Montag, April 30, 2007

markensammlung


Wollen’s die Markerl, Frau Amadea?
Hamma Lebensmittelrationierung? Nein, ich will die Markerl nicht.
Wenn Sie sechzig beisammen haben, bekommen Sie eine Thermosflasche, eine blaue. Mit siebzig bekommen’S ein Set Steakmesser und mit neunzig ein Service. Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen.
Hören Sie, gute Frau. Eine Thermosflasche brauch ich nicht, ich bin kein Schichtarbeiter. Auch wenn sie blau ist, brauch ich keine. Messer hab ich und ein Service auch.
Vielleicht nehmen Sie den Kundenpass, Frau Amadea. Jedes Mal, wenn sie über 20 Euro einkaufen, bekommen’S an Stempel und dann wenn sie zehn Mal voll haben, ein Geschenk.
Was für ein Geschenk?
Na, eine Thermosflasche, eine gelbe oder rote, Sie können sich das aussuchen.
Ich brauch keine, hab ich Ihnen schon gesagt, weder eine blaue noch eine rote und auch keine gelbe. Und Stempel haben etwas Anrüchiges. Außerdem habe ich schon einen Kundenpass. Könnten Sie bitte nun weitertippen da auf der Kassa, ich habe es eilig und ich brauch nix.
Sie tippt beleidigt.
Frau Amadea, Sie haben noch keinen Kundenpass, Sie haben nur eine Kundenkarte. Die brauch ich jetzt.
Ich frage nun nicht, was der Unterschied zwischen Kundenkarte und Kundenpass ist und gebe ihr die Karte. Sie hält sie an den Scanner.
Danke, sagt sie.
Und nun, frage ich? Wozu war das nun?
Es hätte sein können, dass es billiger wird. Aber Sie haben nicht das Richtige gekauft.
So ein Pech aber auch. Was wäre denn das Richtige?
Heut hamma die Frotteesocken im Angebot. Fünf Paar. Und wenn Sie die kaufen würden, dann würde das hier billiger werden.
Ich brauche keine Frotteesocken, gnä’ Frau. Wieviel billiger wären die wenn ich sie bräuchte?
Ich denke an den Vatertag, der nicht mehr allzu weit ist.
Das kommt darauf an.
Worauf?
Wie oft Sie kommen.
Ach ja? Merkt sich die Kassa das vielleicht?
Das Gesicht der Kassiererin wird fischbauchweiß. Sie ärgert sich und ich habe den Eindruck, sie weiß nun nicht so recht, was sie sagen soll.
Was könnte ich noch kaufen, damit es billiger wird?
Ich will sehen, wie das funktioniert.
Sie könnten die Hendlhaxen kaufen, die in der Riesenfamilienpackung.
Ich brauche zwar keine Riesenfamilienpackung Hendlhaxen, aber nun will ich es wissen. Ich eile vorbei an der Warteschlange hinter mir. So, als ob mich das gar nicht kümmern würde. Natürlich kümmert es mich. Ich versuche, den einzelnen Gliedern der Warteschlange nicht ins Gesicht zu schauen.
Und ich komme zurück mit der Familienpackung Hendlhaxen.
Die Kassiererin tippt den Preis ein.
Statt 16.49 kosten sie nur 16.29. Na toll, zwanzig Cent gespart.
Und was nun, Frau Kassier? Warum hab ich eigentlich diese Kundenkarte?
Na, schauen’S auf den Preiszettel. Da bekommen Sie etwas billiger.
Ich schaue. Zwei Packungen Mozzarella um zwanzig Cent billiger. Den kann ich gebrauchen.
Warten Sie, sag ich, ich nehme den Mozzarella gleich mit. Ich eile wiederum vorbei an der Warteschlange, die nun noch etwas länger geworden ist.
Ich bezahle meinen Mozzarella. Nun hab ich aber eingespart.
Sie, da vorn, vielleicht brauchen’S noch was. Wir ham’s grad so schön gemütlich da, sagt ein alter Mann.
Sie haben eh Zeit, san doch eh in der Pension, sag ich. Heut ist so ein schöner Tag, freuen Sie sich doch. Und Sie kennen das eh von früher. Die Lebensmittelmarkerl und das stundenlange Anstellen um einen Wecken Brot.
Werden’S nicht frech da, sagt er grimmig.
Ich schenke ihm mein schönstes Lächeln.
Ich bin schon fast fertig, da fällt mir noch was ein.
Entschuldigen Sie, Frau Kassier, ich hätt nun doch gern die Markerl.
Das freut mich aber, Frau Amadea.
Sie gibt mir neun Markerl und grinst wie ein Hutschpferd.
Das geht sich wunderbar aus, sage ich und verteile die Markerl an die Leute in der Warteschlange.
Sie bekommen zwei, sage ich zum Pensionisten. Für die Thermosflasche, die blaue. Man weiß nie, ob die Zeiten nicht wieder schlechter werden.

Sonntag, April 29, 2007

der attentäter


Es war eine kalte, neblige Nacht.
Er bahnte sich seinen Weg durch die spärlich beleuchteten Straßen und Gassen bis zum Haus.
Er schlich leise durch den Garten, vorbei am Holzschuppen.
Er wollte unbemerkt kommen.
Seine Schritte waren unhörbar. Den Mantelkragen hatte er hochgezogen, den Hut tief im Gesicht. Er griff in seine Hosentasche - spürte das harte Metall des Schlüssels. Alles lief nach Plan. Er war zufrieden.
Er atmete unhörbar, als der den Schlüssel ins Schloss steckte. Langsam drehte er ihn um, öffnete die Tür langsam einen Spalt. Er hatte an alles gedacht. Er holte das Fläschchen aus der Manteltasche. Jeder Handgriff war wohl überlegt. Bedächtig tropfte er etwas Öl auf die rostigen Scharniere. Er atmete tief durch, blickte sich um. Alles ruhig.
Langsam öffnete er die Tür und betrat den Raum. Leise schlich er durch die Diele. Er wusste, wo er hin wollte. Er hatte sein Vorhaben genau geplant. Wochenlang. Nun konnte nichts mehr passieren.
Er stand nun vor der Küche. Die Tür war geschlossen. Seine linke Hand umschloss die Türklinke. Das kalte Metall ließ seine Hand zucken. Er zögerte einen Moment. Sein Herz klopfte. Aber schon hatte er sich wieder im Griff. Fast zur gleichen Zeit fand seine rechte Hand den Lichtschalter. Mit einem Klick lag die Küche in gleißendem Licht.
Da sah er das Grauen. Und es bereitete ihm Vergnügen.
Da lagen sie, verstreut, die Leichen. Ein Bild der Verwüstung, des Terrors. Alle hatte er erledigt. Kein einziges Individuum war ihm entkommen. Einige hatten versucht, zu fliehen. Vergeblich.
Der Gestank war unerträglich.
Er ging durch den Raum und öffnete das Fenster.
Sein Blick fiel auf die Waffe, die am Tisch lag. Schnell nahm er sie an sich und verließ den Raum. So leise, wie er gekommen war.
Als er durch den Garten ging, vorbei am Holzschuppen, sah er, dass der Deckel der Mülltonne hochgeklappt war.
Schnell warf er die Dose Insektenspray in die Tonne und murmelte leise:
Guckste wohl! Jetzt ist’s vorbei mit der Käferkrabblerei. (Wilhelm Busch)

Freitag, April 27, 2007

hugh grant


Ich schreibe gern Listen.
Gern ist vielleicht der falsche Ausdruck.
Ich schreibe Listen, damit ich Dinge nicht vergesse.
Auf diesen Listen steht alles Mögliche. Lebensmittel, die ich kaufen muss, Dinge, die zu erledigen sind.
Es gibt auch Listen mit Titeln von Liedern und Büchern, von denen ich gehört habe, die mir beim Zeitung lesen oder sonst wo unterkamen.
Das Problem ist, dass ich diese Listen verliere. Ich verliere sie nicht für immer. Ich verlege sie. Irgendwo und irgendwann finde ich diese Listen. Aber dann habe ich mir schon neue Listen gemacht und die, die ich gefunden habe, sind überholt. Oder die Dinge, die ich erledigen hätte sollen, haben sich von selbst erledigt oder sind vergessen worden.
Ich habe auch die Angewohnheit, alles Mögliche abzukürzen. Und wenn ich das dann nach Wochen lese, habe ich keine Ahnung, was das alles bedeutet. Gerade heute fand ich eine Liste, auf der steht folgendes:
Volkl Unterschr Dav Socken Gr.Marn. 20 Mon kop. Solid. Trainer E-Hefte grantig Staudens. Silber. Handy
Also, einiges ist ja klar – das mit dem David ist klar, die Unterschrift wollte ich kontrollieren. Aber das ist nun zu spät, das ist nicht mehr aktuell. Das mit den Socken weiß ich überhaupt nicht mehr. Und was mit dem Silberhandy sein soll – ich habe keine Ahnung. Und wenn ich mir die Abkürzungen da anschaue, dann bezweifle ich, dass die überhaupt von mir sind.
Aber ich weiß, warum ich das Wort grantig aufgeschrieben habe.
Das Wort notierte ich, weil ich darüber schreiben wollte. Ich notierte es, als ich von der Schule heimkam. Es ist zwar heute nicht das richtige Wetter, um über grantig zu schreiben. Es scheint die Sonne, und ich bin alles andere als grantig. Eigentlich bin ich niemals grantig. Wütend, ja. Aber nicht grantig.
Grantig ist das österreichische Wort für ang’fressen. Und ang’fressen ist das österreichische Wort für missmutig.
Außerdem legen vier freie Tage vor mir. Und wer ist da schon grantig?
Das Wort grantig bezieht sich auf meine männlichen Kollegen. Auf die Lehrer. Auf die älteren Herrschaften, die männlichen, die um mehr als zwanzig Jahre Schuldienst hinter sich haben. Mehr oder weniger.
Ich glaube, das sind die grantigsten Männer, die ich kenne.
Die Midlife-crisis kann das nicht sein. Die Midlife- crisis würde ja bei einigen zehn Jahre dauern.
Es muss was anderes sein. Aber was?
An Montagen ist das besonders auffallend.
Letzten Montag, zum Beispiel. Als ich ins Konferenzzimmer kam, war eine Streiterei im Gange. Lautstark. Der eine Kollege, der adrette, war außer sich.
Nun soll ich auch noch auf der Toilette Gangaufsicht halten. Was soll das eigentlich? Glaubt ihr, ich hab nichts Besseres zu tun? Vor zwanzig Jahren hatten wir dreißig Schüler in einer Klasse und es gab gar keine Gangaufsicht. Nicht mal im Gang. Und nun auch noch Toilettenaufsicht. Glaubt ihr, ich geh mit meiner Jause ins Klo hinein? Vor zwanzig Jahren haben wir im Konferenzzimmer Schach gespielt in der Pause. Und auch in der Stunde.
Und alle stimmten ein, alle Männer. Die älteren.
Junge haben wir ja nicht viele. Und die paar, die wir haben, sagen nichts. Geschimpft wird immer. Dass die Schüler so laut sind, dass der Kaffee nicht gut ist, dass es in den Klassen zu heiß ist, dass es im Konferenzzimmer zu kalt ist. Komischerweise schimpfen und jammern die Frauen nicht.
Ich weiß schon, der Österreicher ist ja im Allgemeinen ein Grantscherm. Vor allem der Wiener.
Aber so grantig wie meine Kollegen kann kein Wiener sein, niemals nicht.
Der adrette Kollege macht nun doch Gangaufsicht.
Auch am Klo.
Mit der Wurstsemmel.
Ich nenne ihn von nun an Grant.
Nicht Hugh Grant, nur Grant.

Donnerstag, April 26, 2007

das mehr


Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr.

-Michael Birbaek -

Mittwoch, April 25, 2007

to pee or not to pee


Wenn du als Frau in einer öffentlichen Toilette dein Geschäft verrichten willst, dann ist das nicht so einfach.
Weil wenn du in ein öffentliches Klo gehst, dann hast du es meist eilig. Niemand würde freiwillig in eines gehen.
Und damit beginnt die Misere.
Wann immer ich in so einer öffentlichen Bedürfnisanstalt war – so heißt das auf Österreichisch – dann hatte ich das Bedürfnis, die Sache so schnell wie möglich hinter mich zu bringen.
Unlängst war es wieder so weit. Ich hatte dieses Bedürfnis. Und dieses Bedürfnis musste auf der Stelle befriedigt werden. Egal ob öffentlich oder nicht.
Ich sause also die Treppe hinunter. Sausen ist der falsche Ausdruck. Ich watschele eher. Mit zusammengepressten Knien und Oberschenkeln und x-beinigen Unterschenkeln. Und ich sehe eine lange Warteschlange von Frauen, deren Beine ebenfalls die unterschiedlichsten Verrenkungen zeigen.
Gequält lächle ich und grüße. Ganz hinten stelle ich mich an.
Ich versuche, nicht an mein Bedürfnis zu denken. Aber das ist nicht so einfach bei all dem Plätschern, Rauschen, Tropfen und Glucksen.
Endlich bin ich dran. Eine Tür geht auf. Ich sause hinein und überrenne fast die Frau, die da raus kommt.
Schnell schaue ich sie an – der Gedanke, dass ihr nackter Hintern auf dem Sitz war, auf den ich den meinigen nun gleich platzieren werde, gefällt mir gar nicht.
Aber mein Bedürfnis ist nun so stark, dass alles andere keine Rolle mehr spielt. Endlich am Ziel. Endlich. Schnell die Tür verriegelt. Das Schloss ist kaputt. Die Tür lässt sich nicht verriegeln. Macht nichts.
An der Wand ein Kasten mit der Aufschrift: Schützen Sie sich – Toilettensitzauflagen für Ihre persönliche Hygiene.
Natürlich leer. Wie immer. Egal.
Ich will meine Tasche auf den Türhaken hängen, aber da ist keiner. Wie immer.
Stell die Handtasche nicht auf den Boden, höre ich meine Oma sagen. Niemals würde ich, Oma.
Ich hänge mir die Handtasche um den Hals. Sie baumelt bedenklich hin und her. Jeans runter. Ich nehme die Schranzhocke ein. Meine Oberschenkel beginnen ein wenig zu zittern. Zeichen meiner mangelnden Kondition. Hinsetzen wäre gemütlich.
Setz dich ja nicht, höre ich die Oma sagen. Nicht in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt.
Aber niemals, Oma. Nicht wenn ich den Klositz nicht abwische. Aber dazu hatte ich ohnehin keine Zeit.
Um mich abzulenken von meinen zitternden Oberschenkeln, greife ich zum Klopapierhalter. Kein Klopapier mehr da. Wie immer.
Hättest du versucht, den Sitz abzuwischen, dann hättest du gemerkt, dass kein Papier da ist, höre ich die Oma sagen.
Ja, Oma. Aber ich wische den Sitz niemals ab. Da graust mir. Ich mache immer die Schranzhocke.
Meine Oberschenkel zittern bedenklich. Irgendwo muss in der Tasche ein angeschneuztes Taschentuch sein. Es ist schwierig, bei zitternden Oberschenkeln und baumelnder Tasche das Taschentuch zu finden. Blind. Mit einer Hand. Endlich. Ich knülle es leicht zusammen. Es ist sehr klein. Zu klein. Es hat die Größe eines Daumennagels.
Zack – die Tür öffnet sich, schwingt gegen die Handtasche. Ich verliere fast das Gleichgewicht.
Besetzt, schreie ich und knalle die Tür mit der Hand zu. Das Taschentuch liegt nun am Boden. Das kann ich vergessen.
Ich verliere nun endgültig das Gleichgesicht und meine Beine den Bodenkontakt. Ich klatsche mit dem nackten Hintern auf den Klositz. Er ist nass. Klatschnass. Mein Hintern auch. Klatschnass. So wie das angeschneuzte Taschentuch vor mir da auf dem Boden.
Ich springe auf. Ich weiß, es ist zu spät. Mein Hintern ist nun voller Keime und irgendwelcher Lebewesen, deren Namen ich nicht kenne.
Ich höre die Oma schon wieder. Kind, was machst du denn? Weißt du nicht, was für grausliche Krankheiten du dir da einfangen kannst? Du solltest Papier auf die Klobrille legen. Oma, es ist zu spät, halt nun deinen Mund. Ich habe andere Sorgen. Und ich mach immer die Schranzhocke, Oma. Immer. Auch wenn Klopapier da ist.
Plötzlich höre ich es rauschen. Es rauscht so laut wie die Krimmler Wasserfälle während der Schneeschmelze.
Die automatische Klospülung hat sich in Gang gesetzt. Ich habe sie vermutlich verwirrt durch meine unkontrollierten Bewegungen.
Ein Schwall von kaltem Wasser, stark wie der eines Feuerwehrschlauchs, ergießt sich auf mein Hinterteil. Fast hätte er mich runter gespült. Gerade noch kann ich mich am leeren Klopapierhalter festkrallen. Es ist nun alles egal.
Ich bin klatschnass, voll mit Keimen und kleinen Tierchen, fertig, müde, ausgelaugt. Ich ziehe mich an, krame einen Kassazettel aus meiner Tasche hervor und wische die Klobrille notdürftig ab. Will ja das Klo halbwegs sauber hinterlassen.
Ich wanke hinaus. Die zitternden Oberschenkel beruhigen sich ob der nassen Hose, in der sie stecken.
Ich wasche mir die Hände. Handtücher sind keine da. Wie immer. Aber das ist nun egal. Ich wische meine Hände an meiner Hose ab. Sie ist ohnehin nass.
Eine Dame in der Warteschlange sagt, als ich hinausgehe: Sie ham da am Fuß ein Klopapier hängen.
Ich schnappe das Papier, reiße es aus meinem Schuh und drücke es der Dame in die Hand. „Das werden sie noch brauchen, meine Liebe. Glauben Sie mir“.
Draußen wartet Er. Ungeduldig. Grantig. „Wo warst du denn so lang? Ich warte schon eine Ewigkeit. Und warum hast du die Tasche um den Hals hängen?“

Sonntag, April 22, 2007

keep smiling

Ich muss Geld abheben.
Gleichzeitig mit mir geht ein alter Mann mit Stock zum Bankomat.
Es war ein Fehler, in anzulächeln, weil nun muss ich ihm den Vortritt lassen, höflich wie ich bin.
Das dauert nun eine Ewigkeit, denke ich mir.
Ich atme einmal tief ein und versuche mich zu beruhigen.
Nur mit der Ruhe, Amadea. Das nützt nun nichst, es ist zu spät. Du musst warten.
Es dauert schon eine Ewigkeit, bis es ihm gelingt, die Kreditkarte aus seiner Geldtasche zu nehmen. Den Gehstock hat er unter seinem Arm eingeklemmt.
Soll ich Ihnen den Stock halten? frage ich.
Er sagt nichts, schaut nicht mal auf. Er ist wohl schwerhörig. Ich frage ihn noch einmal und gehe einen Schritt auf ihn zu, mache eine Handbewegung. Er schaut kurz auf, runzelt die Stirn und klemmt den Stock fester unter seinen Arm.
Nun ist ihm die Kreditkarte auf den Boden gefallen. Ich will sie ihm aufheben. Er schupft mich weg mit dem Ellenbogen.
Amadea, reiß dich zusammen. Das dauert noch länger, wenn du ihn nun nicht in Ruhe lässt.
Ich kann da fast nicht hinschauen, wie er da herum fuchtelt mit seiner Karte und es dauert eine Ewigkeit, bis er sie wieder in der Hand hat. Er geht langsam Richtung Bankomat. Ich sehe, wie erschöpft er ist.
Bitte mach, denke ich. Mach einfach.
Ich würde ihm gerne sagen, dass man auch in der Bank beim Schalter Geld bekommt, aber ich weiß, das bringt nichts. Ich schaue in die andere Richtung. Als ich mich wieder ihm zuwende, ist er gerade dabei, die Karte in den Schlitz zu stecken. Er überlegt, kratzt sich am Kopf. Sein Stock fällt zu Boden.
Lass ihn liegen, denke ich. Lass ihn liegen und konzentrier dich. Er kratzt sich wieder am Kopf. Er hat nicht gemerkt, dass er seinen Stock verloren hat. Sonst würde er sich bestimmt bücken um ihn aufheben. Ich schaue ihm über die Schulter. Er merkt nicht, dass ich näher getreten bin.
Er schafft es, den richtigen Knopf zu drücken. Denjenigen, der fragt, ob man Bargeld abheben muss. Nun muss er seine Geheimnummer eintippen.
Er tippt. Nichts.
Er tippt noch einmal. Wieder nichts.
Ich bin kribbelig.
So, lieber Herr, tipp bitte noch einmal, dann geht eh nix mehr.
Aber er tippt nicht mehr.
Er nimmt die Karte heraus, dreht sie mehrmals um, holt umständlich seine Geldbörse aus dem Hosensack, öffnet sie, steckt die Karte hinein, nimmt eine andere heraus.
Mein Gott, nun mach endlich.
Ich kann mich nicht beherrrschen. Ich frage ihn nochmals. Soll ich Ihnen helfen?
Er dreht sich nicht einmal um. Die Prozedur beginnt von vorne. Ich kann das nicht mehr sehen. Ich gehe um die Ecke. Das dauert ohnehin noch. Ich bleibe einige Minuten stehen. Als ich wieder näher komme, bemerke ich, dass er es geschafft hat. Der Bankomat piepst Das ist ein gutes Zeichen. Nun ist er bald fertig, ich bin sicher. Ich habe ihn vermutlich nur nervös gemacht.
Ich gehe wieder um die Ecke und warte zwei Minuten.
Als ich zurückkomme, steht ein zweiter Mann neben ihm. Ohne Gehstock aber mit Hut. Die beiden diskutieren.
Der Mann mit Gehstock zeigt auf mich. Die war es, die da.
Was war ich?
Der Mann mit Hut schaut mich missbilligend an und fragt.
Hias, hat sie das Geld genommen?
Ja, die, sagt er.
Komisch, nun ist er auf einmal nicht mehr schwerhörig.
Ich habe nichts genommen! Ich stehe da nun schon eine halbe Stunde und warte, damit ich Geld abheben kann.
Eine Frechheit, einen alten, armen Mann auszunutzen,
Die hat mein Geld. Die da. Die beobachtet mich schon die ganze Zeit.
Es reicht mir. Ich gehe in die Bank hinein. Da warte ich wieder. Es warten drei Leute vor mir am Schalter.
Kurz darauf ist der Mann mit Stock auch da. Mit ihm der Mann mit Hut. Hinter mir stehen sie. Der Mann mit Stock sagt schon wieder: Die hat mein Geld, die da.
Endlich bin ich an der Reihe.
Ich komm gar nicht dazu, irgendetwas zu sagen, da drängt sich der Mann mit Stock vor, schubst mich beiseite und sagt zum Schalterbeamten: Die hat mein Geld.
Ich sage nun nichts mehr.
"Wir überprüfen das", sagt der Schalterbeamte.
Ich habe das Geld nicht, sage ich. Ich war gar nicht da, als das Geld herauskam. Vermutlich hat er zu lang gewartet und der Bankomat hat das Geld geschluckt.
Und so war es.
Der Mann hat sein Geld wieder.
Das nächste Mal, wenn ich ihn sehe, verpasse ich ihm einen Fußtritt, dem Alten.
Ich habe mir geschworen, niemals mehr jemanden anzulächeln vor dem Bankomat. Nicht, wenn er alt und männlich ist.
Ich verlasse die Bank.
Endlich kann ich mein Geld abheben.
Und dann passiert das.

Donnerstag, April 19, 2007

sebastian


Ich kann den Namen Sebastian nicht mehr hören.
Weil ich höre ihn seit Beginn der Schönwetterperiode jeden Tag. Mehrmals.
Ich weiß nicht, wie der Sebastian aussieht. Nicht genau, jedenfalls. Ich kenne ihn nur von weitem.
Ich weiß nicht, wie der Sebastian redet. Ich habe ihn noch nie reden gehört. Nur schreien.
Ich weiß nicht, wie alt der Sebastian ist. Vermutlich um die drei Jahre..
Ich weiß auch nicht, ob der Sebastian ein nerviges Kind ist.
Ich weiß aber, dass die Sebastianmama nervig ist.
Ich weiß auch, dass der Sebastianpapa nervig ist.
Der Sebastian wohnt im Haus gegenüber.
Ich habe nichts gegen den Sebastian.
Aber ich habe sehr wohl etwas gegen die Sebastianmama. Sie kann nicht reden. Reden kann sie schon, aber nicht sprechen. Nicht ordentlich. Sie kann nur Sebaaaaastian sagen. Sie hat einen Knödel im Rachen stecken. Zusätzlich zum Rachenknödel hat sie eine nervige Stimme. Eine nervige Stimme, die an den Bohrer beim Zahnarzt erinnert.
Ich habe auch ziemlich viel gegen den Sebastianpapa. Der Sebastianpapa hat keinen Rachenknödel. Aber er hat einen Frosch. Da, wo bei der Sebastianmama der Knödel steckt, sitzt beim Sebastianpapa der Frosch.
Und jedes Mal, wenn der Sebastianpapa redet, quakt der Frosch. Entweder gleichzeitig oder stattdessen.
So genau kann ich das nicht sagen.
Jedenfalls kann der Sebastianpapa mit Rachenfrosch auch gut Sebaaaaastian sagen.
Leuten mit Knödeln oder Fröschen im Rachen sollte verboten werden, ihr Kind Sebastian zu nennen. Es sollte ihnen überhaupt verboten werden, ihrem Kind einen Namen zu geben, in dem ein A enthalten ist.
Solche Eltern dürften ihre Kinder nur Tom, Joe oder Su nennen.
Bei Tom, Joe und Su hört man nicht, wenn jemand einen Rachenknödel hat, und eine froschige Stimme würde auch nicht besonders auffallen.
Das Wetter ist schön, die Sonne scheint und Sebastian ist vor dem Haus.
Dagegen ist nichts zu sagen. Es sind auch andere Kinder vor dem Haus.
Das Problem ist halt, dass die Sebastianmama und der Sebastianpapa auch vor dem Haus sind.
Sebastian redet nie. Er schreit stattdessen. Er plärrt.
Er schreit und plärrt relativ wenig.
Er ist sehr geduldig.
Ich bewundere das an ihm.
An seiner Stelle würde ich ständig schreien. Und plärren.
Sebaaaaastian, komm her da! Da kommst her, Sebaaaaastian. Das ist die Sebastianmama. Sebastian kommt nicht.
Ich sehe das zwar nicht weil ich im Liegestuhl liege, aber ich höre, dass Sebastian nicht kommt.
Weil die Sebastianmama sagt schon wieder: Komm her, Sebaaaaastian, komm doch her. Sebastian kommt nicht.
Sebaaaaastian, du musst dein Huti aufsetzen. Das ist der Sebastianpapa.
Die Sebastianmama und der Sebastianpapa können nicht Deutsch. Das ist aber nichts Besonderes. Viele Österreicher können nicht deutsch.
Die Sebasianmama und der Sebastianpapa können aber auch nicht österreichisch. Sebaaaaastian, gemma Kuhlimuh schauen?
Keine Antwort.
Sebaaaaastian, tun wir zu den Kuhlimuh schauen gehen?
Keine Antwort.
Sebaaaaastian, die Mama tut auch mitgehen zu die Kuhlimuh.
Ja, Sebaaaaastian, die Mama tut auch mitgehen zu die Kuhlimuh, sagt die Sebastianmama.
Der Sebastian fährt Traktor.
Ich höre es. Sebastian, ich bitte dich, gib eine Antwort, sage ich lautlos.
Oder magst Sandi spielen gehen, Sebaaaaastian?
Ja, Sebaaaaastian, tust mit der Alina Sandi spielen!
Der Papa geht auch mit,
sagt der Sebastianpapa. Der Sebastian fährt noch immer Traktor. Ich höre es.
Der Papa hat auch das Küberl mit und das Schauferl, sagt der Sebastianpapa.
Der Papa hat einen Dachschaden, sage ich. Halblaut. Und - Geh ja nicht mit, Sebastian. Der Papa ist ein Vollkoffer. Fahr weiter mit deinem Traktor. Fahr, fahr. Bis ans Ende der Welt.
Sebaaaaastian, sagt die Sebastianmama, die Mama geht auch Sandi spielen.
Und hutschihutschi machen können wir auch, Sebaaaaastian.
Ich höre, dass er muss, der Sebastian. Sandi spielen und Hutschihutschi machen.
Er schreit. Den Traktor höre ich nicht mehr.
Nicht die Alina mit Sand bewerfen, Sebaaaaastian! Nein, Sebaaaaastian, das tut der Sebaaaaastian nicht, gell? Das ist kein böser Sebaaaaastian. Der Sebaaaaastian ist ganz lieb.
Nicht die Alina hauen tun, Sebaaaaastian.
Sebastian, hau ihnen die Schaufel über die Birne, sage ich laut.
Nein, Sebaaaaastian. Du böser Sebaaaaastian, Papa tuat hiaz Handipatschipatschi, sagt der Sebastianpapa.
Sebastian schreit. Alina schreit auch.
Sebastian plärrt. Alina plärrt auch.
Schau, Sebaaaaastian, jetzt tut die Alina weini weini. Du böser. böser Sebaaaaastian.
Nun gehen wir aber hinein, Sebaaaaastian. Es ist eh schon halb sieben.
Sebaaaaastian, wir tun jetzt heiti machen gehen, gell?
Sebastian schreit.
Sebaaaaastian, tust jetzt das Küberl und das Schauferl mitnehmen und dann gehen wir ins Betti heiti heiti machen.
Sebastian plärrt.
Jetzt setz das Huti wieder auf, Sebaaaaastian.
Schau, der Papa hat den Zutzi. Mh, so gut, der Zutzi.
Es reicht mir. Ich gehe in die Wohnung und schließe die Balkontür.
Das war letzte Woche.
Und heute waren sie wieder alle da.
Vor dem Haus.
Der Sebastian mit Traktor.
Die Sebastianmama mit dem Küberl.
Der Sebstianpapa mit dem Schauferl.
Sebaaaaastian, jetzt bekommen wir dann bald ein Butzi, ein kleines. Da drin in der Mami ihrem Bauchi ist das.
Ja, das Butzi kommt bald, Sebaaaaastian.
Wenn es ein Buberl wird, dann heißt es Karl-Matthias, und wenn es ein Mäderl wird, dann heißt es Anna-Maria.
Sebastian schreit.
Ich schreie auch.

Dienstag, April 17, 2007

Montag, April 16, 2007

die amadea trägt prada


Was hast du nur für eine Sonnenbrille, Amadea? So ein wackeliges Gestell. Woher hast du denn die?
Na, vom Eduscho.
Vom Eduscho? Beim Eduscho kauft man Kaffee und nicht Sonnenbrillen.
Ich kaufe beim Eduscho auch Sonnenbrillen. Weißt du, es ist nämlich so. Ich hatte einmal eine teure Sonnenbrille. Die hatte ich genau eine Woche. dann war sie futsch. Ich hab sie verloren. Dasselbe mit den Regenschirmen.
Kaufst du die auch beim Eduscho?
Nein, die kauf ich immer in England. Weil da gibt es diese ganz kleinen Regenschirme. Die passen in jede Tasche.
Aber eine Sonnenbrille kannst du doch auch in die Tasche tun.
Blödsinn, was nützt eine Sonnenbrille in der Tasche? Eine Sonnenbrille hab ich auf. Auf der Nase.
Und wo ist das Problem?
Na, dass ich sie manchmal herunternehme. Und dann ist sie weg.
Dann kauf dir so ein Bandl. Das ist kommot. Da hast du dann die Sonnenbrille um den Hals.
Bin ich eine Oma? Ich renn doch nicht mit einem Sonnenbrillenbandl rum. Da nehm’ ich doch lieber eine Sonnenbrille vom Eduscho. Weil das weiß eh keiner, dass die vom Eduscho ist. Außer die Leut’, die ihre Sonnenbrillen auch beim Eduscho kaufen. Und die sagen sowieso nichts. Und weißt du, was das eigenartige ist? Die Sonnenbrillen vom Eduscho verlier ich nie. Noch nicht eine hab ich verloren. Obwohl ich sie nicht am Bandl hab. Sonnenbrillen vom Eduscho sind langlebig. Auch ohne Bandl.
Amadea, das geht nicht. Du brauchst eine ordentliche Sonnenbrille. Dieses billige Zeug ist wahnsinnig schlecht für die Augen, da kannst du blind werden.
Und schon zerrt er mich hinein. Ins Geschäft. Am Eingang steht „Schauen sie nur einmal hin. Ihr Optiker.“
Und ich probiere die erste Sonnenbrille. Und schon fallen gleichzeitig fünf andere vom Ständer herunter.
Entschuldigen Sie, bitte. Das wollte ich nicht.
Der Herr Optiker bleibt freundlich. Er merkt, dass wir Geld da lassen wollen.
Ich probiere ziemlich lange.
Und immer, wenn ich eine Brille nehme, fallen fünf andere herunter.
Der Ständer ist aber auch wackelig, sage ich. Dabei pass ich eh so auf.
Der Herr Optiker lächelt gequält aber freundlich.
Endlich habe ich eine. Eine wunderbare. Sie passt mir gut.
Schau mal da durch, das ist eine Wundersonnenbrille! sage ich zu ihm. Es sieht alles viel schöner aus als in Wirklichkeit. Es ist so hell und alles leuchtet. Da bist gleich nimmer grantig, wenn du die aufsetzt. Weil da schaut alles aus wie im Paradies. Wie viel kostet die?
„249 Euro“, sagt der Herr Optiker lächelnd.
Zweihundertneunundvierzig? Sind Sie sicher?
„Ich bin sicher“, sagt der Herr Optiker. Er lächelt schon wieder gequält und freundlich gleichzeitig.
Die habe ich dann nicht mal eine Woche. Wenn ich mir das ausrechne, dass ich die Sonnenbrille für 49 Euro eine Woche hatte, dann habe ich die da vermutlich nur zwei Stunden lang!
Wir nehmen sie, und ein Bandl nehmen wir auch dazu, sagt er.
Ich trau mich nicht zu sagen, dass ich das Bandl nie und nimmer nehmen werde.
Wir bekommen die Zweihundertneunundvierzigeurosonnenbrille und ein Etui gratis dazu. Ein wunderschönes, das automatisch zuklappt mit einem netten „Plopp.“
Nun habe ich eine Zweihundertneununvierzigeuropradasonnenbrille, eine sauteure, durch die die Welt leuchtet wie das Paradies.
Es ist leider so, dass niemand weiß, dass ich eine so teure, tolle Sonnenbrille habe. Weil ich verwende sie nicht.
Ich habe sie einmal verwendet.
Als ich einkaufen ging.
War das ein Stress.
Ich war in Panik. Schlimmer kann es einem Bankräuber nicht gehen mit seiner Beute. Alle paar Sekunden habe ich kontrolliert, wo die Brille ist.
Also habe ich nun seit einiger Zeit eine Pradasonnenbrille für die Wohnung und für den Balkon. Eine Wohnungsbalkonpradasonnenbrille. Aber ich sage dir, diese Sonnenbrille ist ein Wunderding.
Ich brauch keinen Kaffee mehr in der Früh. Ich setz die Sonnenbrille auf und bin gut gelaunt, hell wach, himmelhochjauchzend.
Und nun habe ich mir, seit ich diese Sonnenbrille habe, das Geld, das ich für den Kaffee gebraucht hätte, gespart und mir dafür eine neue Eduscho-Sonnenbrille gekauft. Zehn hätte ich mir kaufen können, oder noch mehr. Aber ich habe mir mal eine gekauft. Eine, die der Pradawohnungsbalkonsonnenbrille zum Verwechseln ähnlich sieht.
Die setz ich überall auf, halt nicht in der Wohnung und nicht am Balkon.
Und nun hab ich die Pradawohnungsbalkonsonnenbrille schon 248 Tage. Ein Rekord! Morgen ist Jahrestag. Morgen habe ich sie genau 249 Tage.
Ab morgen mach’ ich Gewinn mit meiner Sonnenbrille. Ein Wunderding, diese Pradasonnenbrille.
Ein wahres Teufelswerk.
Nicht umsonst trägt der Teufel Prada.

Samstag, April 14, 2007

es stinkt !


Es stinkt.
Es stinkt mir.
Es stinkt nicht nur mir.
Es stinkt allen.
Es stinkt überall.
Es stinkt im Stiegenhaus, es stinkt in der Wohnung, es stinkt vor dem Haus, es stinkt hinter dem Haus.
Es stinkt in Wald und Flur.
Es stinkt allen.
Nur den Bauern nicht.
Den Bauern kann es nicht genug stinken.
Warum würden sie sonst alle gleichzeitig ihren Mistwagen herausräumen, ihn mit Mist anfüllen, bis oben hin, schön verdünnt mit Wasser, damit es ordentlich spritzt und sprüht und dann beim schönsten Wetter auf die Felder fahren und die Kuhmistbrühe ordentlich verteilen.
Es ist jedes Jahr dasselbe.
Kaum zeigen die Forsythien die ersten gelben Blüten, geht es los. Ein Signal ist das. Wie auf Kommando. Forsythienblüten und Mistwägen kommen gleichzeitig.
Ich stinke auch.
Mein Haar stinkt, meine Haut stinkt. Die Wäsche, die heute am Balkon hing, stinkt auch. Mein Fahrrad stinkt.
Das ist eine Verschwörung, eine ganz schlimme, ist das.
Ein Bauernaufstand der üblesten Sorte.
Ein Terror.
Kuhmistterror.
Die lieben Bauern sprühen ja nicht nur auf Wiese und Feld, nein, sie sprühen auch auf den Straßen, auf den Rad- und Wanderwegen.
Hat je ein Bauer seine Kuh gefragt, ob die einverstanden ist, dass ihr Fladen auf einem Radweg landet?
Eine Kuh hat das Recht, zu bestimmen, was mit ihren Ausscheidungsprodukten passiert. Eine Frechheit ist das.
Und da wird von globaler Erwärmung geredet.
Hinfliegen dürfen wir nirgends mehr, das Auto stehen lassen sollen wir.
Aber Bauer darf.
Bauer darf jederzeit mit dem Mistwagen fahren und sprühen.
Dabei weiß eh jeder, dass die Kuhfürze die Polarkappen zum Schmelzen bringen. Anscheinend ist diese Information bis zum Herrn Bauern noch nicht durchgedrungen.
So ein kleines Auto kann gar nicht so viel stinken und Unheil anrichten wie dieser ganze Kuhmistregen, der auf uns und unsere arme Erde niederprasselt.
Früher war das ja anders.
Ich mein, früher war ja sowieso viel anders.
Früher war alles anders.
Früher hat der Bauer im Märzen gedüngt.
Im Märzen der Bauer das Rösslein einspannt. Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.
Rösslein, heißt das, Herr Bauer, Rösslein!
Da steht nichts von Mistwagen-herum-kurven. Stundenlang.
Und da steht in Stand setzen. In Stand setzen, nicht verdrecken und verstinken !
Und Märzen, steht da, Herr Bauer.
Da steht nur Märzen, und sonst steht da kein anderer Monat.
Weil früher wurde einmal gedüngt – das war im Märzen - und dann war eine Ruhe für den Rest des Jahres.
Den Rest des Jahres hat man nur gemäht und geerntet, Herr Bauer.
Man düngt nur, wenn der Schnee gerade schmilzt, damit der Dünger in die Erde sickern kann und dann im Sommer alles schön wächst
Und ist da Schnee, hier im Tal, Herr Bauer? Sehen Sie irgend wo ein Futzerl Schnee? Weit und breit ist da keiner! Und was soll da einsickern, bitt’ schön? Nix kann einsickern, da verbrennt alles, bei der Hitz’, die wir grad haben.
Aber das ist wurscht, gell, Herr Bauer.
Die Forsythien blühen und wir düngen.
Wurscht, ob da Schneeschmelze ist oder nicht. Die Zeiten ändern sich, gell?
Und wir düngen ständig.
Wir düngen bei Sonnenschein, bei Regen, und Schnee, bei Hagel und Gewitter.
Wir düngen bei Tag und bei Nacht.
Wir düngen im Frühling, im Sommer, im Herbst, im Winter, an Feiertagen, an Wochentagen, an Sonntagen, an ungeraden Tagen, an geraden Tagen.
Wir düngen um des Düngens willen, weil es so nett stinkt, gell, Herr Bauer?
Aber ich sage Ihnen, Herr Bauer: So geht das nicht mehr weiter! Es wird einen Bürgeraufstand geben. Bürger gegen Bauer.
Weil es stinkt mir ! Es stinkt mir ordentlich !
Und - Schneewittchen - wenn du mich noch einmal fragst, warum es da in meiner Wohnung so stinkt und ob ich heute Bohnen gegessen habe, dann klatsch ich dir eine.

Freitag, April 13, 2007

cappuccinos rache


Da gehe ich so dahin und da sehe ich vor mir auf dem Gehsteig drei weiße Kaffeetassen und zwei Untersetzer.
Gestern waren sie noch nicht da. Komisch.
Ich würde es ja noch eher verstehen, wenn da drei Tassen und drei Untersetzer liegen würden. Aber so passt das ja gar nicht zusammen.
Sie liegen da direkt vor mir. Nicht irgendwo in einer Ecke. Nein, direkt in der Mitte des Gehsteiges.
Es ist also kein Müll, der da herumliegt, so wie manchmal in einer Ecke irgendwo. Zwei Tassen liegen verkehrt da, eine mit der Öffnung nach oben. Das ist eigenartig. Hat da ein Kaffeekränzchen stattgefunden? Nein, das kann nicht sein. Da ist nur der Gehsteig und sonst nichts. Nur die Straße und auf der anderen Seite eine Hecke und dahinter ein Parkplatz.
Ich bin mir sicher, dass das Geschirr nicht einfach so aus Nächstenliebe hingelegt wurde. „Ich brauche diese Tassen und die Untersetzer nicht mehr, vielleicht brauchst du sie ja, du, der da gerade vorbeigeht.“ Wer braucht schon drei Kaffeetassen und zwei Untersetzer?
Vielleicht ist das ja ein Rätsel. Oder eine Botschaft. Eine Art Signal, ein Geheimzeichen einer Untergrundbewegung. Vielleicht hat ein Spion das Geschirr genau so angeordnet, um jemandem anderen eine Botschaft zu hinterlassen. Zwei Tassen verkehrt heißt vielleicht „Der Verdächtige gehört beseitigt“ oder „Auftrag erledigt“ oder „Mission nicht durchführbar“.
Ich muss wissen, was da los ist. Ich muss wissen, ob unter den beiden Kaffeetassen, die da verkehrt liegen, was versteckt ist. Die eine steht ganz normal da und ist leer. Sauber, ausgewaschen, nichts Auffälliges zu erkennen. Ich blicke mich um. Vorsichtig. Man weiß ja nie. Vielleicht beobachtet mich der Spion aus dem Hinterhalt. Vielleicht lauert jemand hinter der Hecke. Vielleicht ist irgendwo eine Kamera, die mich filmt und dann, wenn ich die entscheidende Bewegung mache und die Tasse berühre, schnappt die Falle zu.
Ich bücke mich ein wenig. Nichts passiert.
Ich bücke mich ein wenig tiefer. Wieder nichts.
Vielleicht sind die Tassen auch angeklebt am Gehsteig und wenn ich sie berühre, dann komm ich auch nicht mehr los und klebe auch fest. Und dann kommt vielleicht die Polizei und stellt Fragen oder verhaftet mich. Nicht auszudenken.
Ich stehe wieder gerade und gehe ein Stück weg. Aber ich schaffe es nicht. Ich drehe wieder um. Ich bücke mich schnell und berührte eine Tasse ganz leicht mit nur einem Finger. Für den Bruchteil einer Sekunde. Nichts passiert. Ein Auto fährt vorbei. Ich schaue gelangweilt die Hecke an. Kaum ist das Auto außer Sicht, berühre ich eine Tasse mit der ganzen Hand. Mein Herz klopft. Nichts. Es passiert nichts.
Nun aber!
Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und drehe eine Tasse um. Blitzschnell. Fast wäre sie umgefallen, aber ich schaffe es gerade noch, sie mit der Hand ins Gleichgewicht zu bringen. Leer. Sie ist leer. Gott sei Dank! Und rund um mich ist nichts Auffälliges zu sehen. Nicht auf der Straße, nicht hinter der Hecke. Und ich drehe die zweite Tasse um. Auch leer. Ich bin erleichtert.
Ich stehe auf und gehe weg. Ich drehe mich mehrmals um. Nichts passiert. Ich gehe weiter.
Zu Hause denke ich noch immer nach. Ich komme zu keinem Ergebnis. Ich habe keine Idee.
Am nächsten Tag auf meinem Weg in die Schule ist alles weg. Keine Anzeichen von Tassen oder Untersetzern. Nichts, gar nichts. Wie weg geblasen, wie nie da gewesen. Als ich nach Hause komme und die Treppe zu meiner Wohnung hinauf steige, stockt mir der Atem.
Da liegt etwas Weißes auf dem Fußabstreifer. Als ich näher komme, sehe ich es.
Eine Tasse steht da. Daneben ein Untersetzer.
Mich ergreift die Panik.
Die Vergangenheit holt mich ein. Es hat mit dem Cappuccino zu tun. Ich weiß das genau.
Das ist eine Warnung.
Weil ich zu oft Tee getrunken habe in letzter Zeit. Schnell gehe ich vor die Türe, hole Tasse und Untersetzer herein in die Wohnung. Ich mache Kaffee, fülle ihn in die Tasse und gieße Milch dazu. Beim ersten Schluck höre ich ein Raunen. Ganz leise. Ganz deutlich: Das war eine Warnung, Amadea. Du bist gerade noch mal davongekommen. Um Haaresbreite.

Mittwoch, April 11, 2007

gott sei tank

Das Telefon läutet.
Da leuchtet eine Lampe auf.
Wo?
Na, da vorne. Am Cockpit.
Beim Auto heißt das nicht Cockpit sondern Armatur.
Egal, dann halt an der Armatur. Es leuchtet noch immer.
Wie sieht es aus?
Na, wie ein Licht halt.
Welche Farbe hat es?
Erinnerst du dich an die Vorhänge, die wir in der alten Wohnung hatten?
Welche Vorhänge? Was redest nun von Vorhängen?
Na, die im Wohnzimmer. Diese orangenen.
Ist das Licht orange?
Ja, so wie die Vorhänge. Ein helles Orange.
War da auch ein Geräusch, als das Licht aufleuchtete?
Ja.
Was für eines?
Weiß nicht. So ähnlich wie ein Frosch.
Ein Frosch?
Ja, ein Frosch.
Bist du dir sicher? Hat es nicht gepiepst?
Na, dann hat es halt gepiepst, ich weiß es nicht mehr.
Du musst tanken.
Gott sei Dank. Nur der Tank leer. Ich dachte schon, es sei was kaputt. Aber ich kann nicht tanken.
Du wirst wohl tanken können.
Nein. Das kann ich nicht. Du tankst doch immer.
Dann frag halt den Tankwart. Wo bist du denn?
Ich weiß nicht. An einer Kreuzung. Nicht weit vom Hofer.
Da kannst du tanken.
Beim Hofer?
Nein, nicht beim Hofer. Daneben, beim Maximarkt.
Beim Maximarkt? Das hab ich noch gar nie bemerkt, dass man da tanken kann. Dabei war ich da schon oft einkaufen.
Herrgott, wie kann man nur so blöd sein. Natürlich tankst du nicht im Maximarkt, neben dem Katzenfutter oder an der Fleischtheke. Du tankst draußen.
Draußen? Wo draußen?
Daneben, daneben. Da ist eine Tankstelle. Eine große. Und da tankst du. Da stehen sechs Zapfsäulen mit Schläuchen dran. Und in diesen Zapfsäulen ist Benzin.
Du bist gemein. Du redest mit mir so als ob ich ein Kind wäre.
Du bist ein Kind.
Ich bin deine Frau.
Ja auch. Aber was das Tanken betrifft, bist du ein Kind. Eigentlich ein Säugling.
Nun sei nicht so gemein. Hilf mir lieber.
Wie soll ich dir helfen. Ich bin zu Hause.
Du hast es gut, bist zu Hause. auf der Couch und ich steh hier mit dem Licht.
Ich bin nicht auf der Couch und ich kann nichts dafür, dass du da stehst und nicht rechtzeitig tankst.
Du hättest mir auch sagen können, dass ich tanken muss. Sonst weißt du auch immer alles.
Herrgott, wie lang fährst du schon mit dem Auto? Zwanzig Jahre?
Einundzwanzig.
Eben. Einundzwanzig. Und du willst mir sagen, ich soll dir sagen, wann und wie du tanken sollst.
Nun fang nicht an zu streiten. Du bist ungerecht. Ich fahr nun tanken.
Nach eineinhalb Stunden läutet das Telefon wieder.
Ich wusste nicht, dass das Benzin so teuer ist.
Klar weißt du das nicht. Wenn du nie tankst. Wie viel hast du getankt?
Einen Liter. Übrigens, gerade eben hat das Licht wieder aufgeleuchtet. Und der Frosch hat auch wieder gepiepst.

Montag, April 09, 2007

urbi et orbi


Feiertage in unserem Haus waren anstrengend.
Es begann schon am Aschermittwoch.
Da mussten wir in aller Herrgottsfrühe aus den Federn. Sieben Uhr Frühmesse. Das muss sein. Weil da bekommst du ein Aschenkreuz auf die Stirn. Das ist gut gegen Kopfweh. Du hast ja eh immer Kopfweh, Amadea. Ich hatte oft Kopfschmerzen als Kind, und das Aschenkreuz nutzte nichts. Im Winder steckte ich oft meinen Kopf in den Schnee. Heute würde ich vermutlich der Psychologin vorgeführt werden und die würde die Eltern vorladen und ihnen die Leviten lesen. Eh klar, dass sie Kopfweh hat, die Amadea. Steht zu sehr unter Druck bei dem strengen Vater. Das arme Kind. Ich mag diese verbrannte Butter nicht, und den Stinkerkäse auch nicht. Dann isst du halt Polenta mit Preiselbeermarmelade drauf.
Kaum hatte ich mich von den Strapazen des Weihnachtsputzes erholt, ging es dann in der Karwoche los mit dem Osterputz. Und dieses Mal ordentlich und gründlich. Mit System.
Mama in ständiger Anspannung und umgebundener Schürze und Kopftuch, mit Putzlappen und Kübel im Haus herumwuselnd.
Papa in der Blauen, musste die Vorhänge abmachen, Matratzen raus tragen und Teppiche klopfen. Gut gelaunt waren beide nicht. Sie waren grantig.
Vermutlich hing das damit zusammen, dass die ganze Karwoche gefastet wurde. Wir fasteten nicht, um abzunehmen, es gab nichts abzunehmen. Wir waren eh alle spindeldürr.
Fasten reinigt Körper und Geist, sagte Mama. Und wir erinnern uns an das Leiden Christi, sagte Mama, als sie gerade den Ofen kehrte. Dabei dachte sie aber nicht an den Christi, sondern daran, ob sie mit der Schmierseife wohl den Ruß, der sich überall in der Küche verteilt hatte, wieder wegbekommen würde. Ich sah das an ihrem verbissenen Gesichtsausdruck.
Ich nieste die ganze Zeit, nicht wegen des Rußes, sondern weil es saukalt war im ganzen Haus. Die Fenster waren ständig offen, und endlich, als Mama den Ofen fertig gekehrt hatte und mit der Schmierseife den Ruß beseitigt hatte, wurde eingeheizt. Aber gleich darauf wurden die Fenster wieder aufgerissen, weil es in der ganzen Küche rauchte und stank. Mama hatte die Oberfläche des Küchenherdes mit Öl bestrichen. Das glänzt schön, sagte sie.
Mama, das mit dem Öl, das ist ein Blödsinn, einmal Einheizen das ganze Öl ist verbrannt und dann glänzt gar nichts mehr.
Aber es musste sein. Mama hörte gar nicht, was ich sagte. Vermutlich weil mein Magenknurren lauter war als meine Stimme.
Das hat schon die Uroma so gemacht. Basta.
Am Gründonnerstag fing der Stress so richtig an. Wehe, du warst die letzte, die aufstand am Morgen. Da kam Papa ins Zimmer gestürmt, im Schlepptau Mama und kleine Schwester und machten einen Riesenlärm und riefen Dontlersgohn, Dontlersgohn. Und Papa riss mich aus dem Bett.
Was eine Dontlersgohn genau ist, weiß ich nicht. Eine Gohn ist ein Wagen mit Holzrädern. Und Dontlers heißt vielleicht Donnerstag.
Der Stress dauerte bis zum Ostersonntag. Lang Schlafen war nicht drin, aber das wäre wegen des Osterputzes eh nicht möglich gewesen.
Außerdem musste man am Donnerstag die ersten Kräuter sammeln, Eier wurden in unserem Hause immer mit Zwiebelschalen und Kräutern gefärbt. Selbst gesucht und gepflückt. Von mir. Meine Schwester war nicht zu gebrauchen. Sie war zu klein und nervte mich ohnehin ständig. Zu essen gab es Spinat mit Spiegelei.
Und am Abend in die Messe. Zu Christis Leidensweg.
Am Freitag war ich dann die Karfreitagsratsch. Ich war wieder die letzte beim Aufstehen.
Die Glocken sind nach Rom geflogen, sagte Oma, gestern schon. Und sie kommen erst zu Ostern wieder zurück. Heute hörst du nur die Ratschen. Und die hörten wir dann am Nachmittag. Um punkt drei Uhr in der Kirche. Um punkt drei Uhr ist Jesus gestorben und da muss man ruhig sein und sich besinnen.
Und da saß ich dann in der Kirche, hungrig und müde und der Pfarrer wollte und wollte nicht aufhören. Mit der ganzen Schar der Ministranten blieb er an jedem Bild des Kreuzweges stehen und betete und erzählte die ganze Leidensgeschichte und je länger er erzählte umso übler wurde mir.
Und ich betete brav das Jesusderfürunsamkreuzgestorbenist mit. Schlecht war mir, weil ich nur ein wenig Grießbrei gegessen hatte.
Und die Ministranten schwangen die Ratschen, dass es nur so klapperte. Endlich war der Leidensweg zu Ende. Heim, Osterlamm backen. Ich musste die Butter rühren und die Osterlammformen ausschmieren und kostete heimlich vom süßen Teig. Hungrig wie ich war.
Samstag früh wieder das Übliche.
Feuerhund, Feuerhund, Amadea. Gejohle. Und Papa zerrte mich wieder aus dem Bett. Karsamstag Vormittag. Einkaufen. Noch immer nichts Ordentliches zu essen. Am Nachmittag war das Schlimmste überstanden. Ausgelaugt und müde saßen wir alle herum und warteten auf den Abend.
Weil am Abend war das Hochamt in der Kirche. Um acht.
Zieh was ordentliches an, Amadea. Die weiße Bluse und den karierten Rock. Und nimm das rote Kapperl.
Dieses blöde rote Kapperl. Und Papa zupfte herum und setzte es mir schief auf und ich hielt den Kopf schief damit es nicht herunter fiel und Mama gab mir die Osterkerze und sagte, Halt den Kopf nicht so schief, und halt die Kerze gerade und lass das heilige Feuer später ja nicht ausgehen.
Um sieben Uhr Feuerweihe. Ich mit geweihter Kerze in die Kirche. Und das war dann ein Singen und Klingen und Weihräuchern. Und die Glocken waren mittlerweile wieder zurück aus Rom und läuteten, dass einem die Ohren nur so klingelten. Und alle hatten eine Freude und den Osterfrieden und waren froh. Ich war müde und hielt meinen Kopf wegen dem Kapperl noch immer schief und auch die Kerze mit der heiligen Flamme war schief und das Wachs tropfte auf den karierten Rock und die weiße Bluse.
Aber dann zu Hause gab es was zu essen. Aufschnitt und roten Paprikasalat und Schinken und Eier. Und alle hauten rein, der Papa und die Mama und die Oma. Ich nicht so. Ich war zu schwach, die Gabel zu halten. Und mir war schlecht. Und dann vor dem Schlafengehen die Kerze in die Abwasch. Die Osterkerze mit der heiligen Flamme.
Und tu den Vorhang weg, Papa, sonst fängt der noch Feuer.
Und dann am Ostersonntag wieder der Stress mit dem Aufstehen. Weil wenn du am Ostersonntag die letzte warst beim Aufstehen, war das das Schlimmste, das passieren kann. Da warst du dann die Osterblo. Blo ist ein ein Kuhfladen. Ich war immer die Osterblo.
Und wieder in die Kirche. Mit dem Korb zur Speisenweihe. Schinken, Eier, Osterlamm, Butter. Ich musste den Korb tragen und ganz vorn vor den Altar stellen. Und das Hochamt dauerte drei Stunden und danach mussten wir das heilige Zeug essen. Zumindest ein Ei. Ein heiliges.
Und dann um zwöfl Uhr im Radio Urbi et Orbi vom Papst. Und alle hörten zu. Andächtig.
Und am Nachmittag dann das Osternestsuchen und ich fand es immer sofort aber ich durfte das nicht zeigen wegen der Kleinen. Weil es war ja die ganze Großfamilie versammelt. Alle Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen da. Und die Cousins und Cousinen waren alle jünger als ich. Und ich hatte das Feischtougsgwond – Feiertagskleidung – an.
Und fiel jedes Mal in die Wiese und alles war dreckig. Und Mama schimpfte, Amadea, alles für die Katz. Es ist ein Kreuz mit dir.
Der Ostermontag war ruhig. Es war der einzige Tag, an dem ich lang schlafen konnte, ohne dass Papa mich aus dem Bett riss. Mein einziger Feiertag. Und mein Magen hatte sich auch wieder gewohnt an das normale Essen.
Die Dinge haben sich geändert.
Ostern ist nicht mehr das, was es war.
Ich kann schlafen, so lange ich will.
Ich muss nicht mehr in die Kirche, nicht mal mehr zum Hochamt. Und ich bekomm auch kein Aschenkreuz mehr auf die Stirn, und trotzdem habe ich fast nie Kopfweh.
Und das Feiertagsgwand ist auch nicht mehr für die Katz. Ich fall nie mehr in die Wiese. Und es ist kein Kreuz mehr mit mir. Ein Problem habe ich aber noch immer.
Wo schneide ich das Osterlamm an?