Dienstag, Jänner 30, 2007

der aus bruck

An der Theke im Supermarkt.
Vor mir zwei Damen.
Wann hat er gesagt, dass er kommt?
Mittwoch.
Mittwoch?
Ja, ich glaube, Mittwoch.
Wann hast du mit ihm geredet?
Vorigen Freitag.
Vorigen Freitag?
Ja, ich traf ihn in Bruck.
Bruck?
Ja, ich glaube, Bruck.
Freitags ist er nie in Bruck.
Wer?
Er.
Sie sind an der Reihe.
Zwei Koteletts und eine Knacker.
Sonst noch was?
Knochen für den Hund.
Hab ich heute keine.
Schauen Sie mal nach. Ich brauche Knochen.
Der Verkäufer geht hinaus.
Wo waren wir?
Stille.
Schon will ich einer von ihnen auf die Schulter klopfen und sagen: Sie waren beim Mann aus Bruck. Aber ich unterlasse es.
Nach einer Weile.
Und sie?
Wer sie?
Na, die seinige.
Ach, die.
Sind die noch beisammen?
Nein.
Nein?
Nein. Darum ist er ja nun in Bruck.
Ist sie nicht auch in Bruck?
Nein.
Nein?
Nur da geboren.
Ja?
Ja. Aber da wohnt sie nicht mehr.
Da wohnt sie nicht mehr?
Nein. Sie wohnt in Zell.
In Zell bei Bruck?
Ja, da.
Wann hast du das erfahren?
Freitag.
Freitag?
Ja, Freitag.
Diesen Freitag?
Nein.
Vorigen?
Ja, vorigen.
Da hast du mit ihm geredet?
Mit wem?
Mit ihm.
Ja, hab ich.
Und mit ihr auch?
Was mit ihr auch?
Geredet.
Ja, geredet.
Am selben Tag?
Ja, am selben Tag. Aber nicht mit ihr.
Wie, nicht mit ihr geredet?
Nein. Nur mit ihm. Er hat es mir gesagt.
Was, gesagt?
Dass er nicht mehr beisammen ist mit ihr.
Mit ihr?
Ja, mit ihr.
Sie lebt nun in Zell.
In Zell bei Bruck?

Ja, da.
Aha.
Der Verkäufer kommt zurück.
Ich habe keine Knochen. Wollen sie Wurstscherzerl?
Ja, dann halt Wurst.
Der Verkäufer geht hinaus.
Wo waren wir?
Stille.
Ich will ihnen auf die Schulter klopfen und sagen: Sie waren noch immer beim Mann in Bruck.
Ich unterlasse es.
Stattdessen sage ich: Er wohnt nicht mehr in Zell.
Wer?

Der aus Bruck.
Nicht mehr in Zell?
Nein. Er wohnt hier.
Wo hier?
Gleich um die Ecke. Und er arbeitet hier.
Wo hier?
Hier im Supermarkt.
Hier?
Ja, hier. Und ich sage Ihnen. Er hat Knochen. Viele. Ganz viele sogar. Der rückt sie nur nicht raus.

Dienstag, Jänner 23, 2007

der biberschwanz


Mittagspause im Konferenzzimmer
Warum bist du nicht mitgefahren? frage ich den Biologielehrer.
Wohin?
Zur Biberausstellung.
Biberausstellung?
Ja. In der Früh sind sie weggefahren.
Wo findet die statt?
Weiß nicht.
Wer ist gefahren?
Die zweite Klasse.
Welche Lehrer?
Der Klassenvorstand und die Religionslehrerin.
Wieso die Religionslehrerin?

Keine Ahnung.
Eine Frechheit ist das. Die weiß ja gar nichts über Biber.
Was weißt du über den Biber?
Über den Biber weiß ich alles im Gegensatz zu dir.

Ha! Ich weiß, dass der Biber einen unbehaarten Schwanz hat. Und Schwimmhäute hat er auch. Außerdem kann man ihn essen.
Essen? So ein Blödsinn. Der Biber steht unter Naturschutz. Woher weißt du denn, dass man ihn essen kann?
Keine Ahnung, ich hab das mal irgendwo gehört. Aber man könnte ihn essen.
Ich bezweifle das. Wie nennt man den Schwanz des Bibers?

Biberschwanz.
Unsinn. Ein Biberschwanz ist ein Ziegel.

Genau! Ein Ziegel, der irgendwie unter den anderen Ziegel hineingesteckt wird.
Nix hineingesteckt. Ein Biberschwanz ist ein unverfalzter Strangdachziegel.

Du solltest Technisches Werken unterrichten bei deiner Fachkenntnis. Wie heißt nun der Biberschwanz, ich meine der Schwanz des Bibers?
Kelle. Das weiß doch jeder.
Mit einer Kelle mauert man.
Mit einer Maurerkelle mauert man.
Im Gegensatz zur Biberkelle. Und die Bibernelle ist eine Pflanze.
Die Bibernelle ist ein Doldenblütler und blüht von Juni bis September. Lateinisch heißt sie Pimpinella.
Okay, Herr Lehrer. Ich geb's auf.

Die Religionslehrerin kommt ins Konferenzzimmer.
Wie war’s?
Toll. Es war eine Entdeckungsreise mit allen Sinnen.
Mit allen Sinnen? Der Biologielehrer ist entsetzt.
Ja, mit allen. Es gab Speisen, Spiele, Filme. Ich hab mir auch ein kleines Exemplar gekauft
Du hast ein Exemplar gekauft? Wo hast du es?

Im Auto.
Ich starre sie an. Ich bin sprachlos.
Sie redet weiter.
Hier hab ich ein Plakat. Seht mal.
Und schon rollt sie es auf.
'Bibelausstellung – Die Bibel entdecken mit allen Sinnen' steht da geschrieben.
Nun ist auch der Biologielehrer sprachlos.

Montag, Jänner 22, 2007

volles programm


Lo ruft an.
„Du hättest dabei sein sollen. Gestern."
„Lo“, sage ich.
Sie redet weiter.
„Es war das beste Kostüm, das ich je hatte. Ich sah aus wie Jack Sparrow in 'Fluch der Karibik'. Ich sah einfach toll aus.“
„Eh logisch, du hattest ja meine Hose und meinen tollen Schal.“
„Warum bist du nicht gekommen?“
„Ich wollte, Lo. Ich wollte wirklich.“
Gestern war Faschingsball im Nachbarort. Thema – Skandal im Märchenwald.
Ich hatte schon eine Idee. Ich hätte mich als Rothäppchen verkleidet. So ein wirklich rotes Häppchen wollte ich sein. Ein Signalrothäppchen.
Aber ich konnte nicht gehen. Ich wollte.
Aber Henning wollte nicht. Henning, der Schwede. Er war zu Besuch am Wochenende.
Henning war müde. Das war verständlich.
Henning kam gleichzeitig mit Kyrill. Fast. Henning war etwas langsamer als Kyrill. Weil die Maschine konnte nicht landen. Weil eben Kyrill doch ein wenig schneller gewesen war.
Henning hatte ich in London kennen gelernt. Vor vier Jahren. Ohne ihn hätte ich wohl die ersten Wochen nicht überstanden. Er ließ mich bei sich wohnen weil ich pleite war. Weil ich drei Monatsmieten im Voraus bezahlen musste. 3800 Euro waren das.
Und nun war Henning da. Und ich wollte ihm alles bieten an diesem Wochenende. Na ja, fast alles.
Deshalb kein Rothäppchen.
Kyrill war auch da an diesem Wochenende. Wir hatten Sturm an diesem Wochenende. Wie vorher gesagt. Wir hatten nicht so viel Sturm wie andere. Gott sei Dank. Aber wir hatten ein wenig Sturm. Gott sei Dank.
Ich war froh, dass wir ein wenig Sturm hatten.
Ich war froh, dass der Salzburger Flughafen ein wenig mehr Sturm hatte als wir hier im Gebirg.
Weil die Maschine, in der Henning saß, konnte nicht landen.
Weil Kyrill, der Sturm, sie nicht landen ließ.
Und das sah der Pilot ein. Kyrill war schon vor dem Flugzeug am Flughafen. Und Kyrill und Flugzeug gleichzeitg auf dem Flughafen - unmöglich. Das wäre sich nicht ausgegangen. Platzmäßig.
Salzburg ist ja nur ein kleiner Flughafen.
Also flog der Pilot nach Linz.
Linz ist auch ein kleiner Flughafen.
Aber Kyrill war zu der Zeit grad nicht in Linz. Also war Platz da.
Also kam Henning statt um vierzehn Uhr erst um siebzehn Uhr nach Salzburg. Weil so lange brauchte der Bus.
Das war gut.
Nicht für Henning.
Aber für mich. Weil ich konnte mich nach der Arbeit ein wenig ausspannen. Drei Stunden lang. Mich vorbereiten auf das Wochenende mit dem Schweden.
Henning war müde als er ankam. Er war ja die ganze Nacht geflogen.
Herunter von Schweden und dann noch von Salzburg nach Linz und dann mit dem Bus von Linz nach Salzburg.
Er hatte sich also nun wirklich ein schönes Wochenende verdient.
Ich hatte Kuchen gebacken. Und hatte ihm ein nettes Zimmer gesucht, mit Blick auf die Berge. Berge sieht man zwar fast überall bei uns. Aber es gibt auch Zimmer mit Ausblick auf Häuser wenn man keine Berge mag. Aber nicht viele. Ich hatte auch eingekauft. Fisch und Steinpilze und Kartoffeln und Tomaten und Zucchini und Ruccola und Oliven und Parmesan und Eis und Wein.
Und dann aßen und saßen und redeten wir bis Mitternacht und mir fielen die Augen zu und dem Henning auch.
Und ich schlief schwer wie ein Sack.
Und Hennig vermutlich auch.
„Du hättest dabei sein sollen“, redet Lo weiter. „Schneewittchen und Anna waren auch da.
Und Marina war da und ihr Mann. Marina verkleidet als Frosch und ihr Mann als Prinzesschen. Und was für ein Prinzesschen er war. Fast wären sie nicht gekommen. Ehekrise. Kurz vorher. Schwere Ehekrise. Es flog sogar der Ehering.“
„Aus dem Fenster?“
„Nein, sie warf ihn ihm zu Füßen.“
„War sie schon verkleidet als sie das tat?“
„Amadea, darum geht es doch nicht.“
„Darum geht es schon. Es ist ein großer Unterschied ob ein Frosch einem Prinzesschen den Ehering vor die Füße wirft oder eine Ehefrau dem Ehemann. Noch dazu wenn der Frosch die Frau und das Prinzesschen der Mann ist.“
„Amadea, das war ernst. Lass das Witzeln. Nun wären sie fast nicht zum Faschingsball gegangen. Dabei hab ich die Marina so schön geschminkt. Sie war ein perfekter Frosch. Anna sagte sogar zu ihr – Du siehst immer besonders blöd aus im Fasching. Das fehlte gerade noch. Marina, der Frosch war beleidigt.“
„War das Prinzesschen auch beleidigt?“
„Amadea, du stellst heute ständig unpassende Fragen.“
„Fragen sind niemals unpassend, nur Antworten, Lo.“
„Nun hör zu und unterbrich mich nicht immer. Anna hatte einen Spaß gemacht. Anna meinte eigentlich witzig.“
„Auch blöd, dass sie dann nicht witzig sagt sondern blöd.“
Jedenfalls fand Marina, der Frosch das 'blöd' gar nicht witzig und schmollte.“
„Nett, ein schmollender Frosch. Frösche können gut schmollen, glaub ich. Froschmäuler sind tolle Schmollmäuler.“
Lo überhörte das.
„Anna hat sich dann entschuldigt.“
„Mit einem Kuss?“ frage ich.
Mit einem Glas Sekt.“
Ich glaube, Anna hat das Frösche Küssen satt, will ich fast sagen.
„Nun erzähl“, redet Lo weiter. „Wie war es mit dem Schweden?“
Es war nett. Außerdem heißt er Henning. Und es war nichts mit dem Schweden. Er ist ein Freund.“
„Ich weiß. Erzähl.“
Und ich erzähle.
Im Stau nach Salzburg. Und dann durch die Stadt. Und dann hinein in den Dom. Und dann hinaus in den Dom. Und dann hinein in die Getreidegasse. Und dann hinauf zur Dreifaltigkeitskirche. Und dann vorbei am Grünmarkt. Und dann hinein in den Friedhof. Und dann hinauf auf die Festung. Und dann hinüber in die Galerie. Und dann hinunter in die Altstadt. Und dann hinein ins Sternbräu. Und dann hinaus aus dem Sternbräu. Und dann hinüber zum Alten Markt. Und dann hinein in die Steingasse. Und dann über die Staatsbrücke. Und dann hinein ins Tomaselli. Und dann hinüber zum Schloss Mirabell. Und dann hinein in den Marmorsaal. Und dann hinüber ins Nonntal.“
„Was habt ihr im Nonntal gemacht?“
„Geparkt. Da war es dann schon zehn Uhr abends.“
„Ihr seid die ganze Zeit gegangen?“
„Nur acht Stunden. Die restliche Zeit haben wir gesessen. Zum Mittagessen im Sternbräu. Zum Kaffeetrinken im Tomaselli. Zum Wein trinken in der Steingasse. Zum Konzert im Schloss Mirabell.“
„War das Konzert gut?“
„Ja, ich glaube. Ich habe fast geschlafen. Und ich spürte meine Zehen nicht mehr. Ich hatte die neuen Stiefel an. Die mit den hohen Absätzen. Aber ich war toll, Lo. Ich habe mich selbst übertroffen. Ich war die perfekte Stadtführerin. Aber heute bin ich geschafft. Und meine Zehen spüre ich noch nicht. Aber es war trotzdem schön. Warm war es. Wie im Mai! Und am Mönchsberg, dieses Licht, Lo. Die Bäume leuchteten. Es war wie im Zauberwald.“
„Mein Mann war auch verkleidet. Er war der Räuber Fotzenpletz“, sagte Lo.
Sie hatte genug gehört von Salzburg und meiner Rolle als Stadtführerin.
Fotzenpletz mag nun für Unkundige des Österreichischen etwas derb klingen. Ist es aber nicht. Ein Fotzpletzen ist eine Fieberblase im Salzburger Dialekt.
„Es war recht nett“, redete Lo weiter.
„Recht nett klingt langweilig“, sagte ich.
„Es war nicht langweilig, es war wirklich lustig!“ ereiferte sich Lo. „Wir sind erst um drei heim!“
„Red dich nun nicht raus.“
„Okay, es war lustig. Es war nicht wahnsinnig lustig. Ich würde sagen, wirklich lustig.“
„Wirklich lustig klingt auch nicht sehr lustig, Lo. Aber lassen wir das.“
„Das nächste Mal gehst du mit. Auch als Seeräuber. Ist der Schwede eigentlich noch da?“
„Nein“, sage ich. „Er hat morgen dieses Meeting.“
„Er wäre eine gute Partie“.
„Lo, ich will keine gute Partie. Außerdem steh ich nicht auf ihn. Er ist ein Freund. Er ist lieb und nett.“
„Und konservativ“, sagt Lo.
„Ja, das auch. Schluss nun. Ende der Debatte.“
„Okay. Aber du gehst mit. Beim nächsten Ball. Als Pirat.“
„Wir werden sehen ob ich da mitgehe. Aber auf keinen Fall als Pirat. Wenn, dann als Schwedenbombe.“
„Amadea, du bist heute blöd."
„Blöd wie witzig?"
"Nein, blöd wie blöd."

Donnerstag, Jänner 18, 2007

in der stille der nacht


„Willi, Willi, da kommst her!“ Die Haustür knallt zu.
Es ist Nacht. Die Tür zu meinem Balkon ist offen. Meine Wohnung ist dunkel. Nur im Bad brennt Licht.
Ich bin dabei, ins Bett zu gehen.
„Willi, da kommst her, komm sofort her, du Sauvieh!“
Das Haus gegenüber ist hell erleuchtet. Ein Mann schreit. Er ist aufgebracht. Er schreit und ruft nach seinem Hund.
Der Hund ist irgendwo. Läuft weg. Der Mann hinterher.
Er wohnt gegenüber. Im obersten Stock. Ich sehe ihn manchmal. Er grüßt immer freundlich.
Ich glaube, er ist Arzt.
Ich schleiche auf den Balkon, drücke mich in die Ecke.
Der Mann flucht und schreit und flucht.
Der Hund ist hinter der Hausecke verschwunden. Ein golden Retriever.
Ich will schon hineingehen, da sehe ich, wie der Hund wieder auftaucht, hinter ihm der Mann. Er schreit wie wahnsinnig. Ich bekomme Angst. Es ist so, als ob er mit mir schreien würde. Ich drücke mich weiter in die dunkle Ecke. Irgendwie habe ich Angst, er könnte mich sehen. Ich fühle mich eigenartig hier auf dem Balkon als heimliche Beobachterin. So, als ob ich ein Verbrechen beobachten würde. Irgendwie schuldig. Ich weiß, ich müsste aus der Dunkelheit heraustreten, mich zu erkennen geben, dem Mann zurufen, dass ich ihn sehe, dass ich ihn beobachte. Der Hund läuft hin und her, vor und zurück. Er ist aufgebracht, aufgeregt, nervös. Ich höre sein Keuchen, spüre seine Angst. Ich höre das Keuchen des Mannes, spüre seine Wut. Nun hat er ihn eingeholt. Er packt den Hund. Packt ihn am Hals. Und er holt aus mit der Leine. Schlägt ihn. Mehrmals. Auf den Rücken. Auf den Kopf. Der Hund jault. Mein Herz klopft laut. Es ist, als würde ich geschlagen. Mir ist schlecht. Tränen steigen mir in die Augen. Wenn mich der Mann nun entdeckt, dann schlägt er mich auch. Ich spüre die Schläge. Ich habe Angst.
Der Mann packt den Hund fester. Schlägt ihn wieder. „Nie wieder lass ich dich ohne Leine raus. Nie wieder, du blödes Vieh!“ Der Hund weint. Endlich kann er sich losreißen. Er ist außer sich, aufgebracht, verstört, wütend. Er läuft, er keucht, er wälzt sich am Boden. Er läuft bis zum Ende der Straße und verschwindet.
„Lauf weg, weit weg“, flüstere ich. Lauf einfach. Irgendwo hin. Nur weg!“
Der Mann schreit wieder. Läuft die Straße entlang, dem Hund nach. Schreit seinen Namen, brüllt, keucht. Ich habe noch immer Angst. Ich zittere. Ich kann diese Angst nicht einordnen. Es scheint mir, als habe ich so noch niemals gefühlt. Das erste Mal, dass ich so etwas erlebe. Das erste Mal, dass ich sehe, dass jemand vor mir ein anderes Lebewesen schlägt. Ich fühle ich mich als Mitwisserin, schuldig und feig. Zu feig, ihn zur Rede zu stellen, zu feig, ihm zuzurufen, er solle das unterlassen, zu feig, ihm zu drohen, ihn anzuzeigen. Ich stehe nur da in der Ecke, zittere und schaue zu. Wie eine Voyeurin.
Plötzlich ist der Hund wieder da.
Wieso ist er nun wieder hier? Wieso ist er nicht weggelaufen. Weit weg, irgendwo hin.Er saust vorbei am Mann. Nun ist er ganz nah. Ich ducke mich. Ich sehe, wie der Mann immer näher kommt. Der Hund ist orientierungslos, wälzt sich am Boden, schlägt Haken so wie ein Hase, wartet, starrt den Mann an, springt wieder auf, saust weg, wieder zurück, keucht, weint, jault. Nun ist der Mann bei ihm. Direkt unter meinem Balkon sind sie. Nun hat mich der Mann gesehen. Ich spüre es. Seine Stimme ist ruhiger geworden. Er schreit nicht mehr. Mein Herz klopft bis zum Hals. Er dreht mir den Rücken zu. Kurz. Da schlüpfe ich schnell in meine Wohnung.
Ich mache die Tür zu bis auf einen Spalt und spähe hinaus. Der Mann fühlt sich wiederum unbeobachtet. Er schreit wiederum, beschimpft den Hund, packt ihn am Hals, zerrt ihn in das Haus gegenüber, das nun wieder hell erleuchtet ist. Nun zerrt er ihn die Stufen hinauf. In seine Wohnung.
Dann ist es dunkel. Und ruhig.
Ich gehe zu Bett.
Ich schlafe lange nicht ein.
Das war vor einigen Wochen.
Heute sah ich sie wieder. Mann und Hund. Sie kamen mir entgegen. Der Mann grüßte freundlich.
Ich schaute den Hund an. Er schaute mich an. „Was schaust du so, was willst du? Das ist nicht so leicht, einfach wegzulaufen. Du stellst dir das einfach vor. Ich wäre doch dumm. Ich habe ja alles. Ein Dach über dem Kopf, ein warmes Bett, genug zu Fressen. Und dieser eine Vorfall. Was ist das schon? Einmal ist kein Mal. Ich bin selber schuld. Ich hätte nicht weglaufen sollen. Dann wäre das alles nicht passiert. Man muss sich anpassen im Leben. Dann hat man es gut. Lass mich einfach in Ruhe, ja? Schau nicht so. Und du hältst deinen Mund. Das geht dich nichts an. Misch dich nicht ein.“
Natürlich halte ich meinen Mund. Es geht mich nichts an.

In 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast.
-Mark Twain-

Mittwoch, Jänner 17, 2007

kein krea hoch

Posted by Picasa
Ich bin derzeit ohne Ideen. Keine Ahnung, worüber ich schreiben könnte. Mir fällt einfach nichts ein. Ich bin erkältet, habe zuviel Arbeit und schlafe schlecht.
Also habe ich mir vor einigen Tagen Gedanken gemacht, was ich tun könnte und Kreativitätsplan ausgeheckt.
Musik hören
Musik hören ist immer gut. Ich habe da eine CD. Eine "Relaxation- CD“. Genau das Richtige. Leise Musik, Wasserfallrauschen und Vogelgezwitscher. Wirklich entspannend. Ich lege die CD ein, mich auf die Couch und erwache nach einer halben Stunde, müde und nach wie vor ideenlos. Ich mach mir einen Kaffee. Danach bin ich auch nicht einfallsreicher.
Brainstorming
Einfach aufschreiben, was mir in den Sinn kommt. Ohne lange nachzudenken. Aus dem Bauch heraus.
Mir fällt folgendes ein:
Brief aufgeben, Englisch-Schularbeit aufsetzen, zur Bank gehen, Kartoffeln kochen, leerer Kühlschrank, Kaffee trinken
Über Briefe könnte man ja schreiben. aber über Liebesbriefe schrieb ich schon mal.
Englisch- Schularbeit eignet sich gar nicht.
Kartoffeln? Da würde nur ein Rezept passen.
Kühlschrank? Was schreibt man über einen Kühlschrank, in dem nur zwei Becher Joghurt, etwas Milch, Käse und Salat ist?
Über Kaffee hab ich schon mehrmals geschrieben.
Ideen sofort aufschreiben
Seit einer Woche habe ich immer ein kleines Notizbuch dabei und einen Bleistift.
Um sofort aufzuschreiben, wenn eine Idee da ist. Gestern der erste Eintrag.
Montag, 15. Jänner – 7. 45 – Wieso gibt es keine beheizten Windschutzscheiben?
Kann den Kuli fast nicht halten weil meine Finger kalt sind vom Kratzen.
Montag, 15. Jänner – 12,34 – Im Sommer muss ich meine Wohnung ausmalen.
Eigentlich sollte ich sie schon im Frühling ausmalen.
Dienstag, 16. Jänner – 17.45 – Die Hefte korrigiere ich nach dem Abendessen.
Eigentlich wollte ich sie schon gestern korrigieren. Dann wollte ich sie heute in der Mittagspause korrigieren. Und dann wollte ich sie vor dem Abendessen korrigieren.
Aber nach dem Abendessen korrigiere ich sie wirklich.
Wörterbuch aufschlagen
Blind auf ein Wort zeigen und darüber dann schreiben.
Wörterbuch habe ich keines, der Duden ist irgendwo. Ich habe hier nur ein englisches dictionary.
Collin’s Concise Dictionary – 21st century edition: Seite 1102: Paysandu – port in uruguay, on the Uruguay river: the third largest city in the country. Pop. 75 200 (1985)
Kein Kommentar.
Ein Problem zu Papier bringen
Mein Problem nun gerade: Ich habe Hunger. Und der Kühlschrank ist leer. Und mit leerem Magen kann ich gar nicht schreiben.
Spazieren gehen
Das geht nun gar nicht. Vielleicht morgen. Weil wenn ich nun spazieren gehe, dann werde ich noch hungriger.
Viel lesen
Beim Lesen kommst du immer wieder auf Ideen und Anregungen.
Ich lese derzeit nur abends im Bett und schlafe nach fünf Minuten ein. Am Morgen weiß ich dann nicht mehr, was ich gelesen habe. Ich bin immer noch auf Seite eins.
Umgib dich mit klugen Menschen
Mit klugen und weisen Leuten reden und diskutieren bringt dich immer auf neue Ideen. Ich mache das jeden Tag.
Heute morgen zum Beispiel:
Erste Kollegin: Die neue Ministerin hat denselben Namen wie du.
Ich: Ja, sie ist meine Cousine. Eigentlich meine Großcousine.
Großes erstaunen.
Erste Kollegin. Woher kommt sie?
Ich: Ihre Kindheit verbrachte sie in Eibiswald. Aber da lebte sie nur bis zu ihrer Schulzeit.
Zweite Kollegin: Waaaaaaaaaaaaaaaaahnsinn. Hast du Kontakt zu ihr?
Ich: Nein, aber ich habe mir vorgenommen, den Kontakt nun wieder aufzunehmen. Das kann nie schaden.

Raunen im Konferenzzimmer.
Es läutet.
Ich mache mich auf den Weg in meine Klasse und sage beim Rausgehen: War nur ein Schmäh!
Nun ist es Zeit ins Bett zu gehen. Ideen hatte ich heute wieder keine.
Ich werde noch ein wenig lesen.

Ich lese gerade „Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität.“
Vielleicht schaff ich heute ja die Seite zwei
.

Mittwoch, Jänner 10, 2007

a peachy meal


Wir wollen zu Mittag essen.
Romana, Christin und ich.
Im Gasthof "Edelweiß". Da kann man gut bürgerlich essen.
Gute bürgerliche Küche ! So steht es draußen am Eingang.
Ich frage mich, was schlechte, bürgerliche Küche ist.
Romana, Christin und ich wollen zu Mittag essen. Und ich weiß, wann immer Romana dabei ist, dauert es ein wenig. Weil Romana ist kompliziert – wenn es ums Essen geht. Vor allem wenn es ums Essen in einem Restaurant geht.
Die Frau Chef bedient heute.
Die Frau Chef weiß, wie man die Kundschaft überredet, mehr zu essen oder zu trinken als die Kundschaft will. Die Kundschaft, die hier nicht ein- und ausgeht.
Die, die ein und ausgeht, und die Frau Chef kennt, die lässt sich nicht überreden.
Die Gäste, die sie nicht kennen, die essen und trinken immer mehr als sie wollen.
Sie ist überhaupt eine gute Geschäftsfrau, die Frau Chef.
Obwohl sie weiß, dass ich meinen Kaffee mit viel Milch trinke, füllt sie das kleine Milchkännchen immer nur zur Hälfte an.
Und ich sage dann jedes Mal: „Frau Wirtin, etwas mehr Milch, bitte.“
Obwohl sie weiß, dass ich jedes Mal mehr Milch verlange, probiert sie es immer wieder.
Mit einem „Entschuldigung, ich vergesse das immer“, bringt mir danach noch ein Milchkännchen halb voll.
Ich bekomme also jedes Mal, wenn ich Kaffee trinke, zwei Milchkännchen halbvoll.
Wenn Gäste Kaffee bestellen – deutsche Gäste bestellen manchmal nur Kaffee - bringt die Frau Chef immer ein Kännchen.
Und wenn die Gäste dann sagen: „Oh, eigentlich wollte ich nur eine Tasse Kaffee - viele Deutsche sagen 'eine Tass Kaffe' - dann entschuldigt sie sich mehrmals, die Frau Chef und sagt: „Das tut mir aber nun leid, ich tausche das sofort aus, ich wusste es nicht.“
Aber die Gäste sind ja großzügig und freundlich, winken dann ab und sagen: „Aber nein, das passt schon, trinken wir halt heut mal ein Kännchen, wir sind eh im Urlaub.“
Die Frau Chef lächelt dann, bedankt sich und bringt dann noch jedem einen Topfenstrudel und sagt: „Den müsst Ihr essen, der ist ganz frisch und wunderbar saftig.“
Natürlich verrechnet sie ihn. Aber freundlich lächelnd.
Bei den Einheimischen traut sich die Frau Chef das natürlich nicht.
Wir sitzen also da und studieren die Speisekarte. Ich bestelle Fisch mit Kartoffelsalat.
Nun ist Romana an der Reihe. „Frau Wirtin, was ist denn heute das Menü?“
„Heute haben wir Rostbraten mit Knödel und gemischtem Salat“.
„Knödel mag ich nicht. Könnte ich stattdessen gekochte Kartoffel haben? Sind beim gemischten Salat Tomaten dabei?“
„Ja“.
„Dann hätte ich statt der Tomaten gerne Gurken, bitte.“
„Gurken sind beim gemischten Salat dabei.“
„Okay, dann statt Gurken Bohnen. Oder doch lieber Fisolen?“
„Fisolen sind auch dabei.“
Ich mische mich ein. „Romana, überleg noch ein wenig und lass erst die anderen bestellen.“ Eigenartigerweise widerspricht Romana nicht.
Christin will Gemüselaibchen mit Champignonsauce und Salat.
Wir bestellen die Getränke, während Romana noch immer die Speisekarte studiert.
„Frau Romana, wissen’S nun, was Sie wollen“, fragt die Frau Wirtin.
Ja“, sagt Romana. „Was hast du bestellt, Christin?“ „Gemüselaibchen.“
„Frau Wirtin, könnte ich die Gemüselaibchen mit der Rostbratensauce haben?“
„Das geht auch. Aber glauben Sie nicht, dass die Champignonsauce besser passen würde?“
„Nein, ich mag Champignons nicht. Also, ich nehme Gemüselaibchen mit der Rostbratensauce und einen gemischten Salat ohne Tomaten, dafür mit weißen Bohnen.“
Ich bin überrascht, dass das heute so schnell ging.
Während wir auf das Essen warten, erzählt Romana, dass sie letzte Woche im Supermarkt um die Ecke Pfirsichkompott in Dosen gekauft hat. „Die waren gerade in Aktion. Und nun bring ich die Pfirsiche nicht unter.“Wieso bringst du die Pfirsiche nicht unter? Die musst du doch nicht in den Kühlschrank stellen“, sagt Christin.
„Wer redet denn vom Kühlschrank. Ich bring sie nicht unter. Verstau du mal hundert Dosen Pfirsichkompott.“
„Hundert, du hast hundert Dosen gekauft? Warum denn das?“ frage ich.
Na ja, Aktion halt. Außerdem halten die ewig. Die verderben ja nicht. Ich esse nun schon seit voriger Woche fast nur Pfirsichkompott. Aber sie werden nicht weniger", sagt Romana.
Sie seufzt.
„Du könntest sie verschenken", sage ich. "Statt einer Weinflasche eine Dose Pfirsichkompott. Das ist originell.“
„Ja“, sagt Romana, „aber es hat sich noch nicht ergeben, das Verschenken. Weihnachten ist vobei und Geburtstag hatte auch niemand in den letzten zwei Wochen. Jedenfalls niemand, den ich kenne.“
Die Frau Chef serviert den Salat.
Wir beginnen zu essen. Romana nicht. „Warum isst du nicht?“ frage ich.
„Ich habe kein Joghurtdressing bestellt“, sagt sie.
„Der Salat kommt immer mit Joghurtdressing, sage ich, „außer du bestellst ein anderes. Du solltest das wissen, du bist ja nicht das erste Mal da“.
„Solch triviale Dinge merke ich mir nicht“, sagt Romana. Schon winkt sie der Frau Chef.
„Tut mir leid, Frau Wirtin, ich mag kein Joghurtdressing. Davon bekomme ich Sodbrennen.“
„Ich bringe Ihnen einen neuen Salat“, sagt die Frau Chef etwas genervt.
"Nicht mehr nötig. Ich habe es mir anders überlegt. Ich hätte gern Topfenknödel statt des Salates. Als Nachspeise. Geht das?“
„Für den Preis gibt’s aber nur einen Knödel“,
sagt die Frau Chef.
„Ein Knödel reicht mir eh. Aber bitte ohne Zwetschenröster, bitte, dafür mit Kompott.“
Die Frau Wirtin sagt nichts mehr und verschwindet in der Küche.
„Romana“, sage ich, „heute bist du wieder mal anstrengend.“
Romana sieht das anders.
„Der Gast ist König, und die Frau Chef sollte eigentlich wissen, dass ich kein Joghurtdressing mag.“
Ich sage nichts mehr.
Frau Chef serviert die Hauptspeise.
Ich bekomm meinen Fisch, Christin ihre Gemüselaibchen mit Chamginonsauce und Romana ihre Gemüselaibchen mit Rostbratensauce.
Wir essen.
Romana isst nicht.
„Warum isst du nicht?“ frage ich sie.
„Ich will zuerst den Topfenknödel“, sagt Romana. "Ich habe plötzlich so einen Gusto auf etwas Süßes.“
Ich beschließe, mich nicht mehr einzumischen und sage nichts.
„Deine Rostbratensaucegemüselaibchen werden kalt“, sagt Christin.
„Egal“, sagt Romana, „sind eh zu heiß. und die Frau Wirtin kann sie dann ja kurz in die Mikro stellen wenn sie kalt sind.“
Sie winkt.
„Frau Wirtin, ich hätte zuerst gern den Topfenknödel und das Kompott“.
Frau Wirtin pariert und serviert. Topfenknödel mit Pfirsichkompott.
Wir essen noch immer.
Romana isst noch immer nicht.
Sie winkt der Frau Wirtin, die gerade am anderen Tisch bedient.
„Wieso bekomm ich ein Pfirsichkompott? Da ist doch sonst immer Apfelkompott dabei."
„Die waren vorige Woche in Aktion im Supermarkt“, sagt die Frau Chef und widmet sich wieder den anderen Gästen.
Wir sind fertig mit dem Essen.
Romana fängt an.
Mit dem Topfenknödel.
Dann isst sie die kalten Gemüselaibchen mit Rostbratensauce.
Das Pfirsichkompott lässt sie stehen.

Sonntag, Jänner 07, 2007

an fried, an reim, an gsund


Ich sitze auf dem Balkon und lese.
Und es scheint, als melde sich der Frühling an. Von den Dachrinnen plätschert es leise und stetig und die Sonne scheint auch schon anders als noch vor einigen Wochen.
Aber es ist trügerisch.
Der Winter war noch nicht richtig da. Und er kommt immer. Oft auch erst im März oder April.
Da nützt es auch nichts, dass gestern Perchtenlauf im Ort war.
Ein Ereignis, das die Menschen im Ort und in den umliegenden Gemeinden aus dem Haus treibt. Die Zeit der Wintersonnenwende war ja schon immer eine geheimnisvolle. Die Natur, die im Herbst abstirbt, ist von bösen Geistern umgeben. Und nun, da die Tage länger und die Nächte kürzer werden, gilt es, diese Unholde der Nacht und des Todes zu vertreiben, sodass das Lichte, das Helle, das Schöne wieder Platz haben kann. Der Frühling gilt als Sieg des Tages über die Nacht.
Der Perchtenlauf zeigt uns, dass der Winter vorbei ist.
Percht kommt vom Althochdeutschne perath und bedeutet glänzend, prächtig, herrlich.
Früher sind die Perchten von Haus zu Haus gezogen, heute ziehen sie durch den Ort.
Er beginnt mit der Musikkapelle und den Aperschnalzern, die auf Pferden reiten und ihre Peitschen knallen lassen. Anscheinend durchbrechen die Peitschen die Schallmauer, darum ist das so laut.
Mein Vater hatte auch immer eine Vorliebe für’s Aperschnalzen. Ich habe das auch probiert. Aber wirklich ordentlich geschnalzt hat es selten. Meistens schnalzte ich mir die Peitsche auf den Rücken.
Es gibt Schiachperchten und Schönperchten. Die Schiachperchten sehen aus wie die Krampusse. Die Schönperchten tragen riesige Tafeln mit unterschiedlichen Motiven und sind alle selbst gemacht.
Die Schnabelperchten haben einen Besen zum Kehren, eine Schere zum Bauchaufschneiden und einen Korb am Rücken.
Der Brauch besagt, dass denjenigen, deren Stube nicht sauber ist, der Bauch aufgeschnitten wird, um den Unrat hineinzustopfen.
Hier beim Perchtenlauf kehren sie nur die Straßen sauber.
Die Habergeiß, wir sagen Howagoaß, ist eine besondere Gestalt. Sie war früher von den Frauen im heiratsfähigen Alter besonders gefürchtet. Weil sie achtete darauf, dass im Haushalt alles ordentlich und sauber war. Die Habergeiß schlägt aus, zwickt und hat bewegliche Kiefer, mit denen sie zuschnappt.
Die Schönperchten werden begleitet von Männern, die als Frauen verkleidet sind. Sie tragen alle Trachtenkleider.
Immer wieder bleiben die Schönperchten stehen, stellen sich in Reih und Glied auf und verbeugen sich. Und sie verkünden An Fried, an Reim, an G’sund – Frieden, Glück und Gesundheit.
Die Tafeln, die sie auf dem Kopf tragen, sind vierzig bis fünfzig Kilo schwer.
Am Perchtenlauf dürfen nur Männer teilnehmen. Weil das ja alles so schwer ist, was man zu tragen hat.
Und sie tun alle mit, die Männer und Burschen des Ortes. Sogar die Vierzehnjährigen, geschminkt und mit ausgestopftem Busen, nehmen teil. Wie stark doch das Brauchtum noch verankert ist bei uns.
Den Abschluss bilden die Heiligen Drei Könige, auch auf Pferden reitend.
Nach eineinhalb Stunden ist der Perchtenlauf vorbei,
die Menschenmenge zieht in die Gasthäuser. Auch meine Zehen sind kalt und ich zwänge mich ins nächste Kaffeehaus um mich aufzuwärmen.



Freitag, Jänner 05, 2007

what a healing !

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„Du bist heute irgendwie schief", sagt Lo.
„Sieht man das?" frage ich. „Habe mich verlegen. Und da hinten sticht es. Da hinten in meinem Nacken."
„Oh", sagt Lo. „Da schick ich dir jemanden. Eine Schamanin. Eine deutsche Schamanin. Aus Düsseldorf. Sie macht gerade Urlaub bei meiner Schwester. Sie kommt schon jahrelang. Sie sagt, das Haus meiner Schwester steht auf einem besonderen Ort. Da spürt man die Kraft und die Energie."
Das Haus von Los Schwester liegt an der Bundesstraße. Und neben einem Misthaufen. Vom benachbarten Bauernhof.
Aber ich frage nur: „Du glaubst, das hilft?"
„Das hilft sicher, dein Chakra muss gereinigt werden."
Ich wusste bis nun nicht dass ich überhaupt ein Chakra habe und noch dazu ein dreckiges.
Am Abend stehen sie vor der Tür. Lo und die Schamanin. Sie sieht aus wie eine Mischung aus Hippie und Gugelhupf. Und sie hat dieses eigenartige Grinsen, irgendwie entrückt, so als ob sie etwas high wäre. Und ihre Augen habe diese eigenartige Farbe, durchscheinend blau, eisblau, fast weiß. Ihr Haar aufgesteckt zu einem Vogelnest, an ihren Ohren baumeln Ohrringe mit Federn und kleinen Kugeln. Sie sehen aus wie Traumfänger. Der Busen wogt unter der indisch angehauchten, violetten Leinenbluse, der Rock orange gemustert, gypsy-like, ihre Stiefel aus Velourleder mit Fransen. Sie erinnern mich an die Zeit, als Oma mit mir ins Kino ging, um den neuesten Indianerfilm anzusehen.
Innerhalb von Sekunden rieche ich nur mehr Pachouli, ein Geruch, der mich an meine
Teeniezeit erinnert.
„Soll ich ein Räucherstäbchen anzünden?" will ich schon fast fragen. Aber dann fällt mir ein, dass die Mischung Pachouli und Weihrauchstäbchen mir vermutlich zu viel wird.
„Ich habe magische Kräfte", haucht sie mir zu.
Lo nickt.
„So wie die Shaolin-Mönche? Können Sie eine Granitplatte mit der Hand auseinander
schlagen?"
Das hätte ich nicht fragen sollen. Sie meint andere magische Kräfte. Sie lächelt zwar noch immer, aber ein wenig gequält.
Lo schüttelt den Kopf und sagt vorwurfsvoll: „Amadea.“
Lo erzählt: „Mein Mann hatte gestern Abend einen Hexenschuss und Isis hat ihm die Hand aufgelegt und heute ist er schon Schi fahren gegangen."
„Isis heißen Sie?" frage ich.
„Eigentlich heiße ich Hedwig, aber Isis ist mein Schamaninnenname."
„Oh", sage ich. „Ich dachte, Isis heißt Sisi, von hinten gelesen."
Lo schüttelt schon wieder vorwurfsvoll den Kopf, sagt aber nun nichts.
„Ich kann die Zukunft der Menschen sehen, ich habe mich mit Reiki beschäftigt. Ich habe heilende Hände, ich pendle Krankheiten aus und ich bin ein Medium."
„Aha", sage ich.
Lo nickt lächelnd. „Isis ist eine Schamanin.“
„Lo, das weiß ich schon. Können Sie auch zaubern?“ frage ich Isis. „Dinge wegzaubern?“
„Wenn Sie es so sagen wollen, ja“, antwortet Isis und lächelt geheimnisvoll.
Ich frage sie nun nicht, ob sie mir den alten Kasten in den Keller hinunterzaubern könnte. Ich will ihn schon wochenlang loshaben und er ist mir zu schwer zum Tragen.
„Sie haben also einen verspannten Nacken“, sagt Isis und schaut mich durchdringend an.
„Ja, ein wenig”, sage ich. „Hab mich wohl verlegen heute nacht.“
„Ich werde ihnen den Schmerz nehmen. Ihnen die Hand auflegen.”
Das macht mir ein wenig Angst. Was nun, wenn sie mir den Hals umdreht?
„Ich weiß nicht“, sage ich unsicher.
„Schluss nun, Amadea, unterbricht Lo. „Du musst daran glauben. Und nun entspann dich mal und vertraue den Kräften von Isis.“
Isis steht vor mir und schaut auf meinen Hals. Ich schaue schief zurück. Gleich wird sie ein Messer zücken und meine Kehle aufschlitzen, geht es mir durch den Kopf.
„So Amadea. Setzen Sie sich bequem hin und schließen Sie die Augen. Und hören Sie einfach zu. Ich erkläre Ihnen nun, was ich machen werde. Ich werde nun meine Hände auf Ihren Nacken legen und die Energie fließen lassen. Ich werde die Energie bündeln und sie zu Ihrem schmerzenden Nacken lenken.“
„Okay“ sage ich und nehme mich zusammen. Was habe ich schon zu verlieren? Ich setze mich auf den Sessel. Isis ist nun hinter mir und ich spüre ihre Hände auf meinen Nacken. Ich öffne kurz die Augen und sehe, wie Lo sich an meiner Pralinenschachtel vergreift. „Nicht die mit Marzipan", rufe ich und – „Nur zwei, Lo!“
„So geht das nicht, Amadea“, sagt Isis. Sie müssen sich entspannen."
„Ich nehm schon nicht zu viele“, sagt Lo. „Außerdem sagtest du gestern, du willst ab jetzt keine Süßigkeiten mehr essen.“
„Marzipanpralinen zähle ich nicht zu Süßigkeiten, Marzipanpralinen sind etwas Besonderes. Lo, du isst nun schon das vierte!“
„Augen schließen“, sagt Isis. Ich schließe sie und konzentriere mich auf meinen Nacken. Ich höre, dass Lo noch immer in der Pralinenschachtel herumraschelt.
„Wird es schon warm?“, höre ich Isis flüstern.
„Ja“, antworte ich. „Klar wird es warm. Ein Nacken mit Hand ist auf jeden Fall wärmer als ein Nacken ohne Hand. Außer es ist eine eiskalte Hand. Und auf meinem Nacken sind sogar zwei Hände, das macht doppelt warm.“
„Ich merke“, sagt Isis in eigenartigem Singsang, so als ob sie in Trance wäre, „dass Ihre Energie blockiert ist. Genau da!“ und sie drückt und massiert.
„Was?“
Sie haben sehr viel Energie, Amadea, aber hier ist sie blockiert. Wir brauchen vermutlich nochmals eine Sitzung."
„Für heute ist es genug“, sage ich. Ich will, dass sie aufhört. Und Lo isst alle meine Pralinen auf. Außerdem ist mir schlecht von dem Pachouligestank.
„Wie geht es dem Nacken? Besser?“ fragt Isis.
„Gleich wie vorher“, sage ich wahrheitsgemäß.
„Daf ift vermutlich mit einem Mal nift vorbei“, sagt Lo mit vollem Mund und schiebt sich die nächste wasweißichwievielte Praline in den Mund.
Frau Isis kratzt sich am Vogelnestkopf.
„Es noch ein wenig dauern, bevor der Schmerz weg ist. Bei Ihnen vielleicht sogar einige Stunden, Amadea“, sagt sie.
Als sie weg ist, nehme ich eine Schmerztablette. Schlecht ist mir nicht mehr. Lo isst noch immer von meinen Pralinen als das Telefon läutet. Es ist Isis.
„Noch Schmerzen, Amadea?“ fragt sie? „Nein, nicht mehr. Fühle mich ganz leicht und wunderbar."
Ich verschweige ihr das von der Tablette. „Na sehen Sie. Reiki. Ich komme morgen nochmals. Ich bringe dann meinen Bergkristall und meine Tarotkarten mit, vielleicht auch mein Engelbuch und das Pendel und dann werde ich Ihnen die Zukunft voraussagen.
Danke, sehr nett“, sage ich und lege auf.
Lo stopft sich gerade die letzte Praline in den Mund. Marzipan.
„Das süße Zeug tut dir nicht gut, Amadea. Es blockiert deinen Energiefluss.“

Mittwoch, Jänner 03, 2007

von anklöcklern und sternsingern

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Vorige Woche läutete es an meiner Tür.
„Die Anklöckler san do!“
Und schon fangen sie an zu singen.
Jetzt fangen wir zum Singen an, halleluja, vernehmet all, was sich getan, hallelujah. A Stern so hell ois wia die Sunn, steht über’m Buachnroa, und neamb geht aussa von da Stub’n, halleluja.“
Schneewittchen und Anna. Erstere mit grauem Bart und Gitarre. Anna als Maria mit Puppe und schwarzem Umhang. Wir hatten ausgemacht auszugehen, und ich stehe da, fertig angezogen und zurechtgemacht.
Gleich darauf öffnen sich die Türen der übrigen Hausbewohner und alle sind versammelt, ehrfürchtig zuhörend, die Geldbeutel bereit zum Spenden.
Ich setze ein andächtiges Gesicht auf und versuche, nicht zu lachen.
Und danach, als wir in der Bar sitzen, erzähle ich ihnen von meinen Erfahrungen beim Anklöckeln.
Mein erstes Dienstjahr. Kurz vor Weihnachten.
Hans, der Kollege, vor dem ich ziemlich viel Respekt hatte, sagte eines Morgens zu mir: „Übermorgen gemma anklöckeln. Du gehst mit, du kannst gut singen und bist die perfekte Maria.“
Von dem Tag an war ich dabei. Jeden Donnerstag im Dezember ging es nach Anbruch der Dunkelheit los. Wir versammelten uns im Pfarrhof, verkleideten uns als Maria, Josef, Wirt und Hirten.
„Ein Schnapserl noch, des wärmt auf“, sagte Hans.
Dann machten wir uns auf den Weg. Zu den umliegenden Bauern.
„In die Privathäuser gemma nit, da gibt’s koan guatn Schnops und koa g’scheite Jaus’n.“
Die Leute waren vorbereitet und warteten andächtig auf die Anklöckler.
Am Anfang ging das ja noch gut. Ich war hungrig, freute mich auf selbst gemachten Speck, Käse und Brot. Der Schnaps, auch selber gebrannt, war weniger nach meinem Geschmack. Aber nein zu sagen traute ich mich niemals.
„Der schmiert die Stimmbänder“, sagte Hans, der seinen Bauch mit einem Polster ausgestopft hatte und darüber eine weiße Schürze trug. Er war der Wirt und hatte eine kräftige Bassstimme. Johann, mit Filzhut und grünem Hubertusmantel war mein Josef.
Er sang den Tenor und war ein richtiger Schauspieler. Je mehr Schnaps er trank, desto inbrünstiger war sein Gesang.
Leider wurde er auch mit jedem Schnaps liebesbedürftiger und drückte mich immer näher zu sich heran. Ich wehrte mich, so gut ich konnte.
Gunther, der Hirt, hatte es immer eilig. „Auf, auf, mia miass’n weida, die Leit woarten jo auf ins.“
Zeit für a Keks muss immer sein“, sagte Helmut, auch ein Hirte, nach dem Singen, und setzte sich auf die Ofenbank, ein Linzerkeks in den Mund stopfend.
Ja“, meinte Hans, „An guat’n Schnops host a, gell, Stollabäurin?“
Und schon wurden wir eingeladen, Platz zu nehmen, zuzugreifen, den Schnaps auszutrinken.
Mit jedem Schnaps wurden wir lauter und ungestümer. Sogar die Männer kicherten hysterisch, nur weil eine Katze bei unserem Anblick, der ihr ungewohnt war, aus dem Zimmer sauste oder das Baby zu weinen begann während wir sangen.
Ich leerte manchmal heimlich meinen Schnaps auf den Boden oder in den nächsten Blumentopf. Die Männer tranken jedes Glas leer und lehnten auch niemals ab wenn ihnen die Bäuerin noch ein Stamperl anbot.
„Eigentlich“, sagte der Stollabauer, „is a guada Schnops eh nix fia die Weiwaleit. Weil dia kennan jo an echten Voglbeer nit ausandand’ von an Obstler.“
Man muss wissen, dass ein Obstler nicht viel gilt bei uns. Ein Obstler ist ja kein reiner Schnaps sondern eine Mischung. Und einen Obstler bekommst du in jedem Supermarkt. Ein Vogelbeerschnaps ist der König der Schnäpse. Weil den kannst du nicht einfach irgendwo kaufen, den musst du schon bei einem Bauern, der die Lizenz zum Schnapsbrennen hat, besorgen. Und man braucht eine riesige Menge an Vogelbeeren, die Früchte der Eberesche, die von den Bauersleuten im Herbst selbst gepflückt werden was sehr viel Arbeit und Mühe ist.
In kleinen Dosen genossen, ist der Vogelbeerschnaps eine Medizin.
Nach dem dritten Jahr Anklöckeln kannte ich jeden Schnaps. Ich konnte den Hollerschnaps vom Marillenschnaps und den Birnenschnaps vom Schwarzbeerschnaps unterscheiden.
Nach dem Singen bekamen wir immer Geld.
Die Leute spendeten großzügig. Weil wir sammelten für einen guten Zweck. Pater Elmar, Sohn einer Bauernfamilie aus dem Ort, war in jungen Jahren nach Südamerika ausgewandert und hatte dort ein Hilfsprojekt gestartet, das von vielen Familien des Ortes unterstützt wurde.
Bis Mitternacht dauerte unsere Mission. Und je später es wurde, desto schwieriger wurde das Singen. Oftmals fiel uns der Text nicht ein, manchmal lachten wir nur und kamen gar nicht zum Singen. Hans, der am trinkfreudigsten war, ließ sich manchmal von uns tragen. Er stellte sich so betrunken, dass wir ihn den steilen Hügel durch den tiefen Schnee zum nächsten Bauern hinaufschleppten. Und oben angekommen, lachte er und bedankte sich.
Der Abschluss des Anklöckelns fand immer in einem Gasthaus statt. Dort entledigten wir uns unserer Verkleidungen und sangen und tranken bis zum Morgengrauen.
Anstrengend war es erst am nächsten Tag. Einmal war es so schlimm, dass ich mich am Morgen in der Schule an der Tafel festhalten musste, um nicht umzufallen und ständig auf’s Klo lief weil mir schlecht war.
Die Tage des Anklöckelns sind lang vorbei.
Ich lebe nicht mehr in dem winzigen Bauerndorf. Und in dem Dorf, in dem ich mit meiner Familie lebte, gibt es nicht die singenden Anklöckler, so wie wir es waren.
Mitglieder der Musikkapelle gehen dort von Haus zu Haus, spielen Weihnachtslieder und sammeln für den Nachwuchs. Und trotzdem ist es ein besonderes Ereignis. Witzig ist es halt weil die Musiker gehen nicht in ihrer Tracht von Haus zu Haus, sondern sind auch verkleidet. Und wie sie verkleidet sind! Maria, der Trompeter, mit Vollbart, trägt am Kopf ein hellblaues Seidentuch, zusammengehalten von einem Gummiband. Und da stehen sie alljährlich und blasen ihre Weisen, die halt so angebracht sind zur Weihnachtszeit.
Hier kann man es ansehen und anhören.
Nun muss ich aufhören zu schreiben. Es läutet an der Tür. Und ich weiß schon, wer draußen steht.
Die Sternsinger.
Kinder meiner Schule, die von Haus zu Haus gehen und für einen guten Zweck Geld sammeln. Meistens für Projekte in Afrika, Südamerika oder Indien.
Und sie werden mir ein gutes neues Jahr wünschen, und an meine Tür 20 K+M+b 07 schreiben. Und ich werde ihnen Schokolade und Geld geben und mich freuen, dass sie da sind.
Ich liebe unsere Bräuche.
Sie geben mir ein Gefühl des Aufgehobenseins, sie bringen Kindheitserinnerungen zurück und machen mich ein wenig melancholisch.

Dienstag, Jänner 02, 2007

like a chameleon

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„Das ist ein intelligentes Make-up,“ sagt die Friseurin zu mir und hält mir eine Tube zum stolzen Preis von 29.99 Euro unter die Nase. Wissen’S, dieses Make-up passt sich Ihrer Hautfarbe automatisch an.“
„Das kapier ich aber nicht. Wenn es sich meiner Haut anpasst, warum brauche ich es dann?“ frage ich. „Ich meine, warum brauch ich ein Make-up wenn man danach ohnehin meine Haut sieht?“
„Sie haben eh so eine gute Farbe“, redet sie weiter, ohne mir zuzuhören. Ich bin mir nun nicht sicher, ob das ein Kompliment ist. Weil eine gute Farbe zu haben, ist nicht immer ein Kompliment. Es gibt diese Leute bei uns, die diese roten Wangen und roten Nasen haben. Vermutlich von der kalten Gebirgsluft, besonders nun im Winter.
Ich schaue in den Spiegel und reibe meine Wangen bis sie rosa sind. „Und wenn ich nun rote Wangen habe, passt es sich dann auch meiner Haut an?“ frage ich.
Ich merke, dass die Friseurin unsicher wird.
„Und im Sommer, wenn ich braun gebrannt aus dem Urlaub komme, und ich das Make-up auftrage, ebenfalls? Und was ist, wenn ich es auf meine Bluse schmiere? Auf die grüne? Ist dann das Make-up dann grün?“
Die Friseurin dreht sich um. Sie holt die Schere. „Wir schneiden nun mal die Haare.“
Aber ich lasse nicht locker.
„Zeigen Sie mir das Make-up doch mal. Ich will es genauer anschauen.“ Eine graue Tube. Klug gemacht. Weil wenn das Make-up in einem Glas wäre, dann könnte es man nicht sehen, weil es sich ja sofort anpasst. Es wäre verschwunden, weg.
„Klug durchdacht. Wirklich ein Wunderding“, sage ich.
"Einmal aus der Verpackung genommen, und weg ist es. Stellen Sie sich das mal vor. Da steht ein Make-up in einem Regal in einer Drogerie. Vollkommen unsichtbar. Kein Mensch würde es kaufen. Darum ist es in einer Schachtel. Aber sobald man es aus der Schachtel herausgenommen hat, sieht man es nicht mehr.
Die Langfinger hätten leichte Arbeit. Schnell die Tube aus der Schachtel und eingesteckt. Man müsste es nicht mal einstecken weil automatisch hätte das Glas die Farbe der stehlenden Hand angenommen.
Und außerdem sieht man nicht, wie viel drinnen ist. Es hat auch eine Pumpe, die das Make-up herauspumpt. Da merkt man nicht, ob die Pumpe alles herauspumpt und schmeißt vielleicht die halbvolle Tube weg. Aber das ist egal, weil man es ohnehin nicht sehen würde, das intelligente Make-up. Weil es ja so intelligent ist, dass es sich anpasst an den jeweiligen Hintergrund.
Ich frage mich nun, ob der Erfinder eines intelligenten Make-ups intelligenter ist als das Make-up selbst. Und ob er es wohl überlisten könnte? Es, wenn es sich anpasst und unsichtbar wird, durch einen nur ihm bekannten Trick sichtbar machen könnte. Oder eine Brille entwickeln könnte, mit dem er das Make-up sehen könnte, egal wo und woran es sich gerade anpasst." Ich bin ruhig und schaue der Friseurin zu, wie sie die Schere schwingt.
„Klug durchdacht“, sage ich nochmals. Die Friseurin sagt nichts mehr und schnipselt an meinem Haar herum.
Als ich fertig bin und gefönt und ganz zufrieden mit der neuen Frisur, ein wenig Bob-like, und ungewöhnlich hell die Strähnen, aber ganz okay, fragt mich die Friseurin, ob ich ein wenig Make-up auf die Haut haben will. Klar will ich.
„Aber nur vom intelligenten“, sage ich, „dann merkt man nicht, dass ich geschminkt bin.“
„Wollen Sie nun eine Tube?" fragt sie, als ich bezahle.
Ich überlege kurz, ob ich mir ein solches Wundermittel auf meine Haut schmieren soll, aber dann lese ich, dass das Make-up auf Allergien getestet ist, ob an Mäusen, Affen oder Menschen steht nicht drauf, dann lese ich, dass fast nur natürliche Inhaltsstoffe drin sind und ich entschließe mich, es zu kaufen. Gemeinsam mit einem Mascara-Stift desselben Herstellers.

Seither verwende ich dieses intelligente Make-up.
Und ich habe das Gefühl, es passt ganz gut zu mir und meiner Haut.
Heute traf ich meine Freundin. „Mei Amadea, host du a guade Foarb, woarst im Ualaub?”
„Aber nein, das ist mein Make-up. Hast du noch nie was von einem intelligenten Make-up gehört? Schau mal. Ich hab’s eh dabei. Wart, es ist in meiner Tasche.“
Aber ich finde es nicht. Es ist weg. Spurlos verschwunden. Und nun fällt es mir ein. Ich habe es aus der Verpackung genommen. Nun hat es sich angepasst. An die Farbe der Tasche. Es ist weg. Ein für allemal. Weg. 30 Euro für nix und wieder nix ausgegeben.
Es hat mich überlistet, dieses intelligente Make-up.
War wohl zu gescheit für mich.

Montag, Jänner 01, 2007

new year resolutions

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Nun ist die Zeit gekommen, Vorsätze zu machen. Wieder einmal.
Aber Neujahrsvorsätze machen nur Leute, die willensschwach sind. Glaub ich halt. Sie machen Vorsätze und halten sie dann nicht ein. Ich mach mir jedes Jahr am Schulanfang den Vorsatz, meinen Arbeitsplatz ordentlich zu halten, mein Notenheft genau zu führen. Nicht herumzukritzeln. Aber es gelingt mir nicht. Es gelingt mir nur ungefähr zwei Wochen, danach ist alles wieder wie immer. Der Arbeitsplatz ein Chaos von Zetteln und Büchern. Das Notenheft voll gekritzelt und bunt wie ein Wasserfarbenkasten.
Willensstarke Leute machen einen Vorsatz und setzen ihn in die Tat um – am nächsten Tag.
Zu dieser Gruppe gehöre ich auch nicht. Ich setze einen Vorsatz zwar um, aber das dauert nie lange an.
Ich weiß nun nicht genau, ob ich willensstark oder willensschwach bin. Ich bin eine Mischung. Manchmal sehr willensstark, dann wieder nicht. Weil dann ist es grad so nett, und grad so gut, und nun ist es egal, und gerade so gemütlich und dann bin ich eine Genießerin und überreden zu netten Dingen lasse ich mich sowieso gerne.
Vor einigen Tagen beim gemütlichen Zusammensein mit einigen Kollegen, wurde erzählt dass der Johann, ein Kollege, der 40 Zigaretten am Tag raucht und dem Alkohol nicht abgeneigt ist, ab heute nicht mehr rauchen und für den Marathon in Wien trainieren will.
Die Meinungen gingen auseinander. Einige trauen es ihm zu. Ich kenn ihn zu wenig, als dass ich ihn einschätzen kann. Wenn er es schafft, dann ziehe ich den Hut vor ihm und mache einen Knicks, einen ganz tiefen.
Mein ehemaliger Chef, der sehr willenstark war, hörte jedes Jahr am 1. Jänner auf zu rauchen. Bis genau zum ersten Tag der Sommerferien. Da fing er wieder an. Und rauchte dann genau wieder bis zum 1. Jänner. Ich habe keine Neujahrsvorsätze, die ich nicht auch an jedem anderen Tag hätte.
Jeden Tag zwei Stunden in die frische Luft, jeden Tag auf den Hometrainer, gesund essen. Das mache ich manchmal, aber nicht immer.
Ich bin draufgekommen, es ist besser, sich vorzunehmen, Dinge zu tun, als Dinge nicht mehr zu tun.
Auf meinem Kalender steht heute:

Good intentions for the New Year
Sing a new song

Schon erledigt – schon gesungen heute. Nobody's Man von Tina Dico.
Dance a new step
Das wär ein guter Vorsatz für dieses Jahr. Tango tanzen zu lernen.
Take a new path
Ich werde ihn weitergehen den neuen Weg, den ich vor einigen Jahren eingeschlagen habe. Und ich bin erst am Anfang.
Think a new thought
Das klingt einfacher als es ist. Schon alles gedacht, was es zu denken gibt. Irgendwie und irgendwann schon alles gesagt.
Mir fiel da mal ein Satz ein. Nur die Vergänglichkeit ist unvergänglich. Und dann kam ich drauf, das hat schon jemand vor mir gesagt.
Ich glaube, es gibt keinen einzigen Gedanken, der von mir stammt. Irgendwo hab ich alles, was ich denke und sage schon mal gelesen oder gehört.
Accept a new responsibility
Ein Hund. Das wäre eine neue Verantwortlichkeit. Aber geht nicht, weil ich in einer Wohnung lebe.
Memorize a new poem
Ein ganzes Gedicht zu lernen, das ist schwierig. Habe schon Probleme, mir zu merken, was ich einkaufen muss.
Try a new recipe
Grad gemacht vorige Woche – Elsässer Flammkuchen. Wenn ich in einem Restaurant etwas esse, das ich nicht kenne, koche ich es fast immer nach.
Learn a new language
Wenn, dann Italienisch. Aber das ginge nur, wenn ich in Italien lebte. Für ein Jahr mindestens. Sonst bringt das nichts.
Blaze a new trial
Mit dem Rucksack durch Australien oder mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking. Aber da bräuchte ich jemanden, der mich anschubst.
Enjoy a new experience
Ich genieße die neue Erfahrung des allein Lebens
Make a new friend
Habe ganz liebe Freunde in den letzten zwei Jahren gefunden, die mein Leben bereichern und mein Herz wärmen.
See a new movie
Die große Stille von Philip Gröning werde ich mir demnächst anschauen.
Climb a new hill
Die Hügel da rund um mich hab ich noch lange nicht alle erkundet.
Scale a new mountain
Im Sommer kommt der Schrimskogel dran.
Launch a new career
Das wird schwierig. Kann ja nur unterrichten. Mit der neuen Karriere – das hab ich vermutlich übersehen.
Aber ich bin ja nun bei der Frauenkabarettgruppe dabei. Und das wird bestimmt aufregend. Und im Herbst die Foto-Ausstellung im Kulturhaus. Karriere ist das keine neue, aber eine neue Aufgabe.

Und nun setze ich einige Vorsätze, die ich heute Vormittag nach dem Aufstehen gefasst habe, um:
Den Saustall in meinem Kleiderkasten ordnen.
Den Geschirrspüler ausräumen.
Das Weihnachtsklimbim in den Keller räumen.
Und auf keinen Fall die Kekse, die mir Mama heute mitgegeben hat, noch essen.