemanden zu beißen, wenn deine Zunge am Kinn klebt? Sagen Sie iiiii, sagt der Herr Doktor, der nicht wie ein Herr Doktor aussieht sondern wie ein Klavierspieler.
Ich kann nicht iiiii sagen, würde ich gern sagen, und Du Aff’.
Aber ich sage nichts. Hast du schon einmal probiert iiiii zu sagen, wenn deine Zunge am Kinn klebt und du stimmlos bist? Da kannst du nicht einmal aaaaa sagen, geschweige denn iiiii.
Knötchen seh ich keine, sagt er.
Na wenigstens.
Am Sonntag hat mir die Nachbarin erzählt, dass eine Freundin von ihr Knoten auf den Stimmbändern hatte und die hat von da an nur mehr gekrächzt.
Sie hat es nicht so gesagt, die Nachbarin. Sie hat dafür eine halbe Stunde gebraucht.
Und ich war schon nahe daran, ihr den Mittelfinger zu zeigen, damit sie merkt, dass mich das nicht interessiert. Aber ich tat es nicht, weil ich den Mittelfinger niemals im Leben herzeige. Jedenfalls habe ich keine Knoten. Weil, so sagt die Nachbarin, wenn du Knoten hast, dann hilft das Operieren auch nicht, weil die wachsen nach.
Ich wollte schon fast sagen, dass bei manchen Leuten ein Knoten von Vorteil sein könnte, vor allem in der Zunge.
Was hab ich nun? frage ich den HNO-Arzt. Ich frage nicht wirklich, ich bewege meine Lippen.
Geschwollene rote Stimmbänder, sagt er.
Dabei wollte ich schon immer schlanke, grüne Stimmbänder haben, und nun hab ich rote! Und sitz da auf der Couch, ich als Stimmlose, dabei wäre ich so wortreich und bin doch so sprachlos.
Selbstgespräche machen auch keinen Spaß wenn man sie wortlos führen muss. Selbstgespräche sind nur schön wenn man sie wortlaut führt. Sobald ein kleiner Vorlaut über meine Lippen kommt, muss ich ihn schon wieder schlucken. Ich bin den Tränen nahe.
Was ist, wenn mir ein Laut oder Wort stecken bleibt? Zwischen den roten, geschwollenen Stimmbändern? Was ist dann? Und wenn das ein großes Wort ist so wie das Wort Frieden, dann verstopft das alles!
Und auf einmal steckt zwischen den Stimmbändern ein riesiger Wortsalat! Das tut meinen Stimmbändern auf keinen Fall gut!
Die werden dann noch geschwollener und purpurrot und ich muss dann vielleicht nochmals zum HNO-Arzt!
Und der führt dann eine Lautverschiebung durch! Mein erste Lautverschiebung! Das ist ein schwieriger Eingriff! Und gefährlich noch dazu!
Und was ist mit all den Satzmelodien, die ich im Kopf hab? Ich darf die gar nicht mehr singen. Ich muss die schlucken.
Ein Jammer ist das! Vielleicht sollte ich sie pfeifen?
Lieber nicht.
Ich muss mein Sprachrohr schonen. Eine Woche lang. Und ich werde das auch tun.
Ich werde die Tabletten schlucken und inhalieren.
Ich werde nicht laut malen und nicht Wort schöpfen.
Ich werde nur Luft holen.
Und essen. Essen darf ich. Sogar mit der Stimmgabel.