Dienstag, Juni 26, 2007

ich bin dann mal weg


.....für eine Woche.
Auf Geschäftsreise, sozusagen. Mit meiner Klasse in Istrien. Am Meer natürlich.

glückstantra


Heute bekam ich eine Mail.
In der Adresszeile steht:
wg.wg.wg.wg.wg.wg >>>>> Chinesisches Glückstantra
Und dann steht da:
Schicke diese Mail innerhalb von fünf Minuten an zehn Personen und alle deine Träume werden wahr.
Schicke diese Mail an acht Personen und du wirst morgen eine schöne Überraschung erleben.
Schicke diese Mail an sechs Personen und dein Leben wird so bleiben wie es ist.
Schicke diese Mail an vier Personen und du wirst heute noch eine böse Überraschung erleben. Schicke diese Mail an zwei Personen und du wirst den Rest deines Lebens unglücklich sein.
Schicke diese Mail an niemanden und du wirst schwer krank.
Nun dauert das schon fünf Minuten, diese Mail zu lesen. Wie kann ich gleichzeitig lesen und weiterleiten?
Es ist nämlich eine Powerpoint-Mail. Da wird mein Computer vorsichtig. Er fragt mich, ob ich sicher bin, dass ich diese Mail anschauen will. Ich bin dann sicher, aber der Computer ist sich nicht sicher ob ich mir wirklich sicher bin und braucht ewig lang, die Powerpoint-Mail aufzumachen.
Sehr oft kommt so eine Mail vom Dalai Lama. Der hat ja Zeit. Dreieinhalb Minuten sind schon vorbei. Gut, dass ich nicht abergläubisch bin.
Außerdem kann es sein, dass ich die Mail zwar zeitgerecht wegschicke, aber mein Provider ist grad sehr beschäftigt und trägt die Mail noch einige Zeit in seinem virtuellen Postsack mit sich herum. Da bin ich dann aber aus dem Schneider. Weil das ist wirklich nicht mein Bier. Der Dalai Lama hat sicher einkalkuliert, dass sich da mal eine Mail verspäten kann.
Nun muss ich auch noch auf’s Klo, bevor ich all die Adressen auswähle, an die ich die Mail weiterleite.
Ich kann sie nicht allen schicken.
Ich kann sie nur an solche Leute schicken, die viel Zeit haben, also an alle Lehrerkollegen.
Meinen Söhnen kann ich die Mail gar nicht schicken. Sie haben mir schon einige Male gesagt, mit Nachdruck, dass sie solchen esoterischen Humbug nicht wollen. Untersteh dich Mama, und schick uns das Graffl. Ist der Dalai Lama ein spuckendes Kamel, oder was? fragte der Jüngere mal.
Es ist ja nicht so einfach mit diesen Glücksmails. Sie kommen ja meistens von Freunden und weil sie von Freunden kommen, und weil du die Freunde gern hast, liest du die Mails. Die Mail, die ich heute bekam, hat schöne Bilder, sehr schöne, ganz schön langweilige Bilder, ganz schön perfekt, diese Bilder. Trotzdem ganz schön schön.
Und die Musik. Auch schön, ja eh schön. Schön langweilig und ganz schön perfekt. Und dann in jedem Foto ein Spruch. Ein Spruch für’s Leben. Ein ganz schöner Spruch.

Hier also die ganz schön weisen Sprüche:


Gib den Menschen mehr als sie erwarten.
Na, da werd ich die Mail gleich an jeden, der in meinem Adressbuch steht, zweimal schicken.
Wenn du sagst, ich liebe dich, dann meine es auch so.
Wenn ich also zu meiner Freundin sage, schick mir diesen Unsinn nicht mehr, dann meine ich es auch so.
Mach dich nicht über die Träume eines anderen lustig.
Gestern erzählte ich der Eva von meinem Traum. Ich bin nackt durch’s Dorf gelaufen, mit nur einem Hut auf und Bergschuhen an und dann hab ich Dorfplatz gejodelt und das ganze Dorf hat sich nach und nach versammelt und alle haben geklatscht. Und dann ist da so eine weiße Kutsche gekommen, mit Rappen vorne dran und da stieg ein Mann aus, Ein Mann war das. Ein Prinz! Und der nahm mich und ich stieg ein. Und Eva lachte. Und ich klatschte ihr eine, der Eva.
Liebe tief und leidenschaftlich.
Das klingt gut. Da denke ich an die Zeiten, in denen meine Söhne die Couch mit Pudding bekleckerten, ich gerade dabei war, in der Küche die Kartoffeln zu schälen, die Katze zu füttern, den Salat zu waschen und mit meiner Mutter zu telefonieren, als der Exmann, der auf der Liege im Wintergarten lag und Zeitung las, rief: Wann gibt’s Essen?
Sprich langsam aber denke schnell.
Ich spreche und denke dann. Beides schnell. Gilt das?
Lache, wenn du telefonierst.
Gestern rief mein Chef an und teilte mir mit, ich müsse heute Nachmittag für eine erkrankte Kollegin einspringen. Ist das nicht witzig? Ich lachte eine halbe Stunde lang.
Wenn dir jemand eine Frage stellt, die du nicht beantworten willst, lächle und antworte ihm: “Warum willst du das wissen?”
Vorige Woche fragte mich mein Chef, als ich zehn Minuten zu spät in die Schule kam: Wieso hast du verschlafen? Und genau diese Frage stellte ich ihm. Gut, nicht wahr?
Wenn du verlierst, dann lerne daraus.
Am Wochenende spielten wir Trivial Pursuit. Ich verlor. Dämliches Spiel. Spiele ich nie wieder.
Sag „Gesundheit“, wenn jemand niest.
Heute nieste mich ein Schüler an.
Ich sagte: Hol dir ein Taschentuch, du Schweindl.
Bewerte niemanden daran, wie sich seine Verwandten benehmen.
Und die Mutter von der Hausmeisterin stellte unlängst einen Koffer, der mir nicht gehört, in meinen Keller. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Wenn du meinst, einen Fehler gemacht zu haben, korrigiere ihn.
Was, korrigieren? Wozu hab ich ein Rechtschreibprogramm?
Wenn du das Ende erreicht hast, wirst du wirklich überrascht sein.
Das war alles? Ich bin wirklich überrascht.
Da ist ja noch ein Satz.
Ein guter Freund ist einer, der dir die Hand gibt und dabei dein Herz berührt.
Also, dieser Satz stimmt wirklich nicht. Ein guter Freund ist jemand, der dir keinen solchen Müll schickt.
Ich werde diese Mail nun weiterleiten. An zehn Personen.
Aber vorher muss ich noch ein wenig verändern.

Schicke diese Mail an zehn Personen und du wirst innerhalb einer Woche schwerkrank. Schicke diese Mail an acht Personen und du wirst den Rest deines Lebens unglücklich sein.
Schicke diese Mail an sechs Personen und du erlebst heute noch eine böse Überraschung.
Schicke diese Mail an vier Personen und dein Leben bleibt wie es ist.
Schicke diese Mail an zwei Personen und du erlebst morgen eine schöne Überraschung. Schicke diese Mail innerhalb von fünf Minuten an niemanden und alle deine Träume werden wahr.

Sonntag, Juni 24, 2007

summertime


Summertime
And the livin’ is easy,
Fish are jumpin’
And the cotton is high
Oh yo’ daddy’s rich
An’ yo’ ma is good lookin’
So hush, little baby,
Don’t you cry

One of these mornin’s
You’s gonna rise up singin’
Then you’ll spread yo’ wings
An’ you’ll take to the sky.
But till that mornin’,
There’s ain’t nothin’ can harm you
With your daddy an’ mummy
Standin’ by


Austrian version:

Summazeit,
Und I schwitz wia a Aff’,
As Deo nutzt nix,
Die Oarweit mi nit g’freit,
In da Klass’ hot’s an Dompf,
Und die Schüla nerv’n,
I bin heit saugrantig,
I kunnt rearn.

Schon in da Friah,
Steh i schwitzert van Bett auf,
Glei noch’n Duschn
Bin i wieda klotschnoss,
Des Make-up rinnt owa,
Meine Hoar am Kopf pick’n,
Wonn nit boid a Reg’n kimmt,
Drah i durch



Samstag, Juni 23, 2007

kopflos


Vorgestern war wieder mal ein solcher Tag. Gestern auch.
Es beginnt schon in der Früh. Meistens.
Vorgestern nicht. Da begann es am Nachmittag. Unmerklich. Schleichend.
Kribbelig war ich und aufgekratzt. Aber bemerkte ich nicht. Unwohl war mir.
Und die Sonne stach. Nicht nur auf der Haut. Sie stach überall. Hinein in die Augen und tief in den Kopf. Ich dunkelte die Wohnung ab. Und dann am Abend. Die ganze linke Seite verspannt, bis hinauf in den Kopf. Die Schmerztablette half nicht. Und die zweite auch nicht. Nicht einmal schlafen half. Weil ich konnte nicht schlafen. Die Gedanken wirr. Dahindämmern.
Am Morgen danach schien alles vorbei zu sein. Der Morgen war kühl und feucht. Mein Kopf war auch kühl. Aber ich spürte noch ganz leicht diese Verspannung.
Die linke Seite ist die Gefühlsseite, sagte Anna. Liegt dir was im Magen?
Nein, im Kopf. Ich denke wieder einmal zu viel.
Denken ohne eine Gedankenspur zu verfolgen. Die Gedanken abgelenkt durch neue Gedanken und durch den Druck in Kopf und Nacken. Ich nenne das Jahrhundertkopfweh. Das Jahrhundertkopfweh habe ich drei bis viermal im Jahr.
Und da hilft gar nichts. Nicht einmal ein kalter Waschlappen mit Franzbranntwein auf Stirn und Nacken. Und ich bin unruhig und nervös. Wund und aufgekratzt. Die morgendliche Kühle wich einem warmen, unruhigen Wind, der durch mich hindurch fuhr und in meinem Kopf wütete.
Mach dir doch keinen Kopf, sagte Mama immer wenn ich Kopfweh hatte.
Ich hatte oft Kopfweh als Kind und steckte meinen Kopf dann in den Schnee. Natürlich nur im Winter wenn ich von der Schule heimging. Das dauerte dann oft Stunden.
Wo warst du schon wieder so lang? fragte Mama dann. Ich sagte ihr das nie mit dem Kopfweh. Weil du immer liest beim schlechten Licht, hätte sie gesagt.
Wenn nicht Winter war, dann presste ich meinen Kopf an den Randstein, der gleich hinter der Unterführung stand. Aber das tat ich nur wenn die Sonne nicht schien und der Randstein kühl war.
Wenn ich Kopfweh hatte, war ich fahrig und Mama sagte dann zu mir: Du bist heute wieder einmal kopflos, Amadea.
Wie kann man kopflos sein wenn einem der Kopf weh tut? Phantomschmerzen? Wie schön wäre es, kopflos zu sein, wenn man Kopfweh hat.
Heute ist mein Kopfweh weg. Wie von selbst. Und verspannt bin ich auch nicht mehr. Ich zerbreche mir nun nicht mehr den Kopf darüber, warum er schmerzte. Das zahlt sich nicht aus. Ein zerbrochener Kopf ist ganz schön unangenehm, glaub ich. Ich konzentriere mich nun lieber auf den Magen, der knurrt. Knurrende Mägen beißen nicht, heißt ein Sprichwort. Da hab ich aber Glück.

Sonntag, Juni 17, 2007

wise men say

Was für ein Unsinn einem doch als Kind erzählt wird.
Diese gut gemeinten Ratschläge von Müttern und Großmüttern.
Ein Ratschlag an sich ist schon eine dubiose Sache, setzt sich das Wort doch aus Rat und Schlag zusammen. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Und gut gemeint ist das Gegenteil von gut.
Ich habe keine Ahnung, warum all diese Geschichten erfunden wurden. Kann ja sein, dass sie irgendwann einmal einen tieferen Sinn hatten. Ich vermute aber eher, diese Ratschläge dienten dazu, ein Kind jeden Tag daran zu erinnern, wie wenig es weiß und wie klug und erfahren die Erwachsenen sind.
Man nennt diese unsinnigen Regeln Volksweisheiten. Ich nenne sie Volksdummheiten.

1 Niemals mit nassem Haar schlafen gehen. Du bekommst Kopfweh.
2 In Monaten, die ein R im Wort haben, sich nicht im Freien auf den Boden setzen. Du wirst dann keine Kinder bekommen.
3 Nicht schielen. Die Augen könnten stecken bleiben.
4 Nicht mit der Schere in der Hand herum laufen.
Wenn du fällst, dann stichst du dir die Augen aus.
5 Nichts ins Hallenbad pinkeln, das Wasser verfärbt sich rot.
6 Nicht Daumen lutschen, du bekommst vorstehende Zähne.
7 Wenn es donnert, dann schimpft der liebe Gott.
8 Nicht onanieren, davon wird man verrückt.
9 Keinen Kaugummi schlucken, das verklebt den Darm.
10 Kein Wasser trinken, wenn du Kirschen gegessen hast.

Ich habe all das gemacht. Heimlich. Vermutlich weil mir Mama immer wieder gesagt hast, es nicht zu tun.
Ich bin mit nassen Haaren schlafen gegangen. Ich hatte kein Kopfweh danach. Ich hatte eher Kopfweh wenn ich nicht schlafen ging und die Nacht über aufblieb. Und dabei waren meine Haare immer trocken.
Ich saß das ganze Jahr über im Freien am Boden. Auch im Winter. Ich bin sogar im Monat mit zwei R’s im Wort am Boden gesessen. Und ich habe zwei Kinder.
Ich habe immer wieder geschielt. Vor allem während der Matheschularbeit. Meine Augen blieben nicht stecken. Die Matheschularbeit war dadurch aber auch nicht besser. Weil meine Sitznachbarin schielte ebenfalls. Zu mir herüber.
Ich bin, wenn meine Eltern nicht da waren, absichtlich mit der Schere herumgelaufen und habe mich absichtlich auf den Boden geschmissen. Trotzdem habe ich noch beide Augen. Meiner Schwester hätte ich einmal fast die Augen ausgestochen. Aber das hatte nichts mit dem Laufen zu tun. Wir saßen beide. Sie nervte mich. Und wenn sie nicht gelaufen wäre, und zwar weg, hätte sie nun ein Glasauge.
Ins Hallenbad hab ich selten gepinkelt. In den See ständig.
Daumen gelutscht habe ich auch. Und meine Zähne sind gerade und stehen nicht vor. Das mit dem Donnern und dem lieben Gott ist so eine Sache. Er schimpfte sicherlich mit mir dann und wann.
Aber als Kind haben wir immer gesagt. Schimpfen tut nicht weh und Hauen ist gleich vorbei. Und geklatscht hat er mir noch nie eine, der liebe Gott, nicht einmal, als mich meine Oma erwischte, als der Nachbarbub und ich in der Scheune Doktor spielten. Aber die Oma hätte mir fast eine geklatscht. Sie aber war dermaßen geschockt, dass sie reglos da stand und ich konnte entwischen.
Okay, verrückt bin ich ein wenig. Aber wer will schon normal sein.
Vor einigen Tagen sagte meine Nachbarin zu mir. Amadea, du bist durchgeknallt. Aber auf eine sehr liebe Art. Ist das nicht ein tolles Kompliment?
Also, weiterhin onanieren, wenn es sein muss. Sonst werden wir alle so normal, dass wir durchdrehen. Und dem muss man doch vorbeugen, oder?
Ich schluck nach wie vor manchmal den Kaugummi. Das ist wie Zähneputzen im Magen. Da kommt dir vor, du hast Mundwasser geschluckt. Ein durch und durch frisches Gefühl die ganze Speiseröhre hinunter bis zum Magenausgang.
Ich esse selten Kirschen und wenn, dann spucke ich den Kern ganz weit weg.
Und Wasser danach? Keine Ahnung. Ich bin nach dem Kirschen essen so voll, dass ich keinen Schluck Wasser trinken kann.
Geschichten werden viele erzählt. Unsinnige. Und sie stimmen alle nicht.
Als ich siebzehn war, sagte mein Vater zu mir. Du wirst niemals einen Mann bekommen, Amadea. Mit deiner aufmüpfigen Art. Bekommen hab ich einen. Und er blieb ziemlich lang. Und aufmüpfig bin ich nach wie vor. Manchmal. Und trotzdem stellen sich die Männer an bei mir. Reihenweise. Im Gänsemarsch. Na ja, nun übertreibe ich.
Aber man kann ja viel erzählen, nicht wahr? Die Geschichten, die man erzählt, müssen nicht stimmen. Drum heißen sie ja Geschichten.
Glaub doch nicht,was man dir sagt. Alles erlogen und erstunken.

Samstag, Juni 16, 2007

kitchen tools




Nun nehm ich an einem Foto-Workshop teil mit Kurt Kaindl - Fotohof Salzburg.
Das hab ich heute fotografiert. Eine Stunde hatten wir Zeit.

heimatabend


Als ich fünfzehn war, sagte mein Vater zu mir: So, Amadea. Du bist nun fünfzehn.
Ja, Papa, sagte ich, und?
Du gehst nun Volkstanzen. Da gewöhnst dich ein wenig an die Burschen und dann verdienst noch was am Samstagabend beim Heimatabend.
Samstagabend war immer Heimatabend im Gasthaus. Gleich nach dem Platzkonzert der Musikkapelle im Pavillon.
Papa, das will ich nicht.
Aber Papa hörte das Willichnicht gar nicht. Ich musste. Weil Papa duldete keine Widerrede. Und schon gar nicht, wenn es um unsere Volksmusik ging.
Mein Papa ist einer, der da sehr viel drauf hielt. Meinen Papa sah man ständig mit Lederhose. Er spielte Trompete, er war Schuhplattler, er jodelte.
Ein Salzburger, wie er im Buche steht, ein Paradesalzburger.
Und seit ich denken kann, hat er versucht, mich für Volksmusik zu begeistern.
Mit sechs Jahren musste ich an lauen Sommerabenden, wenn die Sonne untergegangen war, mit ihm auf den Balkon, Weisen blasen. Mit der Blockflöte. Zweistimmig. Meist waren es Kärntner Weisen. Und am nächsten Tag sagte dann die Nachbarschaft zum Papa –Gestern habt’s aber schön geblasen.
Und der Papa strahlte, stieß mich an und sagte – Siagst, Amadea. Siagst?
Und so war es auch mit dem Volkstanzen. Mein Protest nützte nichts, gar nichts.
Und so stand ich nun Samstag für Samstag auf der Bühne im örtlichen Gasthaus. Volkstanzend.
Die Burschen, die da waren, sagten mir gar nicht zu. Sie waren laut und hatten keine Manieren. Sie erzählten ordinäre Witze, die ich nur halb verstand und wollten mich immer begrapschen. Obwohl es gar nichts gab an mir, das man begrapschen konnte. Ich war eh vorn und hinten flach wie ein Stecken.
Ich war überfordert. Mit allem. Mit den Burschen, mit dem Geschwätz, den Witzen, dem Geschmuse, das sich hinter der Bühne abspielte, mit der Musik und mit den grölenden, schunkelnden Leuten, die da unten saßen. Und vor allem mit dem Dirndlkleid.
Ein Dirndlkleid ist nicht gemacht für einen Stecken. Ein Dirndlkleid ist gemacht für eine dralle Person. Eine, die einen ordentlichen Vorbau hat. Und den hatte ich nicht.
Das Dirndlkleid hing an mir herunter wie ein nasser Putzfetzen. Und drall war da gar nichts.
Mein Tanzpartner hieß Gugg. Gugg ist bei uns die Abkürzung für Gottfried.
Gugg war der einzige Schüchterne in der Gruppe. Der war noch schüchterner als ich. Gott sei Dank. Und weil Gugg so schüchtern war, sagte er auch nichts. Fast nichts. Gott sein Dank. Und ich sagte auch nichts.
Und wenn Gugg mal was sagte, dann sagte er: Mia hom an neichn Traktoar kriagg.
Er hatte einen Knödel im Rachen und war heiser. Vermutlich weil seine Stimmbänder nicht gewohnt waren, sich zu bewegen. Ich verstand nur Traktor.
Dann sagte ich zu ihm. Gugg, sei einfach ruhig. Und – Du darfst nur mit mir reden wenn ich dich was frage.
Und Gugg hielt sich daran.
Vor dem Auftritt musste ich immer mein Dirndlkleid bügeln. Und die weißen Stutzen waschen und dann alles anziehen, das Schultertuch mit Hilfe der Brosche raffen und um den Hals drapieren und dann musste ich mir eine Rose in Mamas Garten abschneiden und sie mir in den Ausschnitt stecken. Die Rose fiel dann bei der ersten Bewegung herunter. Weil da kein Ausschnitt war, wo die Rose Halt gefunden hätte. Manchmal fiel sie auch in den Ausschnitt hinein und unten wieder raus.
Und ich kam mir vor wie eine Vogelscheuche in dem hängenden Dirndlkleid.
Dem Gugg gefiel ich trotzdem.
Manchmal machte er mir unbeholfene Komplimente wie – Heit host owa a schene Ros’n. Obwohl da gar keine Rose mehr war.
Gugg, sei einfach nur ruhig, sagte ich dann.
Vor dem Auftritt saßen wir hinter der Bühne und warteten auf unseren Auftritt. Die Burschen im weißen Hemd und in dunkler Lederhose und Hosenträger und Hut mit Hennafeder oder Auerhahnfeder.
Die Mädchen mit Dirndlkleid und weißen Stutzen. Der Heimatabend, der sich Tirolerabend nannte, obwohl er in Salzburg stattfand,oder gerade deshalb, begann immer mit dem einer flotten Polka mit Trompetensolo.
Der Ansager – heute würde man ihn Moderator nennen, erzählte einen Witz, einen schlechten, die Zuschauer klopften sich auf die Schenkel, schunkelten und lachten laut.
Und dann wir auf die Bühne. Die Burschen schnalzten mit der Zunge und juchzten. Die Mädchen drehten sich wie Kreisel. Ich auch. Das Publikum raste.
Ich hatte jedes Mal Angst, dass man meine Unterhose sehen würde, wenn ich mich drehte. Klar sah man sie, die Unterhose. Das war ja der Sinn der Sache.
Außerdem waren die Dirndlkleider damals kurz. Sie endeten knapp über dem Knie. Bei einigen waren sie so kurz, dass man die Unterhose sah, auch wenn sie nicht tanzten. Und die Musik spielte und spielte, und die Burschen juchzten bis sie heiser waren, und ich grinste und das Publikum tobte.
Ganz schlimm tobte es, wenn das Kufsteinlied gespielt wurde oder der Kuhtuttenjodler. Und mir wurde dann fast jedes Mal schlecht. Ob von der Musik oder der Extrawurstsemmel, die wir als Jause bekamen, weiß ich nicht.
Dann irgendwann im Laufe des Heimatabends mussten wir Leute aus dem Publikum auf die Bühne holen. Das war das schlimmste.
Die Auswahl war nicht groß. Meist erwischte ich einen Deutschen, der keine Ahnung von Walzer und Polka hatte, schwitzende Hände und eine Bierfahne, und in meinen nicht vorhandenen Ausschnitt glotzte. Da war ich dann froh, dass ich beim letzten Tanz wieder meinen Gugg hatte. Ich hatte ihn mittlerweile soweit, dass er nicht mehr mit mir redete. Er redete nur wenn ich ihn fragte. Und ich fragte ihn nie.
Nach dem Heimatabend mussten wir Autogramme schreiben. Wir hatten richtige Autogrammkarten mit Fotos von uns.
Und dann bekamen wir das Geld. Das war der Höhepunkt des Abends. Fünfhundert Schilling. Ein Vermögen für mich.
Vier Jahre lang war ich bei der Volkstanzgruppe.
Der Gugg nur drei.
Weil er wurde Vater. Mit achtzehn.
Hat wohl doch eine gefunden, sie seinen Traktor interessant fand.

Mittwoch, Juni 13, 2007

hallelujah


Da komm ich gestern heim von der Schule und da steht neben meiner Wohnungstür eine Pflanze.
Eine Pflanze, die da vorher nicht stand.
Eine Nullachtfünfzehnplanze.
Eine, die nicht auffällt.
Aber was auffällt, ist der Topf, in der die Nullachtfünfzehnplanze steht. Es ist kein Nullachtfünfzehntopf. Es ist ein besonderer Topf. Ein besonders hässlicher Topf.
Er ist so hässlich, dass in mir die Wut aufsteigt. Weil der Topf ist lindgrün. Und bei lindgrün sehe ich Rot. Der lindgrüne Topf ärgert mich schon, seit ich in diesem Haus lebe.
Er stand bis jetzt, also bis gestern, an der Eingangstür der Hausmeisterin neben den roten Turnschuhen und dem weißen Blasengel und ich musste mich jedes Mal beherrschen, dass ich dem lindgrünen Topf nicht vor lauter Rot sehen einen Fußtritt verpasste.
Und nun steht der bei meiner Tür. Direkt unterhalb des schönen Fotos im Wechselrahmen, das ich da hingehängt habe.
Das war die Hausmeisterin. Die Hausmeisterin, die unter mir wohnt. Die Hausmeisterin, die seit neuestem diese Crogs hat. Diese Schuhe, die nun jeder hat. Die ihrigen sind gelb. Und bei denen sehe ich genauso Rot wie beim lindgrünen Blumentopf. Na ja, vielleicht ein wenig weniger rot, weil die nicht vor meiner Tür stehen, sondern vor ihrer. Vor ihrer Tür stehen neben den Crogs, den den gelben, auch noch orangene Crogs, die vom Hausmeistermann, und daneben stehen die roten Turnschuhe und neben denen steht der Alabasterengel, der die Trompete bläst. Das ganze Jahr über bläst der die Trompete. Ich würde ja noch verstehen, wenn er nur um die Weihnachtszeit da vor der Tür die Trompete blasen würde. Aber nicht jetzt im Sommer.
Und nun hat die Hausmeisterin die Nullachtfünfzehnpflanze neben meine Tür gestellt, weil sich das vermutlich mit dem Platz nicht mehr ausgeht, seit sie und der Hausmeistermeistermann die Crogs haben. Turnschuhe, Alabasterengel, Crogs, Blasengel und Nullachtfünfzehnpflanze auf einem Haufen sind zu viel.
Dabei wäre es ein Farborgie, eine wunderbare. Rote Turnschuhe, gelbe und orangene Crogs, lindgrüner Blumentopf. Da würde der Blasengel lautstark das Hallelujah blasen vor Freude.
Was glaubt diese Hausmeisterin eigentlich? Ohne mich zu fragen, da etwas hinzustellen. Noch dazu etwas Lindgrünes. Die hat wohl noch nie etwas vom Türrecht gehört?
Das Türrecht ist so etwas ähnliches wie das Fensterrecht. Der Hundertwasser hat gesagt, jeder Mensch hat ein Fensterrecht. Jeder Mensch darf sein Fenster gestalten –wie er will und so weit, wie sein Arm reicht.
Und wenn es ein Fensterrecht gibt, dann gibt es auch ein Türrecht. Das Türrecht besagt aber nicht, dass die Hausmeisterin meine Tür gestalten darf, so wie sie will. Ich bin eh so empfindlich wenn es um mein Revier geht. Wenn ich in einem Flugzeug sitze und neben mir einer, der ganz ungeniert die Armlehne in Beschlag nehmen, die ganze Armlehne wohlgemerkt, so als ob er den ganzen Sitz gekauft hätte, dann krieg ich auch Zustände.
So wie gestern. Dieselben Zustände. Wut und Zorn.
Ich packe die Nullachtfünfzehnpflanze, nehme sie mit in meine Wohnung und verpasse ihr einen neuen Übertopf. Einen schönen aus Korb. Und dann stelle ich sie wieder raus. Wenn sie da schon steht und ich sie gießen soll, dann wenigstens in einem schönen Korb.
Und da komme ich heute Mittag von der Schule nach Hause und was sehe ich? Die Nullachtfünfzehnpflanze steht wieder im lindgrünen Topf. Weg mein schöner Korb. Und ich sehe schon wieder Rot. Aber dieses mal ordentlich Rot. Feuerrot und Höllenrot sehe ich.
Am liebsten hätte ich die Nullachtfünfzehnpflanze genommen und sie mitsamt dem lindgrünen Topf vor die Hausmeistertür gestellt, sodass sie gleich drüberfällt, die Hausmeisterin, wenn sie aus der Wohnung kommt und in ihre gelben Crogs steigt.
Aber ich besinne mich. Ich bin ja ein reifer und überlegter Mensch, der solche Spielchen nicht spielt. Ich werde reden mit ihr. Ganz in Ruhe. Ja, das werde ich tun.
Und dann sehe ich sie. Heute Nachmittag. Sie zupft Unkraut in ihrem Hochbeet. Direkt unter mir. Ich sehe sie vom Balkon aus.
Ich hole tief Luft und rufe hinunter: Sie, Frau Meier. Entschuidigen’S. aber wo ist mein Korb?
Im Keller.
Im Keller?
Ja, in meinem Keller.
Sehr nett, Frau Meier.
Ja, sagt die Frau Meier. Ich habe die Pflanze wieder in den schönen grünen Topf g’stellt, der Ihrige ist ja nicht zum Anschauen. So grauslich wie der ist.
Ich schnaube. Innerlich. Ich lächle. Äußerlich.
Ja, Frau Meier, ich dachte…will ich sagen. Aber ich sage nichts. Ich sage nur: Danke Frau Meier. Danke für die schöne Pflanze und den wunderbaren Topf.
Und dann komme ich heute Abend heim vom Elternabend.
So ein Pech aber auch. Ich habe das Licht nicht eingeschaltet und bin über den Blasengel gestolpert und nun ist der Kopf ab. Und die Trompete auch.
Wie peinlich. Der schöne Blasengel.
Wie sag’ ich das nur der Hausmeisterin?
Na ja, das kann jedem passieren.
Ich werde ihr zum Trost die Nullachtfünfzehnpflanze vor die Tür stellen. Mit dem lindgrünen Topf. Und ich hab da noch irgendwo einen Gartenzwerg im Keller. Mit einem Tannenbäumchen im Arm. Den schenke ich ihr zum Trost.
Obwohl – leicht fällt mir das nicht. Aber ich bin ja ein großzügiger Mensch.

Sonntag, Juni 10, 2007

camping


Bin ich froh, dass die Zeiten des Campingurlaubs vorbei sind.
Jahrelang hab ich diese Tortur mitgemacht.
Als Kind mit meinen Eltern und meiner Schwester, später als Mama von zwei Söhnen.
Ein Urlaub am Meer war natürlich viel zu kostspielig. Bei uns ist es eh so schön, warum also anderswo hinfahren, war das Motto meines Vaters.
Der Renault 6, unser nagelneues Auto, wurde vollbepackt mit Zelt, Luftmatratzen, Schlauchboot, Alugeschirr, Dosen mit Bohnensuppe, Rindsgulasch und unzähligen Packerlsuppen. Dann ging es los - Richtung Wolfgangsee. Und der Papa stellte ständig Fragen nach Namen von Bergen, Seen und Flüssen. Ich hatte keine Ahnung und es interessierte mich auch nicht.
Mama stellte auch Fragen. An den Papa. Haben wir die Geschirrtücher mit? Wo hast du die Campingsessel verstaut? Haben wir nicht etwas vergessen?
Zu uns sagte sie: Schaut, wie schön die Landschaft ist! Ist es nicht wunderbar, in den Urlaub zu fahren?
Ich sagte nichts und stellte mich schlafend.
Kaum angekommen, wurden die Zelte aufgestellt. Es gab immer irgendwelche Zwischenfälle. Und Papa nervte.
Wo sind die Haken? Nein, diese Stange gehört nach hinten. Hilf mit, Amadea. Stell dich nicht so dumm an. Hausverstand hast du gar keinen. Das kommt davon weil du ständig bei deinen Büchern hockst und dich nicht nützlich machst. Ihr schlaft im kleinen Zelt.
Und damit begannen die Streitigkeiten. Wer schläft auf welcher Seite und auf welcher Luftmatratze? Ich war ohnehin grantig, die ganze Zeit. Zwei Wochen im Zelt mit meiner Schwester, dieser Nervensäge. Mama war auch grantig.
Papa, wir haben die Petroleumlampe nicht dabei.
Ich habe sie auf den Tisch gestellt, sagte Papa.
Auf dem Tisch war nur der Blasebalg.
Der Blasebalg war auf dem Küchentisch. Die Petroleumlampe stand auf dem Wohnzimmertisch. Ich stelle sie jedes Jahr auf den Wohnzimmertisch.
Na, da hab ich nicht geschaut, sagte Mama. Nun haben wir halt kein Licht.
Und wo ist der Hammer? fragte Papa.
Um den Hammer hab ich mich noch nie gekümmert.
Wie soll ich dann die Zelthaken einschlagen?
Nimm den Schnitzelklopfer.
Und wo ist der?
Ganz unten in der grünen Tasche.
Da ist keine grüne Tasche, da ist nur eine blaue.
Das ist die grüne Tasche, die blaue.
Es regnete immer wenn wir das Zelt aufstellten. Wenn es nicht regnete, dann begann es zu regnen, noch bevor es aufgestellt war. Regnen stimmt eigentlich nicht, es schüttete.
Papa war klatschnass. Er war auch klatschnass, wenn es nicht regnete. Weil er so schwitzte.
Und endlich stand das Zelt. Mitten im Bach, der sich gebildet hatte und nicht weit weg vom Klo.
In der Nähe des Waschraumes ist es kommot, sagte Mama. Da habt ihr nicht weit zur Abwasch. Heuer wasche ich nicht ab, sagte die Schwester. Heuer wäscht Amadea ab. Ich habe voriges jahr abgewaschen.
Das reichte mir dann vollends.
Die ersten Tage hatten wir immer Regen.
Die einzige Abwechslung war das Beobachten des Baches. Würde er durch das Zelt der Eltern fließen oder durch das unsrige? Er floss meistens durch das Zelt der Eltern. Und dann flüchteten wir immer ins Auto, dessen Fenster anliefen. Da saßen wir und warteten. Auf besseres Wetter. Meine Schwester nervte wie immer.
Nervt nicht, sagte Mama.
Ich nerv nicht, sagte ich. Sie nervt.
Spielt halt Mensch ärgere dich nicht. Und ich spielte halt.
Amadea schwindelt immer, raunzte meine Schwester.
Streitet nicht, genießt den Urlaub.
Und Papa machte dann auf Abenteuerurlaub und wurde übermütig. Vor Stress vermutlich. Kommt, Kinder, raus in den Regen. Das tut gut. Da wachsen die Haare.
Und schon ging’s raus in den Regen und ich musste mit, obwohl ich nicht wollte. Ich wollte nur meine Ruhe haben und lesen. Aber Lesen im Auto war auch unmöglich weil Mama ständig jammerte und alle paar Minuten das Autofenster runterkurbelte besorgt zum Himmel schaute und sagte: So ein Regen. So einen Regen hatten wir noch nie.
Mama, so einen Regen hatten wir letztes Jahr auch und das Jahr zuvor. Wir hatten immer Regen, wenn wir zelten fuhren. Wir hatten Regen solange ich denken kann.
Red nicht so einen Blödsinn, sagte Mama. Willst ein Schmalzbrot?
Ich wollte nicht.
Und dann spielten wir Fangen mit Papa. Im Matsch. Und wenn ich ihn erwischte, packte er mich und kitzelte mich. Wie ich das hasste, gekitzelt zu werden.
Und Papa wurde immer übermütiger.
Und Mama kurbelte das Fenster runter und rief: Bis eine weint.
Und schon weinte eine. Meine Schwester. Wie immer.
Sie weinte, weil ich sie erwischt hatte. Lass sie halt gewinnen, sagte Mama.
Scheiß Zelteln, schrie ich.
Und Mama schimpfte, Das Kind hat Manieren. Von mir hat sie das nicht.

Dann kam der Tag, an dem schwor, niemals mehr Campingurlaub zu machen. In meinem ganzen Leben nicht mehr.
Das war der Tag, als unser Zelt vom Regenbach weggeschwemmt wurde gemeinsam mit meiner Kassettensammlung von Eric Clapton, Bob Dylan und der Rolling Stones. Auch mein Tagebuch war weg und meine Bücher.
Aber wie das halt so ist mit den Schwüren, die man in seinem Leben so macht. Irgendwann sind sie vergessen oder man wird überrumpelt mit Argumenten, die keine sind.
Das geschah, als ich Familie hatte.
Mein Exmann, ein Naturbursche, der ebenfalls, so wie mein Vater der Meinung war: Bei uns ist es eh so schön und wir sind keine Familie wie jede andere, und deshalb fahren wir nach Kärnten an den Millstättersee.
Meine Bedenken, dass Zelten anstrengend sei und nur Arbeit und ungemütlich, wurden in den Wind geschlagen. Vor allem dadurch, dass wir via Zeitungsannonce einen Zeltanhänger erstanden.
Eine feine Sache, so ein Zeltanhänger, sagte der Exmann, du bist nicht auf dem Boden, du bist weg vom Boden. Eben auf einem Anhänger. Da fließt der Bach unten durch falls es mal regnen sollte, und du bist da fein im Trockenen. Eine feine Sache.
Der Zeltanhänger war wirklich etwas Tolles. Ein russisches Modell. Ich war ein wenig skeptisch ob der vielen Ösen. Die Reißverschlüsse waren aus Metall.
Das ist russische Qualität, versicherte mir der Exmann, da kann kein Reißverschluss reißen, das ist alles ordentlich gemacht.
Er riss nicht, der Reißverschluss, aber er war undicht. Undicht war auch das Zelt. Und da half auch nicht das vorsichtige Entfernen der Wasserlachen, die sich an verschiedensten Stellen des Zeltdaches angesammelt hatten.
Das Geheimnis ist, sagte der Exmann, dass du das Zelt nicht berühren darfst wenn du das Wasser abschüttelst.
Ich berührte nichts, trotzdem tropfte es. Herein in unser Zelt. Auf die Tuchenten und Polster, auf die Kleidung.
Der Bach rauschte unter dem Zeltanhänger durch und hinein ins Vorzelt. Aber das war egal. Weil im Vorzelt waren wir nicht. Wir waren alle im Schlafzelt im Zeltanhänger. Die Kinder quengelten, der Exmann war in Abenteuerstimmung.
Ist das nicht toll? Draußen regnet es und wir haben es hier herinnen so richtig gemütlich.
Die Uno-Karten wurden zum zwanzigsten Mal ausgeteilt nachdem ich die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz zehnmal vorgelesen hatte.
Wenn ich dann manchmal doch das Zelt verließ, weil Mutter Natur ihr Recht forderte und ich die Waschanlage aufsuchte, verging mir die Lust am Zelten vollends.
Die Waschanlage stank zum Himmel, es gab weder Klopapier noch Papierhandtücher und der Blick auf die Zeltstadt glich einem Flüchtlingscamp.
Die männlichen Bewohner der Zeltstadt sahen ebenfalls aus wie Flüchtlinge. Abgekämpft vom ständigen Wasserschöpfen und Regenbachumleiten, mit grimmigen Mienen und nass-struppigen Haaren. Ihre Frauen saßen gelangweilt und genervt in den Vorzelten und beobachteten den Regen und ihre Ehemänner beim Wasserschöpfen und Regenbachumleiten.
Wenn wir Glück hatten, kam an den letzten beiden Tagen unseres Urlaubs die Sonne zum Vorschein und wir verbrachten die Tage mit dem Trocknen der Kleidung.
Es dampfte im Zelt. Die Kleidung dampfte auch und stank wie ein nasser Putzfetzen. Am letzten Tag wurde dann alles zusammengepackt.
Alles war feucht und stank.
Ich stank auch.
Der Exmann war nach wie vor in Abenteuerstimmung und gutgelaunt. Wie schön und erholsam das doch war.
Und wir fuhren wieder heim. Ich war fix und fertig. Die Kinder quengelten.
Der Exmann war guter Dinge.
Wie schön, dass wir wieder nach Hause fahren. Nun haben wir noch ein paar Tage zum Entspannen, bevor die Arbeit wieder beginnt.
Ja, wunderbar,
sagte ich und dachte an die viele Arbeit, die vor mir lag – auspacken, verstauen, Wäsche waschen.
Gestern Abend kam der Lover.
Überraschung, Überraschung! Wir fahren im Sommer nach Spanien.
Wie schön,
sagte ich. Spanien kenn ich nicht gut. Da war ich erst einmal. An's Meer?
Ja, an's Meer. Wir fahren mit Motorrad und Zelt, ist das nicht wunderbar?

Wunderbar, sagte ich.
Ich kann es kaum erwarten.

Freitag, Juni 01, 2007

haiku


Haikus sind berühmt heutzutage.
Ich weiß nicht einmal ob es der Haiku oder das Haiku heißt. Ich weiß nicht einmal, was es bedeutet. Es klingt wie IQ, aber damit kann es ja wohl doch nichts zu tun haben.
Ich habe von Haikus erst vor einigen Jahren erfahren. Ich habe niemals im Unterricht von Haikus gehört. Und dabei war mein Deutschprofessor, der Herr Thaler, ja wirklich ein belesener Professor und hätte uns bestimmt vom Haiku erzählt. Wir mussten schließlich alles lesen von Beowulf bis Thomas Bernhard.
Ein Haiku ist ein Gedicht, sagt man. Was für ein Unsinn! Ein Text, der sich nicht reimt, ist kein Gedicht. Es ist ein Text. Oder ein Gedankensplitter oder Gedankenfetzen. Auf keinen Fall ein Gedicht.
Anscheinend gibt es das Haiku schon ewig lang. Schon mehrere Jahrhunderte, hab ich gehört. Und es ist in Japan erfunden worden. Hab ich gehört. Von einem gewissen Basho Matsuo. Und irgendwann ist der Haiku dann zu uns nach Europa eingeschleppt worden. Gleichzeitig mit Sudoku, Sushi und Karaoke.
Vermutlich versehentlich im Gepäck eines Touristen. So wie unliebsame Insekten oder anderes Getier, das plötzlich bei uns heimisch ist. Auf einmal geht jeder Österreicher, auch wenn er irgendwo im Tiroler Oberland lebt oder in der Südsteiermark, alle paar Tage in den nächsten Supermarkt zum Running Sushi, dann Karaoke singen zum nächsten Wirten, setzt sich danach daheim auf die Eckbank, kramt sein Sudoku-Hefterl heraus, das er zum Geburtstag bekommen hat und schreibt dann noch schnell vor dem Schlafengehen ein Haiku.
Dieser Japaner, dieser Matsuo, hat ein ganz berühmtes Haiku geschrieben.

Auf Japanisch heißt das:
Furu-ike yakawazu
tobikomu kizu no oto

Und auf Deutsch:
Der alte Teich
Ein Frosch spingt hinein -
das Geräusch des Wassers


Und was nun?
Springt er auch wieder heraus der Frosch? Oder bleibt er für immer im Teich? Und was ist mit dem Geräusch? Was für ein Geräusch ist das überhaupt? Ein Blubbern, Platschen oder Glucksen? Wie lange dauert es? Und wie schaut der Teich aus? Ist es ein großer Teich? Ist es ein Tümpel, ein Biotop? Wo ist der Teich? Ja, in Japan, vermutlich. Aber wo genau? Wie alt ist der Teich? Sehr alt, mittelalt oder nur alt? Und was ist mit dem Frosch? Ein junger Frosch, ein alter Frosch? Ein großer oder kleiner? Was hat er zuvor gemacht? Warum springt er in den Teich? Ist ihm heiß? Kalt? Springt er nur zum Spaß hinein oder ist er auf der Flucht?
Alles Fragen, auf die es keine Antworten gibt.
Da springt irgendwann vor Hunderten von Jahren ein Frosch in einen japanischen Tümpel, der Matsuo sieht das zufällig, erzählt das seiner Frau daheim und schon ist er berühmt. Weltberühmt!
Da hab ich ja in Volksschule schon bessere Gedichte geschrieben, und die haben sich gereimt, wohlgemerkt.
Hier eine Kostprobe. Das war mein erstes Gedicht, das ich kurz vor Ostern schrieb. Ich war in der zweiten Klasse Volksschule.

Wenn die Frühlingsblumen blüh’n,
und das Land wird langsam grün,
ja dann kommt der Osterhas’
und bringt den braven Kindern was.
Er schenkt Zuckerl, Eier auch.
Ja, das ist halt so der Brauch.
Und sogar ‚nen Osterhas,
mit 'ner Brille auf der Nas’.

Ist das nicht ein wunderbares Gedicht?
Und bin ich berühmt? Ich bin nicht berühmt.
Die Lehrerin hat mir zum Schulschluss ein Billett überreicht:
Der lieben Amadea, unserer kleinen Dichterin.
Das war alles. Weiter bin ich nicht gekommen. Ich bin nicht weiter gekommen als hier her in dieses Blog. Und der Japaner ist überall zu finden. In den berühmtesten Büchern, im Google, einfach überall.
Ein wenig kann ich es ja verstehen, dass er damals berühmt war. Damals in Japan. Weil damals war es ja wahnsinnig kompliziert, lange Texte zu schreiben. Mit einem Federkiel auf dem Papyrusfutzerl herumzukritzeln war ja sicher mühevoll. Das heißt aber nicht, dass er sich nicht ein wenig hätte anstrengen können.
Einen Reim hätte er wenigstens versuchen können.
Die wirkliche Tragik ist die, dass das Haiku heutzutage so beliebt ist, obwohl wir nicht mehr auf dem Papyrusfutzerl schreiben müssen, sondern ganz gemütlich auf dem Computer tippen können.
Da schreibt ein Pseudointellektueller ein paar Wörter auf, rezitiert die in der Schreibwerkstatt der Volkshochschule am Mittwochabend, und glaubt, das sei was Besonderes.

Welch lieblose Worte
Gleichgültigkeit, Ablehnung und Ignoranz
Liebe tief begraben
Tränengrab

Ich fang gleich an zu flennen, wenn ich das lese.
Wenn du ein Gedicht schreibst, dann lass dir einen Reim einfallen. Wenn dir kein Reim einfällt, dann schreib ein Blog.
Da brauchst du nichts zu reimen. In ein Blog kannst du alles reinschreiben.
In einem Blog finden sich immer welche, die deinen Unsinn lesen.
Sogar Haikus.

Der alte Sessel.
Amadea setzt sich darauf.
Das Splittern des Holzes.