Sonntag, September 30, 2007

kitchen tools








Posted by Picasa

Egal, was der Kaindl Kurt sagt, ich kann keine Leut' fotografieren. Ich hab' es versucht, das wird nix. Fotografieren kann ich die Leut' schon, aber das war's dann auch. Im Altersheim war ich unzählige Male. Das war nett, die Leut so lieb und alles. Und sie haben auch alle gelacht als ich sie fotografierte. Nur der Herr Bauer nicht. Der hat nur gelacht, wenn ich die Kamera weg legte. I mog des Fotografier'n nit, hat er gesagt. Ich auch nicht, Herr Bauer, hab ich geantwortet. Nun hab ich nette Fotos von den alten Leuten. Und ich werde sie ihnen geben. Aber für die Foto-Ausstellung nehm ich die nicht her. Ich nehm' die Kitchentools. Oder vielleicht nehm ich auch die Schattenbilder. Ich kann keine Leut fotografieren, ich kann nur Dinge fotografieren. Das sieht der Kurt sicher und der sieht das auch sicher ein wenn er genau schaut.

Samstag, September 29, 2007

hansiburli


Der Hansi ist schon ein besonderer. Der Hansi ist ein Coach. Oder so etwas Ähnliches. Oder beides. Ich weiß nicht genau, was er beruflich macht. Ich habe ihn schon gefragt, aber entweder erklärt der Hansi zu kompliziert oder ich bin zu kompliziert, es zu verstehen.
Ich kann nicht viel anfangen mit all den neuen Berufen, die es so gibt. All diese Berufe, die aus mehr als einem Wort bestehen.
Seit einigen Jahren gibt es Berufe, die aus mehreren Wörtern bestehen oder überhaupt englisch sind. Ein Verkäufer ist ein Sales-Manager, ein Lehrer ein Diplom-Pädagoge, und der Staubsaugervertreter, der an der Tür läutet, ein Consultant.
Natürlich nennt sich der Hansi nicht Hansi. Weil Hansi heißen bei uns die Kanarienvögel und die Hamster. Also nennt sich Hansi Johann. Johann klingt wirklich gut und seriös.
Der Hansi wohnt in Wien. Ich lernte ihn durch Sonja kennen. Die Sonja kennt den schon Hansi ewig lang. Die beiden haben schon in der Sandkiste gespielt.
Der Hansi kam jeden Sommer zur Sonja. Ihre Eltern hatten eine Fremdenpension, die übrigens nun Gästehaus heißt und Sonjas Bruder gehört. In der Fremdenpension machten der Hansi und seine Familie Urlaub. Sommerfrische am Land.
Nun ist der Hansi erwachsen, geschieden und hat einen kleinen Sohn. Aber er kommt immer noch. Nicht mehr in die Fremdenpension sondern zur Sonja. Und die nimmt ihn mit Freuden auf, verköstigt ihn und der Hansi fühlt sich wieder so wie damals in der Sommerfrische. Und manchmal gehen wir dann aus, die Sonja, der Hansi und ich.
Der Hansi ist ein wunderbarer Tänzer. Der tanzt alles vom Walzer bis zum Cha-cha-cha und Tango. Und ein Charmeur ist der Hansi obendrein. Und gescheit, und witzig. Und recht fesch ist er.
Ein bissl zu jung wär er für mich, der Hansi. Wenn ich mich anstrengen würde, vielleicht......
Aber ich will mich eh nicht anstrengen. Weil so ganz mein Typ ist der Hansi nicht. Die Lippen. Es sind die Lippen. Der Hansi hat Lippen wie eine Frau. Sagt die Sonja. Wie die Angelina Jolie, sagt sie. Der Meinung bin ich nicht. Ich sag eher, so wie der Gusenbauer. Und dem Gusenbauer seine Lippen gefallen mir gar nicht.
Mir gefallen ohnehin nur schmale Lippen beim Manne. Aber darüber schreibe ich nun nicht. Und ich schreib auch nicht über die Lippen vom Hansi.
Jedenfalls rief mich die Sonja am letzten Wochenende an:
Amadea, der Hansi ist in Graz und wir zwei fahren nach Wien. Ich will einkaufen in Wien und a bissl was anschauen. Und wir wohnen beim Hansi. Der hat a nette Wohnung und wir sind allein da und haben es gemütlich.
Und da sind wir eben nach Wien gefahren.
Und die Sonja war noch nie in der Wohnung vom Hansi und ich auch nicht.
Der Hansi hat uns den Schlüssel im Vorhaus in die Bassena gelegt, unter den Blumenstock. Aus der Bassena rinnt kein Wasser mehr. Die ist nur mehr ein Blumenübertopf. Wir haben den Schlüssel auch gleich gefunden.
Bei der Hinfahrt haben wir uns ausgemalt, wie dem Hansi seine Wohnung wohl aussieht. Und ich sagte: Der hat sicher eine tolle Wohnung, ganz minimalistisch und ohne Schnickschnack, alles Leder und Chrom und da und dort ein altes Kastl vom Flohmarkt. Und Sonja sagte: Ja und bestimmt ein großes Futon und Seidenbettwäsche.
Und dann kommen wir in die Wohnung und da trifft uns der Schlag.
Alles vollgeräumt vom Boden zur Decke, und da seh ich nun den Hansi vor mir, adrett in Hemd und Retro-Jeans mit den Gusenbauerlippen und der passt so ganz und gar nicht da herein.
Da sind hunderte von blauen Kugelschreibern und hunderte von gelben Kugelschreibern und hunderte von roten Kugelschreibern und hunderte von Bleistiften und die Bücher aufgestapelt und verstaubt und Zettel überall und Zeugs und die Fenster zugehängt mit Sprüchen und Zettel an der Mikrowelle und sonst auch überall und genau notiert von wann bis wann alles eingeschaltet war und das Licht gebrannt hat und im Bad Gratis-Proben-Flascherl und Gratis-Proben-Packerl und Gratis-Proben-Doserl und Gratis-Proben-Tuberl von Hilfiger, Boss und Lancôme.
Und überall Staub.
Und ein Zetterl am Kühlschrank für uns, dass wir ihn plündern dürfen. Wir machen ihn auf um ihn zu plündern und wir finden zwei Kindermilchschnitten, die über ein Jahr abgelaufen sind. Und wir schmeißen sie in den Mistkübel, der überquillt. Und wir finden die Teebeutel, die aufgehängt sind zum Trocknen und Wiederverwenden und wir sind sprachlos. Und wir schauen uns um nach Essbarem und alles ist abgelaufen und der Sonja wird schwindelig und mir auch und wir finden keinen Platz zum Hinsetzen und sind ganz durcheinander. Fast so durcheinander wie die Wohnung.
Wir bleiben nur eine Nacht und ich träume, dass die Bleistifte mich aufspießen und ich begraben bin unter all dem Ramsch und bevor wir gehen, legen wir den Schlüssel wieder in die Bassena unter den Blumenstock und fahren nach Hause. Zu Hause bemerke ich, dass ich einen Kugelschreiber vom Hansi mitgenommen habe. Aus Versehen. Mehr oder weniger. Ich habe vergessen, ihn zurückzustellen. Aber das ist ja wurscht, wo er doch Hunderte hat.
Am nächsten Tag ruft die Sonja den Hansi an und fragt, ob eh alles in Ordnung ist. Der Hansi sagt: Nein, es fehlt ein Kugelschreiber. Den habt ihr gestohlen.
Ich glaub, ich rufe heute noch den Hansi an und sage ihm die Telefonnummer eines guten Therapeuten durch. Aber ich besinne mich, stecke den Kugelschreiber in ein Kuvert, und rufe die Sonja an wegen der Adresse vom Hansi.
Wenn er das nächste Mal kommt auf Sommerfrische, und wir gehen tanzen, dann hau ich ihm den Stöckelschuh in’s Schienbein, dem Hansiburli.

Sonntag, September 23, 2007

der sommelier

Da lese ich in der Zeitung, dass diese Sommeliers, die Wein verkosten, nur Unsinn reden wenn sie einen Wein beschreiben.
Wissenschaftler haben das festgestellt.
Das überrascht mich nicht im Geringsten. Jeder, der zuviel trinkt, redet Unsinn. Das ist also nichts Neues. Sogar ich rede Unsinn, wenn ich zuviel Wein trinke, und nicht nur dann.
Und ich lese weiter.
Und da steht, dass einige Menschen in ihren Genen eine winzig kleine Abweichung aufweisen und deshalb ganz anders riechen und schmecken als diejenigen, bei denen nichts abweicht. Für die riecht zum Beispiel Urin nicht wie Urin sondern wie Vanille. Und Schweiß riecht wie Veilchen. Und ein Speckknödel schmeckt bei denen wie ein Marillenknödel.
Vermutlich haben die Sommeliers diese Abweichung in den Genen. Und darum riechen die all dieses Zeugs im Wein. Und darum schmeckt für die der Wein nicht nach Wein wie für unsereins sondern nach Leder, Eichenfass und faulem Karfiol.
Eigentlich sollte ein Wein ja nach Weintrauben schmecken. Aber das tut er nicht. Eh klar, wenn der jahrelang in einem Holzfassl herumliegt, dass der eher nach Holz schmeckt. Wenn der Fisch einen Tag lang am Ufer liegt, schmeckt der auch nicht mehr nach Meer.
Einmal im Leben hatte ich eine wunderbare Begegnung mit einem Sommelier. Beim letzten Klassentreffen.
Der Roland hat das organisiert, das Klassentreffen. Der Roland ist Sommelier. Und hat aus dem Klassentreffen gleich eine Weinverkostung gemacht. Der Roland war ein wilder Schulkollege. Er kannte die dreckigsten Witze, die er immer in der langen Vierstundenpause am Dienstag erzählte. Da waren wir immer im Alpenstüberl und tranken Cola-Rum. Manchmal spielten die Buben Viererwatten. Aber Witze wurden immer erzählt. Immer dreckige und immer vom Roland. Und ich kapierte selten einen.
Obwohl der Roland so wild war, wurde er Finanzbeamter. Oder vielleicht gerade deshalb.
Und nun ist er auf einmal Sommelier. Komisch. Aber es ist ja bekannt, dass Beamte dem Alkohol nicht abgeneigt sind. Und da kann er sich dann manchmal ein Gläschen gönnen, der Roland – als Sommelier. Auch im Finanzamt.
Dieses Mal erzählte der Roland keine dreckigen Witze.
Dieses Mal stand er da in Anzug und Krawatte. Hinter ihm unzählige Flaschen Rot- und Weißwein. Ich war aufgekratzt an jenem Abend weil wieder so ein Jahrhundertkopfwehtag war und ich schon einige Schmerzkiller intus hatte. Mein Kopfweh war weg, aber ich war wie besoffen. Schon vor der Weinverkostung. Ich war aufgekratzt, übermütig und hysterisch.
Und dann saß ich auch noch neben dem Werner. Immer wenn ich neben dem Werner sitze, muss ich lachen. Weil der Werner ist auch Englischlehrer geworden und den treff ich manchmal bei einer Fortbildung. Immer wenn ich den Werner treffe, muss ich an die dicken Oberschenkel der Lydia denken. Wir saßen da einmal nebeneinander bei einer Fortbildung und der Vortrag war langweilig und der Werner deutete auf eine Kursteilnehmerin schräg vor uns. Das war die Lydia. Und die Lydia hatte einen Rock an. Und der Rock der Lydia war hoch gerutscht. Und man sah die Innenseite des Oberschenkels. Und der Oberschenkel zuckte und wippte wie verrückt auf und ab. Und das Oberschenkelfleisch der Lydia vibrierte wahnsinnig schnell. Ich hab gar nicht gewusst, dass Oberschenkel vibrieren können, noch dazu so schnell. Und der Werner lachte wie wahnsinnig und ich lachte auch. Wenn jemand wie wahnsinnig lacht, dann kann ich auch nicht anders. Und wir wurden rausgeschmissen aus dem Vortrag.
Und nun saß ich ausgerechnet neben dem Werner. Und er lachte schon bevor der Roland überhaupt etwas sagte. Und ich lachte auch. Eben weil der Werner lachte.
Der Roland lachte nicht. Der Roland war sehr konzentriert. Er hatte ein Glas Wein in der Hand und redete. Wir hatten auch alle ein Glas Wein in der Hand. Und dann mussten wir das Glas herumdrehen und schauen und wieder herumdrehen und schauen und dann nochmals drehen und wieder schauen. Ich drehte und schaute und sah nichts.
Der Werner drehte wie wild und verschüttete alles. Und dann lachte er wahnsinnig. So wie damals. Und mir fiel wiederum der Lydia ihr Oberschenkel ein und ich lachte auch. Und der Roland schaute böse und hätte uns am liebsten hinaus geschmissen wenn er gekonnt hätte.
Dann durften wir endlich den Wein trinken. Aber wir durften nicht schlucken. Wir mussten den Mund mit dem Wein spülen und saugen aber ich schluckte zu schnell und verschluckte mich und hustete und der Roland redete und ich hustete noch immer und der Roland wollte mich schon fast hinaus schmeißen, als Gott sei Dank der Husten vorbei war.
Und dann durften auch alle anderen schlucken und der Roland begann zu reden: In der Nase nehme ich eine saubere Apfel- und Pfirsichfrucht wahr. Der Honigcharakter vermischt sich mit dem Säurespiel und ich spüre den fruchtbetonten, mittleren Körper. Am Gaumen spür ich eine lebendige Pfirsich. Beim wunderschönen langen Abgang schmecke ich die exotische Grapefruit. Der Wein ist im Geschmack rund und ausgeglichen. Der kräftige Körper ist warm im Abgang und dann redete er noch von rund und elegant, gefällig und schmeichlerisch und von reifer Kirsche und roter, saftiger Erdbeere und von Brombeeren und von üppiger Geschmackstiefe und von Eichenholzaromatik und zum dritten Mal vom Abgang.
Und er kostete und verkostete und trank und schlürfte und saugte und schluckte - abwechselnd roten und weißen Wein. Und wir tranken und schlürften auch und saugten und schluckten. Und nach einiger Zeit waren wir alle besoffen.
Und der Roland schaute zu mir her, prostete mir zu und fragte mich: Na, Amadea, wie schmeckt der?
Irgendwie nach Wein, lallte ich und machte gleich darauf einen flotten Abgang Richtung Toilette weil mir etwas übel war.
Und der Werner lachte wie wahnsinnig.

Mittwoch, September 12, 2007

I am off


. . . to Eastbourne. Intensivsprachwoche mit den 4. Klassen.
Weg vom Schnee - ans Meer!

Sonntag, September 09, 2007

dieser tag


Da gibt es dieses Lied, das ich jedes Mal höre, wann immer ich in mein Auto einsteige. Mein Radio schaltet sich nämlich von selbst ein. Und da ist immer dasselbe Lied. Und es beschäftigt mich. Nicht die Melodie, aber der Text. Ein ungewöhnlicher Text. Sehr ungewöhnlich.

Dieser Tag fährt Straßenbahn.

Dieser Tag wohnt also in Wien. Weil nur in Wien gibt es eine Straßenbahn. Ich frage mich, ob der Tag ein Schwarzfahrer ist. Ich glaube nicht. Wäre er diese Nacht, würde er schwarz fahren. Warum fährt der Tag eigentlich Straßenbahn und nicht U-Bahn?

Dieser Tag trägt rote Hüte.

Er trägt nicht einen roten Hut, er trägt rote Hüte. Wie viele denn? Jedenfalls mindestens zwei, ich vermute eher drei oder vier. Mit roten Hüten muss der Tag auf jeden Fall mit der Straßenbahn fahren. Erstens weil die Straßenbahn auch rot ist in Wien und zweitens will er auffallen. Und das Rot leuchtet in der Sonne. In der U-Bahn würde das Rot der Hüte nicht so schön leuchten. Wie trägt er die Hüte? Ich glaube, er trägt sie übereinander. Nebeneinander ist schwierig. Dazu bräuchte er einen Riesenkopf. Und von einem Riesenkopf ist nicht die Rede.

Dieser Tag trägt weiße Schuhe.

Das wär was! Mit weißen Schuhen U-Bahn fahren. Eine Katastrophe! Weiße Schuhe sind in U-Bahnen schwarz in Nullkommajosef. Deshalb – nur Straßenbahn.

Dieser Tag kriecht durch die Straßen.

Warum kriecht der nun auf einmal wo er doch so gemütlich Straßenbahn fahren kann? Entsetzlich! Da kriecht dieser Tag mit roten Hüten und weißen Schuhen durch die Straßen! Da kann er U-Bahn fahren auch gleich. Weil beim Kriechen werden die weißen Schuhe auch in Nullkommajosef schwarz.

Dieser Tag macht kleine Schritte.

Die Schuhe sind ihm zu klein, dehalb! Und mit den vielen Hüten am Kopf große Schritte zu machen ist auch nicht einfach. Probier das mal! Außerdem ist dieser Tag müde vom langen Herumkriechen.

Dieser Tag sagt „Pack es an.“

Was? Zu wem sagt er das? Zur Straßenbahn? Und warum sagt er das?
Zu wem sagt er das? Und was soll angepackt werden? Und wie kommt er dazu, irgendjemandem Befehle zu erteilen? Der soll selber schauen, dass er zurechtkommt mit seinen Schuhen und den Hüten.

Dieser Tag sitzt in den Bäumen.

Das ist nun Unsinn. Entweder sitzt er auf einem Baum oder auf keinem. Er kann doch nicht in mehreren Bäumen sitzen. Auch nicht wenn die Bäume hohl sind. Da könnte er dann nur in einem hohlen Baum sitzen. Und in Wien gibt es keine hohlen Bäume. Die werden von den Gemeindearbeitern sofort beseitigt. Außerdem wenn dieser Tag zuerst stundenlang mit der Straßenbahn fährt, was wird er sich dann das antun mit den zu kleinen Schuhen und den Hüten am Kopf auf einen Baum zu klettern? Der kommt da gar nicht rauf. Der soll sich auf eine Bank setzen. Auf eine Parkbank.

Dieser Tag weint dicke Tränen.

Nun weint er auch noch. Wie dick sind die Tränen? Dick wie zähflüssig oder dick wie groß und rund? Weint er, weil ihm die Füße wehtun? Hat er einen Hut verloren? Hat er die Straßenbahn versäumt? Ist ihm jemand auf die Finger gestiegen, als er durch die Straßen kroch?

Dieser Tag, dieser Tag fährt Straßenbahn

Dieser Tag, dieser Tag fährt Straßenbahn
Dieser Tag, dieser Tag fährt Straßenbahn
Dieser Tag, dieser Tag fährt Straßenbahn
Fünf Wochen fuhr er nun. Jeden Tag.
Aber gestern, gestern nicht.
Gestern sah ich ihn in ein Taxi steigen.
Herr Dieser Tag stieg mit Frau Jene Nacht in ein Taxi. Was die wohl vorhaben?

Freitag, September 07, 2007

das schwarze schaf


Nun war es also weiß gestern Morgen. Und es schneite in großen Flocken.
Da hat der Heinz doch recht gehabt und die Schulter von der Hanni auch und dem Sepp sein Kreuz ebenfalls.
Und es schneit wie im Jänner und ich sehe die Kühe da auf der Wiese. Vor meinem Haus. Grantig sind sie. Kein Wunder ist das. Bin ja sogar ich grantig obwohl ich keinen Grund zum Grantigsein habe. Ich sitze in der warmen Wohnung und trinke Kaffee und esse ein Kipferl. Die Kühe stehen auf der kalten Wiese und essen und trinken nichts. Würden sie ohnehin nicht wollen. Sie wollen in den Stall, in den warmen.
Da stehen sie und starren auf die Wiese, die heute weiß ist. Und weit und breit kein Grashalm zu sehen.
Sie sind wahnsinnig grantig heute. Ich sehe das von hier aus.
Es ist kalt und überall ist Schnee.
Ich höre sie fluchen.
Fluchende Kühe klingen bedrohlich. Heute fluchen sie ordentlich. Sie schreien wild Kuhdreck, elendiger und Kruzibauer, verdammter und Misthaufen, depperter.
Sie stampfen mit den Kuhbeinen, rollen die Kuhaugen, wedeln mit dem Kuhschwanz hin und her und vor und zurück und schlenkern das Euter wild herum, dass fast die Milch heraus spritzt. Sie wippen mit dem Kopf auf und ab und hin und her und drehen ihn auf alle Seiten.
Vorige Woche gab es schon große Aufregung auf der Wiese. Da war es noch Sommer. Und noch niemand hat vom Obaschneib’n geredet, sondern nur vom Herbstln. Aber es war noch warm. Es war alles wie immer.
Und auf einmal war nicht mehr alles wie immer.
Eines Tages war alles anders. Weil es kam eine neue Kuh dazu. Eine ausländische. So sah sie auch aus. Vermutlich eine Kuh aus Skandinavien, so blond wie die war. Sie war nicht gefleckt, sie war weißblond. Und das gefiel den anderen Kühen gar nicht.
Arm, diese weißblonde Kuh, wie sie dastand. Ganz allein, inmitten der gaffenden, braun gefleckten, einheimischen Kühe.
Eine weißblonde Kuh inmitten von gefleckten ist wie ein schwarzes Schaf inmitten von weißen. Oder wie eine dumme Gans inmitten von klugen. Oder wie ein faules Schwein inmitten von fleißigen.
Gestern haben die Kühe nicht geflucht. Gestern haben sie geglotzt und getuschelt. Sie haben die weißblonde Kuh ignoriert, sich über sie lustig gemacht. Sie haben sogar einen Blondinenwitz erzählt. Und dann haben sie gelacht. Und die weißblonde Kuh hat ganz traurig geschaut. Ich glaube, sie hat sogar geweint.
Und heute in der Früh ist alles ganz anders. Heute steht die weißblonde Kuh ganz zufrieden da. Die freut sich heute. Weil heute fällt sie nicht auf. Heute ist sie nicht das schwarze Schaf oder die dumme Gans oder das faule Schwein. Heute steht sie da wie eine Göttin und blickt hinauf in den Himmel. Sie beobachtet, wie die Schneeflocken die grüne Wiese in eine weiße Decke verwandeln. Sie freut sich.Je weißer es wird umso mehr freut sie sich.
Sie wird die ganze Nacht da stehen bleiben und sich freuen und die anderen Kühe werden fluchen bis sie müde sind und dann umfallen. Und am Morgen wird der Bauer kommen und die Kühe in den Stall bringen. Und die weißblonde Kuh wird die erste sein. Und sie kann sich dann den schönsten und wärmsten Platz im Stall aussuchen.

Nun ist später Nachmittag.
Die Wiese ist nicht mehr weiß. Sie ist wieder grün.
Die Kühe fluchen nicht mehr, sie grasen wieder.
Alles ist wie immer.
Die weißblonde Kuh ist wieder ein schwarzes Schaf.
Und sie schaut ganz traurig und weint auch ein bisschen.

Dienstag, September 04, 2007

es herbstelt


Morgen schneibt’s oba. Obaschneib’n heißt herunter schneien. Obaschneib’n kann es nur im Spätsommer oder Herbst. Im Winter nicht. Im Winter schneit es einfach. Zwar auch herunter, aber das betonen wir nicht. Weil das ist ganz normal. Falls grad ein Winter ist, in dem es schneit. Letztes Jahr war kein solcher Winter. Da hat es nicht geschneit. Weder herunter noch hinauf noch herunten noch droben. Gar nicht hat es geschneit. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich bin ganz sicher. Morgen kommt der Schnee, sagt Lo. Weil Heinz gräbt sich ein. Der gräbt sich so tief ein, dass ich es fast nicht schaffe, ihn auszugraben.
Nicht nur Heinz spürt, dass der Schnee kommt. Jeder spürt das. Schon Wochen vorher.
Je älter du wirst, umso besser spürst du, wenn, wann und dass der Schnee kommt. Es ist ja kein Wunder, dass der Schnee kommt. Der Herbst ist ja schon fast vorbei. Wenn man den Leuten glaubt.
Weil die Leut sagen schon seit fünf Wochen, dass es herbstelt. Bei uns herbstelt es den ganzen August über.
Kaum ist das Frühjahr vorbeir, herbstelt es schon. Wochenlang hört man den Satz – Es herbstelt schon. Überall hörst du den Satz. Beim Friseur, im Kaffeehaus, an der Tankstelle. Gleich in der Früh hörst du das schon, wenn du Semmeln holen gehst zum Bäcker.
Und da kannst du dann auf keinen Fall widersprechen, niemals. Du musst auf jeden Fall beipflichten, dass es herbselt, aber ganz ordentlich. Auch wenn es mitten im Sommer ist und auch bei der größten Hitze.
Sobald es einen Tag lang regnet im Juli oder August, herbstelt es. Eigentlich herbstelt es ständig im August. Jeden Tag. Egal ob es regnet oder nicht. Seit ungefähr fünf Tagen hat es sich ausgeherbstelt. Jedenfalls reden die Leut’ nun nicht mehr vom Herbsteln sondern vom Owaschneib'n.
Du hast ja keine Ahnung, wie schnell sich das herumredet, dass der Schnee kommt. Da tut der Hanni ihr Kreuz weh und sie erzählt dem Toni beim Einkaufen: Du, Toni, hiaz kimmt boid da Schnee, und schon tut dem Toni sein großer Zeh weh und gleich darauf tut dem Hias die linke Schulter weh und gleichzeitig ist es dem Sepp ins Kreuz geschossen. Und dann kann der Schnee gar nicht anders als kommen.
Und nun gräbt sich Heinz auch noch ein. Heinz, die Schildkröte, die immer noch aussieht wie eine Schildlaus.
Ich dachte mir, er will sich das Leben nehmen, sagt Lo. Der war wirklich auf dem Suizidtrip, ich sag dir, sagt Lo. Der spürt den Schnee, sagt Lo. Er gräbt sich ein. Ganz tief. Und rührt sich gar nicht mehr. Gestern hab ich mir gedacht, er ist gestorben. Dann hab ich ihn gebadet, Bei dreißig Grad. Und dann hat er sich wieder bewegt. Gott sei Lob und Dank. Das wär was wenn der Heinz sterben würde.
Ja, das wär was mit dem Kind, seufze ich. Vier Wochen und kein Todesfall bei euch. Ungewöhnlich.
Amadea, du bist geschmacklos. Erinnere mich nun nicht an Hoppel.
An den dachte ich nun gar nicht. Ich dachte eher an die fleischfressende Pflanze. Aber lassen wir das. Erzähl weiter.
Gott sei Dank hat der Heinz dann gefressen. Und heut ist er schon wieder eingegraben. Der spürt den Schnee.
Der gräbt sich ein, weil dem zu heiß ist, sage ich und deute auf die Lampe, die im Schildkrötenterrarium steht und hinterbrennt auf den Heinz.
Unsinn, sagt Lo. Heinz liebt es warm. Pass nun kurz auf ihn auf. Lass ihn ja nicht ins Wasser fallen. Nicht, dass er ersäuft. Ich hol ein bissl Gras von draußen.
Nimm gleich mehr mit, schneibt’s owa. Und bring mir ein Glas Wasser mit. Ich hab heut den ganzen Tag schon so einen Durst.
Und immer wenn ich einen Durst hab, dann schneibt’s owa.
Ich bin mir sicher, dass morgen der Schnee kommt. Gestern hatte ich so einen Durst. Da war es so heiß. Ich war mit dem Radl unterwegs. Wahnsinnig heiß war es. Ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Wo es doch herbsteln hätte sollen oder owaschneib'n.