Montag, Juli 30, 2007

ein stern, der deinen namen trägt


Griaß enk, Diandln, schreit sie, die Gisi.
Die Gisi ist das beste Pferd im Stadl.
Naja, eher Ziege als Pferd. Wir nennen sie Goaßei. Weil sie lacht wie eins. Wie ein Goaßei.
Wia geht’s enk, hehehehe?
Gisi arbeitet im Stadl. Als Servierin.
Eine harte Sache da zu arbeiten. Im Winter. Jetzt, im Sommer nicht. Da ist nichts los. Aber im Winter. Im Winter ist Ballermann.
Heuer bin ich wieder beim Oktoberfest, hehehehe, strahlt sie und lacht. Des taugt mia so richtig. Do brauchst drei Diandlkleider, weil in nullkommanix ist des Diandl nass beim Bierglasl schleppen.
Wir sind im Stadl. Wieder einmal. Anna, Schneewittchen, Erika und ich. Wir heben den Altersdurchschnitt um fünfzig Prozent. Alle jenseits von achtzig.
Und die Musik ist auch so. Rex Dildo DJ Ötzi und co.
Die Band singt.

Einen Stern, der deinen Namen trägt
Hoch am Himmelszelt
Den schenk ich Dir heut Nacht
Einen Stern der Deinen Namen trägt
Alle Zeiten überlebt
Und über unsere Liebe wacht.


Der Bandleader haut sich rein. Er ist fünfundzwanzig und sieht aus wie vierzig. Sein Bauch hüpft im Rhythmus, der Schweiß rinnt in Bächen.
Das Publikum singt, klatscht und schunkelt.
Gisi, einen Caipirinha. Einen kann ich trinken, sage ich.
Caipi homma koan. Mia hom koa Crash-Eis, hehehehe, sagt Gisi.
Das halt ich nicht aus, bei der Musik Mineral. Wieso habt’s ihr kein Eis?
I woaß nit, der Eiscrasher is hin, und der Chef hot no koan neu’n bestellt.
Der Chef erscheint. Will, der Chef.
Er ist ein guter Geschäftsmann. Ihm gehören der Stadl und zwei Hotels.
Und fast jeden Abend Live-Musik. Das ganze Jahr über. Im Winter ist der Stadl gerammelt voll. Im Sommer wäre er leer. Wäre der Will nicht so ein guter Geschäftsmann. Und darum sind im Sommer immer Busse von Pensionisten in seinem Stadl. Die haben irgendwo in Bayern eine Werbeveranstaltung, wo ihnen Rheumamatratzen und Bettpatschen angedreht werden und dann geht es zum Abschluss in den Stadl. Die Sau rauslasssen. Und sie lassen sie Sau raus. Wie halt Achtzigjährige die Sau rauslassen, klatschend und schunkelnd.
Will sieht aus wie ein italienischer Baritonsänger. Er ist ein Koloss mit Seehundschnauzer und langem Lockenhaar. Löwenmähne.
Und? sagt er. Das sagt er immer.
Und ist eine Begrüßung. Und kann heißen: Ist alles okay? Und kann auch heißen: Was habt ihr vor?
Heute heißt das Und: Wie geht es euch?
Gut, sagt Schneewittchen. Selber?
Alles fit im Schritt, sagt er und geht von dannen.
Wisst ihr, warum der Will so eine Mähne hat? fragt Erika.
Nein, aber du wirst es uns schon sagen.
Der hat hinten am Genick einen Fetttumor. Einen großen. Und den verdeckt er. Weil er hat so Angst vor’m Operieren. Er wollte ja Friseur werden.
Friseur würde passen. Ein richtiger Figaro, sage ich. Wieso weißt du das vom Fetttumor? Hast den gesehen?
Nein, meine Friseurin hat es mir erzählt. Einen riesigen Pinkel hat der da hintendran.
Grauslich, sagt Anna.
Gisi kommt mit den Getränken.
Flott bist, sagt Schneewittchen. Weiß der Will, was er an dir hat?
Koa Ahnung, hehehehe, lacht Gisi. Owa i hob eahm letzte Woch’n eh g’frogt, wia’s mit oana Gehaltserhöhung ausschaut. I hob eahm g’sogt, mein Vater kriagt mehr Pension außa wia i Geld, hehehehe. Des hat er eing’seh’n. Und hiaz hob i meahr kriagt, hehehehe.
Die Band spielt noch immer.
Mir wird schlecht bei der Musi, und des geht sicher no a Zeitl so weiter, bei dem Publikum. Die Pensionisten geh’n no nit so schnell heim, sage ich und nippe am Getränk.
I bleib heit bis a da Fruah, sagt Schneewittchen. Ich hob heit den gonzn Tog nur kocht und Ribisel brockt. und die Kinda woarn ah lästig. Hob di nit so, Amadea.
Die Band spielt schon wieder.

Eine Frau, die mich nach Hause trägt,
Und sich mit mir schlafen legt
Die wünsch ich mir heut Nacht.
Eine Frau, die mich nach Hause trägt.
Mir Aspirin auf’s Kissen legt,
Und über meinen Kater wacht.


Es reicht mir.
Ich verlasse den Stadl.
Schneewittchen ruft mir nach, Du fade Nock’n.
Das war am Freitag. Heute ist Montag. Und noch immer hab ich diese Melodie im Ohr.
Ein Stern……

Sonntag, Juli 29, 2007

komm, puter !

Leg den Bildschirmschoner auf den Fernseher, und richte die Festplatte her.
Und räum den Arbeitsplatz ab.
Es gibt heute gemischten Aufschnitt. Als Nachtisch gibt es Googlehupf. Ich habe dieses Mal Vollkornemail verwendet.
Hab ich dir gesagt, dass wir als Startmenü Babelfisch essen?
Nimm die Maus vom Tisch. Da vergeht einem ja der Appetit.
Und zieh dir neues Laufwerk an, die Schuhe, die du an hast, gehören in den Papierkorb. Der Drucker an deiner Bluse ist auch offen.
Dann leerst du den Papierkorb aus.
Was soll denn unser Nachbar, der Rechner denken? Den habe ich auch eingeladen. Er wohnt im roten Wohnblog. Ja, der ist da drüben Links.
Ich glaube, ich nehme heute zur Feier des Tages die Silberdiskette. Die passt mir so gut.
Ich bekam sie von einem Real Player geschenkt. Was für ein Mann! Ein Freund von BookMark. Die waren mitsammen am Clipart College. Dort machte er die Ausbildung zum Windows- movie-maker.
Übrigens, hab ich dir schon erzählt, dass heute der Adobe Reader in der Suchmaschine liest? Das ist das tolle Lokal mit dem neben dem Netzwerk.
Ich habe den vor zwei Wochen schon mal gehört. Damals er hat seinen Hypertext zu Hause vergessen. Aber er hatte einen ausgeklügelten html-Code, und so hat er den Text dann doch noch irgendwie zusammen basteln können.
Diese Veranstaltung war mir ohnehin suspekt.
Am Eingang saß die Internet Security auf der Datenbank. Auntie Virus war auch mit. Die hat sich vielleicht geschreckt, als sie die Security sah.
In der Pause trafen wir Ana Log im Chatroom.
Nach der Lesung fuhren wir gemeinsam ins Digital und sahen uns im Pinnacle Studio 8 den Film "Hotmail" an. Yahoo, der war toll! Ich sag dir, da sind die Chippendales microsoft dagegen.
Es war ziemlich kalt als wir nach Hause gingen. Dabei habe ich mir vermutlich den neusten Virus geholt.
Darum gehe ich morgen zum Doktor Norton zur Ansicht. Von ihm erwarte ich mir Hilfe und Support.
Der soll mir eine Kur verschreiben.
Am besten nach CD-Rom.
Da war ich noch nie.

Samstag, Juli 28, 2007

guggu

Nun hat mich die Saxana auf die Idee gebracht mit ihrem Eintrag über gucken und kucken, auch darüber zu schreiben.
Wir in Salzburg sagen ja nie gucken. Wir sagen schauen.
Guck mal heißt bei uns Schau amoi.
Aber es gibt in unserer Mundart auch Wörter, die mit gucken zu tun haben.
Da Gugga ist das Fernglas.
Und da Gugg oder da Guggetzer ist der Kuckuck.
Der Gugg ist aber nicht nur ein Vogel, sondern auch die Kurzform von Gottfried.
Und wenn die Kinder verstecken spielen, dann rufen sie guggu, wenn sie ihr Versteck erreicht haben. Und darum heißt das Versteckspiel in der Mundart auch Guggubergn.
Da gibt es auch noch das Wort Guggahl. Ahl ist ein Ausdruck für Ahn oder Ahnen. Die Guggahl sind die Ur-ur-großeltern.
Und der Kuckucksklee heißt Guggukas. Der wächst im Wald und den kann man essen. Darum auch Kas - Käse.
Etwas was mit guggu gar nichts zu tun hat, aber mich daran erinnert, weil das immer meine Oma väterlicherseits rief, wenn sie überrascht war, ist das gu.
Gu na heißt aber nein. Dabei muss man das u im gu besonders lang aussprechen.
Na gu heißt nein, so etwas und na, gu na heißt nein überhaupt nicht.
Gu, scheikig
heißt sehr eigenartig.
Derzeit hört man das gu nur mehr von alten Leuten.

Na gu, hiaz ho i an Guggetzer mit’n Gugga gseign, der hout a Guggakasblattl im Schnowi. Des wer I nochan an Gugg dazöhn, der huckt groud ba de Guggahl.

Freitag, Juli 27, 2007

jagodnak


Es ist schon ein rechtes Kreuz mit meiner Orientierung. Da bin ich schon fast am Ziel und dann verfahr ich mich mehrmals.
Dabei habe ich die Straßenkarte wirklich genau studiert. Ich bleib stehen. Da ist ein kleines Restaurant. Restaurant ist übertrieben. Ich weiß gar nicht, wie man dazu sagt. Eine Terrasse halt. Mit zwei Schildern vorn dran. Eins mit einer Bierflasche und das Zweite mit dem CocaCola-Schriftzug.
Besser hätte ich es mir nicht einteilen können. Es ist zwölf.
Die Hitze schlägt mir entgegen und nimmt mir kurz den Atem.
Da sitzen nur Männer. Mittagspause. Straßenarbeiter und Pensionisten. Sie wirken alle schüchtern. Schauen mich fast nicht an. Und wenn, dann nur von der Seite.
Und ich bestelle ein Cola und breite meine Straßenkarte aus.
Can anyone help me? Einer kann englisch. Er ist besser gekleidet als die anderen. Er kommt zu mir an den Tisch und erklärt mir, dass ich fast da bin. Nur mehr zehn Kilometer. Jagodnak, sage ich immer wieder.
Ein jüngerer meldet sich zu Wort. Der Mann an meinem Tisch übersetzt. His girlfriend is from there. Zum Schluss frage ich, ob ich fotografieren darf. Den einen Mann mit dem Hut.
Und dann tauen sie alle auf. Ich bin schon beim Gehen und sie wollen mich einladen. A drink, lady? Aber ich bin schon weg. Vom Gefühl müsste ich hier links fahren. Aber links geht nicht. Baustelle.
Also gerade aus.
Die Dörfer hier sind hier klug gebaut. Direkt neben dem Straßenrand verläuft ein Graben, in dem vermutlich mal Wasser war. Aber der ist ausgetrocknet.
Vor jedem Haus eine eine Einfahrt und dahinter Bäume.
Beim Fahren sehe ich immer wieder Kinder barfuß entlang der Häuserreihen gehen. Das erinnert mich an meine Kindheit. Ich ging immer barfuß. Einige Familien sitzen vor ihren Häusern im Schatten. Teils auf Stühlen, teils im Gras. Gemütlich sieht das aus. Sie sitzen da und tratschen. Jung und alt. Irgendwie beneidenswert.
Ich fahre vorbei an Sonnenblumenfeldern.
Dann ein Acker, auf dem Störche nach Futter picken. Es gibt keine Möglichkeit, anzuhalten. Gern hätte ich sie fotografiert. Einen Storch sah ich nur einmal in meinem Leben. Als ich noch klein war. Er hatte auf dem Kamin der Waschhütte sein Nest gebaut.
Ich merke, ich bin zu weit gefahren. Ich drehe um. Schon zum dritten mal fahr ich an der Baustelle vorbei.
Und da, die Kirche, da muss ich abbiegen. Umleitung. Durch das Dorf Mece und bei der Kirche nach links.
Ich bin aufgeregt und mir fallen die Geschichten ein, die mir meine Oma erzählte. Mama hat mir nie viel erzählt. Ein wenig schon. Einmal blieb sie im Winter mit der Zunge am Brunnenrand kleben, weil es so kalt war. Sie erzählte auch von einer Sommer- und Winterküche. Die Mädchen schliefen in der Winterküche und die Buben in der Sommerküche. Und sie erzählte, dass sie jeden Tag den Hof kehren musste. Und dass am Abend Opa immer Geige spielte, und Oma am Spinnrad saß und Geschichten erzählte oder sang. Für mich hat das immer romantisch und aufregend geklungen. Und wenn Oma von der Flucht erzählte, so klang das abenteuerlich. Wir mussten in einen Zug hinein. Und wir wussten nicht, wo wir hinkamen. Und da war Suppe in einem großen Behältern Und oben schwammen Maden drauf. Wir mussten weg von heut auf morgen. Weil der Russ' ist gekommen. Und wir durften fast nichts mitnehmen. Nur das, was wir tragen konnten. Ja, der Russ', der Russ' war böse. Und über die Serben schimpfte der Opa so lang er lebte. Und über die Partisanen.
Endlich das Straßenschild. Jagodnak. Ich habe Herzklopfen. Im Dorf ist es still. Niemand ist zu sehen. Klar, bei der Affenhitze. Es ist mittlerweile fast zwei Uhr. Ich halte vor der Post an und mache mich auf den Weg.
Und dann stehe ich vor dem Haus meiner Mama. Ich kenne es von Fotos. Auf der Mauer vor dem Haus sitzt ein alter Mann.
Ich steige aus und frage nach der Familie meiner Mutter. Ich nenne nur den Namen. Den Namen meines Großvaters und den Mädchennamen meiner Großmutter. Er nickt.
Als ich den Fotoapparat raushole und frage, ob ich fotografieren darf, nimmt er seine Kappe ab, streicht sich sein Haar zurecht und blickt in die Kamera. Traurig sieht er aus. Er wohnt allein hier. In dem einen Zimmer, das es noch gibt. Der Rest des Hauses ist verfallen.
Das Zimmer war die ehemalige Winterküche. Unglaublich, dass man hier hausen kann. Als wir wieder hinausgehen, ist ein anderer Mann da. Der Nachbar, der gegenüber wohnt. Milan, stellt er sich vor. Er ist freundlich. Er strahlt, als ich ihm den Namen meines Großvaters nenne und erzählt irgendwas, lachend. Aus dem Auto hole ich Bettwäsche, die ich mitgenommen habe. Meine Großmutter hat sie mir vermacht. Schöne, weiße Bettwäsche, aber nicht passend für die heutigen Größen. Polster und Tuchent zu klein.
Ich gebe sie den beiden. Sie nehmen sie voll Freude. Milan lädt mich ein. Er wohnt gegenüber.
Wir überqueren die Straße. Stolz zeigt er mir seinen neuen Traktor. Er bittet mich in die Küche. Ich lehne ab und deute auf den Tisch im Innenhof. Wir sitzen da und er holt eine Flasche Cola und zwei Gläser. Wir trinken und stoßen an. Er lacht die ganze Zeit. Nur mehr zwei Zähne hat er. Und dann rufe ich Mama an. Milan staunt als er mein Handy sieht. Und er redet mit Mama, die auch kein kroatisch spricht. Aber seine Augen leuchten.
Als ich mich verabschiede von ihm, macht er ein Kreuz auf meine Stirn.
Ich fahre zum Friedhof. Viele alte Gräber, deren Namen man auf den Grabsteinen nicht mehr lesen kann.
Es ist unmöglich, das Grab meiner Urgroßoma zu finden. Ich bin erschöpft. Die Sonne brennt vom Himmel. Als ich wieder vorbeifahre am Haus meiner Mutter, winken mir die Männer zu. Sie sitzen noch immer auf der Mauer.
Diese Reise zu meinen Wurzeln war interessant, aber ich wurde nicht sentimental. Es hat nichts zu tun mit meinem Leben.
Aber gestern, als ich meine Mutter besuchte und ihr erzählte, sah ich die Tränen in ihren Augen.
Und auf einmal sah ich das kleine Mädchen. Und ich wurde doch sentimental.

Dienstag, Juli 24, 2007

heinz

Lo ist fährt wieder einmal in den Urlaub. Mit der Familie. Für zehn Tage.
Amadea, du bist schon erfahren darin.
Worin?
Na, auf Haus und Garten zu schauen wenn ich weg bin. Und auf Heinz.
Heinz, wer ist Heinz? Seit wann habt ihr einen Untermieter?
Heinz ist die Schildkröte.
Du hast mir gar nicht gesagt, dass ihr eine Schildkröte habt.
Na ja, sagt sie. Erst seit gestern.
Seit gestern? Und da fahrt ihr heute in den Urlaub?
Die Schildkröte hat sich ergeben.
Lo, sei nicht albern. Eine Schildkröte ergibt sich nicht. Es sei denn, ihr ist schlecht oder sie wird bedroht.
Sei doch einmal ernst, Amadea. Wir haben sie vom Bartl.
Vom Bartl, dem Fischer?
Ja, von dem.
Seit wann hat der Schildkröten?
Hat er eh nicht. Wir wollten eine und er hat sie uns besorgt.
Wie kann man eine Schildkröte wollen? Was Langweiligeres hättet ihr euch nicht aussuchen können?
Das Kind wollte eine.
Aha, das Kind wollte eine.
Und wenn das Kind ein Krokodil will, bekommt es eines, so mir nix, dir nix?
Es wollte kein Krokodil, das Kind, es wollte nur eine Schildkröte. Und normalerweise kostet so eine Schildkröte zweihundertfünfzig Euro. Und wir bekamen sie für zwanzig. Weil der Bartl den Schildkrötenzüchter kennt. Der wohnt in Griechenland. Da, wo der Bartl immer das Olivenöl holt. Und deshalb haben wir die Schildkröte. Eine griechische Landschildkröte. Sie heißt Heinz.
Lo, erzähl mir nicht, dass eine griechische Schildkröte Heinz heißt. Heinz heißen deutsche und österreichische Schildkröten. Griechische heißen Jorgos oder Dimitri.
Egal, unsere heißt Heinz. Und weil wir morgen in den Urlaub fahren, hast du die Ehre, auf Heinz aufzupassen.
Na toll. Und wo soll der wohnen? Bei mir am Balkon? Ich habe keine Erfahrung mit Schildkröten, gar keine.
Du musst gar nichts tun, außer sie füttern.
Womit?
Na, mit Gras und Karotte. Und manchmal, wenn es besonders heiß ist, dann spritzt du ihr mit dem Schlauch a bissl in den Käfig. Wir haben extra für Heinz einen Käfig gemacht. Der steht unterm Baum. Da hat der Heinz am Morgen Sonne und am Nachmittag Schatten.
Lo, zuerst will ich den Heinz sehen.
Lo holt den Heinz. Er ist ungefähr fünf Zentimeter groß.
Das ist Heinz? Das ist keine Schildkröte, das ist eine Schildlaus, so klein wie die ist.
Egal, jedenfalls ist Heinz wirklich toll.
Lo, wie kannst du sagen, er ist toll wo ihr ihn erst seit gestern habt?
Er ist toll, ich sag es dir. Eine wirkliche Persönlichkeit. Und schnell ist der. Gestern haben wir ihn ein wenig krabbeln lassen in der Küche und schon war er weg. Weg. Wir haben ihn zwei Stunden suchen müssen. Und dann fanden wir ihn unter der Couch im Wohnzimmer.
Amadea, pass mir ja gut auf auf den Heinz. Ich mach mir eh Sorgen. Er hat eine Augenentzündung.
Na toll. nun habt ihr seit gestern diese Kröte und heut ist sie schon krank. Woran erkennt man Augenentzündungen an Schildkröten? Außerdem siehst ja gar kein Aug, so klein wie der ist.
Ein Auge tränt.
Lass mal schauen.
Nicht so wild, Amadea.
Ich seh nix. Der hat sicher keine Augenentzündung. Der weint nur, weil ihr morgen in den Urlaub fährt. Wo fährt ihr hin?
Nach Griechenland.
Und da nehmt ihr den Heinz gar nicht mit? Ihr seid wirklich gemein. Klar, dass der weint. Das merkt der, dass ihr in seine Heimat fährt.
Jedenfalls fuhren sie. Ohne Heinz.
Am vergangenen Sonntag.
Und ich hab ihn nun am Hals. Und mach mir Sorgen. Und schaue jeden Tag nach ihm.
Und ich glaub, das zweite Auge tränt nun auch.
Ich sehe das zwar nicht, aber ich hab es so im Gefühl.
Ich seh nicht mal, ob er was frisst. Die Karotte ist noch ganz und Gras fehlt auch keines.
Eh klar, nur Karotte und Gras, tagaus, tagein. So geht das nicht.
Also nahm ich ihm gestern ein Salatblatt mit, ein großes.
Ich will, dass er wächst. Ich will, dass er wirklich groß wird.
Damit ich Lo und ihre Familie überraschen kann.
Mit einer Schildkrötensuppe.
Soll ich sie mit Curry oder auf die „chinesische Art“ zubereiten oder doch nach dem Rezept, das ich gefunden habe?


Schildkrötensuppe

1 Schildkröte
6 Sardellen
200 gr. Champignons
Thymian, Lavendel, Lorbeerblatt, Majoran und Basilikenkraut (Basilikum)Sellerie, Möhren, Zwiebeln, Knoblauch, ganzer Pfeffer, Piment, Nelken
Mehl
50 gr.Butter
2 Flaschen Portwein

Die durch die heutigen raschen Verbindungen auch hier leichter frisch zu genießen, bereitet man, indem man eine lebende Schildkröte auf den Rücken legt, möglichst rasch den hervorkommenden Kopf erfasst, ihn fest aufdrückt und mit kräftigem Schnitt glatt vom Halse trennt.
Dann hängt man das Tier zum Ausbluten an den Hinterbeinen auf, macht an der Bauchseite des Hinterteils einen handlangen Einschnitt, nimmt es aus und lässt es über Nacht, den Panzer nach unten gekehrt, in kaltem Wasser stehen.
Andern Tags löst man mit scharfem Messer das Fleisch vom Panzer, schneidet es in Stücke, wäscht es mit Salzwasser ab, trennt Füße, Hals- und Knochenteile ab und kocht diese, in kleine Stücke verhackt , mit dem Fleische. Nachdem dies 5 Minuten in siedendem Wasser gekocht, kühlt man es wieder ab, um die Hornhaut zu entfernen. Dann legt man alles in eine geräumige Kasserolle , gibt 6 gehackte Sardellen, 1/4 L. Champignons, die Gewürze, den Sellerie, die Zwiebeln, ein klein wenig Knoblauch dazu, auch noch eine ganze Hand voll ganzen Pfeffer, Piment und einige Nelken und kocht dies alles, bis das Fleisch gar ist, etwa 2 bis 3 Stunden lang, während welchen man das reichliche , schöne grüne (!!!) Fett abhebt.
Man rührt hierauf die mächtige Suppe durch ein Haarsieb über 6 Esslöffel voll Mehl, die man mit 50 gr. Butter schön hellbraun röstet, ab.Indessen hat man zwei Flaschen Portwein auf die Hälfte einzukochen, den man mit etwas Salz und feinem Pfeffer würzt und dann unter Rühren nochmals rasch mit der Suppe aufkochen lässt. Das Schildkrötenfleisch wird, so viel man dazu braucht, gewürfelt hinein getan und die Suppe über Fleischklößchen angerichtet.
Man kann, wenn das Tier groß ist, die übrig bleibende Brühe wochenlang an einem kühlen Orte aufbewahren; in diesem Fall füllt man das übrige Fleisch gewürfelt portionsweis in Steintöpfe, bedeckt es mit der überflüssigen Brühe und läßt das abgeschöpfte Fett darauf gerinnen. Die Töpfe werden fest mit Papier zugebunden.

Aus: www. hexenküche.de

Montag, Juli 23, 2007

wie in alten zeiten


Ribisel brocken, Amadea. Du kannst gleich anfangen. Aber ordentlich. Keine Blätter und keine Stängel. Da hast den Kübel. Den bindest dir rum. Und den großen stellst du daneben. Da kannst dann immer wieder reinleeren.
Und schon bin ich mittendrin.
Im Brocken.
Zwischen Ribiselstauden, deren Blätter mich stechen und kitzeln, den kleinen Kübel festgebunden an der Taille.
Ich fang auf der anderen Seite an, sagt Mama.
Ich sage nichts. Ich bin angefressen.
Kommst mit schwimmen, Amadea? ruft mir meine Freundin über den Zaun zu.
Nein, siehst eh. Das dauert.
Sie muss nie Ribisel brocken. Sie muss überhaupt nichts tun. Weder Ribisel brocken noch Holz aufstapeln, noch Kohlen in den Keller tragen, Gar nichts. Sie wird ständig bedient von ihrer Mutter. Von hinten bis vorne. Ich beneide sie. Sie wird sogar gefragt, was sie zum Mittagessen will.
Ich werde nie gefragt.
Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, sagt Papa.
Ich werde nur an meinem Geburtstag gefragt.
Die Freundin geht schwimmen, ich brocke die Ribisel.
Mein Gott, Amadea, du brockst ja gar nicht. Mach schneller.
Ich hasse es, ich bin den Tränen nahe, mir ist heiß, mir graust vor den Spinnen und den Spinnweben, die Gelsen stechen und die Bremsen beißen und ich komm nicht weiter. Meine Finger sind rot von den Ribiseln und der Kübel wird und wird nicht voll.
Ich kann nicht schneller. Ich brock eh, besser kann ich nicht, sage ich weinerlich.
Was weinst du denn? sagt Mama. Pass nur auf, dass das der Papa nicht sieht.
Ja, der Papa darf das nicht sehen, weil der schimpft sowieso ständig.
Du bist zu nichts zu gebrauchen, du hast nur Unsinn im Kopf, nur deine Bücher. Keinen Hausverstand hast und du stellst zu viele Fragen. Es gibt nichts zu fragen. Du und deine Leserei, schimpft er. Und diese ständige Lernerei. Sowieso für die Fisch’, das jahrelang zur Schule gehen. Und dann heiratest mit zwanzig.
Niemals, Papa. Ich heirate überhaupt nicht.
Ich heiratete doch.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Mama kommt nachschauen.
Amadea, schau einmal, diese Sauerei. Die halben Ribisel sind am Boden und das da ist auch nix. Sie deutet auf den Kübel. Da hast ja die Hälfte Blätter drin.
Nun reicht es mir. Ich reiße mir den Kübel herunter und laufe weg.
Nie ist dir was recht. Ich lass das nun. Ich hasse Ribisel brocken.
Beim Weglaufen ruft mir Mama nach: Dann putz mir wenigstens die Fenster. Aber ordentlich. Und nimm das Fensterleder und tu Essig ins Wasser.
Wie ich die Ferien hasste als Kind.
Es war immer was zu tun.
Ich musste immer arbeiten.
Alle meine Freundinnen fuhren in den Urlaub. Ich nicht.
Mein Urlaub war eine Woche bei Onkel Hans in der Nähe von Salzburg. Und das war auch nichts. weil ich stritt ständig mit meiner Cousine und meine Tante, die Schweizerin, kochte Dinge, die ich nicht essen konnte weil mir grauste. Gurkengemüse und Kochsalat, saure Nieren und Lebernockerl.
Man hat es schon schwer als Kind. Und niemandem kannst du dich anvertrauen. Deinen Freundinnen erst recht nicht.
Da kommst du nach den Ferien wieder in die Schule und alle erzählen vom Urlaub an See und Meer und du erzählst vom Urlaub beim Onkel Hans und vom Ribisel brocken, Fensterputzen und Holz aufschlichten.
Ich log da meistens.
Ich erfand den Onkel in Kärnten am Ossiachersee, der ein Restaurant hatte und wo ich Vormittag servieren durfte und Nachmittag schwimmen. Ich war da sehr erfinderisch. Er hieß Onkel Reinfried. Es gab ihn nicht, den Onkel. Aber für mich war er so real wie mein Onkel Hans. Nur war er viel toller.
Gestern war ich bei meinen Eltern. Mama war gerade dabei, Ribisel zu brocken.
Kannst mir gleich helfen, Amadea. Mein Protest nützte nichts.
Und da stand ich – wie in alten Zeiten mit dem umgebundenen Kübel und es nervte mich und die Gelsen stachen und die Bremsen bissen und die Ribiselstauden kitzelten. Und die halben Ribisel lagen wieder am Boden und im Kübel waren wieder zu viele Blätter und Mama sagte wieder: Amadea, du brockst ja gar nicht.
Soll ich Fenster putzen, Mama? fragte ich. Und Mama sagte: Ja, aber ordentlich. Und nimm das Fensterleder und den Essig.
Als ich ins Haus ging, rief sie mir nach: Schön, gell, Amadea. Wie in alten Zeiten.

Sonntag, Juli 22, 2007

at the carwash

Wie immer, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, verfahre ich mich.
So auch dieses Mal.
Wie immer, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, fahre ich zu spät los. So auch dieses Mal.
Dann ist noch das zu tun und jenes, dann muss ich nochmals zurück weil ich etwas vergessen habe. So auch dieses Mal.
Klopapier vergessen. Du kannst nicht ohne Klopapier wegfahren. Nicht nach Kroatien. Die Straßenkarte habe ich auch vergessen. Aber das bemerke ich erst, als ich nachschauen will. Und da bin ich schon in Kärnten. Aber das ist egal.
Eine Straßenkarte brauche ich nicht. Weil wenn ich sie brauche, dann ist es zu spät, um nachzuschauen und wenn ich früh genug nachschaue, dann vergess ich die Ortsnamen ohnehin wieder.
Ich merk mir Namen schlecht, Und Ortsnamen, besonders kroatische, merk ich mir ganz schlecht.
Ich halte mich da lieber an die Beschilderung.
Das Problem ist, dass man beim Auto fahren so wenig Zeit hat, in Ruhe die Schilder zu studieren.
Sie sausen zu schnell an mir vorbei, obwohl ich mit meinem Spuckerl eh nicht so schnell fahren kann.
Ein Porschefahrer ist da arm dran. Für den sind Straßenschilder komplett umsonst. Die sausen ja mit Lichtgeschwindigkeit an ihm vorbei.
Ich habe einige Angewohnheiten beim Auto fahren. Ich schaue gerne die Straßenschilder der anderen Straßenseite an.
Anschauen ist der falsche Ausdruck. Ich schaue ihnen nach, wie sie zurückweichen. Natürlich im Rückspiegel.
Und bin noch nicht draufgekommen, obwohl ich schon jahrelang die Straßenschilder von hinten beobachte, ob sie dasselbe sagen wie die Straßenschilder, die vorne an mir vorbeisausen.
Dabei schaue ich sie genau an. Ich drehe mich sogar um, um sie genau anzuschauen. Da musst du wirklich auf Zack sein, ein Straßenschild, das verkehrt herum da steht, von vorne zu sehen, vor allem wenn es sich bewegt.
Ein ruhiges Straßenschild zu beobachten, na, das ist keine Kunst.
Ich habe in all den Jahren, seit ich die Straßenschilder beobachte, noch nicht herausgefunden, ob die wirklich auf beiden Straßenseiten dieselbe Geschwindigkeit vorschreiben.
Weil wenn ich einem Straßenschild im Rückspiegel nachschaue, so kann ich nicht gleichzeitig das vorbeisausende beobachten. Und wenn diese Straßenschilder in Kroatisch geschrieben sind, dann wird das um vieles schwieriger.
Da hast ja gar keine Chance, irgendwas zu sehen.
Dieses Mal habe ich mich nur ein bisschen verfahren. Ein bisschen in Lubljana und ein bisschen mehr in Zagreb.
Über Lubljana schreib ich nun nicht. Weil da hab ich mich nur ganz kurz verfahren. In Zagreb verfuhr ich mich ein wenig länger. Zagreb ist ja auch größer. Zagreb ist recht interessant um die Mittagszeit. Da fahren viele Autos, ich sag dir. Ich fuhr ins Zentrum. Aber nur kurz. Weil es gab nicht viele Parkplätze im Zentrum. Darum stieg ich nicht aus. Was mir besonders gut gefiel in Zagreb, waren die Straßenschilder. Die sausten nicht vorbei an mir. Kein einziges sauste vorbei. Die standen ruhig da und ließen sich von mir beobachten. Minutenlang. Und ich konnte sogar die Straßenschilder auf der anderen Seite in Ruhe von hinten beobachten. Ziemlich viele sogar. Und fand das wirklich nett. Und ich habe entdeckt, dass die Straßenschilder in Zagreb nicht dasselbe sagen. Das eine vor mir sagt, dass in 300 Meter ein Cafe kommt und das auf der anderen Seite sagt, dass da eine Tankstelle kommt. Da soll ich einer auskennen. Trotz der freundlichen Straßenschilder fuhr ich doch wieder auf die Autobahn.
Als die Sonne untergangen war, hielt ich an. An einem Motel.
Kaum da, sausen sie herbei. Zwei Männer. Mit Kübel und Putzfetzen. Und beginnen meine Windschutzscheibe zu putzen. Ohne zu fragen.
Und ich steige aus und sie halten die Hand auf. Einfach so. Und ich habe keine Münzen. Weil auch wenn du nicht willst, dass sie deine Scheibe putzen, so gibst du doch Geld her. Du kannst nicht anders.
Ich habe keine Münzen, sage ich und sie halten noch immer die Hand auf und sagen: Drüben an Tankstelle wechseln.
Ich gehe aufs Klo und da sitzt die Klofrau und hält die Hand auf. Und sage: Ich habe keine Münzen.
Und sie sagt: Drüben an Tankstelle wechseln.
Und ich fahre zur trüben Tankstelle und kaum bin ich da, sausen zwei Männer daher und putzen meine Windschutzscheibe.
Und ich steige aus und sie halten die Hand auf.
Und ich sage: Ich habe keine Münzen und sie deuten zur Tankstelle und sagen: Da wechseln. Und sie halten wieder die Hand auf.
Und ich wechsle da und gebe ihnen zwanzig Cent. Und sie schauen mich missbilligend an.
Ich gehe zur Klofrau und gebe ihr zwanzig Cent. Und sie schaut mich missbilligend an.
Ich gehe zu den anderen Putzmännern und gebe ihnen zwanzig Cent und sie schauen mich missbilligend an.
Und es ist heiß und das Essen ist kalt und das Cola ist warm und im Zimmer bläst die Klimaanlage laut wie ein Staubsauger. Und die Dusche tropft und da ist kein Klopapier.
Gut, dass ich eine Rolle mithab. Aber die ist im Auto.
Und ich schlafe drei Stunden und am Morgen ist mein Nacken steif und meine Augen müder als je zuvor.
Und der Kaffee schmeckt schal und das Weißbrot pappig und ich steige in’s Auto und kaum sitz ich da, sausen sie schon herbei.
Zwei Männer. Mit Kübel und Putzfetzen.
Und sie putzen meine Windschutzscheibe.
Und ich steige aus und will sagen: Nein. Aber sie halten die Hand auf. Und ich gebe ihnen zwei Euro. Und sie schauen mich nicht missbilligend an.
Und das freut mich.
Und mein Tag ist gerettet.
Und verfahren hab ich mich auch nicht mehr. Und das Haus meiner Mama habe ich auch gefunden. Aber mehr darüber ein anderes Mal. Morgen ist auch noch ein Tag.

Montag, Juli 16, 2007

klostrophobie


Wäre heute nicht mein Klo verstopft gewesen, ich wär schon weg.
Back to my roots. In das Dorf, in dem meine Mutter geboren wurde und dort lebte. Bis sie dreizehn war. Dann mussten sie weg. Von heute auf morgen.
Der Ort liegt an der Grenze zu Kroatien und Ungarn und Serbien. Alles schon gepackt und hergerichtet. Aber ich fahre nicht. Nicht mit dem Auto. Stattdessen fahre ich ins Dorf. Mit dem Fahrrad. Nun schon zum dritten Mal.
Eine Tortur. Weil heute kannst nur auf dem Gehsteig fahren. Die Dorfstraße wird geteert. Und es stinkt. Mein Klo stinkt und das Dorf stinkt auch.
Heute nervt mich eh schon alles.
Und dann noch auf dem Gehsteig mit dem Radl. Bei der Hitze.
Ich bin heute ständig unterwegs.
Das erste Mal kaufe ich einen Klobesen.
Das zweite Mal eine Gummipumpe. Nein, keine Puppe, Dummkopf. Eine Pumpe.
Für’s Klo. Zum Pumpen. Diese Gummipumpe, diese rote.
Es gibt keine im Drogeriemarkt.
Ich fahr zum Lagerhaus. Geschlossen. Mittagspause.
Den Klobesen hinten im Fahrradkorb fahr ich den Gehsteig entlang und grad als ich um die Ecke bieg, an dieser engen Stelle beim Fleischer, da kommen mir zwei breite Touristen entgegen.
Ich kenn sie, die Touristen. Deutsche. Die deutschen Touristen kenn ich besonders gut. Die brauchen nicht mal den Mund aufzumachen, schon kenn ich die.
Ein Ehepaar. Ein breites.
Eindeutig zu schmal der Gehsteig für das breite deutsche Ehepaar und mich und mein Fahrrad.
Ich bremse wie eine Wahnsinnige. Und der Klobesen segelt auf die Straße, die geteerte, dass es eine Freude ist.
Scheiße, denke ich.
Dieses Mal könnte ich sogar lautstark Scheiße rufen. Mehrmals sogar.
Aber sogar jetzt kommt meine Erziehung durch, meine gute und ich schreie nicht Scheiße, ich denke nur Scheiße.
Klobesen auf der Straße, schwarz vom Teer.
Breites Ehepaar auf dem Gehsteig, genervt von mir und der Hitze.
Ich auf dem Gehsteig. Scheiße denkend.
Und die Sonne brennt.
Und der breite Mann flucht und die breite Frau wischt sich den Schweiß vom Dekoltee und ich starre auf den Klobesen.
Nehmen Sie sie schon, sagt der breite Mann.
Wen?
Die Klobürste, was sonst?
Wieso ich? Nehmen Sie doch. Wenn Sie nicht so breit wären, dann wär der Klobesen da nicht im Teer.
Natürlich sage ich das nicht. Natürlich nehme ich ihn.
Ein eingeteerter Klobesen ist nichts Schönes. Nicht vor der Fleischerei. Ein Stückerl weiter wär der Installateur. Da würde er hinpassen. Da könnten sie ihn einteeren. Aber nicht hier.
Also nehm ich ihn halt.
Wär eine schöne Urlaubserinnerung, will ich zum Ehepaar sagen. Aber die sind schon weg.
So kann ich nicht Rad fahren mit dem dem geteerten Klobesen.
Also schiebe ich. Auf dem Gehsteig dahin.
Ich halte den Teerbesen wie eine Trophäe. Weit weg von mir.
So dass die Leute, die mir entgegen kommen, schön weit ausweichen.
Aber ich lächle sie an. Weil sie so schön Platz machen.
Der Klobesen wandert in den nächsten Mistkübel.
Nochmals Drogeriemarkt. Neuen Klobesen kaufen.
Haben’S nicht gerade einen gekauft, Frau Amadea?
Ja, sag ich, hab ich. Aber ich hab zwei Klos. Drum brauch ich noch einen.
Wollen’S an Klodeckel auch? Die sind in Aktion.
Die Verkäuferin deutet auf das Regal mit den Klodeckeln im Mediterran-Design.
Wir haben sie mit Muscheln in blau oder mit Fischen und Palmen in gelb.
Nein danke, Klodeckel hab ich. Sogar zwei.
Zusätzlich zum Klobesen kauf ich ein Und einen Abflussreiniger.
San’S ja vorsichtig, ja keinen Essig dazu leeren. Sonst vergiften Sie sich, Frau Amadea.
Jaja, ich weiß, sage ich. Ich nehm das ja nicht zum ersten Mal. Eine Verstopfung hatten wir schon.
Da hilft Leinsamen, sagt die Verkäuferin. Haben wir auch im Angebot.
Nein, sage ich. Bei der Verstopfung hilft nicht mal Leinsamen.
Die Verstopfung hatte ich nicht im Klo. Ich hatte sie in der Abwasch.
Kaum zu Hause, leere ich die ganze Flasche in die Klomuschel.
Nach zehn Minuten spüle ich nach.
Ein Fehler. Der Klowasserpegel steigt bedenklich.
Und es rührt sich nichts.
Verstopft, aber wie.
Und ich muss dringend.
Also wieder auf’s Radl. Auf dem Gehststeig in’s Stammcafe auf’s Klo.
Einen Verlängerten, Frau Amadea?
Nein, heute nicht.
Dann vielleicht an kleinen Braunen?
Nein, auch nicht. Darf ich auf's Klo?
Dann heim. Klo noch immer verstopft.
Anna ruft an. Du musst das starke Mittel nehmen. Das hilft immer. Und fest mit dem Klobesen nachstopfen.
Vor einer halben Stunde machte ich das. Alles rein. Und fest nachstopfen mit dem Klobesen, dem neuen.
Auf einmal – plopp, plopp – alles weg.
Und ich auch. Weg.
Back to my roots.

Dienstag, Juli 10, 2007

you're such a bore


Nun habe ich unlängst in der Zeitung gelesen, dass immer mehr Menschen am Boreout- Syndrom leiden.
Das Boreout-Syndrom wurde in Amerika entdeckt. Vor noch nicht allzu langer Zeit. Es ist interessant, dass das in Amerika entdeckt wurde. In Amerika wird ja eher viel entdeckt.
Das ist ja unglaublich, das ist ein Skandal, all die kranken Menschen, die nichts anderes zu tun haben in ihrer Arbeit, als da zu sitzen und nichts zu tun. Da muss man ja krank werden.
Und ich habe auch Nachforschungen angestellt. Sehr interessant und sehr lehrreich, was ich da gelernt habe.
Also, boreout ist das Gegenteil von burnout. Wer hätte das gedacht?
Als das Burnout- Syndrom entdeckt wurde – es wurde auch in Amerika entdeckt - hat mir jemand erklärt, dass ein burnout nur jemand haben kann, der vorher gebrannt hat. Eh klar. Wie in dem Lied von der Diana – You candle burned out long before.
Vor Leidenschaft vermutlich, hat der gebrannt vorher. Oder vor Aufregung. Oder warum auch immer.
Nach dieser Theorie wäre jemand, der am Boreout-Syndrom leidet, prinzipiell ein Langweiler. Some are bores and some are burns.
Das heißt, jemand, der nicht generall ein Fader ist, kann gar niemals ein boreout bekommen.
Dann hab ich gelesen, im Herrn Google seinem Wörterbuch, dass ein boreout aus drei Komponenten besteht.
Unterforderung, Desinteresse, Langeweile.
Ist das nicht grandios? Diese Wahnsinnsentdeckung. Welch genialer Kopf hat das herausgefunden?
Und wenn ein Mensch diese drei Kompententen erfüllt, dann kann er nicht anders, als auf eine bestimmte Art und Weise reagieren. So hab ich das gelesen.
Er ist bored out.
Und dieser arme Mensch kann sich nicht ins Bett legen und ein paar Tage daheim bleiben, so wie der ausgebrannte, weil wenn der daheim liegen würde auf der Couch vor dem Fernseher oder im Bett mit seiner Spielkonsole, so wäre das ja gar nichts anders als in der Arbeit. Da ist er ja noch mehr bored und er würde vermutlich sterbenskrank werden.
Den kannst auch nicht zur Kur schicken, weil da verstärken sich die Symptome. Der würde draufgehen in der Kur. Er würde ein Schatten seiner selbst werden, ein Kurschatten.
Und in den Urlaub gehen kann der auch nicht, das wäre lebensbedrohend, das wäre sein sicherer Tod.
Eine wahrlich schlimme Krankheit.
Und das gemeine bei dieser Krankheit ist, dass niemand bemerkt, wenn einer darunter leidet.
Weil du siehst das nicht. Weil du meinst, der arme Mensch hat so wahnsinnig viel zu tun.
Der Erkrankte wirkt auf den ersten Blick wie einer, der kurz vor dem Burnout steht. Er wuselt herum den ganzen Tag, er wirkt hektisch und überausgelastet. Er kämpft dagegen an, sich noch mehr Arbeit aufzuhalsen.
Naja, er tut so.
Er rennt ständig mit dem roten Ordner auf’s Klo, um eine zu rauchen, er trägt den blauen Ordner mit den Unterlagen in das Besprechungszimmer und den grünen Ordner in das Büro. Dann holt der den blauen Ordner vom Besprechungszimmer und trägt ihn in den Lagerraum. Anschließend holt er den grünen Ordner vom Büro und legt ihn auf den Tisch im Kopierraum. Dann geht er wieder auf’s Klo mit dem roten Ordner unter’m Arm und dem Zigarettenpackerl in der Hosentasche.
Und dann hab ich im Wörterbuch vom Herrn Google auch noch gelesen, wie die armen Menschen, die diese Krankheit haben, geheilt werden können.
Nämlich mit Sinn, Zeit und Geld.
Das hat mich wahnsinnig beeindruckt.
Die Arbeit soll Sinn stiften. Sinn stiften ist das Gegenteil von Blei stiften. Toll. Sinn stiften. Das ist wichtig.
Die Sinnfrage ist sowieso wichtig. Die war immer schon wichtig.
Seit es Menschen gibt auf dieser Erde, stellt sich ihnen die Sinnfrage und sie stellen sie sich.
Von einer Sinnantwort hab ich zwar noch nie was gehört. Egal, darum geht es nun nicht. Vielleicht ist die Antwort auf die Sinnfrage das Sinn stiften.
Und im Wörterbuch vom Herrn Google steht da auch: Die Arbeit soll herausfordernd und interessant sein.
Aber nicht zu herausfordernd steht da und nicht zu interessant, steht da. Weil das wär ja ganz gefährlich. Da würde ja der Boreoutsider innnerhalb kürzester Zeit zum Burnoutsider werden. Und dann hätte man ja wieder dasselbe Problem, halt umgekehrt. Eine schwierige Sache, da genau das richtige Maß zu finden.
Wenn die Arbeit am Vormittag wahnsinnig interessant und wahnsinnig herausfordernd ist, dann muss der Boreoutsider schon zu Mittag heim gehen. Weil sonst klappt der zusammen.
So wie wir Lehrer halt. Weil wir gehen jeden Tag zu Mittag heim, weil am Vormittag der Unterricht so wahnsinnig interessant und so wahnsinnig herausfordernd ist. Sonst würden wir zusammenklappen.
Drum haben wir auch kein Boreout-Syndrom.
Und an anderen Tagen, wenn die Arbeit am Vormittag langweilig ist und uninteressant, dann muss halt die Sekretärin anrufen, und dem Boreoutsider sagen, er darf erst am Nachmittag kommen, dann wenn es interessant und herausfordernd wird. Dann kann der Boreoutsider noch ordentlich frühstücken, später in der Kantine sein Mittagessen einnehmen und sich für den wahnsinnig herausfordernden und wahnsinnig interessanten Nachmittag stärken.
Und der dritte Punkt, der mit dem Geld, ja, dieser dritte Punkt, der ist ganz wichtig. Der ist extrem wichtig.
Zu diesem dritten Punkt steht im Herrn Google seinem Wörterbuch folgendes: Der Lohn muss maximiert werden, um das Boreout-Syndrom zu heilen.
Ich meine, das ist doch selbstverständlich. Das muss man doch nicht extra erwähnen. Was da noch steht, finde ich eine Frechheit, eine bodenlose. Da steht doch glatt, da beim Herrn Google, dem Herrn Klugscheißer, dass man beim Punkt drei, also beim finanziellen, Vorsicht walten lassen muss.
Eine Arbeit, die gut bezahlt ist, aber nicht interessant, ist auch nichts Ordentliches. Na toll, Herr Google Oberg’scheit!
Da ist die Arbeit nicht interessant und dann sollst auch noch nichts bezahlt bekommen?
Wie soll der arme kranke Mensch dann seine Freizeit, die ihm ohnehin eine Belastung ist, finanzieren? Wie soll sich der arme Mensch dann die Mitgliedschaft in Fitnessstudio und Golfclub finanzieren?
Wie soll sich der den Urlaub und die Städtetrips am Wochenende finanzieren?
Von welchem Geld soll er seine Designerkleidung finanzieren und sein Penthouse?
Da hat der Arme eh schon einen wahnsinnig langweiligen Beruf, in dem er nur herumsitzt und nichts tut und dann wäre das in seiner Freizeit nicht anders?
Eine Gemeinheit ist das, eine ganz gemeine.
Also wenn ich da was zu sagen hätte, aber ich hab ja nichts dazu zu sagen und mich fragt auch keiner, dann hätte ich da schon eine Idee.
Berufswechsel. Lehrer werden. Da hast eine wahnsinnig herausfordernde und wahnsinnig interessante Arbeit, da kannst Sinn und Blei stiften, da hast neun Wochen Ferien und bekommst wahnsinnig viel Geld.
Und wenn’s im Sommer regnet, dann gehst im Herbst auf Fortbildung oder Kur.

das verbrechen


Leute, die gegen das Gesetz verstoßen, haben mich immer schon fasziniert.
Agenten, zum Beispiel.
Oder Leute, die eine Bank ausrauben und nicht erwischt werden.
Oder solche, die ein Kunstwerk einfach stehlen, ohne dass irgendjemand etwas bemerkt. Natürlich imponieren mir nur diejenigen, die keine Gewalt anwenden, diejenigen, die aller Welt ein Schnippchen schlagen.
Ich stelle mir vor, wie toll es wäre, solch einen grandiosen Plan auszuhecken, einen Tunnel zu graben von meiner Wohnung zur Bank und dann in aller Ruhe das ganze Geld wegzuschaffen.
Oder ein wertvolles Gemälde aus einer Galerie einfach mitzunehmen und daheim im Flur aufzuhängen. Und die Bemerkung der Besucher „Was für eine grandiose Nachbildung!“ mit einem „Nicht wahr?“ zu kommentieren.
Niemand würde wissen, was für eine ausgekochte Kriminelle ich bin. Toll, dieses Gefühl, von anderen unterschätzt zu werden.
Das Problem dabei ist, dass ich viel zu feig bin, so etwas zu tun und die Angst erwischt zu werden um vieles größer als der Nervenkitzel.
Aber seit einiger Zeit verfolgt mich diese Idee. Eine Straftat zu begehen ohne erwischt zu werden. Etwas wirklich Mutiges zu tun, von dem die ganze Welt spricht. Auf den Titelblättern aller Zeitungen dieser Welt zu stehen.
Diese Idee ist genial. Und sie ist bombensicher.
Ich werde demnächst zu einem Juwelier gehen, mir Brillantringe, Goldohrringe und Perlenketten zeigen lassen. Ich werde alles, was er hat anprobieren, in Ruhe, stundenlang. Ich werde sehr interessiert sein, viele Fragen stellen, begeistert sein.
Ich werde sämtliche Ringe anprobieren, in allen Größen und Formen, ich werde behängt sein mit Gold, Silber, Platin und sämtlichen Edelsteinen.
Dann auf einmal – lege ich alles ab, in Windeseile, sause hinaus aus dem Geschäft – fluchtartig, blitzschnell, ihne mich verabschiedet zu haben, springe in mein Auto, brause hinweg mit quietschenden Reifen, heulendem Motor und klopfendem Herzen
– ohne etwas gekauft zu haben.

Samstag, Juli 07, 2007

sebastian - teil 3


Neun Wochen Ferien liegen vor mir.
Und heute, am ersten Tag bin ich um sieben wach. Wegen Sebastian.
Und wegen des Besuchs von Sebastian.
Der Sebastian hat Besuch aus Wien.
Der Besuch Sebastians heißt Kevin.
Mit Kevin sind auch Kevins Eltern gekommen.
Und da hör ich nun ganz neue Töne schallen.
Heaaaaast, Kevin, kummm ausse do, schreit der Kevinpapa aus Wien.
Der Kevin schreit.
Der Kevin schreit wie der Sebastian. Nur halt wienerisch.
Der Wiener Dialekt kann ja ganz amüsant sein.
Aber nicht um sieben morgens am ersten Ferientag.
Nicht, wenn ich im Bett liege.
Das fängt ja gut an.
Heaaaaaaaast, Kevin, kumm ausse do vum Nochboargoatn.
Nun höre ich den Sebastian rattern.
Auf dem Traktor.
Do her, Sebaaaaaaaastian, schreit der Sebastianpapa.
Nit zan Kevin gehen in den Goartn.
So ein Gfrast, i vasteh däs net, der spült do Vasteckn. Her kummst do, Kevin, schreit der Kevinpapa aus Wien.
Kevin kommt nicht.
Kimm her do, Sebaaaastian, schreit der Sebastianpapa.
Sebastian kommt nicht.
Der Traktor rattert nicht mehr so laut.
Sebaaaastian, pass auf, do kimmt a Auto.
Sebastian passt nicht auf.
Kevin ist noch immer im Nachbargarten und Sebastian rattert noch immer auf seinem Traktor.
Ich stehe auf und gehe auf den Balkon.
Der Sebastianpapa und der Kevinpapa stehen beide mit verschränkten Armen im Hof.
Der Sebastian ist nicht zu sehen.
Der Kevin ist nicht zu sehen.
Der Sebastian und der Kevin sind auch nicht zu hören.
Heaaaast, i sog da, des woar a Foahrt do heer. A Wohnsinsstau auf a Autobohn, sagt der Kevinpapa zum Sebastianpapa. Und des G’frast hot mi woohnsinnig g’mocht. Dieses Gepläärre in aaaana Duaaa.
Ich schaue hinunter. Vor dem Nachbargarten steht der Traktor vom Sebastian.
Heaaaaaast, wo san de Buabn hin, host du a Aahnung? fragt der Kevinpapa.
I woaß nit, es is mia a wuascht, sagt der Sebastianpapa.
Hupf eini in Goartn, wer waaß, wos de badn tuan.
Spinnst, i hupf do nit do eini in den fremdn Goartn, de san eh so empfindliche Nochbarn.
Das Fenster im Haus gegenüber öffnet sich.
Die Sebasianmama erscheint.
Frühstück!
Habt’s ihr Semmeln geholt?
Was für Semmeln? fragt der Sebastianpapa.
Ihr solltet doch Semmeln holen gehen, sagt die Sebasianmama. Und wo ist überhaupt der Sebaaastian?
Es erscheint die Kevinmama im Fenster.
Heaaast, wo is da Kevin?
Auf einmal lautes Geschrei aus Nachbars Garten.
Die beiden Frauen vom Fenster gegenüber verschwinden.
Gleich darauf geht die Haustür auf und sie sausen heraus.
Vorne dran die Sebastianmama.
Hinten nach die Kevinmama.
Sie springen über die Thujenhecke.
Zuerst die Sebastianmama.
Dann die Kevinmama.
Der Sebastian schreit.
Der Kevin schreit auch.
Die Nachbarin schreit auch.
Kennts ihr nit aufpassen auf eichane Kinder?
Eine Frechheit ist das.
Meine Salatpflanzln.
Alles hin.
Sebaaaastian, du Bösa, Bösa, wos hast du g’mocht?
Schau amoi, ois kaputt, bösa bösa Bua du.
Und schau amoi deine Handi an. Pfui gagga, hiaz gemma owa auffi, schimpft die Sebastianmama.
Nimm den Buam,
schimpft sie zum Sebastianpapa.
Er nimmt ihn.
Sebastian schreit.
Der Sebastianpapa schreit nicht.
Der Sebastianpapa sagt nichts.
Der Sebastianpapa schweigt.
Die Kevinmama schimpft auch.
Heast, du G’fraaast, wo glaubst du ääägentlich, du Frotz. Du konnst doch do nicht in an fremdn Gattn gehen. Na schau, wie du nun oooossiehst bäää de Finga, du Schweindl,
Na, heaaast, nimmst mia das Kind vielleicht ab,
schimpft die Kevinmama zum Kevinpapa.
Der Kevinpapa nimmt das Kind.
Der Kevin schreit.
Der Kevinpapa schreit nicht.
Der Kevinpapa sagt nichts.
Der Kevinpapa schweigt.
Der Sebastianpapa und der Kevinpapa gehen mit dem schreienden Sebastian und dem schreienden Kevin ins Haus.
Die Sebastianmama sagt zur Kevinmama: Geh schon mal rein, ich muss noch Semmeln holen. Und schon sind beide verschwunden.

Ich freue mich auf die Ferien.
Neun Wochen.
Neun Wochen Ferien mit Sebastian.

Freitag, Juli 06, 2007

würg, würg


Nun hatte ich wieder mal ein Date mit meinem Zahnarzt.
Mein Zahnarzt ist ein wirklich attraktiver Zahnarzt.
Er hat einen klingenden italienischen Namen, aber er sieht nicht wie ein Italiener aus. Er hat schon etwas Italienisches, aber nicht auf den ersten Blick.
Ich finde ja italienische Männer in keinster Weise attraktiv. Die meisten sind zu klein, zu behaart und zu aufbrausend. Und sie reden zu viel. Und da ich auch viel red, ginge das gar nicht, ein viel redender Italiener.
Mein Zahnarzt redet auch viel. Das macht aber nichts, weil ich, wenn ich auf seinem Stuhl sitze, eh nichts rede. Weil ich da eh die ganze Zeit den Mund offen habe. Offen, ohne zu reden.
Unlängst sagte er zu mir: Frau Amadea, Sie haben ein Zahnfleisch wie eine Zwanzigjährige.
Hätte ich nicht den Sauger im Mund gehabt, ich hätte ihn geküsst.
Naja, vermutlich hätte ich ihn doch nicht geküsst. Einen Zahnarzt zu küssen, ist sicher schwierig. Ich würde immer daran denken, ob ich ja richtig geputzt hätte und die Zahnseide alle versteckten Winkel und Ritzen erreicht hat. Und ich würde mir auch immer denken. Der spürt nun sicher mit seiner Zunge, dass ich heute Mittag Curry gegessen habe. Ich wäre da nicht entspannt, glaube ich.
Aber darüber mache ich mir nun wirklich keine Gedanken, weil ich bin mir sicher, dass ich nie einen Zahnarzt küssen werde.
Als er das mit dem Zahnfleisch zu mir sagte, grinste ich so breit, dass mir beinahe der Sauger heraus gefallen wäre.
Ich antwortete mit offenem Mund: Ganke, Herr Gokgor.
Und gleich danach sagte er – Frau Amadea, ich habe den Eindruck, Sie sind heute psychisch gut drauf, da könnten wir den Weisheitszahn ziehen.
Ich schüttelte den Kopf. Ungefähr zwanzig Mal. Aber er sah das nicht, weil er gerade seine Instrumente ordnete.
Also sagte ich: Nein, gach geht gar nicht heuk, Herr Gokgor! Ur Munghygiene euge! Und schon kurbelte er am Sessel. An meinem.
Der Sauger rutschte in meinen Rachen. Da lag ich nun. Kopfüber, die Beine hoch in der Luft. Das mit der Mundhygiene ging ganz gut. Die Assistentin kannte mich schon. Eigens wegen mir hatten sie dieses spezielle Mittel besorgt. Das, welche die Leute bekommen, deren Magen verspiegelt wird.
Bevor sie begonnen hatte, die Assistentin, hatte sie ihren Chef gerufen: Spritzen Sie das rein, bitte. Ich kann das nicht, glaub ich.
Sie meinte eigentlich, dass sie das bei mir nicht könne.
Schon stand er da. Mund auf, Frau Amadea.
Ein Spritzer und mein Rachen quoll auf wie ein Germknödel. Ich hustete und prustete, nahm den Sauger aus dem Mund und röchelte.
Spülen, bitte, spüüüüüüüülen.
Der Sessel sauste nach vor. Die Assistentin hatte Angst, ich spürte es. Ich spülte und spülte, aber der Germknödel blieb. Er ging sogar noch ein wenig mehr auf.
Nun haben wir ja noch gar nichts gemacht, Frau Amadea.
Sehr witzig. Und ich kann mich nicht mal richtig verteidigen. Mit dem Germknödel im Hals. Ich atmete tief durch.
Ech geht wieger, sagte ich. Eine Tortur. Ich schnaufte und schwitzte. Meine Hände zitterten, meine Füße waren kalt.
Die Assistentin machte weiter. Es ging ganz gut. Ich hatte nur fünfmal einen Würgereiz. Das ist nicht viel. Es gab Zeiten, da hörte ich bei neunundachtzig zu zählen auf.
Wir müssen noch eine Röntgenaufnahme machen, Frau Amadea.
Oje, sagte ich. Ich gachge, ich bin chergig. Ich glaug, chür eine Rönggenauchnahnge gin ich chu chwach. Es hörte mir keiner zu.
Schon war die Assistentin das mit der Klammer und dem Plättchen drauf. Mund auf, weit auf. Ich machte den Mund auf, ich machte ihn weit auf. Die Asstistentin schob ein Plättchen in meinen Mund.
Würg, würg, wüüüüüüürg. Ich hatte Tränen in den Augen und hustete.
Spüüülen, rief ich. Spüüüüülen!
Herr Doktor, probieren Sie bitte, sagte die Assistentin verzweifelt.
Frau Amadea, nun reißen Sie sich zusammen.
Du Aff, du italienischer. Ich reiß mich ja zusammen, glaubst, ich mach das zum Spaß? Zusammenreißen geht nie. Es geht nur entspannen. Und wie kann sich einer da entspannen?
Haben sie den Würgereiz auch beim Küssen? Er grinste.
Nein, den habe ich weder beim Küssen noch sonst irgendwann, du Aff’, den habe ich nur bei beim Zahnarzt.
Ich will da raus, so schnell wie möglich.
Achn’S, lallte ich.
Er machte. Das heißt, er versuchte, zu machen. es ging nicht.
Wüüüüüüüüüüürg, wüüüüüüüüürg.
Spüüüüüüüüülen, spüüüüüüülen, schrie ich und riss den Sauger raus.
Der Sessel surrte und war wieder in der aufrechten Position.
Ich spülte und spülte.
Schauma mal, vielleicht hamma eh schon ein Foto, sagte die Assistentin.
Sie schauten.
Ich wusste, dass da kein Foto war. Weil das Plättchen war nur ein kleines Stückerl in meinem Mund gewesen. Und der Weisheitszahn war ganz hinten.
Diese Tortur. Debei bin ich eigentlich gar nicht empfindlich. Es macht mir nichts aus, eine Spritze zu bekommen, es macht mir nichts aus, wenn der Zahnarzt stundenlang bohrt. Aber vorne. Vorne bohren. Nicht zu weit hinten. Weil da geht gar nichts mehr.
Und ich spürte: Heute geht gar nichts mehr.
Der Zahnarzt saß erschöpft auf dem Sessel und sagte nichts mehr.
Die Assistentin hantierte an der Maschine. Herr Doktor, das Gerät ist ausgefallen. Ich jubilierte.
Ich habe das Gerät mental beeinflusst, sagte ich. Es ist ausgefallen, weil ich es so wollte.
Wir lassen das für heute, Frau Amadea. Aber ich sag’ Ihnen, wir müssen diese Röntgenaufnahme machen und den Weisheitszahl rausreißen.
Aber er ist ganz in Ordnung, der Weisheitszahn. Ich spüre ihn gar nicht. Ich will ihn behalten.
Sind Sie der Arzt oder ich? Wenn ich sage, er gehört raus, dann gehört er raus, schimpfte er. Sie haben nun eh bald Ferien und dann machen wir das.
Das geht auf keinen Fall, Herr Doktor, wie soll ich die Ferien genießen, wenn ich weiß, ich muss zum Zahnarzt? Wir machen das im Herbst. Am besten im November an einem trüben Tag.
Sie stures Weibsbild. Typisch Lehrerin.
Lassen'S diese Verallgemeinerungen, ich sag ja auch nicht "Typisch Zahnarzt", obwohl sie ein typischer sind.
Wie meinen Sie das nun?
Denken Sie nach. Und wenn sie ein Ergebnis haben, so sagen Sie es mir. Im Herbst. Dann wenn der Weisheitszahn drankommt.
Dann müssen’S aber ordentlich putzen. Bis dahinten hinein putzen. Ganz zurück mit der Zahnbürste.
Gott sei dank, er hat nachgegeben.
Ja, das mach ich. Ganz bestimmt, Herr Doktor. Ehrenwort.
Dass es mich auch würgt, wenn ich mit der Zahnbürste da hinten putze, sage ich ihm nicht. Ein bisschen putzen geht schon. Und nach dem Putzen gleich küssen. Das reinigt auch.

Mittwoch, Juli 04, 2007

das echolot


Sportwoche in Savudrija.
Erster Abend.
Wir sitzen vor der Blockhütte. Wir, das sind Mista O, der Professor, der Taucher und seine Frau, die Lady und ich.
Die fünfzig Schüler schlafen. Oder tun so weil sie uns reden hören.
Wir trinken Wein und tratschen.
Da hören wir es. Es klingt eigenartig. Es kommt von einem Baum irgendwo da hinten. Was ist das?
Ein Echolot, sagt der Taucher.
Ein Echolot im Baum?
Nein, nicht im Baum. Du meinst nur, es ist im Baum.
Das ist ein Käuzchen, sagt der Professor. Das kenn ich aus Griechenland.
Die Nachbarn meinten, das sei ein Echolot.
Welche Nachbarn?
Na, die Zeltnachbarn.
Die Kinder sind aber brav, sage ich.
Täusch dich nicht, sagt Mista O, der muskelbepackte Sportlehrer. In der ersten Nacht ist immer was los.
Hört, das Echolot singt wieder, sagt der Professor.
Der Professor ist Musiklehrer. Ein lieber, schrulliger Kollege, der fast zwei Meter groß ist und eine Frisur wie Einstein hat. Er klimpert auf seiner Gitarre.
Nun singt das Echolot die Terz, hört ihr?
Wir hören.
Es klingt schön, sage ich, wie ein Windspiel aus Bambus.
Apropos Windspiel, sagt der Taucher. Ich muss auf’s Klo.
Schweindl, sage ich. Geh schon, bevor jeder dein Windspiel bemerkt. Ich rede weiter. Ein Singen ist das nicht. Vielleicht ein Schlagen? Da gibt es doch ein Lied. Was schlagt denn da droben aufm Tannabam?
Das ist die Nachtigall, sagt der Professor.
Ja, genau, die Nachtigall.
Schon fängt er an zu singen. Und wir singen alle mit.

Was schlagt denn da obm aufn Tannabam?
Was hör i di ganze Nacht schrein?
Was wird denn drad des für a Vogerl sein?
Des wird wohl a Nachtigall sein.
Na, na, mein Bua, des is koa Nachtigall,na, na, mein Bua, des derfst nit glaubn!
A Nachtigall schlagt auf koan Tannabam,
de schlagt lei in da Haslnußstaudn!

Und der Echolotvogel schlägt mit.
Mein Vater kann jeden Vogel nachmachen, sage ich. Und er kennt jeden Vogel im Flug.
Auch nachts? fragt Mista O?
Frag nicht so dumm. Natürlich nicht nachts, da sieht man ja nichts.
Wir gehen ins Bett. Ich kann nicht schlafen. Ich höre das Echolotkäuzchen schlagen
und das Meer rauschen.
Ich stehe auf und mache einen Rundgang. Es ist schon zwei Uhr.
Lautes Gelächter aus der Hütte der Mädchen.
Die Blockhäuser stehen
im Kreis. Unseres in der Mitte. Links die Buben, rechts von uns die Mädchen. Ich stehe vor dem Blockhaus der Mädchen und lausche. Auf einmal lautes Geflüster.
Es kommt aus der Hütte gegenüber. Die Buben. Alle heraußen. Es müssen viele sein.
Ich stehe im Schatten hinter den Badetüchern, die auf einer Leine vor der Blockhütte der Mädchen hängen. Die Buben können mich nicht sehen.
Gemma za die Weiwa, flüstert einer.
Schon höre ich einen laufen.
Er ist da.
Setz dich, flüstere ich und deute auf den Sessel. Und wehe, du sagst was.
Scheiße,
flüstert er und sieht mich entsetzt an.
Ich muss ein Lachen unterdrücken.
Ich genieße diesen Moment. Ich komme mir vor wie in einem dieser Lausbubenfilme.
Steff, bist no do? ruft ein anderer flüsternd.
Sei ja ruhig, Stefan, warne ich ihn flüsternd.
Schon höre ich den nächsten kommen.
Setz dich, sage ich. Und halt den Mund.
Scheiße, zischt er. Schon sitzt er. Sie sitzen reglos da, rühren sich nicht.
So geht es weiter. Nach einer halben Stunde sind alle da.
Ihr Lieben, nun dürft ihr wieder in euer Bett. Aber ich warne euch. Keinen Mucks höre ich. Sonst müsst ihr statt um fünf um vier Uhr joggen. Mista O liebt Frühsport. Je früher, desto lieber.
Am Morgen höre ich sie. Schnaufend und leise fluchend joggen sie vorbei.
Seitdem habe ich einen neuen Namen.
Detective S.
Klingt gut, oder?