Donnerstag, November 30, 2006

techtard

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Ich brauche DVDs.
Also gehe ich mich zum kleinen Händler um die Ecke. Ich kaufe selten in den großen Media Märkten ein, weil ich gut beraten werden will, weil ich überfordert bin in den riesigen Hallen und weil ich das kleine Geschäft um die Ecke einfach lieber mag.
„Kann man diese DVDs mehrmals bespielen?“, frage ich den Verkäufer, der dem Klischee des IT-Fachmanns total entspricht. Für mich halt. Groß, hager, bleich mit Glatze und Brille.
„Sie sind bespielbar“, sagt er, „aber nur einmal.“
„Haben Sie auch welche, die man mehrmals bespielen kann?“
„Die sind da drüben in der Ecke. Wenn Sie sich bitte umsehen wollen, ich bediene nur schnell eine Kundschaft.“
Ich sehe, dass die Kundschaft, um die er sich kümmert einen Computer kaufen will und ich verstehe, dass ihn der Computerverkauf mehr reizt als meine DVDs.
Da stehe ich nun vor dem Regal. Und ich finde vier verschiedene Sorten von DVDs.
+R
-R
+RW
-RW
Sie schauen alle gleich aus.
Ich lese das Kleingedruckte.
Das Kleingedruckte liest sich auf allen vier Sorten gleich unverständlich. Nirgends sehe ich den Hinweis – Mehrmals bespielbar oder re-recordable.
Ein wenig verlässt mich der Mut und ich sehe mich um. Der Verkäufer steht noch immer bei der Kundschaft, die den Computer kaufen will und es scheint, als habe er mich vergessen. Es scheint nicht nur so. Es ist so.
Ich lese nochmals das Kleingedruckte.
Es ist immer dasselbe mit den Aufschriften. Sie sind zu kompliziert.
Warum kann der Hersteller nicht einfach draufschreiben: Lieber Kunde! Sie können diese DVD immer wieder bespielen.
Oder: Sie können diese DVD nur einmal bespielen und das bleibt dann ewig erhalten.
Warum kann sich der Hersteller einer DVD nur in geheimen, unverständlichen, technischen Begriffen ausdrücken?
In diesem Moment marschiert der Verkäufer an mir vorbei.
Er hat diesen bestimmten Gesichtsausdruck, der besagt: Fragen Sie mich jetzt nichts. Ich brauche eine Pause. Ich habe gerade einen Computer verkauft und habe mir eine Pause verdient.
Er marschiert vorbei an mir, erhobenen Hauptes, seine Augen starr nach vorne gerichtet.
Ich habe das Gefühl, wenn ich ihn nun fragen würde, bekäme ich folgendes zur Antwort:
Lady, es tut mir leid, aber ich bin nun auf dem Weg ins Lager, wo ich mich für zwanzig Minuten verstecken, eine Zigarette rauchen und einen Kaffee trinken werde. Ich mache das nun und es nützt nichts, mich anzuschauen, oder gar am Ärmel zu zupfen. Ich reagiere auf keinen Fall.
Trotzdem wage ich es, mich in seinen Weg zu stellen, sodass er stehen bleiben muss. Ich sage: „Es tut mir leid, aber könnten Sie…?“
Er schickt einen genervten Blick gen Himmel, verschränkt die Arme, spitzt die Lippen und schaut mich schließlich doch an.
„…Diese DVDs. Ich kenne mich nicht aus. Ich verstehe nicht, was da drauf steht.
Genervt greift er zu einem Paket, hält es mir unter die Nase und sagt: „Es steht alles da, sehen Sie? +RW!”
Ich will ihn schon fragen, ob er sicher ist, dass sich die +RW-CDS mehrmals bespielen lasse, aber traue mich nicht. Stattdessen sage ich: „Danke, dann nehme ich diese.“
Er geht mit mir zur Kassa. Plötzlich fragt er: „Was für einen DVD-Player haben Sie?“
„Keine Ahnung“, sage ich.
Pause.
„Sie wissen nicht, was Sie für einen DVD-Player haben?“
„Nein“, sage ich entschuldigend und mit schlechtem Gewissen.
Er seufzt.
Also, es gibt DVD-Player für +RW'-DVDs, und es gibt DVD-Players für –RW.“
„Ach so“, sage ich, so als ob ich gerade eine Erleuchtung hätte.
„Ja und? Bedeutet das + und – irgendwas?“
Er verschränkt wieder die Arme und zieht die Augenbrauen hoch.
Ich bemerke, dass er genervt ist ob meines fehlenden technischen Verständnisses und ich sage lächelnd: „Oh, ich wusste nicht, dass das + und das – wichtig ist. Ich bin technisch nicht sehr versiert. Die Amerikaner nennen so eine Person techtard. Leitet sich von retard ab. So wie "Technisch zurückgeblieben, verstehen Sie? So etwas bin ich." Ich lächle. Er schaut mich fragend an. Dann schüttelt er den Kopf und ich sehe, er versteht nicht, was ich rede.
Ich schaue ihn an und auf einmal erinnert mich sein Gesichtsausdruck an ein Erlebnis mit meinem Vater.
Ich war zehn und mein Vater, begabt in Mathematik, versuchte, mir eine halbe Stunde lang die Mathe-Hausübung zu erklären, mit dem Ergebnis, dass er die Hausübung machte. Er hatte eingesehen, dass es nichts nützte, mir irgendetwas über Zahlen zu erklären, weil ich saß gelangweilt am Tisch, baumelte mit den Beinen und war in Gedanken schon in Wald und Flur. Mein Vater hatte mich gefragt, ob ich wisse was 0,5 bedeutete. Natürlich wisse ich das. 0,5 sei dasselbe wie 5. Nur halt mit einer Null davor und einem Beistrich.
Und dann schwoll diese Ader auf der Stirn meines Vaters etwas an. Das gefiel mir nicht. Sie schwoll mehr und mehr an und begann zu pulsieren. Und das war dann der Zeitpunkt, an dem mein Vater mein Heft nahm und die Hausübung für mich schrieb.
Und da sehe ich auf der Stirn des Verkäufers dieselbe Ader, langsam anschwellend und leicht pulsierend. Und ich weiß, nun muss ich etwas sagen, irgendetwas.
„Es ist ein Panasonic DVD-Player.“ Mir fällt keine andere Marke ein.
„Wenn es ein Panasonic ist, dann brauchen sie –RW, sagt der Verkäufer. Mit Erleichterung bemerke ich, dass die Ader etwas weniger pulsiert.
„Vielleicht ist es auch kein Panasonic“, sage ich leise.
Seine Ader auf der Stirn pulsiert wild.
„Ist es nun ein Panasonic oder nicht?“
„Natürlich ist es ein Panasonic", sage ich bestimmt, lache und klopfe mir auf die Stirn. Wie dumm von mir. Es ist ein Panasonic, ich bin sicher. Ich hab ihn von einem Freund geschenkt bekommen und er kauft nur Panasonic Geräte. Wie konnte ich das vergessen, bin ein wenig durcheinander heute, entschuldigen Sie. Es ist aber heiß hier drinnen. Schalten Sie die Heizung nicht aus bei dem warmen Wetter?“
Ich rede und rede während ich ihm zum Regal folge, von dem er eine Packung –RW-DVDs nimmt.
Also kaufe ich die DVDs und nehme sie nach Hause.
Das ist das Ende der Geschichte. Mein DVD-Player ist kein Panasonic. Es ist ein…..ein……ein…..
Vergessen.
Tut mir leid.
Brauchst du zufällig –RW DVDs? Ich bring sie dir. Gleich, wenn du magst. Du kannst sie zum Einkaufspreis haben.

Mittwoch, November 29, 2006

send me an angel

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Ich bin müde. Ich hatte einen anstrengenden Tag. Ich will meine Ruhe und meinen Kaffee trinken.
Aber es scheint nicht zu funktionieren. Der Kellnerin ist langweilig und sie will mit mir reden. Mit ihr zu reden freut mich nicht. Mit ihr zu reden freut mich nie und heute besonders nicht.
Über das übliche „Ein schöner Tag heute“ und „Host heit scho Schicht loss’n?“ kommen wir nicht hinaus. Und das ist gut so.
Es interessiert mich nicht, dass sie heute schon zwei Herren bedient hat, von denen einer den Kaffee ohne und der zweite den Kaffee mit Milch wollte. Es interessiert mich auch nicht, dass sie gestern beim Friseur für Dauerwelle und Fönen neunundachtzig Euro bezahlt hat. Was mich wundert. Weil der Haarschopf, der vorne am Kopf weg steht, wippt wie eh und je und ihre Haartracht sieht aus wie immer. Bevor sie in die Küche humpelt, erzählt sie mir noch schnell, dass sie so ein komisches Ziehen hat im linken Bein. Und deshalb kann sie nicht gut gehen.
Sie bringt mir den Kaffee und ich freue mich auf die Ruhe. Auf einmal geht es los. Am Nebentisch.
Die zwei Frauen, die da sitzen, habe ich erst nun bemerkt. Ich war wohl zu sehr in Gedanken.
Aber nun höre ich mit.
Unfreiwillig.

I hob dir heut a Mail g’schickt.
Jo, de is supi. De hob i kriagt. Mah, woa die witzig.
Gö, die woar witzig. De hot mia da Helmut g’schickt.
De mit dem Stroß’nverkehr in Russland. Wüüd, gell? Wia’s do zuageht! Und der Dreck!
Jo, oba sooo witzig.
Hob i dir di Mail mit da Blondine g’schickt?
Na, a Mail mit ana Blondine hob i nit kriagt. Wia hot de ausg’schaut?
Der Blondinenwitz, woaßt eh. Da Chef hot de von seina Schwägerin kriagt aus Deitschlond.
Na, i hob nix kriagt.
Des is owa komisch. I ho’s da Maria a g’schickt und de hot’s kriagt.
Na, donn schickst ma’s hoit no amoi.
I schick dir donn dafia die Mail mit de Engerl.
So a schene Mail, die Engerl-Mail. Und so a schene Musi dabei. Moanst du eh die Mail mit dem grünen Engerl mit dem Heilig’nschei?
Jo, genau de.
De hob i scho. De hot mir die Anni g'schickt. Mei, do geht oan as Herz auf. Owa du muaßt die Mail an fünf ondane weida schickn. Sunst bringt’s da koa Glick.
Du, da Vroni hob i de Mail mit dem Stripper gschickt. De wos du mia vuagestern g’schickt host. Und die Vroni hot’s donn da Susi g’schickt und heit hob i die Susi troff’n und sie hot mi g'frogt, ob sie mir de Engerl-Mail scho g’schickt hot. Dabei hob i ihr de scho vua oaner Woch gschickt. De bringt a scho oi durchanond. Die Vroni.
Wölche Vroni?
Woaßt eh, de Dünne, de neb’n an Mesnerhäusl wohnt.
De, der da Mo' wegg’laffn is?
Na, des is ihr Schwester. Des is hiaz wuascht.
Du, insa Chef hot gestan an Grant g’hobt.
Worum des?
I woaß nit. I glab, es is eahm da Computer o’gstiazt. Der woar fertig gestan. Glei so zittert hot er. I hob g’moant, glei foit er um. Dabei hob i eahm gestern in da Friah glei de witzige Mail g’schickt, wo a Auto dahin foahrt. A nette Musi und auf oamoi erscheint a Monsta und es gibt an laut’n Schroa. Ma, du, wia i de kriagt ho voa a poar Tog waa i fost van Sessl g’foilln.
So daschreckt ho i mi.
Ah, jo, de. De hot mia da Peda a g’schickt. De woar voi oarg, woar de.
I hob de donn glei weida g’schickt an d’Evi, an die Greti und an die Christl.
I muaß dia heit no de Mail van Dalai Lama schickn. Mit da schen Musi von da Cevin Díwo. Des Liad aus dem Film, woaßt eh. Wia hoaßt des no schnell?
I woaß nit. Owa die Sängerin hoaßt Celin Dion. So schee, i muaß oiwei woana, wonn i des Liadl hör.
I schick da des. Owa hiaz muaß i geh.
Jo, i muaß a weida.
Muaß no a poar Mails schick’n. Und da Chef is nit do, des muaß i ausnutz’n.
I ho heit aus Amerika oane kriagt. Voi de geile Mail. Da Senta Klaus mit nua da Haub’n auf. Und sunst nix. I schick da’s donn glei, gö?



Montag, November 27, 2006

schönheit liegt im auge des betrachters

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Schönheit liegt wirklich im Auge des Betrachters.
Nach einem langen Tag sitze ich mit einigen Kollegen in meinem Stammcafe.
Da kommt eine Frau herein. Um die dreißig, flott gekleidet, in Jeans und Stiefeln. Nette Figur. Schlank, Pagenkopf. Sie setzt sich in die Ecke. Ich sehe sie genauer an. Ja, sie ist flott, aber um den Mund hat sie einen strengen Zug. Ihre Nase ist zu spitz und zu lang. Ihre Frisur sitzt perfekt. Jedes Haar an der richtigen Stelle. Sie erinnert mich an einen Vogel. An einen Raubvogel. Ein wenig.
Die zwei männlichen Kollegen schielen hinüber, schauen einander an und grinsen.
Meine Kollegin fragt mich, ob ich sie attraktiv finde. Ich will nicht boshaft sein und sage – Sie ist flott, hübsche Figur, aber sie wirkt zu streng, zu wenig locker.
Sie fragt die Männer.
Einer sagt – Klasse Figur. Ich würde sie nicht von der Bettkante stoßen. Aber ich bin ja verheiratet, also mach ich mir gar keine Gedanken darüber.
Und du? - fragt die Kollegin weiter.
Seine Antwort – Mir gefallen alle Frauen. Für mich sind alle Frauen schön.
Was für eine noble Antwort!
Was für eine wunderbare Einstellung!
Alle Frauen sind schön? Was ist denn das für ein Unsinn?
Wie kann Mann jede Frau schön finden nur weil sie weiblich ist?
Ich werde dem lieben Kollegen morgen dieses Foto zeigen. Mal schauen, was er sagt.

(Ich weiß, ich weiß, kein nettes Foto. Aber es passt so gut zur Geschichte. Also, verschont mich bitte mit Vorwürfen. Manchmal darf Frau auch gemein sein.)

Sonntag, November 26, 2006

ausweis

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Ich stehe an der Kassa mit einem Packerl Milch.
Ein junger Bursch mit seiner Freundin vor mir. Als der dran ist, stellt er eine Flasche Wodka auf das Laufband. Das Mädchen legt zwei Packerl Kaugummi drauf.
Ausweis, sagt die Verkäuferin. Sie schaut den Burschen gelangweilt und müde an.
Ich bin einundzwanzig, sagt dieser.
Trotzdem, Ausweis.
Ich bin einundzwanzig, hab ich gerade gesagt, bellt der Bursch.
Alles klar, zeig mir deinen Ausweis. Das ist Vorschrift.
Dann nur die Kaugummis. Ich stell den Wodka wieder zurück.
Nein, sagt die Verkäuferin, und will nach der Flasche greifen.
Ich stell sie zurück, habe ich gesagt, schreit der Bursch.
Die Verkäuferin hält die Flasche mit beiden Händen fest. Sie grinst. Ich mach das.
Nun reicht es dem Burschen.
Er schmeißt die Kaugummis auf den Boden und schreit: Dann brauch ich das auch nicht.
Die Verkäuferin weicht zurück. Der Bursch packt seine Freundin an der Hand und beide laufen hinaus.
Diese Jugendlichen heutzutage. Glauben wohl, dass sie da so ungeschoren an mir vorbei kommen. Was glauben die eigentlich?
Naja, a bissl frustiert halt, der Bursch, sage ich und stell die Milch auf das Laufband.
Die Verkäuferin schaut mich an.
Ihr Haar ist grau und glanzlos so wie ihre Augen. Die Haut grau.
Ich mag sie nicht. Sie ist manchmal an der Kassa. Sie ist wahnsinnig langsam. Sie ist immer schlecht gelaunt, sie lächelt niemals. Sie braucht ewig lang, bis sie den Preis eintippt. Manchmal scheint es mir, als mache sie absichtlich langsam. Sie erinnert mich an jene Leute, die man manchmal sieht und die immer nur schlecht gelaunt sind. Immer und überall. So als ob sie ihren Ärger, ihre Frustration jedem Menschen mitteilen wollten und immer aufs Neue frustriert sind weil niemand sie wahrnimmt. So als ob alles gegen sie gerichtet sei, die ganze Welt.
Ich scheiß auf die Jugendlichen, sagt sie. Ich bin verantwortlich für dieses Geschäft und an mir kommt keiner vorbei wenn ich nicht will.
Gut zu wissen, sage ich.
Und wie sie daherkommen. Sollen arbeiten. Wo die nur das Geld herhaben für Alkohol. Und ich bin dann schuld wenn sie irgendwo liegen und die Polizei draufkommt, dass sie das Zeug bei uns gekauft haben.
Ich sage nichts. Ihr Gesichtsausdruck sagt mir, es ist besser nichts zu sagen. Ich will nur meine Milch bezahlen.
Wissen’S, sagt sie.
Wir haben einen Wisch unterschreiben müssen. Wir haben unterschreiben müssen, dass wir Minderjährigen keinen Alkohol verkaufen.
Alle, die wir bei der Kassa arbeiten, haben das unterschreiben müssen. Dabei müsst ich gar nicht an der Kassa arbeiten. Aber das Lehrmädchen ist krank, und zwei Verkäuferinnen im Urlaub. und dann mach ich meine Pflicht und mehr noch und dann wirst nur blöd angeredet und beschimpft.
Plötzlich tut sie mir leid.
Ich habe keine Ahnung, wie ihr Leben aussieht. Vielleicht hat sie einen kranken Mann zu Hause oder gar keinen. Vielleicht ist sie einsam, vielleicht ist sie von ihren Kindern enttäuscht, oder von ihrem Leben. Vielleicht ist sie überfordert mit allem, vielleicht reicht das Geld nicht, vielleicht, vielleicht…
Wollen sie eine Tasche?
Nein, danke.
Sie gibt mir das Wechselgeld, sieht mich an und sagt stolz: Kein einziger kommt auch nur mit einem Tröpfchen Alkohol aus diesem Geschäft. Nicht, so lange ich hier Dienst tue. Soll sie alle der Teufel holen.
Ich bedanke mich und gehe.
Und auf einmal bin ich traurig.

Samstag, November 25, 2006

powershower

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Britische Badezimmer in Hotels sind etwas Besonderes.
Meistens gibt es nur eine Badewanne und ein winziges Waschbecken. Mit je zwei Wasserhähnen. Eines für kaltes und eines für warmes Wasser. Für den durchschnittlich technisch begabten Nichtenbriten ist das eine große Herausforderung. Weil der Nichtenbrite dreht den Wasserhahn einfach auf wenn er baden will oder sich waschen. Ein kleiner Dreh und das Wasser ist warm. Ein weiterer kleiner Dreh und das Wasser ist heiß. So einfach geht das.
Nicht in Großbritannien. In Großbritannien solltest du die Wissenschaft des Mischens von heißem und warmem Wasser beherrschen und es dauert einige Zeit, bis du es beherrschst.
Der Brite sieht das natürlich ganz anders.
See, there are two taps. This one for cold and this one for hot water. And if you need warm water, you have this.
Und er zeigt dir den Gummistöpsel.
Und erklärt dir, dass der Gummistöpsel an der Kette hängt, sodass er nicht verloren geht.
Wenn du dann sagen willst, dass wir das im Rest Europas schon vor fünfzig Jahren hatten, und dass ein Mischer eine wunderbare Sache ist, dann bekommst du nur zur Antwort – We are different, we are British.
Und du merkst, er hat dir gar nicht zugehört.
Selten gibt es Duschen in englischen Badezimmern.
Vermutlich entspricht Baden eher dem britischen Temperament als duschen.
Samstag Abend ein Bad mit allem Drum und Dran. Mit Old English Rose Bath Cream, Plastikentchen, kleinen Schiffchen und Rückenschrubber. Der Brite stundenlang im Wasser, schrubbt sich den Rücken und philosophiert über dies und das.
Deshalb gibt es in britischen Badezimmern einen Teppichboden, Vorhänge und Stores, Bilder und Pflanzen. Niemals wirst du einen kalten Fliesenboden in einem britischen Badezimmer sehen.
Und dann haben sie diese wunderbaren Ketten, mit denen du das Licht einschaltest. Sonst könnte es ja passieren, dass du den Stromtod stirbst.
Das heißt, in jedem englischen Badezimmer gibt es zwei Ketten. Eine für das Licht und eine für die Klospülung.
Mit der Zeit kommst du dann schon drauf, welche Kette welche ist.
Seit einigen Jahren gibt es in britischen Badezimmer Duschen. Aber keine normale Duschen, nein. Ganz spezielle. Und sie heißen Powershowers.
Powershowers gibt es nur in Großbritannien.
Vermutlich habe ich ein Übersetzungsproblem, weil ich eigentlich nicht genau weiß, was Powershower bedeutet.
Weil von power kann nicht die Rede sein. Vermutlich bezieht sich das Wort power auf die Anstrengung, die man aufwenden muss, um die Dusche in gang zu setzen.
Britische Duschen tröpfeln nämlich. Wenn du Glück hast. Wenn du besonderes Glück hast, tröpfeln sie warm. Meist tröpfeln sie kalt.
In dem Hotel in dem ich war, war es anders.
Recommended by the AA.
Das Bad hatte einen gefliesten Boden.
Und eine Dusche. Unglaublich. Eine Dusche mit einem Mischer! Noch unglaublicher.
Als ich das Wasser aufdrehte, konnte ich mein Glück nicht fassen. Das Wasser tröpfelte nicht, nein, es lief aus der Dusche in einem festen Strahl. Und das im dritten Stock.
Ich beschwere mich nun nicht darüber, dass der Duschkopf drei Meter über mir war fest in der Wand verschraubt. Das wäre nun wirklich kleinlich.
Jedenfalls stand ich da vor der Dusche, bereit, mich vom Londoner Staub zu befreien.
Ich drehte die Dusche auf. Das Wasser war siedend heiß. Das war aber kein Problem, da die Dusche ja einen Mischer hatte. Nur funktionierte der Mischer nicht und in wenigen Minuten dampfte das Badezimmer wie ein türkisches Bad.
Nur mit der Ruhe. Das wird schon noch.
Ich drehte den Mischer etwas nach links und wartete fünf Minuten. Es dampfte noch mehr.
Ich drehte nun den Mischer ganz nach links, und wartete wieder fünf Minuten. Es dampfte immer noch.
Mittlerweile sah ich gar nichts mehr. Nur mehr Nebel.
Ich öffnete die Badezimmertür. Die Dampfwolke entwich sogleich ins Hotelzimmer.
Nun drehte ich den Mischer ganz nach rechts.
Es änderte sich nichts. Bad und Hotelzimmer lagen in dichtem Nebel. Ich lag mittlerweile vollkommen erschöpft auf dem Bett. Klatschnass. Der Nebel wurde immer dichter.
Ich drehte die Dusche zu. Ich hatte vor, ein wenig zu warten und es dann nochmals zu versuchen.
Auf einmal klopfte es an der Tür.
Schnell das Badetuch herumgewickelt.
Ja?
Sorry for disturbing, Madam.
Vor mir stand ein Mann mit Badetuch bekleidet.
Does your shower work?
Yes, it does, but…
Would you mind if I take a shower?
The water in my shower does not get warm.

No problem, go ahead, sagte ich. I prefer a nice bath anyway.
Und ich nahm Shampoo und Seife und begab mich in den ersten Stock.
In das Gemeinschaftsbadezimmer mit Badewanne, Stöpsel und zwei Wasserhähnen. Einer für kaltes und einer für heißes Wasser.

Donnerstag, November 23, 2006

zerreißverschlussprobe

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Dann hatte ich noch ein wundersames Erlebnis mit meiner Winterjacke.
Mit meiner neuen.
Mit der Winterjacke, schokoladebraun, knielang, mit Daune gefüllt und mit Reißverschluss.
Reißverschlüsse sind eine wunderbare Sache.
Wenn man es schafft, sie richtig zuzumachen. Ich schaffte das nicht.
Diese neue Winterjacke war sauteuer. Der Reißverschluss funktionierte trotzdem nicht. Oder ich war zu blöd, zu hektisch oder sonst was. Jedenfalls beim Zumachen klemmte ich den Stoff der Jacke ein. Irgendwie schaffte ich es, den Stoff ganz einzuklemmen. Und der Reißverschluss war nun zu. Zu für immer und ewig. Man konnte ihn keinen Millimeter mehr ziehen. Weder vor noch zurück. Vielleicht sind Reißverschlüsse nicht zum Ziehen, sondern zum Reißen. Darum der Name.
Weil es schneite, setzte ich die Kapuze auf und machte einen Knoten in das Kapuzenband. Das Kapuzenband ist das kleine Schnürl, das auf beiden Enden der Kapuze vorsteht. Es war etwas schwierig, den Knoten zu machen, weil das Kapuzenband bei meiner Jacke eigentlich ein Kapuzengummiband ist und ziemlich kurz. Vermutlich sollte man es gar nicht verknoten. Aber wozu ist es sonst da? Nur so? Das kann nicht sein. Als ich hinausging, schneite es und meine Daunenjacke samt Kapuze hielt mich wunderbar warm.
In der Schule fand die alljährliche Buchausstellung statt. Lo war auch da. Sie nahm die Bestellungen entgegen.
„Zieh dich doch ein wenig aus“, sagte sie, und „Schau dich ein wenig um, wir haben tolle Bücher.“ „Lo, ich kann nicht, der Reißverschluss klemmt.“
„Dann nimm wenigstens die Kapuze ab.“
„Kapuze, das geht“, sagte ich.
Aber Kapuze ging nicht. Den Kopf weit nach hinten gestreckt, probierte ich, den Knoten zu lösen. Aber es ging nicht. Graffl! Und je mehr und länger ich es versuchte, desto dicker und fester wurde der Knoten.
„Lo, ich nehme dieses Buch, bestell es mir.“
„Wir haben noch andere tolle Bücher, schau dich doch um“, sagte Lo.
Ich konnte mich nicht umschauen. Ich war zu fest eingepackt.
„Nein“, stöhnte ich. „Mir ist ein wenig warm.“
Ich versuchte, den Wollschal abzunehmen aber der hatte sich mit dem Kapuzenschnürl verbündet und steckte fest..
„Magst einen Apfelstrudel?“ fragte Lo. „Nein, dann wird mir noch heißer, als mir schon ist.“ „Wart, ich wisch dir den Schweiß ab“. Lo nahm ein Handtuch und wischte mir über die Stirn. Ich glaub, du hast Fieber“, sagte sie besorgt.
Die Leute schauten schon komisch und der Rotkreuzmann, der in der Ecke stand, machte sich auf den Weg in meine Richtung.
Schnell raus da.
Ich war klatschnass unter der Winterjacke, dem Schal und der Kapuze.
Ich ging sehr langsam nach Hause.
Zuhause angekommen, wollte ich mir am liebsten alles sofort vom Leib reißen. Aber ich besann mich, öffnete Tür und Fenster, stellte mich vor den großen Spiegel und versuchte, mich zuerst der Kapuze zu entledigen.
Aber es ging nicht. Ich schwitzte immer mehr und war der Verzweiflung nahe. "Gleich fall ich in Ohnmacht", kam mir in den Sinn.
Ich setzte mich auf den Boden aber es war alles umsonst. Kapuze und Wollschal waren mittlerweile mit Hals und Kopf verschweißt, der Reißverschluss bewegte sich keinen Millimeter vor oder zurück.
Ich legte mich auf den Boden und überlegte kurz. Wenn oben nix geht, dann unten. Also zog ich Stiefel, Hose und Socken aus. Da lag ich nun. Mit Slip, Winterjacke, Schal und Kapuze.
Es reichte mir.
Ich holte die Schere und schnitt das Kapuzenschnürl ab. Den Reißverschluss rührte ich nicht an. Ich stand wieder auf und begann, die Winterjacke nach oben auszuziehen. Das ging ganz gut. Zuerst.
Dann steckte ich fest. Nun kam zur Hitze noch die Dunkelheit dazu. Beine und Bauch waren etwas kühl geworden, ja fast kalt, da Fenster und Tür noch offen waren.
Ich fluchte, aber das half nicht wirklich. Auf einmal hörte ich wie aus der Ferne ganz leise eine Stimme. „Was tust du denn da, um Himmels willen?“ Gleich darauf spürte ich ein Ziehen nach oben. „Das geht nicht“, hörte ich leise.
„Wer bist du?“, fragte ich. Aber er oder sie schien mich nicht zu hören.
Ich merkte, wie mich er oder sie ins Schlafzimmer führte. Das ist sicher der Nachbar, dachte ich, Und ich halb nackt.
Ich wurde auf das Bett gestubst.
Mittlerweile war ich fast ohnmächtig. Mir war schwindling und schlecht. Ich merkte, wie mir der Schweiß die Beine hinunter lief.
Endlich kam wieder Bewegung in den Winterjacke. Der Nabel war schon freigelegt. „Greif mich ja nicht am Nabel an“, konnte ich gerade noch stöhnen.
Nach langer Zeit, es schien eine Ewigkeit zu dauern, sah ich einen hellen Fleck. Zuerst ganz leicht, dann immer heller.
Endlich befreit.
Anna war da. „Du meine Lebensretterin“, stammelte ich, müde und abgekämpft und außer Atem.
„Wie ist denn das passiert“, fragte sie?
„Frag mich nicht. Tu mir einen Gefallen. Mach mir einen Kaffee. Jetzt, auf der Stelle. Und die Winterjacke, die reklamier ich. Das Kapuzenschnürl ist kaputt und der Reißverschluss klemmt auch."
Anna kam mit zwei Kaffeetassen. „Wieso schmeckt der nach Knoblauch?“ fragte sie. „Das bildest du dir ein“, antwortete ich und nahm einen Schluck.
Der Kaffee schmeckte wunderbar.
Wie schnell man sich doch an einen neuen Geschmack gewöhnt.

Mittwoch, November 22, 2006

one of these mornings

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Es geschah am Morgen. Gleich nach dem Aufstehen. Beim Kaffee kochen.

In der Früh muss das schnell gehen mit dem Kaffee. Wasser in die Kaffeemaschine, Filtertüte raus, Kaffee hinein, Maschine einschalten.
Und dann habe ich die wunderbare Idee, schon am Morgen eine Tomatensauce zu machen. Weil ich ja am Morgen so gut organisiert bin und so klar im Kopf.
Das geht nebenher, während der Kaffee durchläuft. Weil wenn ich nun schon die Sauce mach, dann geht das zu Mittag ganz schnell. Dann muss ich zu Mittag nur mehr das Fleisch anbraten und die Nudeln kochen.
Ein Freund kommt zum Essen und ich habe ein schnelles Rezept ausgesucht – Piccata Milanese.
Also Wasser aufstellen, kochen lassen, Olivenöl in die Pfanne, Schneidbrett raus, die Tomaten drei Minuten in das Wasser legen, nun schnell Knoblauch zerkleinern. Das geht ganz einfach.
Das mach ich mit links.
Gerade mit dem Knoblauch beschäftigt, höre ich, dass die Kaffeemaschine irgendwie nicht richtig gurgelt. Sie ist eigenartig leise und gluckst nur ein wenig.
Und da seh ich es schon. Kaffee rinnt nicht in die Kanne, Kaffee rinnt daneben und tropft auf den Boden. Vergessen, Deckel auf die Kafeekanne zu legen. Es rinnt nicht nur der Kaffee, es rinnt auch die Zeit.
Aufwischen. Wieder Wasser in die Kaffeemaschine, neue Filtertüte, Kaffee rein.
Oje, die Tomaten. Schnell raus. Öl vom Herd, es raucht. Das kann ich vergessen. Zack, Filtertüte fällt um, Kaffeepulver auf der Arbeitsfläche. Mittlerweile läuft die Zeit. Sie läuft davon. Duschen muss ich auch noch.
Kein Kaffee mehr in der Kaffeedose. Das fehlt noch. Kein Kaffee am Morgen geht gar nicht. Also Kaffeepulver von der Arbeitsfläche in die Filtertüte. Mit dem Messer geht das ganz fix.
Die Sauce mache ich nicht mehr. Es ist zu spät.
Ich räume Messer und Schneidbrett in den Geschirrspüler. Wo ist denn der Knoblauch? Egal. Wenigstens hab ich den Kaffee.
Die Sauce kann ich zu Mittag auch noch machen.
Tasse raus, Milch rein. Kaffee drauf. Schluck. Wääääh. Knoblauchkaffee. Ich Schaf.
Nun weiß ich warum der Knoblauch nicht mehr am Schneidbrett war.
Der Kaffee ist ungenießbar.
Ich auch. Bis um 10 Uhr. Da trink ich dann einen.
Der Freund ist hungrig. Er bringt eine Packung Kaffee mit. Jubiläumsmischung.
Das Essen ist toll. Mehr oder weniger.
Die Spaghetti sind nicht al dente sondern al sine dente.
In der Sauce ist kein Knoblauch.
Ich habe vergessen, Fleisch zu kaufen.
Und als ich den Salat anmache, löst sich der Deckel vom Salzstreuer.
So essen wir halt Spaghettipüree mit Tomatensauce.
Gut, dass der Freund hungrig ist.
Als ich ihm nach dem Mahl eine Tasse Kaffee hinstelle, meint er – Komisch, ich hab Knoblauchgeschmack im Mund.
Drum kauf ich nie die Jubiläumsmischung, sage ich und wechsle das Thema.

Sonntag, November 19, 2006

du da

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Du da vor mir. Hör mal gut zu. Ich sag dir nun was.
Vor ungefähr fünf Millionen Jahren haben wir begonnen, auf zwei Beinen zu stehen und zu gehen.
Du hattest also genug Zeit zu üben und solltest eigentlich ordentlich gehen können.
Du hast sogar gelernt zu laufen. Du hast sogar gelernt, um die Wette zu laufen, davon zu laufen, zu springen und zu hüpfen.
Eigentlich solltest du ein richtig guter Geher und Läufer sein. Du kannst aber nicht nur gerade aus laufen, du kannst sogar verkehrt herum laufen, du kannst die Richtung wechseln, blitzschnell. Du kannst Hindernissen ausweichen und plötzlich stehen bleiben.
Du fällst selten auf die Nase wenn du gehst oder läufst.
Vielleicht im Winter, wenn der Gehsteig eisig ist oder wenn du zuviel getrunken hast. Dann kann es schon mal sein, dass du ausrutscht.
Ich rede hier nicht vom Laufen, ich rede vom einfachen Geradeausgehen auf der Straße. Und nun würde ich gerne wissen, warum du es nicht schaffst, einfach gerade auszugehen. Ich habe es eilig, verstehst du?
Ich habe es eilig und würde dich gerne überholen. Aber immer, wenn ich ansetze, das zu tun, dann gehst du in meine Richtung. Du bist weder alt noch gebrechlich, also sag mir bitte, was das soll.
Du gehst nicht, du pendelst. Von einer Seite auf die andere. Du pendelst hin und her. Du bist nicht besoffen, wir sind auch auf keinem schwankenden Boot und die Erde bebt auch nicht. Tu mir den Gefallen und geh einfach gerade aus.
Du bist nicht alleine da. Siehst du nicht, dass der Gehsteig überfüllt ist?
Nun hab ich schon dreimal "Entschuldigen Sie" gesagt, und du hörst das nicht einmal. Bist du taub oder willst du nicht hören?
Machst du das absichtlich? Natürlich machst du das absichtlich. So dumm kann ein Mensch nicht sein.
Weißt du überhaupt, wie viel Energie das kostet, nur weil du nicht geradeaus gehen kannst? Wenn du und deine schwankenden Artgenossen normal gehen würden, könnten wir sicher zehn Prozent der Energie einsparen. Oder zwanzig. Und das weltweit. Weil dann würde ich noch vor der Stoßzeit auf die Autobahn kommen, und müsste nicht eine Stunde im Stau stehen. Und das mit laufendem Motor. Die Ehefrau, die auf ihren Mann wartet, dem es gleich geht wie mir, müsste nicht zwei Stunden lang das Essen aufwärmen und so sinnlos Strom vergeuden.
Die Mutter, die schon über eine Stunde versucht, an dir vorbei zu gehen, könnte ihren Kindern noch bei Tageslicht die Englisch-Vokabeln abfragen.
Und der Greißler um die Ecke hätte seinen Laden noch geöffnet und die Sekretärin müsste nicht mit dem Auto zehn Kilometer zum nächsten großen Supermarkt fahren.
Und das alles nur, weil du nicht ordentlich gehen kannst.
Denk mal darüber nach.
Aber schnell. Geh gerade aus. Schau auf deine Schuhe und stell dir eine gerade Linie vor. Und der folgst du.
Sonst kann es irgendeinmal passieren, dass ich dich anremple.
Meine Geduld hat schließlich auch ihre Grenzen.

Samstag, November 18, 2006

berühren verboten

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Ich habe Angst, meinen Bauchnabel zu berühren. Es ist mir unangenehm. Wenn ich unter der Dusche meinen Bauchnabel wasche, dann halte ich den Duschkopf ganz dicht an den Nabel, sodass ich da ja nicht hineinbohren muss.
Außerdem schau ich meinen Nabel niemals genau an. Ich betrachte ihn nur aus der Entfernung, wenn ich vor dem Spiegel schau, ob meine Hüften fülliger geworden sind. Den Nabel schaue ich dann nur so nebenbei an.
Ich habe das Gefühl, wenn ich da herum stochere, dass ich meinen Bauch aufbohre.
Eine grausliche Vorstellung.
Horror pur!
Man sieht ja manchmal auf erotischen Fotos Bauchnabel mit Erdbeeren oder Kirschen. Ich glaube, mein Nabel ist viel zu klein für eine Erdbeere. Er reicht höchstens für eine Preiselbeere oder Heidelbeere. Wenn nun gerade Beerenzeit wäre, könnte ich das ja ausprobieren. Ich glaube, eine Erdbeere oder Kirsche würde runter kullern, außer ich zieh den Bauch ganz ein oder pick sie mit Honig fest.
Meine Oma erzählte mir, dass es gefährlich sei, an seinem Bauchnabel herumzuspielen. Man würde Bauchschmerzen bekommen und es könnte auch passieren, wenn man es ganz arg treibt, dass der Bauch platzt. Und die Gedärme und alles im Bauch würden dann aus einem herausquellen. Und das gäbe eine ordentliche Sauerei.
Mit Körperteilen herumspielen fand meine Oma sowieso nicht gut. Und ich glaube, sie ging auf Nummer sicher und sagte das mit dem Bauchnabel nur, dass ich nicht auf die Idee käme, weiter unten herumzuspielen.
Meine Oma hat mir auch gesagt, es sei gefährlich in der Nase zu bohren, oder sich irgendwas in die Ohren zu stecken, oder Nägel zu beißen.
Immer wieder erzählte sie mir Geschichten. Von einem Klassenkameraden, der sich Bohnen in die Nase gesteckt hatte. Und er steckte sie sich ganz hinauf in das Hirnkastl und kein Arzt konnte ihm helfen. Er wurde gleich darauf verrückt. Und die Bohnen, sagte Oma, es war eine Handvoll, blieben für immer in seinem Hirn. Und man konnte die Bohnen sogar sehen. Er hatte sein Leben lang kleine Bohnenhöcker auf der Stirn. Alt ist der nicht geworden, sagte Oma. Mit dreißig ist er gestorben.
Mir kam das wahnsinnig alt vor damals.
Und vom Nägelbeißen bekommst du einen Wurstfinger, sagte Oma. Ein Wurstfinger ist immer entzündet und eitrig. Ein Wurstfinger heilt niemals zu.
Ein Wurstfinger tut höllisch weh. Ein Wurstfinger ist für nichts zu gebrauchen.
Auch heute noch, wenn ich eine Käsekrainer sehe, fällt mir immer Wurstfinger ein. Ich bin sicher, so sieht ein eitriger Wurstfinger aus.
Ich wuchs in dem Glauben auf, dass man auf keinen Fall an irgendwelchen Körperöffnungen herumspielen darf. Vor allem nicht an denen unterhalb des Nabels.
Zu jenen wusste Oma keine Geschichten, außer dass man blind wurde davon.
Auf meinem Schulweg kam ich immer an einer Bank vorbei. Da saß immer der blinde Hias aus dem Altersheim, ein alter Mann.
Selber schuld, dass du blind bist, dachte ich immer und einmal sagte ich es sogar zu ihm.
Da packte er mich mit dem Hakelstecken am Fuß, zog mich zu sich hin und lachte laut. Ich hatte wahnsinnige Angst. Weil da sah ich, dass er nicht nur blind war, sondern nur einen Zahn hatte, und der war gelb. Vom Kautabak, den er ständig im Mund hatte.
Ich konnte mich befreien und lief schnell davon.
Danach machte ich immer eine großen Bogen um den blinden Hias.
Einmal fragte ich die Oma, warum uns der liebe Gott all die Löcher, die wir haben, gegeben hat, wo wir sie doch gar nicht verwenden dürfen.
Und da sagte sie, sie müsse darüber nachdenken und wird den Herrn Pfarrer fragen und dann noch – Du immer mit deinen Fragen, auf denen es keine Antworten gibt.
Im Großen und Ganzen habe ich mit meinen Körperöffnungen Frieden geschlossen. Aber das mit dem Bauchnabel wird nichts mehr.
Für heute Abend habe ich mir vorgenommen, mit dem Wattestäbchen eine Bauchnabeltiefenreinigung vorzunehmen. Und danach den Nabel – auch mittels Wattestäbchen – einzucremen.
Es kann zwar sein, dass der Bauch dann platzt. Aber ich habe eh zur Vorsicht einen Korken gekauft.

Donnerstag, November 16, 2006

get connected

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Schnell heim will ich immer nach dem Aerobic. Warm angekleidet weil ich mich nicht erkälten will und weil es mich nicht freut, in der Gemeinschaftsdusche mit dreißig anderen schwitzenden Frauenkörpern zu duschen. Ich saus zum Auto mit Anorak, Schihaube und Schal und steh. Alles voll zugeparkt. Mehr oder weniger.
Mit dem "schnell heim" wird das wohl dieses Mal nichts.
Bin ja keine schlechte Autofahrerin aber wenn ich am Abend, wenn es neblig ist und finster, eingeklemmt bin zwischen einem Mercedes und einem Was-was-weiß-ich-was-für-ein-amerikanischer-Monsterkübel, verschwitzt im Auto sitze eingepackt wie ein Eskimo, dann bin ich angefressen wenn ich nicht gleich fahren kann. Und gleich fahren geht nicht.
Als ob ich mich nicht schon genug bewegt hätte, muss ich nun Fenster runterkurbeln, den Nacken verrenken und den Rücken auch und gleichzeitig fluchen.
Also dauert es ein wenig, bis ich rauskomme. Ich muss mehrmals vor- und zurückfahren und aufpassen, dass ich nicht anfahr an den beiden Kübeln.
Gerade, als ich auf die Dorfstraße fahren will, froh, dass ich es endlich geschafft habe, hupt hinter mir ein Auto. Es hupt nicht so wie ein Auto hupt. Es hupt wie wahnsinnig, es ist ein Hupkonzert, eine Huptirade, laut, nervig.
Ich bremse, drehe mich um und sehe zwei Schatten im Auto hinter mir. Zwei männliche, korpulente. Und sonst nur Scheinwerfer.
"Du Aff", zische ich.
Ich bleib stehen, öffne das Fenster und schaue zurück. Als der Aff das sieht, hupt er zuerst mit Unterbrechungen, dann wieder lang und fuchtelt mit den Armen in der Luft herum.
Nun geht sein Fenster auf und er ruft: „Foahr endlich, weida, du Schafi!“
Schon will das Schaf aussteigen und dem Affen die Meinung sagen – Siehst du nicht, dass da alles zu ist? Soll ich da rein krachen in die Autos?
Ich mache die Tür wieder zu und fahre.
Soll er doch. Mir egal. Ich will heim.
Als ich endlich auf der Straße bin, sehe ich, dass das Auto hinter mir herfährt.
Nun ist die schmale Dorfstraße aber auch zugeparkt, weil es einen Vortrag gibt heute in der Schule. Total zugeparkt, auf beiden Seiten.
Und ich schlängle mich durch zwischen den Autos und hinter mir, ganz dicht, dieses Auto mit dem fahrenden Affen. Ich atme tief durch und überlege. Ich brauche ein Konzept. So einfach will ich es den beiden nicht machen.
An einer Engstelle bleib ich stehen. Ich schalte die Alarmblinkanlage ein und schnalle mich ab. Schon geht es wieder los, das Gehupe. Ich lasse mich nicht beirren, nehme Schal und Mütze ab und schalte die Innenbeleuchtung ein.
Ich steige aus, atme noch einmal tief durch und gehe zum Auto hinter mir.
Ich klopfe ans Fenster. Der Fahrer kurbelt es herunter und schnaubt:
„Glabst, mia san do zua Gaudi, worum foahrst nit weida, Schafl, bled’s?“
"Hallo", sage ich, fahr mir leicht durch’s Haar und lächle.
„Ich wollte mich nur bei ihnen entschuldigen, dass ich Sie so lange aufgehalten habe. Wissen’S eh, als ich rausfuhr aus dem Parkplatz. Aber es waren so viele Autos da. Es tut mir wirklich leid. Sie haben es sicher eilig.“
„Wos?“
Wissen Sie nicht mehr, vorhin, als ich aus der Parklücke fuhr und Sie behinderte. Habe zuerst gar nicht bemerkt, dass Sie hinter mir waren, erst als Sie hupten. Es tut mir wirklich leid, dass Sie sich etwas geärgert haben über mich. Das war nicht meine Absicht.“
Der Fahrer schaut den Beifahrer an.
„Wos is?“
„Wissen Sie“, erkläre ich ihm lächelnd, „da war dieser große Audi hinter mir, oder vielleicht war es auch ein Mercedes, ich weiß nicht und auf der anderen Seite war dieses amerikanische Auto, ich weiß nicht wie das heißt, so gut kenn ich mich nicht aus mit Automarken und es war auch so neblig und finster und ich bin voriges Jahr schon mal angefahren, zwar nicht an ein parkendes Auto, aber an eine Straßenlaterne, und nun passe ich immer besonders gut auf. Ich hab zwar ein kleines Auto, aber ich sag Ihnen, ich war nur mehr einen halben Zentimeter von der Stoßstange des anderen Autos weg. Nur einen halben Zentimeter! Und darum bin ich auch so langsam raus gefahren, will nicht noch wo anfahren. War eh schon teuer genug das letzte Mal. Sie sind sicher in großer Eile. Aber ich hab das zuerst gar nicht so gemerkt, erst später, als sie hupten.“ Ich schenke dem Affen und seinem Beifahrer mein schönstes Lächeln.
„Wissen’S, und als ich nun sah, dass sie in dieselbe Richtung fahren, dachte ich mir, ich bleib stehen, und erklär’ Ihnen warum das vorhin so lang gedauert hat. Normalerweise fahre ich schneller aus einer Parklücke. Wirklich, das müssen Sie mir glauben.“
Die beiden starren mich an.
Der Fahrer schüttelt kurz den Kopf und sagt: „Passt. Wia wär des, wonn du hiaz weidafoahrn tatst? Du hoitst mi auf.”
“Oh, entschuldigen Sie. Klar, natürlich. Wo Sie es doch so eilig haben. Mein Gott, ich Dummerl. Hab das nun gar nicht bedacht. Aber wissen Sie, ich habe gespürt, dass Sie sich zuerst so aufgeregt haben und ich sah es als meine Pflicht an, Sie aufzuklären, und außerdem wollte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Das habe ich somit erledigt.”
Ich lächle nochmals.
„Also dann. Ich gehe nun wieder zu meinem Auto. Ich bin so froh, dass wir das nun ausgeredet haben. Auf Wiedersehen, gute Nacht. Wünsche Ihnen noch einen schönen Abend und eine gute Fahrt, ohne Zwischenfälle.“
Bevor ich in mein Auto steige, winke ich ihnen nochmals.
Ich schnalle mich an, bringe meine Handtasche in Ordnung, suche mir noch eine CD aus dem Handschuhfach, ordne die anderen Cds alphabetisch, bemale mir die Lippen und frisiere mich.
Komischerweise hupt gar nichts mehr hinter mir.
Als ich wegfahre, sehe ich, dass das Auto mit dem Affen mir nicht mehr folgt, sondern die schmale Dorfstraße zurück fährt.
Wie gut ich mich fühle!
Wie schön es doch ist, in der Fast-Vorweihnachtszeit freundlich und zuvorkommend zu sein.
Wie sagen die Amerikaner so gern – Get connected with people. That’s the secret.
Manchmal ham’s doch recht, die Amis.

Montag, November 13, 2006

erzähl mir von rot

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Erzähl mir von Rot, sagt er.
Rot?
Was soll ich von Rot erzählen?
Rot ist nicht meine Farbe, sage ich.
Da fällt mir nur ein:
Rot wie die Liebe.
Rot wie der Wein.
Und das Märchen.
Welches Märchen?
Schneeweißchen und Rosenrot.
Schneeweißchen, Rosenrot - schlägst dir den Freier tot.
Was heißt das?
Ich weiß nicht mehr. Hab die Geschichte vergessen.
Das klingt nicht schön.
Erzähl mir was Schöneres.
Es gibt noch ein Märchen mit Rot. Kann es sein, dass es Schneewittchen war? Oder Dornröschen?
Ich weiß nicht. Ich kenne Märchen nicht gut.
Da war diese Königstochter. Ihre Haut war weiß war wie Alabaster und ihre Lippen waren rot wie Blut. So wie ein Tropfen Blut im Schnee.
Dieses Rot auf dem Weiß. Schön.
Ich finde das nicht schön.
Warum?
Ich fand mal einen toten Hasen im Schnee.
Alles voll Blut. Dieses Rot vom Blut im Schnee.
Erzähl mir mehr von Rot, sagt er nochmals.
Butterbrot macht Wangen rot.
Was heißt das nun wieder?
Das sagte meine Oma immer zu mir.
Ich kenn das anders. Schwarzbrot macht Wangen rot.
Hier am Land sieht man manchmal Menschen mit roten Wangen. Sie sehen aus wie ein rotbackiger Apfel.
Das kommt von der Landluft.
Welche Landluft? Bei dem Verkehr!
Ich seh immer Rot, wenn ich auf’s Land fahre und im Stau stehe. Er lacht.
Weißt du, als Kind wenn es rote Bete gab am Sonntag, da machte ich mir den Spaß und bemalte meine Lippen rot.
Rote Lippen soll man küssen, kennst du das Lied?
Wer kennt dieses Lied nicht?
Rote Lippen sind schön.
Nicht immer, sagte ich.
Ich hatte als Kind machmal tiefrote Lippen und das gefiel mir gar nicht.
Hast du sie dir angemalt?
Aber nein. Ich habe sie immer so fest aufeinander gepresst, dass sie ganz rot wurden.
Ich mochte das nicht.
Ich finde rote Lippen schön. Jedenfalls schöner als rote Wangen.
Dem kann ich zustimmen.
Erzähl mir mehr von Rot.
Du bringst mich ganz durcheinander mit deinem Rot.
Was soll ich von Rot erzählen?
Rot ist nicht meine Farbe.
Aber wenn ich mich da umschaue in deiner Wohnung, ist einiges rot.
Dieses Bild da.
In diesem Bild ist ziemlich viel rot.
Du hast Recht.
Wenn ich das Bild ansehe, wärmt es mich.
Nur durch das Anschauen?
Ja, irgendwie wärmt es mich. Innerlich.
Die Kuscheldecke ist auch rot.
Eine Kuscheldecke muss rot sein.
Muss?
Ja, muss.
Weil eine rote Kuscheldecke wärmer ist als eine grüne.
Allein schon durch die Farbe.
Rot ist eine Farbe ist, die sich nach vor drängt.
Wie klug du bist. Ich grinse.
Vermutlich fahren deshalb so viele Leute bei Rot über die Kreuzung, weil sich die Farbe so aufdrängt.
Jaja.
Die Geranien am Fenster sind auch rot. Ich sehe sie immer schon von weitem wenn ich nach Hause komme. Ich sehe sie noch bevor ich das Haus sehe.
Nun übertreibst du aber.
Vielleicht ein wenig. Aber ich sehe sie zumindest gleich nach dem Haus.
Und sie begrüßen mich.
Rot reimt sich auf tot.
Das hatten wir schon.
Hatten wir schon?
Ja, Rosenrot schlägt den Freier tot.
Ich denke bei Rot als erstes an Blut.
Ich denke bei Rot an Erdbeeren.
Und Kirschen.
Und an den Film.
An welchen?
Die Farbe Rot.
Den kenne ich auch. Ein schöner Film.
Erzähl mir noch ein wenig von Rot.
Es gibt Worte mit rot, die schön klingen.
Am schönsten ist das Wort kirschrot.
Sag es mal laut vor dich hin.
Kirschrot.
Einfach schön.
Purpurrot.
Blutrot.
Rosenrot.
Du hast erdbeerrot vergessen.
Erdbeerrot. Sagt man das?
Ja.
Ich bin so wild nach deinem Erdbeerrotmund.
Das heißt Erdbeermund, du Clown.
Und morgen, sagt er, erzählst du mir von Grün.
Wir werden sehen, du Grünschnabel.

Sonntag, November 12, 2006

semmelnknödeln

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Unlängst im Restaurant in Salzburg.
Neben uns ein älteres Ehepaar.
Amerikaner, mit einem deutlichen Southern drawl.
Die Kellnerin serviert das Essen.
Excuse me, sagt die Lady zur Kellnerin.
What ist this?
These are dumplings. Madam. An austrian speciality.
Very delicicous.
I am not allowed to eat that. I am on a diet.
It did not say dumplings on the menu.
Oh yes, it did. Madam. The roastbeef comes with dumplings.
May I see the menu?
Die Kellnerin bemüht sich, freundlich zu bleiben.
Und bringt die Speisekarte.
See, madam? It says Rostbraten mit Semmelknödel und gemischtem Salat.
I cannot see anything that says dumpling here.
Semmelknödel are dumplings, madam.
How would I know, ereifert sich die Lady, nun schon etwas rot im Gesicht.
I am American.
I can see that, sagt die Kellnerin. Sie bemüht sich, geduldig zu bleiben.
Would you like something else instead, madam?
Love, sagt ihr Mann. Your dinner is getting cold. You should better start eating.
Ich merke, dass er die Art der Unterhaltung wohl schon unzählige Male geführt hat.
You know that I have to lose weight, John, sagt die Frau.
Not today, sagt John. Just start eating. It’s lovely.
Die Kellnerin schenkt der Lady Wein nach und lächelt.
Sie hat zu essen begonnen.
Nach kurzer Zeit ist ihr Teller leer.
Als wir rausgehen, sehe ich, wie die Kellnerin das Dessert serviert.
Marillenknödel für die Lady.

Freitag, November 10, 2006

herr der ringe

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Der Sohn ist da.
Mum, ich hab dir einen Film mitgebracht.
Welchen?
Herr der Ringe.
Sohn, ich mag das Scifi-Zeugs nicht, das weißt du.
Mum, ich hab mir gedacht, wir schauen den Anfang gemeinsam - so zwei Stunden und du schaust dir den Film dann irgendwann mal in Ruhe an.
Ich hab „Herr der Ringe“ nicht mal gelesen.
Aber ich sage das nicht und bin friedlich.
Okay, Sohn. Wir probieren das mal. Damit du siehst, dass ich ernsthaft den Versuch mache.
Dann gib mir mal eine kurze Einführung.

Sohn erklärt mir, dass es um einen Bösen und um einen Guten geht und um einen Ring.
Der Böse ist also der Herr der Ringe.
Nein.
Dann ist der Gute der Herr der Ringe?
Auch nicht.
Herrschaft, wer ist dann der Herr der Ringe?
Es gibt keinen.
Sohn redet von Hobbits und Merlin. Oder so.
So ein Blödsinn. Wenn es im Film keinen Herrn der Ringe gibt, wieso heißt der Film dann so?
Mum, das wirst du dann schon verstehen. Nach einiger Zeit. Wir fangen mal an, ja?
Er dauert übrigens neun Stunden.

Neun Stunden? Wie kann man neun Stunden einen einzigen Film anschauen?
Mum, der Film besteht aus verschiedenen Sequenzen. Du wirst sehen, er gefällt dir bestimmt!
Sohn geht hinaus und kommt mit einer großen Schachtel.
Was ist das?
Das ist der Film.
Was, der Film? Wie viele CDS sind das?
Zwölf. Das ist die extended version.
Zwölf DVDS, ein einziger Film?
Mum, ja. Nun hör mal auf zu fragen und warte einfach.
Sohn legt die erste DVD ein.
Nach einer Weile.
Wer ist das da? Ein Hobbit?
Nein, Merlin. Merlin ist kein Hobbit.
Passt der dann in ein Hobbit-Haus?
Sohn seufzt und sagt nichts.
Also bin ich auch ruhig.
Nach einer Weile.
Sind diese Kleinen da Aliens?
Nein, die da leben auf Mittelerde.
Mittelerde? Dann sind sie Aliens.
Mum, in ihrer Welt sind sie normale Menschen und die anderen Menschen sind tot, sagt Sohn. Oder so ähnlich.
Sohn! Was für ein Unsinn!
Dieses Scifi Zeugs ist langweilig.
Mum, du willst es nur nicht, das ist dein Problem. Du versuchst es nicht mal.
Du übertreibst und machst alles wahnsinnig kompliziert.
Herr der Ringe muss man gesehen haben, das gehört zur Allgemeinbildung.
Ha! Muss man gesehen haben. Und den Weißen Hai muss man auch gesehen haben oder was?
Man muss gar nichts.
Der Film ist unter meinem Niveau.
Schön langsam werde ich grantig.
Ich reiße mich zusammen und starre auf den Bildschirm.
Nach einer Weile.
Erzähl mir von den Hobbits.
Was hast du denn immer mit den Hobbits, Mum?
Die sind irgendwie putzig. Sie haben witzige Füße. Ich bin sicher, sie sind eine Art Yetis.
Sohn ist auf einmal sehr schweigsam.
Also bin ich auch ruhig.
Ungefähr vierzige Minuten halte ich durch. Um halb hab ich noch auf die Uhr gesehen.Dann schlafe ich ein.
Um dreivierte sehe ich wieder auf die Uhr. Herr der Ringe läuft nicht mehr.
Ich bin nun weg, Mum.
Ich hab es versucht, Sohn, sage ich, als ich ihn zum Abschied küsse.
Bin halt zu intellektuell für den Film.
Ich wollte.
Ich wollte wirklich.
Ernsthaft.
Als er weg ist, mache ich mir einen Tee, hole mir „Pretty Woman“ aus der Schublade und mache es mir auf der Couch bequem.
Aber das sage ich ihm natürlich nicht.

Donnerstag, November 09, 2006

spieglein, spieglein

Posted by Picasa
Ich habe mich heute mal genau im Spiegel betrachtet. Und es passt. Ich bin da, ich kann mich selbst sehen.
Wollte nur auf Nummer sicher gehen.

Ich bin sicher, gestern war ich unsichtbar.
Als ich mir nämlich im Supermarkt ein Einkaufswagerl holen wollte, und bereits einen Euro in der Hand hatte, um ihn in den Schlitz zu stecken, sauste von hinten ein Weibsbild heran, drängte mich zur Seite und nahm mir das Wagerl vor der Nase weg. Sie sah mich nicht einmal! Sie schaute durch mich hindurch.
Als ich später beim Bäcker war, beide Hände voll bepackt und gerade im Begriff, hinauszugehen, knallte mir die Tür ins Gesicht. Wiederum eine Weibsbild, das vor mir hinausging und einfach die Tür hinter sich zufallen ließ.
Auf dem Weg zu meinem Auto wäre ich fast umgefahren worden. Der Fahrer hat mich nicht gesehen, sonst hätte er gebremst.
Später in der Boutique fiel mein Blick auf einen braunen Mohairpullover mit Rollkragen. Gerade als ich ihn nehmen wollte, kam von der Seite schon wieder ein Weibsbild und schnappte den Pullover, den ich schon fast in der Hand hatte.
Später, als ich im Buchladen bei den Taschenbüchern herum stöberte, war ich auf einmal eingeklemmt von zwei Kinderwägen. „Entschuldigen Sie bitte, sagte ich, darf ich da durch?“
Die beiden Weibsbilder schauten nicht mal auf und auch, als ich die Kinderwägen zur Seite schob, nahmen sie keine Notiz von mir.
In der Bank drängte sich ein Mannsbild vor, obwohl ich an der Reihe war. Als ich beim Hinausgehen zwei älteren Weibsbildern die Tür aufhielt, gingen sie wortlos an mir vorbei.
Das Beste passierte im Wartezimmer des Arztes. Ich hatte auf dem Sofa Platz genommen. Ein korpulentes Weibsbild betrat den Warteraum und setzte sich auf mich drauf.
„Aua“, rief ich. „Gehen Sie runter von mir.“
„Oh, Entschuldigung, ich hab Sie nicht gesehen."

Nun stehe ich wieder vor dem Spiegel und sehe mich ganz deutlich. Ich bin nicht unzufrieden eigentlich. Beim Friseur war ich auch erst vor zwei Tagen.
Die Kleidung passt auch. Vielleicht liegt es am dunklen Mantel.
Ich werde das morgen testen. Ich werde den grellroten Anorak tragen, den giftgrünen Schal umhängen, den zitronengelben Sommerhut aufsetzen und die Stiefel mit den hohen Absätzen anziehen.
Und wenn ich dann auch noch unsichtbar bin, dann tritt Plan zwei in Kraft.
Was Plan zwei ist, weiß ich noch nicht genau. Eines ist sicher. Zu Plan zwei gehört auf jeden Fall der alte Spazierstock, den mein Opa vor Jahren vergessen hat.

Mittwoch, November 08, 2006

time

Posted by Picasa Foto von meinem Sohn Michael
Es gibt Zeiten im Leben, in denen die Zeit schnell vergeht.
Du bist immer mit irgendetwas beschäftigt und erledigst viele Dinge gleichzeitig.
Du bist ständig auf der Achse, es gibt immer etwas zu tun.
Du saust durch das Leben.
Immer ist etwas los, immer bist du auf dem Sprung.
In solchen Zeiten fühlst du intensiv, dass du lebst. Lebendig bist.
Schau mal, wie aktiv ich bin, was ich alles erlebe, was ich alles sehe, was mir alles passiert. Welch neue Erfahrungen ich habe, welch interessante Begegnungen.
Dann gibt es Zeiten, in denen die Zeit langsam vergeht.
Es passiert nichts. Jeder Tag verläuft gleich oder ähnlich.
In solchen Zeiten bist du gelangweilt, fühlst dich müde.
Schau mal, wie langweilig mein Leben ist. Nichts passiert, keine interessanten Begegnungen, keine besonderen Vorkommnisse.
Wenn du aber genau beobachtest und in dich hineinhörst, dann merkst du, dass du gerade in solchen Zeiten dich veränderst und entwickelst.
Weil du hast die Muße und Ruhe, dich mit dir selbst zu beschäftigen.


It's not enough to be busy, so are the ants.
-Henry David Thoreau-

Montag, November 06, 2006

road to hell

Posted by Picasa
Die Fruchtfliegen sind weg. Verschwunden von einem Tag auf den anderen.
Ich bin verwirrt und durcheinander.
Ich sehe Fliegen obwohl gar keine mehr da sind.
Und meine, sie schwirren um mich herum.
Ich ertappe mich dabei, dass ich noch immer meine Hände beim Gehen auf und ab bewege.
Ich rede noch immer mit ihnen und sage ihnen, dass sie verschwinden sollen.
Ich weiß, sie sind hier. Irgendwo. Sie haben sich versteckt, beobachten mich. Heimlich. Ich bin auf der Hut, ich bin beunruhigt, ich bin nervös. Ich weiß, sie lauern mir auf. Und irgendwann schlagen sie zu, aus dem Hinterhalt.
Auch wenn ich nicht in meiner Wohnung bin, habe ich dieses Gefühl. Dieses Gefühl, beobachtet und beschattet zu werden.
Unlängst fragte mich eine Kollegin, ob denn alles in Ordnung sei mit mir. Sie hatte mich wohl schon eine Zeitlang beobachtet und sich gefragt, warum ich mit den Armen wild um mich schlug. Ich mache nur Dehnungsübungen, sagte ich und – Hast du noch nie was von Stretching gehört?
Ich weiß, was los ist mit mir.
Die Fruchfliegen haben mir ein Erbe hinterlassen.
Ein grausames.
Und es erschreckt mich.
Ich werde verrückt. Ganz langsam. Schleichend.
Es gibt viele Opfer von Fruchtfliegen.
Man sieht sie manchmal auf der Straße. Sie reden mit sich selbst oder nicht vorhandenen Personen, mit Unsichtbaren oder Toten. Sie gestikulieren mit Armen und Beinen, sie schreien auch manchmal, sie haben diesen flehenden, wirren Blick. Sie sind vollkommen daneben.
Irgendwann landen sie in der Gosse. Alles verloren, Job, Wohnung, Freunde, Familie.
Und auch für sie begann alles ganz harmlos.
So wie bei mir.
Mit Fruchtfliegen, die von einem auf den anderen Tag weg waren.
Aber nur scheinbar.
Ich bin verloren. Ich spüre es.
I am on the road to hell.
And the road is dangerous.

Samstag, November 04, 2006

trick or treat

Posted by Picasa
Hab ja nix gegen den Winter so im Allgemeinen.
Bei Winter denkt jeder an weiße Landschaft, verschneite Tannenbäume, tanzende Schneeflocken, Schiurlaub.
Unsinn.
Du stehst auf, freust dich auf den freien Tag, an dem du geplant hast, in die Stadt zu fahren und blickst aus dem Fenster. Und was siehst du?
Dein Auto ist nicht mehr zu sehen. Da wo dein Auto gestern noch war, ist nur ein großer weißer Schneehaufen. Und dann läutet es an der Tür, und du wankst hinaus mit struppigen Haaren und im Schlafanzug, und draußen irgendwelche Kinder und sagen: Gib mir Süßes, sonst bekommst du Saures.
Am liebsten hätte ich ihnen den Besen, mit dem ich gerade meinen Balkon abgekehrt habe nachgeworfen, aber im letzten Moment besinne ich mich und gebe ihnen eine der beiden Packungen Schokoladelebkuchen, die mir meine Mutter geschenkt hat und die ich gestern nicht mehr gegessen habe, weil ich nicht schon vor Weihnachten zunehmen will.
Dieses Halloween kann mir gestohlen bleiben.
Und wenn schon, dann wenigstens Hallo, Wien. Das geht ja noch. Begrüßung eines Amerikaners wenn er in Schwechat landet.
Und dann ruft Lo an und fragt, wann wir fahren.
Und ich sag: Lo wir fahren nicht. Es schneit und hast nicht Radio gehört? Überall Chaos. Autos quer und im Graben.
Und Lo jammert und sagt: Ich hab mich so gefreut und Salzburg ist so schön um die Zeit.
Nein, Lo, sage ich.
Salzburg ist nicht schön heute. Weil hast nicht gehört, a Fliegerbombe hams auch noch gefunden und der Verkehr wird großräumig umgeleitet und ich will nicht über Tirol nach Salzburg fahren.
Warum kommt der Winter über Nacht?
Ohne Vorwarnung?
Warum kann der Winter nicht so wie jede andere Jahreszeit langsam kommen, so nach und nach? So dass man sich an ihn gewöhnen kann.
Ich hätte es ja wissen müssen. Ich spüre ihn jedes Jahr, den Winter. Die Tage zuvor könnte ich den ganzen Tag nur trinken. Wasser natürlich.
Ich habe wahnsinnigen Durst vor dem ersten Schneefall.
Als Kind war das schon so. Damals sagte ich zu Mama: Mama, morgen kommt der Schnee. Ich spüre das. Ich bin schon wieder so durstig. Unsinn, sagte Mama.
Du bist nur durstig, weil du Sauerkraut gegessen hast.
Über Nacht ist der Winter da und alles ist anders.
Und ich geh ins Dorf und rutsch herum in den Stiefeln, weil ich irgendwie nicht dran gedacht habe, dass die Sohlen kein gutes Profil haben.
Und der Wind bläst durch meine Jacke.
Und im Supermarkt erzählt mir die Verkäuferin, dass sie heute zu Fuß gegangen ist, weil sie noch keine Winterreifen montiert hat.
Und in meinem Cafe erzählt mir die Kellnerin, dass sie sich morgen frei hat nehmen müssen, weil ihr Mann habe ihr die Winterreifen nicht montiert und der sei grad in Bulgarien, geschäftlich. Und in dem Schneeloch, in dem sie wohnen, hat es einen halben Meter Schnee, nicht nur dreißig Zentimeter so wie bei uns.
Und dann erzählt mir die Zeitungsverkäuferin, dass sie heute gar nicht weiß, wie sie heimkommt, weil ihr Freund hat ihr die Winterreifen noch nicht montiert und sie sei mit dem Nachbar in die Arbeit gefahren aber den kann sie nicht wieder anrufen.
Und dann komm ich heim, und die Nachbarin fragt mich, ob ich sie nicht zum Bahnhof fahren kann, ihr Auto ist noch in der Werkstätte und die Leute dort sind alle überlastet weil die Kunden Schlange stehen und sie bekommt ihr Auto erst morgen und sie muss unbedingt in die Stadt.
Und dann bin ich daheim und gerade in der Wohnung, da läutet es schon und draußen steht der Nachbar aus Berlin und begrüßt mich und sagt, nun seien sie wieder hier bis nach Weihnachten und schwärmt mir vor, wie schön und wie romantisch es doch wieder sei und fragt mich, ob ich nicht Zeit hätte, auf ein Glas Glühwein.
Und außerdem sei ja Halloween, grinst er und hält mir einen Plastikkürbis mit Teelicht vor die Nase und sagt: Für Sie – auf wiederum gute Nachbarschaft.
Und ich nehme den Plastikkürbis und hole ich aus um ihn dem Nachbarn an den Kopf zu werfen, und ich besinne mich gerade noch und hole statt dessen die zweite Packung Lebkuchen und sage ihm, wie sehr ich Glühwein liebe und den Winteranfang und die stille Zeit, die nun kommt.

Donnerstag, November 02, 2006

Mittwoch, November 01, 2006

just leave a message, for god's sake

Posted by Picasa
Hallo Amadea. Ich bin’s, Cornelia. Ich versuche schon den ganzen Vormittag, dich zu errreichen.
Hatte mein Handy auf lautlos geschaltet. Bin beschäftigt.
Warum hast du mir keine Message hinterlassen?
Nein, das freute mich nicht. Außerdem mag ich es nicht. Es ist so eigenartig was zu sagen wenn ich weiß, dass ich da mit einer Maschine rede.
Mein Gott, Cornelia. Du redest nicht mit einer Maschine. Du hinterlässt mir eine Nachricht, weiter nichts.
Das passiert immer wieder. Ganz selten hinterlassen Leute eine Nachricht auf meinem Handy.
Das Wochenende war stressig genug. Da brauch ich dann nicht noch ständiges Läuten meines Handys.
Herbert hatte mich engagiert für drei Tage. Tagung der Sportlehrer. Um die zweihundert waren da.
Und nicht nur Lehrer und -innen, sondern auch Redner und -innen – die Frau Landeshauptfrau, und einer vom Ministerium, Sportwissenschaftler, Sportmediziner, Direktoren und Doktoren waren da.
Und ich musste alle fotografieren.
Fotos von Vortragenden und Zuhörenden.
Fotos von Vorführenden und Zuschauenden.
Fotos beim Essen, beim Reden, beim Herumstehen, beim Herumsitzen.
Fotos im Saal, Fotos in der Halle, Fots im Restaurant, Fotos im Cafe.
Fotos von der Mountainbike-Gruppe, Fotos von der Nordic-Walking-Gruppe, Fotos von der Niederseil-Klettergruppe.
Und jeder will schön dreinschauen. Und schlank und jung und vorteilhaft aussehen.
Nun mag man ja meinen, dass Sportler alle schlank, rank und jung sind.
Nicht alle.
Also Fotos bearbeiten, sodass alle schön, schlank, jung und vorteilhaft ausschauen.
Also Falten ausbessern, Zahnlücken ausfüllen, Zähne weißer machen, Mundwinkel nach oben ziehen, Silberblick weg retuschieren.
Und da kannst du nicht das Handy eingeschaltet lassen.
Gerade fertig mit den Fotos der Klettergruppe, als ich mein Handy einschalte.
Und ich sehe, dass ich vier versäumte Anrufe habe.
Alle mit unterdrückter Nummer.
Warum sagen manche Leute nichts? Es ist ja nicht notwendig, dass sie ganze Romane erzählen.
Es genügt der Name des Anrufers.
Also rufe ich Herbert an und frage ihn, ob er weiß, wer mich angerufen hat oder ob er etwas braucht.
Nein, er braucht nichts und er weiß auch nichts.
Dann rufe ich meinen Chef an. Ob irgendwer versucht hat, mich zu erreichen.
Er wird fragen, sagt er.
Und gleichzeitig erzählt er mir, dass zwei Schüler meiner Klasse, die beide einen Gipsarm haben, eine Schlägerei hatten und beide nun keinen Gipsarm mehr haben und gerade im Krankenhaus sitzen um ihren Arm wiederum in Gips verpackt zu bekommen.
Und ich erfahre so nebenbei, dass der eine Kollege, der für mich unterrichtete, gesagt hat, meine Klasse sei die schlimmste Klasse überhaupt und ich erfahre so nebenbei, dass die Buben meiner Klasse unerträglich laut waren und dass sie eine wilde Meute seien.
Toll. Das ganze Wochenende Stress und nun das.
Und da fällt mir ein, wer mich angerufen hat. Weil die macht das immer so.
Gib mir mal die Cornelia, sage ich zum Chef.
Sag mal, Cornelia, hast du versucht, mich anzurufen?
Ja, sagt sie. Ich versuche schon den ganzen Vormittag, dich zu erreichen. Hab dich schon dreimal angerufen. Aber du hast dein Handy ausgeschaltet, sagt sie vorwurfsvoll.
Vier Mal. Und ich habe es nicht ausgeschaltet, sondern auf lautlos gestellt.
Ich bin hier beschäftigt mit fotografieren. Ich hab an Stress und viel Arbeit. Wieso hinterlässt du mir keine Message? Und wieso hast du deine Nummer unterdrückt? Das nervt. Wirklich.
Wenn du mir was zu sagen hast, dann sag es doch einfach. Darum ist der Anrufbeantworter da. Da rufst du mich vier Mal an anstatt einmal was zu sagen. Und ich ruf dann Gott und die Welt an um herauszufinden, wer mich angerufen hat.
Weil ich eben neugierig bin.
Und am Ende ist es eh wieder die Cornelia, die aus irgendwelchen Gründen, dich ich nicht kenne, ihre Nummer unterdrückt hat und eine Aufdenanrufbeantworterwasdraufreden-Phobie hat.
Und das Ärgerlichste daran ist, dass sie sowieso nur dann anruft wenn sie was will von mir.
Und ich weiß genau, was sie will. Seit Monaten schon liegt sie mir in den Ohren, dass sie ein paar Fotos braucht.
Fotos, auf denen sie umwerfend aussieht. Und immer wenn ich Zeit habe, dann passt es ihr nicht. Weil sie muss in Stimmung sein, sagt sie. Und sie muss gerade beim Friseur gewesen sein, sagt sie. Und sie muss ausgeschlafen sein, sagt sie. Und sie muss schlank aussehen, sagt sie.
Und genau das war am Wochenende der Fall.
Da war sie gerade in Stimmung, und beim Friseur und ausgeschlafen und schlank.
Als ich sie gestern anrufe, hat sie ihren Anrufbeantworter eingeschaltet und ich hinterlasse ihr eine Message. Ich hätte Zeit, sie zu fotografieren.
Und heute nach dem Aufstehen, hatte ich wiederum vier Anrufe auf meinem Handy. Mit unterdrückter Nummer.
Und als ich die Cornelia anrufe gerade eben, da sagt sie mir, dass sie schon seit sieben Uhr früh versucht, mich zu erreichen. Und wo ich sei so früh am freien Tag. Und ich antworte, im Bett. Und mein Handy ist auf lautlos geschaltet.
Und ich frage nun nicht, warum sie mir keine Message hinterlassen hat. Dieses Mal nun wirklich nicht.
Und Cornelia sagt:
Heute geht das nicht mit Fotografieren. Sie ist nicht in Stimmung und sie war nicht beim Friseur und sie ist nicht ausgeschlafen und sie ist heute nicht schlank.