Montag, Mai 28, 2007

tease for two


Ich hätte gern eine Tasse Tee.
Welchen Tee? Wir haben grünen Tee, Jasmintee, Pfefferminztee, Kamillentee, Früchtetee, schwarzen Tee mit Erdbeergeschmack…
Ganz normalen Tee nur. Eine Tasse heißes Wasser mit einem Teebeutel.
Welche Art von Teebeutel? Grüner Tee, Jasmintee, Pfefferminztee, Kamillentee, Früchtetee, schwarzen Tee mit Erdbeergeschmack…
Okay, wir lassen das mit dem Tee. Kaffee, bitte.
Was für einen Kaffee? Café latte, Cappuccino, Verlängerten, Einspänner, Melange, einen kleinen Braunen, Espresso…
Okay, auch keinen Kaffee. Ein Mineralwasser bitte.
Was für ein Mineralwasser? Mit, wenig oder ohne Kohlensäure?
Mit, bitte.
Da haben wir Melonen-Koriander, Erdbeere, Minze-Honigmelone, Birne-Melisse, Marula, Kiwano…
Dann lieber eins mit wenig Kohlensäure.
Was für eines? Wir haben Zitrone, Orange, Pfirsich, Mango, Kirsche, Apfel, Papaya…
Nein, dann nehme ich eines ohne.
Ohne was?
Ohne Kohlensäure.
Tut mir leid, das ist uns gerade ausgegangen.
Dann ein Glas Wasser bitte.
Wasser servieren wir nur zu Rotwein. Wir haben einen Zweigelt, einen Spätburgunder, einen Portugieser…

Sonntag, Mai 27, 2007

driving in my car


Samstag früh. Der erste Satz, den ich höre, noch vor dem Frühstück, aus dem Radio: Blockabfertigung vor dem Tauerntunnel.
Aus der Plan, mich mit der Freundin in der Stadt auf einen Kaffee zu treffen.
Ich schaue aus dem Fenster.
In der Ferne auf der Autobahn eine Schlange von Wohnmobilen, Wohnwägen und Autos, voll bepackt mit Fahrrad und Schlauchboot.
Ich fahre mit dem Rad ins Dorf.
Auf der Dorfstraße eine Schlange von Wohnmobilen, Wohnwägen und Autos, voll bepackt mit Fahrrad und Schlauchboot.
Ich gehe in den Supermarkt.
Vor der Kassa eine Schlange von Autofahrern, Wohnmobil– und Wohnwagenbesitzern voll bepackt mit Wurstsemmeln und Getränken.
Alle genervt.
Ich auch.
Auto fahren ist prinzipiell eine nervige Sache.
Egal ob Pfingstwochenende ist oder nicht.
Es gibt ziemlich viel, was mich nervt beim Auto fahren.
Da gibt es diese notorischen 70-kmh-Fahrer. Die fahren immer siebzig. Die fahren siebzig auf der Autobahn und die fahren 70 im Ortsgebiet.
Dann gibt es die Auspuff-pick-Fahrer. Das sind die, deren vordere Stoßstange an deinem Nummernschild hängt. Die blinken dich ständig an, wenn du bei einer Höchstgeschwindigkeit von achtzig neunzig fährst.
Dann gibt es die Fernlicht-Fahrer. Die fahren immer mit Aufblendlicht. Bei Tag und bei Nacht. Jederzeit.
Dann gibt es die Autobahn-gehört-mir-Fahrer. Die wechseln ständig die Spur. Ohne Grund.

Wenn ich Verkehrsminister wäre, dann würde ich einen neuen Test einführen.
Einen ganz einfachen Multiple-Choice-Test. Kreuzen Sie an:

Vor Ihnen fährt ein Auto. Was denken Sie?
*Achtung, ein Auto vor mir ist gefährlich.
*Ich muss den richtigen Abstand einhalten.
*Je näher ich heran fahre, umso mehr Benzin spare ich.

Welche Aufgabe hat die rechte Fahrspur?
*Sie ist da um befahren zu werden.
*Keine. Sie sollte gleich wie die linke behandelt werden.
*Die rechte Fahrspur? Ist da eine?

Wozu dient das Aufblendlicht?
*Um die Straße vor mir genau zu sehen.
*Um einem entgegenkommenden Auto vor einer Radarfalle zu warnen.
*Um den Autofahrer vor mir zu blenden.

Wie groß soll der Sicherheitsabstand zu einem vor Ihnen fahrenden Auto sein?
*Dreißig Zentimeter.
*Groß genug.
*Was ist ein Sicherheitsabstand?

Das Wechseln der Fahrspur auf Autobahnen ist
*nur in bestimmten Situationen erlaubt.
*nur erlaubt wenn man überholen will.
*ist jederzeit und immer erlaubt.

Wenn ich eine Ortstafel sehe,
*fahre ich langsamer.
*halte ich Ausschau nach der Kirche.
*fahre ich siebzig.

Hab ich was vergessen?

Freitag, Mai 25, 2007

das sprungbrett


Wer weiß, sagte Erika zu mir.
Vielleicht ist das ja DIE Gelegenheit, DAS Sprungbrett.
Das Sprungbrett wozu?
Zur Filmkarriere.
Ach ja, mehr sagte ich nicht.
Ich habe die Erika ja ziemlich beneidet. Weil sie hatte diese lange Szene beim Arzt. Ein Gespräch über zehn Minuten.
Die hätte ich eigentlich spielen sollen, diese Sprungbrettszene.
Es tut mir leid, Amadea, aber du bist schon ein paar Mal so groß im Bild in der einen Szene im Stadtl, da kann ich dich leider nicht für die Arztszene nehmen, sagte die Regieassistentin.
Ich wusste, dass ich groß im Bild gewesen war, total in der Totalen. Ich habe das gespürt. Körperlich. Dieses starrende Kameraauge auf mir. Sogar auf meiner Schokoladenseite. Und der Michel auch. Der hat das auch gespürt.
Alle waren wir im Film. Erika, Anna, Schneewittchen und ich.
Wir machten uns schon Gedanken, wie wir Beruf, Familienleben und Medienrummel unter einen Hut bringen könnten.
Und gestern war es soweit. Das große Ereignis, im Fernsehen. In ORF 2.
Der ganze Ort vor dem Kastl.
Die Statisten hatten die ganze Verwandtschaft angerufen. Ich auch.
Das heißt, pro Statist, fünfzig zusätzliche Zuschauer. Das macht schon was aus bei zweihundert Statisten. Das schnalzt die Einschaltquoten aber ordentlich in die Höhe. Zu meiner Klasse sagte ich: Heut, Kinder müsst’s fernsehen. Eure English Miss ist im Film.
Sie machten große Augen.
Ja, heute im Zweier. Fragt’s die Eltern, ob ihr dürft.
Die ganz ordentlichen schrieben Uhrzeit und Filmtitel in ihr Mitteilungsheft.
Frau Lehra, müssen wir das unterschreiben lassen?
Nein, ausnahmsweise nicht. Die Frau Hofer ist auch dabei.
Wie viel Lehra san no dabei? Is des a Film üba die Lehra?
Keine mehr, nein das ist ein ganz schöner Film, keiner über Lehrer. Der Papa vom Franzi ist auch dabei.
Der Franzi grinste stolz.
Und die Mama von der Lena auch. Die von der 2B. Und viele Leut’, die ihr alle kennt. Also alle schön schauen heut auf d’Nacht. Dafür gibt’s auch keine Hausübung.
Ich mein, wennst schon mal im Film bist als Lehrerin, dann musst das auch sagen. Bringt ja Ansehen bei den Kindern.
Ich habe mich gestern gut vorbereitet. Auf die Filmpremiere. Hab den Onkel Peppi in Wien, die Tante Traudl in Tirol und Annatant in Vorarlberg angerufen und meine Eltern und meine Schwester und meine Söhne und meine Freundin in Oberösterreich und die Bekannten in Vorarlberg.
Und die Erika hat alle Verwandten in der Steiermark angerufen. Die hat ja eine wahnsinnig große Familie. So um die fünfzig Cousinen und Cousins hat die. Da hat die ganze Steiermark ferngschaut.
Bei der Anna gab’s Premierenfeier mit Nachbarschaft und kalter Platte und Sekt und allem drum und dran. Sie hat mich eh auch eingeladen. Aber ich wollte nicht. Ich wollte keinen Rummel an dem denkwürdigen Abend.
Schneewittchen hatte ja a bissl an Stress. Der Schneewittchenmann wollte unbedingt mähen. Das muss sein, wer weiß, wie lang das schöne Wetter andauert.
Und Schneewittchen musste heuen.
Ihr Bub hat eh gsagt, Heut grad, weil die Mama im Fernsehen ist. Das ist das einzige Mal im Leben, dass die Mama im Fernsehen ist. Da musst du mähen, Papa.
Aber mähen musste sein und heuen auch.
Aber um sieben waren sie alle fertig. Und geschneuzt und gestriegelt vor dem Fernseher versammelt.
Und der Peter, der ältere wollte dann noch von der Schneewittchenmama das Haar geschnitten haben.
Aber da hat sich Schneewittchen dann doch durchgesetzt.
A Ruah’ is. Nix Haar schneiden, Peterl – du holst mir den Sessel, wo ich die Füß’ hochlegen kann und dann seid’s mucksmäuserlstill und dann schau ma.
Und die Chips und die Soletti kamen auf den Tisch und der Hollersaft für die Kinder und der Wein vom Rudlonkel aus dem Burgenland für Schneewittchen und Schneewittchenmann.
Und hiaz seid’s ruhig.
Endlich.
20.15 - Die Verzauberung.
Die Frucht unserer harten Arbeit voriges Jahr im Spätsommer.
Und es war ein Erlebnis, unvergesslich. In meinem ganzen Leben noch nicht hab ich mir so genau einen Film angeschaut. Die Arbeit hat sich gelohnt, wirklich.

Ich war zwei Mal zwei Sekunden im Bild, die Anna ein Mal drei Sekunden. Schneewittchen nie. Da wär sich das Haarschneiden auch noch ausgegangen.
Erikas Sprungbrettszene dauerte zwanzig Sekunden.
Kaum der Film vorbei, rief Mama an. Ich hab dich gar nicht gesehen, Amadea.
Klar, Mama, weil du immer einschläfst.
Jo eh, sagte Mama. Aber der Papa hat dich auch nicht gesehen.
Dann hat er nicht genau g’schaut. Ich war zwei Mal im Film. Zwei Mal, Mama.

Ich hätte das Zeug dazu. Ich wäre die geborene Schauspielerin.
Der Herr Paulus hat das nur noch nicht erkannt.
Der Lover weiß es auch. Der hat es als einziger kapiert.
Heute stand er vor mir. Mit Blumenstrauß und Schokolade.
Amadea – du hast dem doch etwas seichten Film wirkliche Tiefe verliehen.
Eben.

Ich war schließlich im Film.
Zwei Mal.
Für je zwei Sekunden.
Von hinten.

Mittwoch, Mai 23, 2007

sigh no more, ladies


Ich bin ja DIE Expertin wenn es um Beziehungen geht.
Also hier einige Tipps für euch, liebe Leserinnen.

Es gibt da die Freundin, die dir immer das sagt, was du gerne hören willst. Tief in deinem Herzen weißt du, dass das nicht stimmt, aber weil es so schön klingt, glaubst du es. Es gibt da aber auch die Freundin, die dir genau das sagt, was du nicht hören willst. Tief in deinem Herzen weißt du, dass es stimmt, aber weil es nicht schön klingt, glaubst du es nicht.
Du lernst einen tollen Mann kennen. Du gibst ihm deineTelefonnummer. Du wartest den ganzen nächsten Tag auf seinen Anruf. Er ruft nicht an.
All diese Geschichten, die du erfindest – sein Handy ist kaputt, er hat es verloren, er ruft sicher morgen an – sind Unsinn. Vergiss ihn. Er ist nicht interessiert an dir.

Du lernst wiederum einen tollen Mann kennen. Er erzählt dir, dass er verheiratet oder in einer Beziehung ist. In einer unglücklichen natürlich. Das sagt jeder. Und er ist gerade dabei, sich zu trennen oder sich scheiden zu lassen. Aber seine Frau hat diese unerklärliche Krankheit seit dem Urlaub auf den Seychellen. Sie wird demnächst diese Therapie beginnen. Und dann kann er sich von ihr trennen. Und wenn er sagt, er geht nicht mit dir aus, weil er an Xenophobie leidet oder es bei dir so gemütlich findet, dann sag ihm, dass du unter Klaustrophobie leidest und es nicht länger als zwei Stunden in deiner Wohnung aushältst.

Wenn dich ein Mann in einer Bar anlächelt und dir das Gefühl gibt, er hat nur Augen für dich, dann denke daran, dass er das mit jeder Frau tut, die ihm gefällt. Und wenn er dich „Göttin“, „Muse“ oder „Schnuckiputzi“ nennt, so sei dir bewusst, dass er das auch zu anderen sagt, weil er sich all die Vornamen nicht merken kann.

Wenn du in einer Beziehung bist, dann merke dir folgendes: Ein Mann will niemals der Bösewicht sein.
Das heißt, wenn die Beziehung nicht klappt, dann bist du schuld. Weil du nicht so gut kochst wie seine Mutter oder weil du zu selbstständig bist oder weil du zu gefühlsbetont bist oder weil du zu temperamentvoll bist oder weil du zu viel redest oder weil du zu viel Sex willst oder weil du nie Sex willst oder weil du zu dick bist oder weil du zu wenig Busen hast oder weil du zu oft zum Friseur gehst oder weil du dich gehen lässt oder weil du zu sehr klammerst oder weil du nur an dich denkst oder weil du zu kompliziert bist.

Wenn du dir eine Beziehung wünschst, heißt das nicht, dass du eine haben wirst.

Wenn du dir wünschst, dass die Beziehung, in der du bist, funktioniert, heißt das nicht, dass sich irgendetwas ändert.

Den "richtigen" Mann gibt es nicht !
Es kann nicht alles passen und perfekt sein. Das wäre auch langweilig.
Wenn du einem Mann begegnest, bei dem du dich wohl fühlst, bei dem du die Liebe spürst, bei dem du DU selbst sein kannst, dann bleib bei ihm.
Auch wenn er den Klodeckel nicht hochklappt und nicht merkt, dass du abgenommen hast oder beim Friseur warst.

Buchtipp: Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest

Donnerstag, Mai 17, 2007

elternsprechtag


Letzte Woche war Elternsprechtag. Von 16 bis 20 Uhr.
Fünf vor vier und vor meiner Klassentüre eine Warteschlange bis ins Stiegenhaus. An die zweihundert Mütter und vier Väter.
Also vierten Gang einlegen.
Tür auf, grinsen, Mutter herein bitten, Begrüßung, Handbewegung Richtung Sessel, Schüler/Schülerin im Notenheft suchen, Notendurchschnitt sagen, Elternbrief überreichen, verabschieden, Handbewegung Richtung Tür, Tür öffnen, grinsen. Die nächste bitte.
Die nächste war ein Vater. Egal, der hört das sowieso nicht.
Am Elternsprechtag sind die Eltern aufgeregt. Und die Lehrer auch.
Und alle sind anders. Sie gehen anders, sie reden anders, sie schauen anders drein. Sie sind besser gekleidet. Die Lehrerinnen tragen Röcke und Stöckelschuhe, die Lehrer Krawatten und Stoffhosen.
Die Lehrer und Lehrerinnen wollen den Eltern vermitteln, dass sie selbstbewusst, freundlich, kompetent und überlegen sind. Also Dauergrinsen und fester Händedruck. Die Eltern wollen den Lehrern und Lehrerinnen vermitteln, dass sie freundlich, kompetent und überlegen sind. Also Dauergrinsen und fester Händedruck.
Und jeder sagt Dinge, die nett klingen aber nicht stimmen.

Hier die Übersetzung.

Lehrer:
Markus macht sich gut = Ich kann mich nicht an Ihren Sohn erinnern.
Tina hat Probleme sich anzupassen = Ihre Tochter hat keine Manieren und ist eine freche Göre.
Stefan sollte sich mehr anstrengen = Ihr Sohn ist ein fauler Sack.
Eva ist eine angenehme Schülerin = Ihre Tochter ist langweilig und duckmäuserisch.
Armin schwätzt manchmal = Ihr Sohn hat ständig die Klappe offen und ist undiszipliniert.
Erwin ist nicht organisiert = Ihr Sohn hat weder Heft noch Hausübung und seine Schultasche ist ein Mülleimer.
Anja wird sich bemühen müssen = Ihre Tochter macht keine Hausübungen, passt nie auf und hat sowieso keine Chance.
Bernd steht auf einem guten Zweier = Gut, dass nicht alle Schüler solche langweiligen Streber sind wie Ihr Sohn.
Ingrid ist lebhaft = Ihre Tochter ist eine Nervensäge.
Haben Sie noch Fragen? = Gehen Sie nun wieder.

Eltern:
Ich glaube, zwischen Ihnen und Susanne stimmt die Chemie nicht = Meine Tochter ist ein Sonnenschein. Sie sind unkompetent.
Josef lernt jeden Tag zwei Stunden = Ohne Nachhilfestunden würde er es nicht schaffen.
Manfred kann sich so schwer konzentrieren = Sorgen Sie für mehr Disziplin in der Klasse.
Paul ist eine starke Persönlichkeit = Sie können sich nicht durchsetzen.
Anton ist sensibel = Sie haben das Einfühlungsvermögen einer Dampfwalze.
Andreas hat das Zeug für die erste Leistungspruppe = Mein Sohn ist hochbegabt und Anwärter für den nächsten Nobelpreis.
Maria ist technisch begabt = Bringen Sie meiner Tochter Englisch bei.

In drei Stunden hatte ich die Eltern durch. Im Sekundentakt.
Der Elternsprechtag war also doch nicht ganz umsonst. Ich konnte alle meine Hefte korrigieren.

Montag, Mai 14, 2007

sebastian - teil 2


Weißt du, woran ich merke, dass Muttertag ist?
Nur der Sebastian und der Sebastianpapa sind zu sehen.
Direkt unter mir.
Der Sebastian ist auch zu hören. Lautstark.
Der Sebastian und der Sebastianpapa sind auf dem Asphalt.
Von der Sebastianmama ist nichts zu hören und nichts zu sehen. Die schläft vielleicht. Oder sie schiebt den Braten ins Rohr.
Der Sebastian schiebt auch. Seinen Traktor. Wie immer.
Der Sebastianvater schiebt ebenfalls. Keine ruhige Kugel. „Schiab nit so wüd, Sebastiaaaaan. Tuast den Traktoa eh nit so wüd schiam?“
Der Sebastianpapa sitzt auf dem Parkplatz. Der Sebastian schiebt den Traktor vom einen Parkplatzende zum anderen. Laut schreiend. Wie immer.
Alina kommt. Alina hat keinen Traktor. Alina hat eine Puppe. Alina gefällt der Traktor. Das sieht man. Weil die Puppe fliegt. In hohem Bogen. Und landet auf dem Parkplatz direkt neben dem Sebastianpapa. Der schaut die Puppe kurz an und schreit: „Schau amoi, Sebaaaaastian, die Alina is a do!“
Der Sebastian schaut nicht.
„Sebaaaaastian, die Alina, schau amoi. De wü mit dir spieli, die Alina.“
Der Sebastian schaut noch nicht.
Der Sebastian hört den Sebastianpapa gar nicht. Weil der Sebastian schreit nur und schiebt. Wer kann da schon etwas hören. Da kann man nicht einmal etwas sehen.
Alina steht neben dem Sebastianpapa und wartet. Sie schaut. Dem Sebastian nach. Sie hat die Hand im Mund. Die ganze Hand. Der Sebastianpapa nimmt die Puppe, die neben ihm liegt und ordnet ihr das Höschen.
„Sebastiaaaaan, die Alina is do, schau amoi. Schiab den Traktoa nit so wüd!“
Der Sebastian kommt. Aber nicht, weil der Sebastianpapa gerufen hat. Er kommt weil er ist am anderen Ende des Parkplatzes angelangt.
Er dreht um und kommt. Direkt auf den Sebastianpapa zu.
Mit dem Traktor.
„Sebaaaaastian, nicht den Papa zammfaaahn, das tut dem Papa weh, gö?“
Sebastian hört nicht.
Der Traktor rattert, Sebastian schreit.
Plötzlich schreit der Sebastianpapa auch. Der Traktor rattert nicht mehr. Er liegt verkehrt am Parkplatz. Der Sebastianpapa auch. Der Sebastian schreit eine Nuance lauter und eine Oktave höher. Wie eine Operndiva schreit er. Der Papa schreit auch: „Sebaaaastian, jetzt tut dem Papa sein Popschi aber weh. Du bist ein böser Sebastiaaaaan. Lieb sein, Sebastiaaaaan.“
Sebastian dreht sich um. Will den Traktor aufheben.
Da fährt die Hand aus Alinas Mund hin zum Traktor. Schon hat sie ihn. Und die zweite Hand ist auch schon da. So schnell kann der Sebastian gar nicht schauen ist sie weg, die Alina.
Rattert über den Parkplatz wie eine Schneekönigin.
Stille.
Sebastian schreit nicht mehr.
Eine Sekunde lang.
Dann wieder. Wieder eine Nuance lauter und und wieder eine Oktave höher.
Der Sebastianpapa schreit ebenfalls. Auch eine Nuance lauter aber eine Oktave tiefer.
„Der Sebaaaaastian lasst die Alina schon mit dem Traktor foahn, gö?“ „Du derfst derweil mit der Alina iahn Puppi spieln, gö?“
„Schau, wos des liabe Puppi fia a nett’s Blusi an hat. So a nett’s Blusi is des.“ Der Sebastian sieht weder Blusi noch Puppi. Er sieht gar nichts. Wenn einer so schreit, kann er nichts sehen. Sebastian sieht nur rot. Obwohl der Traktor grün ist. Der Sebastianpapa hält dem Sebastian das liabe Puppi mit dem netten Blusi vor’s Gesicht. Der Sebastian schnappt das liabe Puppi beim netten Blusi und haut es dem Sebastianpapa ins Gesicht.
„Sebaaaaaastian, hiaz gemma owa heiti heiti, gö?“ „Hiaz is’ owa gnuag. Hiaz tuat da Papa dem Sebaaaaastian sei Handi patschi patschi.“
Alina ist weg. Mit ihr der Traktor. Der grüne.
Der Sebastian sieht noch immer rot.
Mittlerweile sieht der Sebastianpapa auch rot. Er schnappt den Sebastian und zerrt ihn über den Parkplatz Richtung Haustür.
In diesem Moment öffnet sich das Fenster. Die Sebastianmama streckt den Kopf heraus und schreit:“ Wos is den los mit mein’ Sebastiaaaaaanschatzibutzi? Hat die Alina dem Sebaaaaastian an Traktoa g’numma? Du oarm’s Schatzi, du oarm’s. Owa hiaz tan ma eh mampfin, gö?“
Und zum Sebastianpapa schreit sie. „Des is wieda amoi typisch. Oamoil im Joahr loß i di mit dem Buam alloa. Scho schreit er!“
Sie knallt das Fenster zu.
Der Sebastian und der Sebastianpapa gehen ins Haus. Beide schreiend.
Wehmütig schaue ich ihnen nach.
Dann ist es still. Den ganzen Nachmittag lang. Auch am Abend höre ich nichts. Ungewöhnlich ist das. Unheimlich. Der Sebastian wird doch nicht? Nein, das kann nicht sein. Er ist ja noch so klein. Und so lieb.
Aber verstehen würd’ ich das schon, würd ich, gell?

Sonntag, Mai 13, 2007

gipfeltreffen

Ein Moment der Stille.
Auf einmal bist du da.
Ich fühle mich ertappt.
Dabei tue ich doch gar nichts.
Ich schaue hinüber zum Horizont.
Die Luft macht meine Gedanken klar.
Klar und blau.
So wie der Himmel.
Und nun, da du hier bist, wird mein Denken nebelig.
Meine Wahrnehmung ist gestört.
Ich bin unsicher.
So, als ob ich irgendwo wäre, wo ich noch war.
So, als ob ich entlang eines schmalen Weges ginge, den ich noch nie gegangen bin.
Ich will dein Lächeln einfangen.
Gleichzeitig mit dem strahlend blauen Himmel und den Sonnenstrahlen.
Ich will diesen Moment bewahren.
Ich will, dass die Zeit stillsteht.
Nur für diesen Augenblick.
Ich will hier bleiben.
Hier mit dir.
Dir nahe.
Auch wenn es nur ein Traum ist.
Du kennst diesen Traum.
Wir haben ihn gemeinsam geträumt.
Irgendwo.
Irgendwie.

Samstag, Mai 12, 2007

sudoku


Wenn da ein Zweier ist und da auch ein Zweier, dann muss da auch ein Zweier sein weil da ist ein schon Dreier und da auch und da unten ist auch einer und das bedeutet dass da ein Vierer hinkommt und da auch weil hier muss ein Vierer sein oder auch nicht vielleicht muss hier auch nur ein Einser sein und da auch und da unten ein Vierer dann kann da nur ein Sechser sein oder ein Dreier oder ein Neuner.
Die eine Herdplatte, auf der das Fleisch brutzelt habe ich auf sieben gestellt statt auf drei oder vier und die zweite Herdplatte, auf der die Kartoffeln kochen, habe ich auf neun gestellt statt auf vier oder fünf und die dritte Herdplatte habe ich auf null gelassen statt auf acht gestellt.

Wir essen heute kalt.

Dienstag, Mai 08, 2007

lernen


Manchmal lernt man durch Versuch und Irrtum.
Da nützt es nichts, wenn dir jemand sagt, was du tun musst oder wie du es tu musst. Es nützt auch nicht wenn dir jemand sagt, dass es gefährlich ist, dass du auf dieses oder jenes aufpassen musst, weil dir etwas Schlimmes passieren könnte. Du musst es einfach selber ausprobieren, du musst einfach drauflosgehen. Anders lernst du es nicht. Radfahren, zum Beispiel. Oder Tanzen.
Dann gibt es Dinge im Leben, die sollte man lernen, ohne sie auszuprobieren. Aber manchmal ist die Versuchung zu groß und du schlägst all deine Vernunft in den Wind. Du lässt dich verführen dazu. Du weißt, es tut dir nicht gut, es ist nicht legal oder es ist unmoralisch.
Dazu gehört Steuern hinterziehen und Ehemann oder Ehefrau betrügen. Und wenn man dir draufkommt, dann hast du die Lektion gelernt. Vermutlich für dein ganzes Leben. Und der Schaden, den du angerichtet hast, ist schwer oder gar nicht mehr gutzumachen.
Es gibt auch Dinge im Leben, die lernt man, indem man sich vorstellt, was alles passieren kann. Sich vorzustellen, mit dem Mountainbike bergab ohne Helm unterwegs zu sein und auf einmal versagen die Bremsen.
Dann gibt es Momente, in denen du lernst, weil du unbekümmert oder unkonzentriert bist. Oder weil du zwei oder mehrere Dinge gleichzeitig machst.
Ich habe gerade gelernt, dass es nicht gut ist, eine Geschichte für das Blog zu schreiben und gleichzeitig im Backrohr ein Hendl zu braten.
Es mag noch andere Arten des Lernens geben.
Aber darüber schreibe ich nun nicht.
Meine Augen brennen vom beißenden Rauch und ich muss das Backrohr putzen.
Außerdem ist gerade die Feuerwehr vorgefahren.

Montag, Mai 07, 2007

dead gorgeous woman walking


Du, Amadea – beim Hofer gibt’s die Nordic- Walking-Stecken. Die kaufst du dir.
Anna, du weißt genau, dass ich nichts davon halte. Dieses Nordic Walking. Das ist spazieren gehen mit Hakelstecken. Ich sehe sie manchmal, diese nordischen Spaziergänger. Wie Elche spazieren sie herum. Es gibt zwei Arten von diesen Walkern. Die ausgemergelten, die sich nur von Spargel und Buchweizenlaibchen ernähren. Die haben diesen verbissenen Zug um den Mund.Man sieht sie auf Waldwegen im Gebirg. Die hetzen durch die Gegend. So als ob ihnen Gevatter Tod dicht auf den Fersen folgte. Dead men and women walking. Ausgemergelt und dünn sind die. Und die Jogginghose schlottert um die Beine. Und dann gibt es die, die Walken bei mir vorbei. Ich hör sie schon von weitem wenn ich am Balkon bin. Tack, tack, tack. Wie die Wanduhr meiner Oma. Und wenn ich dann schau, dann sehe ich stark übergewichtige Menschen, meistens Frauen, mit Leggings die sich wie eine Wursthaut sich um die prallen Schenkel spannt und weiten T-Shirts Größe xxx-large.
Nein, das Walking ist nichts für mich. Ich bin mit meinem Radl zufrieden. Da komm ich überall hinauf und bin nicht ewig lang unterwegs.
Sei nit so fad, sagt Anna. Wir wandern da flott, du, Schneewittchen und ich, ham a Gaudi, die stecken hamma halt mit und nach dem Wandern gemma a Kaffeedscherl trinken oder a Bier und das war’s. Die kosten nicht die Welt, die Stecken, die kaufst du dir.
Also machte ich mich letzte Woche auf zum Hofer.
Ich fahre ja nicht gerne zum Hofer. Weil da muss ich mit dem Auto fahren und ich kauf immer zu viel ein. Ich kaufe unnützes Zeugs, das nicht brauche. Dieses Mal eine Muffin-Backform und ein tragbares Kuchenblech mit Deckel und Henkel.
Die liegen nun im Keller. Originalverpackt.
Ich backe keine Kuchen mehr. Muffins schon gar nicht. Ich trennte mich nicht nur von Ehemann sondern auch von sämtlichen Kuchen- Gugelhupf- und Rehrückenformen. Endgültig, so wie ich glaubte. Wie man sich doch täuschen kann.
Natürlich kaufte ich auch die Nordic-Walking-Sticks. Deswegen war ich ja gekommen. Und die waren supergünstig. Noch am selben Abend probierte ich sie aus. weil es regnete. Und wenn es regnet, dann fahr ich nicht mit dem Radl. Und weil ich den ganzen Tag herumgesessen und deppert im Kopf war, kamen die wie gerufen, die Walking-Stecken. Raus an die Luft.
Ich wartete, bis es dunkel war. Nicht notwendig, dass der ganze Ort meinen Hakelsteckenjungfernwalk sah. Alles dabei – vom Kapperl bis zum Ipod. Dämmrig war es. Perfekt. Es nieselte. Der Anfang war ein wenig kompliziert. Und dann ging es ganz gut. Es ging eigentlich ausgezeichnet. Das ist eben so bei sportlichen Leuten. Die haben das gleich intus – auch wenn das noch kompliziert ist. Das geht da gleich alles flott. Querfeldein über die Wiese walkte ich, dass es nur so eine Freude war. Pearl Jam im Ohr mit It's okay. It’s okay, and you say it’s okay.
Und ich sang laut mit.
It’s okay. This is my plea, this is my need. This is my day to be free. This is my time, this is my way. In a world that's never safe. It's okay, it's okay. You gotta let me run away, It's okay, it's okay. Oh now let me run away. It's okay, it's okay.
Und es war sehr okay. Die Walking-Stecken flogen mir nur so um die Ohren.
Über zwei Stunden dauerte der Jungfernwalk.
Und wie ich mich fühlte! Wunderbar. Mein Gang federnd, leicht. Ich flog nur so über die Felder, und die Stecken flogen mir nur so um die Ohren. Wie eine Gazelle glitt ich über die nasse Wiese.
It’s okay, this is my day. I love you anyway.
In diesem Augenblick liebte ich meine Walking-Stecken. Von ganzem Herzen.
Heute nicht mehr so. Heute liebe ich sie etwas weniger.
Heute rief Anna an.
Du, Amadea. Ich wollte dir sagen, die Walking-sticks.
Ja, Anna. Stell dir vor, ich hab sie gekauft. Letzte Woche. Klasse dass sie so lang sind. Da kommt man schnell vorwärts. Ich wusste gar nicht, dass die so lang sind.
Amadea.
Ich sag dir, Anna. Ich bin da herumgesaust, über zwei Stunden.
Amadea.
Es hat geregnet, aber das war egal. Ich konnte gar nimmer aufhören.
Amadea.
Ich war klatschnass in den Schuhen. Aber das war mir völlig wurscht.
Amadea.
Ein toller Kauf war das.
Amadea.
Ich bin dir so dankbar, Anna.
Amadea.
Ja?
Ich wollte dir nur sagen.
Du brauchst nichts zu sagen. Morgen gehen wir gemeinsam walken. Nordic-walking ist toll. Ich hatte da einfach Vorurteile.
Amadea.
Ja?
Du hast keine Nordic-walking-sticks.
Klar hab ich die. Hab ich ja gekauft. Beim Hofer. So wie du gesagt hast.
Amadea. Das sind keine Walking-sticks. Das sind Langlaufstecken. Drum sind sie auch so lang. Drum waren sie auch so billig. Ausverkauf sozusagen.
Ich lege auf.
Und hole die Langlaufstecken. Ich trage sie in den Keller. Und leg sie zu Muffinbackform und tragbarer Kuchenform mit Henkel.

Früh bin ich dran mit den Weihnachtsgeschenken dieses Jahr.
Mama bekommt eine Muffinbackform, meine Schwester ein tragbares Kuchenblech mit Henkel und der Lover Langlaufstecken.
Der soll mal was tun, der faule Knochen.

Samstag, Mai 05, 2007

mobiles are handy


Weißt du warum ein Handy Handy heißt? Nein, das weißt du nicht.
Handy heißt handlich. Das wusstest du? Nix wusstest du.
Weil sonst würdest du es mitnehmen.
Ein Handy ist handlich. Man kann es mitnehmen, Überall hin. Man kann es einstecken, in die Tasche oder in den Hosensack. Und wenn du keinen Hosensack dabei hast, kannst du es sogar in den Ausschnitt stecken. Ein wenig mehr Oberweite würde dir ohnehin nicht schaden.
Und weißt du, was Handy auf Englisch heißt? Das weißt du?
Nix weißt du, Keine Ahnung hast du!
Handy heißt auf Englisch mobile. Mobile phone.
Das heißt, ein mobile phone ist mobil, jawohl, mobil. Ein mobile phone ist dafür da, dass man es mitnimmt. Überall hin.
Aber das kümmert Madame ja nicht. Madame nimmt ihr Handy nicht mit. Madame ist es vollkommen egal, dass ich versucht habe, sie heute zwanzig Mal anzurufen.
Dabei hat Madame zwei Handys.
Seit neuestem. Zwei!
Ein persönliches und ein Familienhandy.
Aber Madame nimmt nicht mal eines mit. Oh, Madame findet ihr Handy nicht.
Und Madame findet auch das Familienhandy nicht.
Erzähl mir doch nichts! Ein Handy findet man in jedem Fall. Eines von zweien.
Ich habe nur ein Handy und ich finde es immer. Und das heißt was, Madame, bei meinem Chaos.
Und ich sitz hier mit meinem Handy und tipp und tipp wie eine Wahnsinnige. Immer die gleiche Nummer. Immer deine.
Ich habe viel zu erzählen.
Aber das interessiert Madame ja nicht.
Erzähl mir doch nichts, es interessiert dich nicht im Geringsten, dass ich vor zwei nächsten stundenlang mein Handy gesucht habe, dass ich die Wohnung, die ohnehin schon ein Durcheinander war, komplett verwüstete.
Dass ich, wie eine Wahnsinnige um zwei Uhr nachts durch die Gegend fuhr um mein Handy zu suchen.
Ich erzähle dir nun nicht, dass ich um halb drei in der Nacht hundemüde zur Tankstelle fuhr, an der ich am Nachmittag getankt hatte. Da war das Handy natürlich nicht.
Und ich erzähle dir auch nicht, dass ich danach die Ausfahrt übersah und dann eineinhalb Stunden mutterseelenallein die Autobahn entlang raste, mit ohne Handy weil die nächste Ausfahrt auch gesperrt war.
Und ich erzähle dir auch nicht, dass mich ein Polizist aufhielt und ich einen Strafzettel bekam weil ich ohne Licht fuhr. Und wenn ich dem nicht gesagt hätte, dass der Chef des Polizisten mit mir ins Gymnasium ging, dann hätte ich nun gar keinen Führerschein mehr.
Jawohl, so schaut’s aus, Madame. Aber das kümmert dich ja nicht.
Und dass ich erst um halb vier Uhr früh nach Hause kam, völlig erschöpft und am Ende meiner Kräfte, nein, das erzähle ich dir nun nicht.
Es interessiert dich auch nicht, dass ich das Handy dann am nächsten Morgen in meiner Bettritze fand.
Wie das da hingekommen ist?
Das würdest du alles erfahren, wenn du nun dein Handy mit hättest.
Du würdest auch all die pikanten Details erfahren. Ja, ich weiß schon, dass du das gerne wissen würdest, aber ich sag nichts mehr.
Gar nichts mehr sag ich.
Mir reicht es.
Ich bin am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Aber das interessiert dich ja auch nicht. Abkratzen könnt’ ich. Völlig wurscht wär dir das.
Ach red nicht. Es ist zu spät. Lass das. Ich glaube dir gar nichts.
Aber eines sag ich dir. Du wirst das büßen.
Ich bin krank am Montag, jawohl, krank. Sterbenskrank.
Und du wirst für mich den Unterricht halten.
Du hast am Montag nur eine Stunde, nicht wahr? Und ich habe acht Stunden. Ja, acht. Und die wirst du halten. Auch die am Nachmittag.
Nein, ich schreibe nun keine Vorbereitung. Ich bin zu schwach dazu.
Du überlegst dir gefälligst was.
Anrufen? Nein, anrufen kannst du mich nicht.
Weil ich finde mein Handy grad nicht.
Wo es ist? Mir doch egal.
Irgendwo wird es schon sein.
Und was kümmert dich das? Du findest doch deines auch nicht.
Also nerv mich nicht.
Und halt endlich den Mund.

Mittwoch, Mai 02, 2007

monday blues


Da komm ich am Montag vergangener Woche in die Schule und das erste, was ich höre, ist Guten Morgen, Frau Lehra. Ich höre das nicht einmal, sondern zwanzig Mal, während ich Richtung Klasse gehe. Ich bin zwar auf, aber mein Blutdruck nicht. Also bin ich müde und nicht belastbar. Der Montag Morgen ist also kein guter Morgen. Weil da denke ich schon daran, dass ich erst um sechs Uhr abends aus der Schule komme. Ich betrete die Klasse und alle stehen auf.
Und ich habe die Tür noch nicht hinter mir geschlossen, da hebt einer die Hand hoch. Das liebe ich besonders, wenn einer aufzeigt, wenn ich die Türklinke in der Hand habe. Was zeigst du jetzt schon auf, sag mal? Wer ich? Ja, du.
Guten Morgen, Frau Lehra,
sagt er grinsend.
Das ist zuviel des Guten.
Ich nehme die Kreide und schreibe die Wochentage an die Tafel.
Danach zeige ich auf Montag. Montag, sage ich. Montag sagen die Schüler im Chor.
Nun hört mir mal zu. An einem Montag Morgen sagt ihr nichts zu mir, verstanden? Ihr sagt auf keinen Fall Guten Morgen, ihr schaut mir nicht in die Augen, ihr zeigt auf keinen Fall auf und ihr bewegt euch nicht. Ist das klar?
Die Schüler nicken.
Kommen wir nun zum Dienstag. Ich zeige auf das Wort Dienstag an der Tafel. Alle sagen Dienstag.
Der Dienstag unterscheidet sich vom Montag nur unwesentlich. Kein Guten Morgen, verstanden? Ihr dürft mich aber kurz anschauen und euch ein bisschen bewegen. Aber nur ein wenig, und langsam. Klar?
Die Schüler nicken.
Mittwoch? fragt ein Mädchen, das in der letzten Reihe sitzt. Die redet nie und gerade heut, am Montag, redet sie. Ich lasse das ausnahmsweise durchgehen.
Am Mittwoch dürft ihr Morgen sagen, ein kurzes Morgen, ohne gut, klar? Auf keinen Fall guten Morgen. Niemals. Mittwoch ist kein guter Morgen, versteht ihr? Sie verstehen und nicken. Für sie ist Mittwoch auch kein guter Morgen. Weil da haben sie am Nachmittag zwei Stunden Physik. Daran ist nichts gut.
Donnerstag und Freitag, sage ich laut.
Die Schüler wiederholen.
Am Donnerstag und Freitag dürft ihr Guten Morgen sagen. Ihr dürft mich anschauen und euch normal bewegen. Normal, versteht ihr? Aber ich warne euch. Es gibt auch Ausnahmen. Das hängt von verschiedenen Kriterien ab. Die Schüler nicken nicht. Vermutlich verstehen sie das Wort Kriterien nicht.
Und was ist am Samstag und Sonntag, Frau Lehrer? fragt der Bub in der ersten Reihe. Der, der aufgezeigt hat. Und der mich ohnehin nervt mit seinem ständigen Aufzeigen. Aber ich sage ihm das nun nicht.
Samstag und Sonntag Morgen seht ihr mich nicht, sage ich. Weil da bin ich nie unterwegs. Und wenn? Wenn, dann dürft ihr Guten Morgen sagen, ihr dürft mir sogar die Hand geben, mit mir reden. Da dürft ihr alles. Auch an Feiertagen. Oder in den Ferien. Da ist jeder Morgen gut.
Das habe ich nun davon. Von meiner Großzügigkeit. Heute am späten Morgen nach der Maifeier. Ich sitze gemütlich mit Anna am Marktplatz bei einem Bier. Die Sonne scheint, die Musi spielt, ich bin bester Laune.
Und da kommen sie daher, die Schüler. Die ganze Horde. Und versammeln sich um mich. Und grinsen und rufen und schütteln mir die Hand und fragen, ob sie sich zu mir setzen dürfen.
Guten Morgen, Frau Lehra! Wie geht es Ihnen? San’S heit a ba da Maifeier? Schmeckt Eahna des Bier? Ham’S scho a Schweinsbratwürschtl g’essen? Soin ma Eahna no a Bier hol’n?
Am ersten Schultag wird es wieder eine Unterweisung geben.
Sie wird lauten:
Unter keinen Umständen dürft Ihr an Samstagen, Sonntagen, Feiertagen oder Ferientagen Guten Morgen zu mir sagen. Ihr dürft mich weder anschauen noch grüßen noch sonst irgend etwas. Ihr dürft mich nur ignorieren.