Freitag, Juni 30, 2006

as time goes by

Wir werden jeden Tag daran erinnert, wie schnell Zeit vergeht.
Bei jedem Blick auf die Uhr, bei den stündlichen Nachrichten im Radio. Sogar die Rechnung im Supermarkt sagt mir sekundengenau, wann ich die Milch kaufte.
Die Uhr tickt und tickt.
Kaum ist der erwartete Augenblick da, ist er schon weg, und kehrt nicht wieder.
Wir sind der Zeit ausgeliefert.
Oder nicht?
Wenn wir im Stress sind oder uns bedroht fühlen, so haben Wissenschaftler festgestellt, sind wir zu Leistungen fähig, die wir unter normalen Umständen nicht bewältigen könnten.
Wir entwickeln in Stresssituationen ein anderes Zeitverständnis.
Die Sekunden und Minuten scheinen langsamer zu vergehen und wir haben Zeit nachzudenken. Gleichzeitig fühlen wir uns stark, unverwundbar und behalten die Kontrolle über die Situation und uns selbst.
Athleten und Menschen, die Extremsport betreiben und sich in Gefahr geben, erfahren das. Einer, der in der Steilwand hängt oder ein Marathon-Läufer kurz vor dem Ziel haben diesen besonderen Adrenalinstoß.
Bei mir ist das ein wenig anders. Ich bin weder Athlet noch Extremsportler.
Der einzige Adrenalinstoß, den ich bekomme ist der vom Bohrer des Zahnarztes.
Und dann bin ich weder stark noch unverwundbar. Ich bin schwach und sehr verwundbar und meine Knie werden weich. Die Zeit vergeht sehr langsam, und ich würde mir wünschen, sie verginge schneller.
Es wäre also gut, seinen Adrenalinspiegel zu erhöhen.
Man könnte mit Eisklettern, Paragleiten oder Bungy- jumping beginnen.
Da ich ein aber ein Feigling bin, wird das wohl nichts werden. Und meine Zeit wird nach wie vor wie im Flug vergehen.
Eines ist sicher. Ich werde nicht öfter als zwei Mal im Jahr zum Zahnarzt gehen, nur damit sich mein Adrenalinspiegel erhöht.

Mittwoch, Juni 28, 2006

you can dream

You can dream, yes, you can do it
Just put your "all" right in to it
Let even pain brush lightly by
And simply tell yourself it's "I"
Let no one else intrude upon
Your thoughts, your dreams, your silver swan
While others can seem rude and mean
There are within you parts unseen
You've lived a life that no one knows
Except yourself and nothing shows
Upon your face, it's just your sighs
And something deep within your eyes

Dienstag, Juni 27, 2006

give pees a chance

Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, schleppte mich meine Mutter zum Augenarzt.
Mama sagte mir ständig, man müsse gut auf seinen Körper achten, und wenn man das täte, würde man so alt werden wie Uroma.
Uroma war neunzig, schwerhörig, fast blind und zahnlos.
Ich verstand damals nicht, warum mich meine Mutter zum Optiker schleppte.
Ich saß in der letzten Reihe in der Klasse und konnte alles, was vorne auf der Tafel stand, wunderbar lesen.
Aber es nützte nichts. Ich musste da hin.
Der Optiker war alt, schlecht gelaunt und hatte ein Vogelgesicht mit dicker Brille.
Die Praxis war dunkel und roch staubig.
Ich war ein folgsames Kind und nicht aufmüpfig, Erst recht nicht in so einer Situation. Ich hatte wahnsinnige Angst. Er schrie herum, packte mich am Arm und schubste mich auf den Stuhl. Dann fuchtelte er mit einer Art Taschenlampe vor meinen Augen herum. Sein Vogelgesicht war nun eine Mischung aus Violett und Grün mit tanzenden Brillengläsern.
Jedenfalls - es passierte das Schrecklichste, was einem Kind je passieren kann.
Zwischen meinen Beinen wurde es nass und warm. Gleich darauf hörte ich es leise tropfen.
Der Optiker riss mich hoch und sprang auf. Sein Schuh war nass.
Er kam gar nicht dazu, irgendetwas zu sagen, schon hatte mich meine Mutter geschnappt und wir verließen fluchtartig den Raum.
Es überraschte mich, dass sie mich nicht schimpfte.
Eine Brille bekam ich nicht.

Morgen Nachmittag habe ich einen Termin beim Zahnarzt.
Seine Praxis ist weder dunkel noch riecht sie staubig. Der Zahnarzt sieht auch nicht aus wie ein Vogel sondern eher wie Hugh Grant.
Und er schimpft auch nie. Ganz im Gegenteil.
Das letzte Mal bekam ich das schönste Kompliment, das man von einem Zahnarzt bekommen kann : „Sie haben ein Zahnfleisch wie eine Zwanzigjährige.“
Sollte er mich morgen am Arm packen, werde ich ihn fragen, ob er am Wochenende schon etwas vor hat. Ich kenne da eine nette Eisdiele...

summertime

Summertime
an' the living is easy
fish are jumping
an' the cotton is high
oh, yo' daddy's rich
and yo' ma is good lookin'
so hush, little baby,
don't you cry.
One of these mornings
you going' to rise up
singin' then you'll
spread yo' wings
an' you'll take
the sky
But till that morningg
there's a nothin' can harm you
with daddy and mom
standin' by

Freitag, Juni 23, 2006

plumber's crack

Vor einigen Tagen gab es Probleme mit dem Abfluss in der Küche.
Jedes Mal, wenn der Geschirrspüler das Geschirr spülte, dauerte es zwei Minuten, bis ich ein lautes Glucksen aus Richtung Badezimmer hörte. Dazu kam noch, dass neben mir auf der Baustelle der Bagger in einer ganz bestimmten Frequenz Erdreich aushob, sodass die Weingläser im Schrank auf wundersamee Art zu klirren begannen. Wäre da nicht der Lärm der Baumaschinen nebenan gewesen, hätte sich dieses Zusammenspiel von glucksendem Waschbecken, rinnendem Wasserhahn und klingelnden Weingläsern eigentlich ganz schön angehört.
Da war dann noch das Mähgeräusch des Rasen mähenden Nachbarn gegenüber im Haus, das Geschrei des Kleinkindes unter mir und das hysterische Geschimpfe seiner Mutter.
Ich konnte weder Bagger und Rasenmäher ausschalten noch Kleinkind und Mutter beruhigen.
Gegen das Glucksen im Bad gab es durchaus Möglichkeiten, zumal das Glucksen begleitet war vom bedrohlichen Ansteigen des Wasserspiegels im Abwaschbecken und dieses nach einer halben Stunde nach Beendigung der Geschirrspülung mit verschiedenfarbigen Speiseresten übersät war.
Die Lösung für Glucksen, Gläserklirren und Wasserspiegelanstieg kam gestern in Form des Installateurs.
Ich war der Meinung, die Sache wäre in einer Viertelstunde erledigt, zumal ein lieber Kollege von mir vorgestern das Abflussrohr zerlegt hatte, was nichts half, weil es nicht verstopft war.
Es half insofern ein wenig, als der Wasserspiegel in der Abwasch nur mehr zur Hälfte anstieg, weil der Rest des abfließenden Wassers durch die undichte Stelle, die der Kollege im Abflussrohr verursacht hatte, auf meinen Küchenboden lief.
Zuvor hatte ich noch eine Luftdruckpumpe besorgt, was auch nicht zum erhofften freien Abfließen geführt hatte sondern dazu, dass mein Kollege nass war wie nach einer Dusche, weil Lo und ich das Überlaufventil nicht ordentlich mit dem Geschirrtuch verschlossen hatten.
Fast wäre beim Ausprobieren der Luftdruckpumpe noch ein Unglück passiert, weil der Kollege ausprobieren musste, ob die Pumpe im Trockenzustand funktionierte, dabei auf mich zielte und meine Bluse und mich fast in Fetzen riss.
Ich kam mit dem Schrecken davon, hatte aber hinterher eine halbe Stunde lang einen Gehörschaden und stand einen halben Tag lang unter Schock.
Also musste ein Installateur her.
Sie kamen zu zweit.
Der jüngere, anscheinend der ranghöhere, stellte mir seinen Kollegen und sich selbst vor: „Das ist der Hans, und ich bin der Helmut.“
Sie schüttelten mir die Hand und lächelten freundlich. Ich lächelte auch und stellte mich vor. Mit Vornamen natürlich. Bei uns ist das so üblich. Hier redet jeder jeden mit Vornamen an, außer du bist der Präsident.
Sie fragten mich, ob sie die Schuhe ausziehen sollten, was ich nach einem kurzen Blick auf die festen Plastiktrekkingschuhe verneinte. Etwas Dreck in der Wohnung war mir lieber als eine halbe Stunde Fußschweißgestank.
Aber ich fand es sehr nett, dass sie gefragt hatten.
Sie schüttelten mir beide die Hand und lächelten freundlich.
Die nächste Frage war die nach einem Kaffee. Das war kein Problem. Sie machten es sich auf der Couch gemütlich und ich betrieb Smalltalk.
„Wie lang wird das dauern?“
„Kommt darauf an“, sagte Helmut.
„Wie viel kostet das denn?“
„Kommt darauf an, sagte Helmut.
„Könnt ihr das heute reparieren?“
„Kommt darauf an, sagte Helmut.
„Hast du schon mal mit unserer Firma zu tun g’habt?“ fragte Hans.
“Nein, tut mir leid, noch nie. Das hier ist meine erste Verstopfung.“
Sie lachten.
Ich besserte aus. „Ich meine, die erste Verstopfung in dieser Wohnung.“
Schenkel klopfen. „Der woar guat!“
Und dann erzählten sie die Geschichte ihrer Firma. Eine halbe Stunde lang. Erst drei Jahre alt, Familienbetrieb, Umsatzsteigerung jedes Jahr um zweihundert Prozent.
Ihre Devise: Schnell, kundenfreundlich, erfolgreich, praxisorientiert, bodenständig.
Helmut holte aus seiner Hosentasche eine Broschüre und meinte: „Da hast a Bettlektüre.“
Endlich erhoben sie sich. „Bualein, is mia hoaß vom Kaffee. Hätt’st nit a Bier?”
„Nur eine Flasche“, antwortete ich verschämt. Die war übrig geblieben vom letzten Fußballabend.
„Besser wia nix.“
Ich würdigte die Firmenphilosphie gebührend.
Sie begannen mit der Arbeit.
Nach zwei Stunden waren die Abflussrohre in Küche, Bad und WC abgeschraubt. Es gluckste noch immer. Der Küchenboden erinnerte mich an die Farbe der Baustelle nebenan nach drei Wochen Dauerregen.
„Na, des hilft nix. Da miass ma in drei Woch’n no amoi kemma. Weil I foahr morg’n in’ Urlaub. Mit’m Motorradl-Klub noch Kärnten", sagte Helmut und wischte sich über die verschwitze Stirn.
„Aber mach dia koane Soagn, fia die heitige Oarweit varrechna ma dia nix.“
Ich traute meinen Ohren nicht.
„Könntet ihr...”, begann ich.
„Kloar, moch ma schon. Mia bau’n wieda ois fei zomm und wonn i van Ualaub z’ruck bin, miass ma ins wos überleg’n.“
Sie bauten alle Rohre wieder ein. Nun hab ich zusätzlich zum Glucksen, Glasklirren und Baumaschinendröhnen ein rhythmisches Tropfen in Küche, Bad und WC-Waschbecken.
Dazu kommt, dass ich jeden Abend den Wecker auf drei Uhr morgens stelle, um die Kübel, die ich in Küche, Bad und WC-Waschbecken unterstellte, zu entleeren.
Ich freue mich aber mit Helmut, dass er in zwei Wochen gut erholt und mit neuem Schwung mein Problem lösen wird.
Ich werde dann wohl urlaubsreif sein. Die Frage stellt sich, ob ich mir den Urlaub leisten kann. Helmut ließ anklingen, dass vermutlich die komplette Wand links vom Abfluss in der Küche aufgestemmt werden müsse, weil das Problem vermutlich bei der Nachbarin über mir liegt.
Aber ich solle mir keine Sorgen machen, es sei nur eine Vermutung.
Ich habe ohnehin keine Zeit, mir Sorgen um meinen Küchenabfluss zu machen. Ich mache mir Sorgen, ob ich in zwei Wochen fähig sein werde, die Herren Installateure willkommen zu heißen.
Ich bin beschäftigt mit Kübel ausleeren, Geschirr in der Badewanne abwaschen und Ohropax in die Ohren stopfen.
Außerdem muss ich eine Kiste Bier für Helmut und Hans besorgen.

june mottoes

Mist in May and heat in June
Bring all things into tune.

A dripping June keeps all in tune.

June damp and warm
Does the farmer no harm.

Donnerstag, Juni 22, 2006

mama lernt schwimmen

Meine Mutter hat sich entschlossen, schwimmen zu lernen.
Sie las die Anzeige in der Gemeindezeitung.
„Hör mal, Kind", sagte sie.„ Die Gemeinde schreibt einen Schwimmkurs für Senioren aus. Gratis. Ich glaube, ich lerne schwimmen. Was hältst du davon?“
„Gute Idee, Mama“, sagte ich. „Hast du einen Badeanzug?"
Sie hatte keinen.
Also kauften wir einen. Das dauerte ein wenig.
Der eine war ihr zu tief ausgeschnitten, der andere zu konservativ – das ist für alte Frauen – meinte sie. Sie ist dreiundsiebzig. Der dritte war am Bein zu hoch angeschnitten.
Endlich fanden wir einen. Azurblau. Mit weißen Trägern.
„Das bringt meine Bräune gut zur Geltung“, meinte sie.
„Weißt du“, sagte sie, „das ist doch eine Chance für mich, Toll. Oder? Einmal wäre es eh schon gefährlich gewesen. Vor einigen Jahren. Ich wurde auf einmal so schwindlig. Ich ging gerade am Seekanal entlang. Stell dir vor, ich wäre da hineingefallen. Und dann wäre ich jämmerlich ertrunken. Und niemand hätte was bemerkt.“
„Wenn ich schwimmen kann…“ Sie stockte und schien nachzudenken. Vielleicht kam ihr der Gedanke, dass, wenn sie halb ohnmächtig in den Kanal fiele, ihr das Schwimmen auch nichts nützen würde. Ich sagte nichts.

So waren wir am Samstag pünktlich um neun Uhr im Hallenbad.
Acht Schwimmwillige waren da. Alles Männer. Ich setzte mich an einen Tisch vor dem Buffet und sah zu.
Unter den acht Männern war ein sehr Dicker, ein weiterer war klein wie ein Zwerg, und einer hatte einen Buckel. Die anderen hatten keinerlei Auffälligkeiten, einer jedoch schien ein Glasauge zu haben. Er schielte irgendwie. Sie waren alle um die achtzig und standen gut gelaunt in Reih und Glied da. Meine Mutter sah in ihrer Gesellschaft aus wie eine Filmdiva in ihrem blauen Badeanzug mit den weißen Trägern.
Sie winkte mir zu. Strahlend.
Die Schwimmlehrerin trat auf. Schwarzer Badeanzug, rote Badehaube, ein Pfeiferl umgehängt.

Der Unterricht begann.
Zuerst mussten sich alle auf den Bauch legen und Brustschwimmen üben.
Die Schwimmlehrerin machte es ihnen vor. „Schön Arme und Beine in die Luft. Bewegt euch wie ein Frosch, Kopf hoch. Langsam einatmen, langsam ausatmen. Konzentriert euch.“
Alle bewegten brav Arme und Beine. Sie sahen alle aus wie Frösche.
Ich musste mich zusammennehmen, nicht zu lachen, als ich den dicken Mann beobachtete. Er balancierte auf seinem Bauch, dann und wann kippte er nach vor oder nach hinten und einige Male sah es aus, als ob er nun gleich auf den Mann mit dem Glasauge fallen würde. Der rückte nach einigen Minuten von ihm ab. Er hatte wohl Angst, bei einem Zusammenstoß könnte ihm sein Auge abhanden kommen.
Die Schwimmlehrerin hatte das gesehen.
Sie sagte zum Dicken, er solle ganz nah zur Wand gehen, damit er nicht immer umkippte. Er tat wie ihm geheißen, sie war raus gegangen und kam gleich darauf mit zwei Medizinbällen zurück, die sie auf die nicht der Wand zugekehrten Seite des dicken Mannes platzierte.
Der Mann mit dem Buckel schien einen Sinn für hintergründigen Humor zu haben. Er sagte zur Schwimmlehrerin, er sei froh, dass sie nun nicht das Rückenschwimmen übten, sonst würde es ihm so gehen wie dem Dicken mit seinem Bauch.
Meine Mutter hielt sich fünf Minuten ganz gut und strampelte mit erhobenem Kopf brav mit Armen und Beinen. Aber dann war es vorbei. „Ich kann nicht mehr, Fräulein“, rief sie vollkommen außer Atem.
„Ich weiß, das Trockentraining ist anstrengend“, sagte diese. „Wenn wir dann im Wasser sind, ist das ein Kinderspiel.“

Gleich darauf begaben sich alle ins Wasser.
In diesem Moment sagte der dicke Mann, er müsse dringend auf die Toilette. Und schon war er weg.
Die Gruppe stieg die Stufen hinunter in den Pool. Kaum hatte der Zwerg die dritte Stufe erreicht, war er verschwunden. Abgesoffen. Gleich darauf tauchte er wieder auf, und plantschte in Panik wild herum.
Die Schwimmlehrerin schlug ihm vor, etwas zu warten, sie müsse nachdenken. Sie habe noch niemals jemanden schwimmen gelehrt, der kleiner ist als das Wasser hoch im Kinderbecken.
Der Dicke war von der Toilette zurückgekehrt.
Wusste er es nicht oder machte er es absichtlich? Er schien nicht bemerkt zu haben, dass alle anderen Schwimmschüler via Poolstufen ins Wasser gegangen waren.
Jedenfalls nahm er Anlauf und sprang in den Pool.
Eine Tsunami-Welle unglaublicher Kraft und Geschwindigkeit begrub die Schwimmwilligen unter sich.
Innerhalb kürzester Zeit glich der ruhige Pool einem sturmgepeitschten Gewässer.
Man hörte verzweifelte Schreie, Gurgeln, man sah Köpfe untertauchen und wieder auftauchen, Haarbüschel an der Wasseroberfläche erscheinen und wieder verschwinden, Arme und Beine kurz aufblitzen, dann wieder wegtauchen.

Mit einem Satz sprang ich in den Pool.
Suchte nach dem blauen Badeanzug. Endlich sah ich einen Arm mit einem weißen Träger auftauchen, dann kurz darauf Mamas Kopf, Gesicht verzerrt, Mund nach Luft schnappend.
„Mama, beruhige dich“. Ich zerrte sie hoch und sah zu, dass sie auf die Beine kam.
Sie war in Panik. „Meine Augen, schrie sie, „meine Augen. Ich bin blind!“

Ich führte meine blinde Mama langsam die Stufen hinauf und setzte sie auf einen Sessel.
Inzwischen hatten Schwimmlehrerin und andere Badegäste den Rest der Schwimmschüler gerettet. Alle lagen alle schnaufend und hustend auf dem Boden.
„Meine Augen, meine Augen“, jammerte Mama immer noch. „Hör auf, zu reiben. Das wird dann noch schlimmer.“ Sie hörte nicht und rieb ihre Augen immer wieder ohne Unterlass.
Nach einigen Minuten sah sie nicht mehr aus wie eine Filmdiva sondern wie die Hauptdarstellerin in einem Horrorfilm.
Fortan ging meine Mutter nicht mehr zum Schwimmkurs.
Aber unlängst meinte sie: „Hast du gelesen? Die Gemeinde hat einen Tauchkurs für Senioren ausgeschrieben. Gratis. Ich glaube, ich lerne tauchen. Das ist einfacher als schwimmen. Weil da hast ja eine Maske vorm Gsicht und das Chlorwasser kommt dir nicht in die Augen.“

„Gute Idee, Mama“, sagte ich. „Morgen kaufen wir einen Taucheranzug.“

Mittwoch, Juni 21, 2006

all the tired horses

All the tired horses in the sun
How'm I supposed to get any ridin' done?
Hmm.

Dienstag, Juni 20, 2006

nur ein spiel

„Ist ja nur ein Spiel“, sagte ich zu ihm.
„Nein“, sagte er. „Fußball ist nicht nur ein Spiel.“
„Doch. Zweiundzwanzig Männer, die dem Ball nachlaufen.“
„Nein”, sagte er. “Darum geht es nicht. Es geht um viel mehr.
Es geht um das Mitfiebern, das Anfeuern, das Teilnehmen.
Das ist das Wichtige. Es geht nicht um das Spiel. Es geht darum, was du aus dem Spiel machst“.
Dann meinte er, „Nimm die Musik als Beispiel.
Ein Musikstück besteht aus zwölf Noten, die in verschiedener Abfolge und verschiedenen Oktaven mit verschiedenen Instrumenten gespielt werden in unterschiedlichem Tempo. Da könnte man ja auch sagen. Das sind nur zwölf Noten einmal schneller gespielt, einmal langsamer. Was ist das schon. Aber es ist mehr, verstehst du?
Dasselbe beim Sex. Nur eine körperliche Vereinigung. Mehr nicht.
Oder ein Medikament. Da sind doch nur ein paar Moleküle so zusammengesetzt, dass sie Krankheiten heilen oder Symptome lindern.
Oder dieses Foto da. Nur eine Dachrinne, ein Stück Metall. Und dazu ein wenig Farbe. Mehr ist das doch nicht.
Ja, so könnte man das sehen. Nüchtern. Emotionslos.
Doch es geht um viel mehr. Es geht darum, was wir aus einer Sache machen. Wie wir Dinge sehen.
Es geht nicht um das Spiel.
Es geht um Emotionen.
Es geht darum, was es für uns bedeutet.

Montag, Juni 19, 2006

in scherben


schuldgefühle

Wenn dich jemand um einen Gefallen bittet, dann gibt es zwei Antworten. Ja und nein.
Ganz einfach.
Aber nicht immer einfach. Oft sehr kompliziert.
Es gibt Leute, die dich um einen Gefallen bitten und automatisch annehmen, du sagst ja. Und wenn du dann nein sagst, sind sie beleidigt.
Ich ertappe mich immer wieder, dass mich jemand, mit dem ich gar nicht befreundet bin, fragt, ob ich dies oder jenes tun könnte. Und obwohl ich eigentlich nicht will und gar keine Notwendigkeit besteht, demjenigen einen Gefallen zu tun, tue ich es. Weil er eben ein Kollege von mir ist, oder verwandt oder weil er ja so nett ist oder so gut kochen kann oder sonst etwas.
Das nein fällt mir besonders schwer, wenn mich meine Eltern um etwas bitten.
Weil da ist dann immer dieses Schuldgefühl da.
Sie sind ja schon alt. Ich muss die gute Tochter sein, die sich kümmert um die Eltern.
Wer weiß, wie lang sie noch leben und ich bin nicht bei ihnen im Haus und ich besuche sie ohnehin nicht oft genug.
Vor einigen Wochen, als ich sie besuchte, sagte Mama, zwei Minuten, nachdem ich ihr Haus betreten hatte: „Amadea, hör mal. Übermorgen hat Onkel Kurt seinen Siebziger. Wir sind eingeladen. Kannst du nicht mit uns fahren?“
„Natürlich Mama, gern“, sagte ich.
„Wir fahren am Samstag früh, sind dann in vier Stunden dort und kommen am Sonntag wieder nach Hause. Wann warst du das letzte Mal bei Onkel Kurt und Tante Hedwig? Vor neun Jahren?“
Zehn Stunden Autofahrt mit Abholen und Zurückbringen der Eltern. Wie aufregend.
„Wann ist die Geburtstagsfeier?“ fragte ich.
„ Sie beginnt am Sonntag um 14 Uhr.“
Na toll. Samstag in aller Frühe los, die Eltern abholen. Das dauert eine Stunde. Dann vier Stunden Autofahrt. Dann Herumsitzen bei Onkel Kurt und Tante Hedwig. Dann nichts bis Sonntag um zwei. Und dann Kaffee und Kuchen mit anderen Verwandten und Nachbarn, die ich nicht kenne..
Am Abend dann großes Buffet mit allem drum und dran. Dann vier Stunden Heimfahrt. Meine Eltern nach Hause bringen.
Das heißt, Sonntag früh um drei Uhr in meiner Wohnung.
„Tante Hedwig freut sich so, wenn sie dich mal sieht. Deine Schwester kann auch mitfahren.“
„ Klar, Mama,“ sagte ich.“ Natürlich fahren wir.“
„Weißt eh, Amadea. Mit dem Zug. So kompliziert. Umsteigen müssen wir auch. Papa mag das nicht. Er fährt sowieso nicht gern. Bin schon froh, dass er überhaupt mitfährt.“
Abends rief meine Schwester an. Sie fährt nicht mit. Zu stressig. Sie wundert sich ohnehin, warum ich sofort Feuer und Flamme war für diese Monsterfahrt.
Ich seufzte nur.
Das Wochenende ist gelaufen.
Wieso kann ich nicht nein sagen?
Ich überschlief die Sache.
Am nächsten Tag war mir klar. Ich fahre nicht.
Ich brauche eine Ausrede. Die Ausrede kam in Form einer Fortbildungsveranstaltung, die ich am Montag besuchen musste.
Beginn Montag um zehn Uhr. Zwei Stunden Autofahrt.
Also log ich. Ich rief meine Mutter an: „Mama, ich hab vergessen drauf. Was ganz wichtiges. Ich hab ja diesen Kurs. Und da muss ich am Sonntagabend schon anreisen. Weil der Kurs beginnt am Montag früh um acht. Und am Abend zuvor haben wir eine Einführung, Und ich kann den Kurs nicht absagen. Es ist ein Akademielehrgang. Modul zwei. Und wenn ich das nicht mache, dann muss ich von vorn beginnen.“
Sie seufzte. „Einmal im Jahr frage ich dich um einen Gefallen.“
Da war es wieder, dieses Schuldgefühl.
Diese Feigheit.
Nicht sagen, was Sache ist.
Dann musste ich auch noch Tante Hedwigs Gejammere anhören als ich sie anrief.
Und ich wusste, wenn ich diese Ausrede nicht gehabt hätte, ich wäre gefahren. Ich hätte es nicht geschafft, nein zu sagen.
„Wir haben uns schon so darauf gefreut, dich mal wieder zu sehen. Es ist ja schon Jahre her. Kannst den Kurs nicht absagen? Wir haben schon die Betten frisch überzogen.
Na, dann werden wohl Eltern wohl auch nicht kommen.“
„Doch sie kommen“, sagte ich schnell. „Mit dem Zug. Sie kommen bestimmt. Papa will auch. Sie freuen sich schon.“
Und dann war alles ganz einfach.
Papa und Mama fuhren für vierzehn Euro zu Onkel und Tante.
Sie mussten nicht einmal umsteigen.
Am Bahnhof wurden sie von meiner Cousine abgeholt.
Und die Geburtstagsfeier war wunderbar.
Und sie blieben eine ganze Woche.
Ich hätte von Anfang an nein sagen sollen.
Das Schuldgefühl war völlig unbegründet.
Die Lüge war nicht notwendig. Ich bin einfach feig!
Schuldgefühle sind Gefühle, die unnötig sind.
Gegen Schuldgefühle musst du dich zur Wehr setzen.
Sie helfen dir nicht. Sie machen dir nur ein schlechtes Gefühl.
Sie verderben dir einen schönen Moment.
Ich weiß das ja alles.
Für andere Leute habe ich ja auch gut gemeinte Ratschläge. Und weiß so gut, was jemand anderer tun oder nicht tun sollte.
Aber wenn es mich selbst betrifft, dann bin ich feig und kein bisschen weise.
Und all das Kluge und weniger Kluge, das ich so weiß und fühle und manchmal von mir gebe, kann ich auf mich selbst nicht anwenden.


"A false sense of guilt and duty toward others loses its hold on whoever sees that each man must find the way out for himself."

~~Vernon Howard~~

taufrisch

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Sonntag, Juni 18, 2006

spider murphy

Bei mir hat sich eine Spinne eingenistet. Eine Kreuzspinne. Eine ganz kleine.
Sie spann ihr Netz vom Olivenbäumchen hinüber zum Oleander.
Ich beobachte sie seit einigen Tagen.
Zwei Mal habe ich ihr Netzkunstwerk schon zerstört. Unabsichtlich.
Ich hätte gerne, dass die Spinne das wüsste.
Doch zerstört ist zerstört. Ich hätte umsichtiger sein sollen.
Es passierte mit dem Sonnenschirm. Gestern Abend, als der Regen kam und ich den Schirm weg räumte und heute Morgen als ich ihn wieder aufstellte.
Das schöne, fragile Netz sah dann aus wie ein Klümpchen Klebstoff.
Die Spinne wartete kurz. Dann spann sie einen langen Faden zwischen den beiden Pflanzen. Sie wartete wieder. Vermutlich wegen des plötzlichen Windstoßes. Ich ging ganz nahe und beobachtete sie. Sie begann mit einem winzigen Kreis. Und dann hantelte sie sich weiter sodass Kreis um Kreis entstand. Das ging wirklich schnell. Und seitdem rührt sie sich nicht mehr. Sitzt unbeweglich in ihrem Netz. Vermutlich bis sich eine Mücke verfängt.
Bis jetzt hatte sie noch keinen Erfolg. Und mit der Mücke wird es wohl heute nichts mehr werden. Es ist schon dämmerig und ein Gewitter wird auch kommen. Der Himmel hat sich schon verdunkelt.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses zarte Netz dem Wind und Regen standhält.
Ich würde gerne wissen, ob die Spinne spürt, wenn ich so nah neben ihr sitze. Ob sie es spürt, wenn ich sie beobachte.
Jedenfalls tut sie so als ob nichts wäre. Sie sitzt da wie immer. Macht nicht die leiseste Bewegung. Auch vorhin, als ich sie bei ihrem Netzbau beobachtete, bemerkte ich keine Veränderung an ihrer Bewegung
Sie sitzt noch immer regungslos in der Mitte ihres Netzes. Vermutlich schläft sie ein wenig. Ich habe ihr ja in den letzten Tagen ziemlich zugesetzt.
Aber vielleicht ist es ja ganz normal für sie, dass ihr Netz immer wieder zerstört wird. Vielleicht ist es für die Spinne gar nichts Ungewöhnliches, ihr Netz immer wieder neu zu spinnen.
Ich bin mir sicher, sie verhungert nicht auf meinem Balkon. Irgendwo auf meinen Pflanzen ist sicher die eine oder andere Laus versteckt.
Und ich werde aufpassen in den nächsten Tagen. Ich habe nichts gegen diese Spinne. So lange sie am Balkon bleibt und nicht in mein Schlafzimmer kommt. Ganz im Gegenteil. Ich freue mich, dass sie da wohnt. Ich bin sogar dabei, mir einen Namen für sie auszudenken.


The Legend of the Dreamcatcher

A spider was quietly spinning his web in his own space. It was beside the sleeping space of Nokomis, the grandmother.
Each day, Nokomis watched the spider at work, quietly spinning away. One day as she was watching him, her grandson came in. "Nokomis-iya!" he shouted, glancing at the spider. He stomped over to the spider, picked up a shoe and went to hit it.
"No-keegwa," the old lady whispered, "don't hurt him." "Nokomis, why do you protect the spider?" asked the little boy.
The old lady smiled, but did not answer. When the boy left, the spider went to the old woman and thanked her for saving his life. He said to her, "For many days you have watched me spin and weave my web. You have admired my work. In return for saving my life, I will give you a gift." He smiled his special spider smile and moved away, spinning as he went. Soon the moon glistened on a magical silvery web moving gently in the window. "See how I spin?" he said. "See and learn, for each web will snare bad dreams. Only good dreams will go through the small hole. This is my gift to you. Use it so that only good dreams will be remembered. The bad dreams will become hopelessly entangled in the web.

~~Author Unknown.~~

Samstag, Juni 17, 2006

liebesspiel

Der Himmel hat heute diese besondere Farbe.
Dieses besondere Licht.
Großzügig, strahlend, sanft.
So wie ein Liebender die Frau lockt, die er begehrt.
Göttlich, dieses Licht.
Ich könnte mich in diesem Licht verlieren.
Der Himmel größer als das Land.
Ich könnte aufsteigen, fliegen.
Ganz von selbst.
Es scheint, als wolle der Himmel der Nacht nicht erlauben, ihn unsichtbar zu machen.
Das Liebesspiel des Himmels in gelb, orange und rot.
Ein wilder Tanz der Farben.
Ein letztes Aufflammen.
Bevor die Nacht beginnt.

les parabluies

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Heute Nacht träumte ich, dass ich alle Regenschirme, die je verloren habe, wieder fand.
Sie lagen fein säuberlich in einer Reihe vor meiner Wohnungstür.
Was dieser Traum wohl bedeuten mag?
Da war dieser eine Schirm, dem ich noch immer nachtrauere. Ich war mit meiner Schwester in London. Es regnete. Und wir flüchteten in ein indisches Restaurant. Ich hängte meinen Schirm an die Garderobe.
Als wir gingen, war er weg. Einfach weg.
I was furious.
Einfach meinen Schirm zu stehlen.
Die Rache folgte am nächsten Tag.
Nach dem Kino waren wir in einem Pub.Und von weitem sah ich ihn. Den Schirm. Er lag da auf der Ablage der Garderobe.
Den hol ich mir, sagte ich zur Schwester.
Ich brauche wieder einen Schirm. Du kannst nicht ohne Schirm sein in London. Meiner wurde gestohlen. Sieh mal, der gehört niemand. Außerdem ist heute kein Regenwetter. Also hat niemand einen Schirm mit. Der liegt da schon seit Wochen, sagte ich. Der gehört keinem.
Meine Schwester war nicht begeistert.
Das geht nicht. Du kannst den Schirm nicht nehmen. Das ist Diebstahl. Die werden uns verhaften.
Unsinn, ich nehme ihn. Geh du schon mal raus.
Ich nahm ihn also. Auf dem Weg zur Toilette.Es war ein pocket-umbrella mit Holzgriff und schottischem Karo. Blau-grün. Wirklich edel. Ich steckte ihn unter meine Jacke.
Irgendwann vergaß ich ihn irgendwo. Vor Jahren. Und im Traum war er wieder da. Und lag da vor meiner Wohnungstür.
Der alte Schirm von meinem Großvater auch. Schwarz mit Holzgriff. Groß und ausladend. Der Stoff aus Baumwolle, schon löchrig und nicht dicht. Vor allem nicht, wenn es stark regnete.
Es lag auch der kleine, durchsichtige Plastikschirm, den ich zum zwölften Geburtstag bekommen hatte, da. Ein Schirm mit bunten Blüten und Punkten. Ich hatte vergessen wie er aussah. Nun weiß ich es wieder.
Der Regenbogenschirm lag auch da vor der Tür. Den hatte ich mir gekauft, als ich das erste Mal in Paris war. Vor vielen Jahren. In einem kleinen Geschäft in der Rue de Charenton. Der Tag war grau und kalt gewesen.
Da war dann noch dieser Schirm, den ich in London gekauft hatte. Mit achtzehn. Die London-Underground-map on it.
Und auch der Schirm, den ich mir während meiner Studienzeit in Salzburg gekauft hatte. Rot mit kleinen weißen Blümchen und Rüschen dran. Ein Schirm, der aussah wie ein Fliegenpilz mit Rüschen. Eine Art Mary-Poppins-Schirm. Ein glänzender Holzgriff dran und der Stoff aus Baumwolle.
Wenn ich diesen Traum nicht gehabt hätte, würde ich nicht mehr wissen, wie all meine Schirme, die ich je besessen habe, aussahen.
Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht, was dieser Traum bedeuten könnte.
Ich habe keine Ahnung. Nicht mal die leiseste Idee von einer Ahnung.
Ich sehne mich nicht nach Regen, ich bin froh, dass die Sonne scheint.
Und dann beim Frühstück hörte ich den Wetterbericht.

Es kann sein, dass am Morgen vereinzelt Probleme auftreten, die zu Mundtrockenheit führen können.
In den Vormittagsstunden ist mit größeren Konflikten zu rechnen, die vor allem für Allergiker gefährlich sein können.
Bis zu Mittag sind kleinere Auseinandersetzungen möglich, die Hitzewallungen hervorrufen können.
Gegen Nachmittag wird alles klar und die die heißen Debatten werden werden deutlich abkühlen.
Rechnen sie aber mit größeren Körpertemperaturschwankungen.
Kälteschauer am Rücken sind nicht auszuschließen.
Für den morgigen Tag erwarten wir frostiges Klima, das sich bis zum Wochenende halten wird. Die Gefahr von Frostbeulen in der der kommenden Woche ist nach wie vor groß.

Ob ich mich mit all meinen Parapluies dagegen abschirmen kann?

Donnerstag, Juni 15, 2006

pflanzen an bord

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Ich bin noch nicht draufgekommen, warum so viele Leute diese Baby-an-Bord-Aufkleber auf ihren Autos haben. Vielleicht wollen die stolzen Eltern, dass man sie fragt ob man das Baby anschauen darf.
„Warum haben Sie mich aufgehalten?“
„Ich möchte gern ihr Baby ansehen.“
„Warum?“
"Weil Sie dieses Werbepickerl am Auto haben.“
Vielleicht sind die Gründe ganz andere.
Vielleicht gibt’s diese Aufkleber, damit der Fahrer dahinter nicht in das vordere Auto rein kracht.
„Schau, Hedwig. Siehst du das Auto vor uns mit dem Aufkleber? Eigentlich wollte ich ein bisschen anfahren. Aber sie haben ja ein Baby im Auto. Ich werde es doch lassen.“
Es ist komisch.
Ich meine, wer plant denn schon, in einer Autoschlange dem Vordermann oder der Vorderfrau aufzufahren, egal ob da ein Baby drin ist oder nicht.
Als ich diesen Aufkleber das erste Mal sah, dachte ich mir: „Aha, eine Warnung. Sehr aufmerksam. Ich muss nun besonders gut aufpassen, dass ich da ja nicht auffahre.Da ist ja ein Baby im Auto.“
Aber so kann es auch nicht sein. Weil wenn du so nahe an dem Auto bist, sodass du das lesen kannst, ist es eh schon zu spät. Der notwendige Sicherheitsabstand ist deutlich unterschritten und wenn der da vorn unmittelbar bremst, klebst du schon an der Stoßstange, sogar bei 30 km/h.
Vielleicht ist es auch so, dass Eltern, wenn sie ein Baby im Auto haben, eher gefährdet sind, einen Unfall zu verursachen, weil sie ja das Baby ständig ablenkt. Weil es vielleicht schreit, weil es Hunger hat oder die Hosen voll oder weil es gelangweilt ist oder Bauchweh hat. Und dann muss sich die Mama oder der Papa ständig umdrehen während des Fahrens, das Baby beruhigen, streicheln, ihm den Schnuller reinstecken, oder ihm „Alle meine Entchen“ vorsingen. Oder vielleicht das Flascherl geben oder füttern. Und das kann ganz schön ablenken beim Fahren. Man sollte also einen großen Bogen um solche Baby-an-Bord-Aufkleber-Autos machen, weil sie unberechenbar sind.
Es kann auch sein, dass so ein Aufkleber für einige Leute, vielleicht Frauen, die sich schon lange ein Baby wünschen, ein Signal ist.
„Hedwig, der Abstand zum Auto ist zu gering. Nicht so nahe ran, sonst kracht es noch!“„Aber ich will das Baby sehen, Fritz!“
Zu spät.
Es kracht bereits.
“Da, da ist es. Siehst es? Ich glaub, es schläft. Hat an Schnuller im Mund. Wieso hält es den Arm so verdreht?“
Der Grund für diese Aufkleber muss ein anderer sein. Ich glaube, dass die Eltern einfach nur stolz sind, ein Baby zu haben und es aller Welt mitteilen müssen.
„Hey, schaut mal. Nun haben wir auch ein Baby! Und ihr nicht!“
Und weil sie eben grad nicht mit dem Kinderwagerl unterwegs ist, in dem sie den Nachbarn und der ganzen Stadt ihr neues Baby zeigen können, sondern im Auto, wo das Baby niemand sieht, haben sie eben diesen Aufkleber hinten dran. So dass, wenn sie aussteigen, sich sofort eine Gruppe von Neugierigen und Interessierten um sie versammelt und das Baby bewundern können. „So liab, gonz da Papa.“
Ich würde mir mehr solche Aufklebern wünschen.
Schwangere an Bord, Fötus an Bord, Zwillinge an Bord. Adoptivkind an Bord, ADS-Kind an Bord.
Aber auch – Jungfrau an Bord, FemmeFatale on Bord, Fußballer an Board, Alkoholiker an Board.
Schwiegermutter an Bord, Hund an Bord, Computer an Bord, Waschmaschine an Bord, Fahrrad an Bord.
Es sollte für alle nur denkbaren Situationen so ein Pickerl geben.
Als ich das letzte Mal vor meinem Urlaub meine Grünpflanzen von Balkon und Wohnung zu meiner Freundin brachte, und ziemlich abgelenkt war von all den wippenden Ästen, und den im Wind sich wiegenden Blattwerk – ich hatte nämlich alle Seitenfenster offen, weil sonst hätte das opulente Grünzeug gar nicht reingepasst - hätte ich einen Aufkleber gebraucht.
Die riesigen Sonnenblumen nahmen mir den Blick auf die Straße, der Olivenbaum kitzelte mich im Gesicht, der Oleander verstellte mir die Sicht auf den Rückspiegel und die Fleisch fressende Pflanze verbiss sich in meinem Nacken. Erst als ich ihr ein Stück von meiner Wurstsemmel gab, ließ sie ab von mir.
Wie freute ich mich, als an der Kreuzung ein Radfahrer an mein Fenster klopfte, sich als passionierter Gärtner vorstellte und mir mit einem freundlichen Lächeln einen Aufkleber "Pflanzen an Bord" überreichte.
Als Dank überreichte ich ihm die Fleisch fressende Pflanze.
Ich war froh, dass ich sie los war.
Sie war in letzter Zeit ziemlich aggressiv geworden.

Dienstag, Juni 13, 2006

bend it like beckham

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Heute Abend sind Freunde bei mir. Zum gemütlichen Beisammensein.
Und es wird wohl nicht ausbleiben, dass ich den Fernseher einschalte.
Auch wenn Österreich nicht mit dabei ist, gibt es Leute, vornehmlich männlichen Geschlechts, die dem Fußball verfallen sind.
Ich glaube, es ist eine Sucht. Wenn du das mal angefangen hast, dann schaffst du es nicht mehr, auszusteigen.Die meisten waren ja selbst mal aktiv. Mehr oder weniger. Auf dem Dorffußballlatz bei einer Handvoll Zuschauern.Ich glaube, ein echter Fußballfan investiert sehr viel Zeit, also wirklich sehr viel Zeit – ich meine ja nicht nur die Zeit vor der Glotze, sondern auch bei Live-Spielen des Vereins, den er unterstützt und da muss er ja auch anreisen und nachreisen. In den Ort, in dem sie spielen. Oder in das Land. Und das oft tagelang. Also, er oder sie - gibt ja auch Frauen, die Fußball lieben, ich kenn zwar keine - geben auch viel Geld aus für Ticket, Anreise, Unterbringung, Snacks, Fußballleiberl, Fahne, Schal, und was es da alles so gibt.Und die, die keine Ahnung haben, so wie ich, fragen sich ,wieso in diesem schönen Spiel sich alle um den Ball streiten wo sie ihn doch ganz gemütlich hin und her spielen könnten. Aber was weiß ich denn.
Leute treffen sich ja auch in Lokalen zum gemeinsamen Fernsehen. Was mir vollkommen unverständlich ist. Da sitzen sie dann, starren auf den Bildschirm, besaufen sich – meistens und mehr oder weniger – und reden eh nix außer manchmal ahhhhhhhhhhh…gemma, gemma…………scheiße..........wieda nix. Irgendwie schaffen das gemeinsame AhOhGemmaScheißeWiederNix ein Gemeinschaftsgefühl.
Irgendwie schweißt das zusammen. Vermutlich.
Warum würden sie das sonst tun.
Für mich als geistiges Fußballnackerbazerl ist das ziemlich stressig. Du sitzt da, schaust zu, flüsterst unhörbar mit den anwesenden Frauen und auf einmal in einer Lautstärke, dass dir die Ohren dröhnen und dein Herz rast, schreit einer der anwesenden Männer oder mehrere oder alle: „Hiaz seid’s amoi endlich ruhig!“Und auf einmal, obwohl gar nix war, kein Tor und gar nix, keine rote Karte oder Rauferei, springen sie alle auf, die Männer mit einem wahnsinnig lauten „Aaaaahhhhh……gemma, gemma…..scheiße, wieda nix!“.
Wir Frauen stehen unter Schock und zittern weil es so laut war - aus heiterem Himmel und weil die Couch fast zusammen bricht unter der Last des Aufpralls der sich gleichzeitig hinflankenden Männern.Und dann fragst du einen: „Was war denn nun? Es gab ja gar kein Tor!“und sie sagen wieder alle unisono „Pscht, a Ruah is’!“
Heute habe ich vor, das besser zu machen als das letzte Mal vor Jahren, als auch ein Worldcup stattfand. Wo und wann das war, weiß ich nicht mehr.Ich habe mir damals den Hass der versammelten Männer zugezogen als ich Fragen stellte wie:
Dürfen sie sich den Ball auch zuwerfen?
Warum schießen sie nicht in ihr eigenes Tor?
Hat der Schiedsrichter ein Maipfeiferl?
Wann kommt die Frauenmannschaft dran?
Kommt nach dem Einstand nicht Vorteil?
Warum spielt Salzburg nicht mit?
Warum spielen sie nicht mit nacktem Oberkörper?
Was ist, wenn ein Spieler während des Spiels aufs Klo muss?
Ist das nicht unhygienisch, wenn sie sich da abküssen, wo sie doch so schwitzen?
Warum ist das abseits, wenn er doch eh im Feld war?
Mittlerweile weiß ich all die Antworten auf all meine Fragen von damals.
Außer, die vom Abseits.
Da hat mir bis jetzt jeder was anderes gesagt.
Ich werde heute das vielleicht noch mal fragen.
Aber sonst hab ich vor, mich ganz professionell zu verhalten. Heute abend.Knabbergebäck bereistellen und Bier einkühlen.
Ich werde die Männer aus dem Augenwinkel betrachten und wenn ich merke, dass die Spannung ansteigt und wenn der, auf den ich mich konzentriere, die Fäuste ballt, tief Luft holt, laut schnauft und gleichzeitig aufspringt und AhGemmaGemmaScheißeWiedaNix ruft, sich dann wieder auf die Couch flankt, einen Schluck Bier nimmt, werde ich das auch alles tun.
Außerdem werde ich das ManU-Fußballleiberl – man beachte die korrekte Abkürzung – anziehen, das ich vor Jahren einem Bekannten aus London mitnahm. Aber als ich nach dem Jahr aus England wieder zurückkam, war er kein ManU-Fan mehr, und so liegt das Leiberl tief hinten in meinem Kasten.Ist ja für mich eher ein Fußballkleid als ein Leiberl, weil der Bekannte ist 190 groß, aber mit Gürtel und Flipflops sieht das vielleicht ganz nett aus.
Außerdem habe ich vor, kurz bevor das erste Tor fällt, zu schreien: „Yeah, bend it like Beckham!“.
Da werden's dann Augen machen, die Mannaleit, die selbsternannten Profils.
Da werden's dann schauen.
Kenn mich schließlich aus mit Fußball.

Montag, Juni 12, 2006

allora in tedesco

Und wenn sich dir viele Straßen auftun
und du nicht weißt, welche du nehmen sollst,
dann nimm nicht irgendeine,
sondern setz dich hin und warte.
Atme tief durch mit einer Innigkeit,
mit der du die Tage deiner Geburt geatmet hast,
ohne an etwas zu denken,
warte und warte.
Bleib ruhig und sei still
und hör auf dein Herz.
Und wenn es zu dir spricht,
erhebe dich und gehe dorthin,
wohin es dich trägt.

Source: Unknown

Sonntag, Juni 11, 2006

banko mad

Ich stehe vor dem Bankomat und will Geld abheben.
Karte raus, in den Schlitz, Nummer tippen.
Plötzlich höre ich eine Stimme.
Wie viel wollen Sie abheben?
Fünfhundert Euro, sage ich geschockt.
Es tut mir leid, Sie können nicht mehr als vierhundert Euro abheben.
Okay, sage ich und tippe 400.
Es tut mir leid, aber Sie können nur 200 Euro abheben.
Wieso denn das? Haben Sie das nicht früher gewusst?
Ich tippe 200.
Es tut mir leid, aber Sie haben die falsche Nummer eingegeben.
Wollen Sie eine zweite Chance? Die Stimme lacht.
Ich atme tief ein. Mir ist heiß.
Ich tippe die Nummer ein. Zum zweiten Mal. Ganz langsam. Um sicher zu sein, dass ich mich nicht vertippe.
Es tut mir leid, aber Sie haben schon wieder die falsche Nummer eingegeben.
Wollen Sie es nochmals versuchen? Die Stimme hat einen sarkastischen Unterton.
Was erlaubst du dir denn eigentlich, so mit mir zu reden, du unverschämtes Stück Metall. Das ist die richtige Nummer. Ich kenne diese Nummer im Schlaf! Ich drücke den Verdammtenbankomatknopf, den es nicht gibt, aber den es geben sollte.
Der Automat spuckt meine Karte aus und sagt, „Danke, dass Sie meine Dienste in Anspruch genommen haben. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“
Haben Sie das gehört, frage ich den Mann, der schon eine Weile hinter mir steht. Er schüttelt den Kopf und sagt nichts.
Ich warte. Ich will sehen, was nun passiert. Der Mann tippt ein. Seine Nummer. Der Bankomat sagt nichts. Er piepst nur. Dann tippt der Mann den Betrag ein. Der Apparat piepst wieder.
Ich höre, wie er die Scheine auswirft.
Und, frage ich?
Komisch, sagt der Mann. Ich habe 100 eingetippt und ich bekam sechshundert Euro.
Das ist mein Geld, schreie ich.
Der Mann schüttelt den Kopf und tippt auf die Stirn. Schon fährt er weg.
Ich gehe. Voll Wut und ohne Geld.
Auf einmal.
Ganz laut.
Dieses Lachen.
Unheimlich.
Dann ein Schrei.
Hinter mir. Ich drehe mich um. Und da sehe ich es.
Eine Frau vor dem Bankomat. Sie schreit. In Panik, vor Schmerz. Ihre Hand im Schlitz. Sie zerrt und zerrt, schreit. Sie kommt nicht los. Ist gefangen. Blut überall. Ihr Gesicht verzerrt. Und niemand scheint etwas zu bemerken. Die Menschen gehen vorbei. So als ob nichts wäre. Ich sehe, wie die Hand der Frau immer weiter im Schlitz verschwindet. Ich sehe, wie die Frau zu Boden sinkt. Sie schreit nicht mehr. Das Lachen höre ich immer noch. Lauter als je zuvor.
Ich laufe. So schnell ich kann.

Samstag, Juni 10, 2006

nur ein tisch

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Dieser Tisch ist ein ganz gewöhnlicher und doch wieder nicht. Es ist ein Esstisch. Esstische stehen in Esszimmern, Küchen oder Essecken. Und man isst auf ihnen.
Mein Vater hatte den Tisch selbst gemacht. Kurz bevor er meine Mutter heiratete. Mich gab es damals noch nicht. Der Tisch war vor mir da. Er war irgendwann weiß gestrichen worden. Danach hatte er eine grüne Resopalplatte bekommen. Ich glaube, dass es heute keine Tische mit Resopalplatten gibt. Die Tischplatten, die man heute hat, sind aus Holz. Es gibt auch Tische mit Glasplatten und Kunststoffplatten. Seit ich denken kann, war dieser Tisch grün. Grasgrün. Mit einem braunen Viereck in der Mitte. Hellbraun. Dieses hellbraune Viereck aus Holz hatte mein Vater einige Wochen nach der Hochzeit mit meiner Mutter eingefügt. Aus Strafe. Weil meine Mutter das Bügeleisen vergessen hatte. Auf der Tischplatte. Und so war in der Mitte der Tischplatte aus dem Grasgrün ein Flaschengrün geworden. Ein verbranntes Flaschengrün, ein schwarzes Flaschengrün. Und weil der Tisch eben ganz neu und war reine Handarbeit und aus Vollholz und so viel Arbeit, musste diese Strafe mit dem braunen Viereck sein. So dass sich meine Mutter immer erinnern würde. An den Brandfleck. Sodass ihr das niemals mehr passieren würde. Sodass sie das Bügeleisen niemals wieder stehen lassen würde. Auf dem Esstisch. Ein Esstisch ist sowieso nicht dafür gemacht um darauf bügeln, sagte mein Vater. Zum Bügeln nimmt man ein Bügelbrett. Aber die gab es damals noch nicht, sagte meine Mutter. Vielleicht gab es sie auch, sagte sie. Aber wir hätten das Geld dafür nicht gehabt. Also musste ich auf dem Esstisch bügeln.
Wegen dieses braunen Vierecks war immer eine Tischdecke auf dem Esstisch. Meistens eine weiße. Manchmal aber auch eine mit Mond und Sternen. Das war meine Lieblingstischdecke. Die Tischdecken meiner Mutter waren immer perfekt gebügelt mit ordentlichen, geraden Bügelfalten. Gestärkt waren sie auch. Und sie dufteten wunderbar.
Irgendwann dann bekam ich den Tisch geschenkt. Ich wollte ihn eigentlich gar nicht. Ich hatte gar keinen Platz dafür. Aber ich nahm ihn halt. Sonst wäre Papa beleidigt gewesen. Die grüne Platte mit dem hellbraunen Viereck musste aber weg. Das Grün gefiel mir nicht. Und das braune Viereck noch weniger.
So kam der Tisch in das Schlafzimmer. Weil er passte nicht in das Esszimmer. Wir hatten auch gar kein Esszimmer. Wir hatten eine Essecke. Eigentlich war es ein Essbereich. So nennt man das wohl. Was für ein unglückliches Wort. Es war kein Essbereich im eigentlichen Sinne. Da stand eben der runde Tisch mit vier Sesseln vor der Küche. Ein eckiger Tisch hätte schlecht Platz gehabt. Deshalb war der Tisch, der handgemachte, von meinem Vater im Schlafzimmer in der Ecke. Weil sonst war nirgends Platz dafür.
Wann immer meine Eltern zu Besuch waren, fragte Vater nach diesem Tisch. Wann ich ihn wohl endlich als Esstisch verwenden würde. Wo er doch nun so schön war. Eine neue Tischplatte hatte. Alles massiv. Nirgends ein Nagel, nirgends eine Schraube. Die neue Holzplatte, sagte Vater, aus bestem Holz.
Irgendwann, sagte ich dann. Irgendwann wird der Tisch wieder ein Esstisch sein. Vielleicht im Wintergarten, Papa.
Aber die Pflanzen im Wintergarten wurden zu groß und ausladend. Und da passte der Esstisch nicht hinein.
So blieb er im Schlafzimmer in der Ecke und wurde als Ablage verwendet. Für Wäschestapel. Ich hätte da in der Ecke im Schlafzimmer lieber etwas anderes gehabt. Eine Kommode oder ein Sofa. Aber wo sollte dann der Tisch hin? Im Keller wäre noch Platz gewesen. Aber das getraute ich mich nicht. Den schönen Tisch vom Vater in den Keller zu stellen. Mein erstes und bisher einziges Erbstück. Das kam nicht in Frage.
Die Jahre sind vergangen und das ehemalige Schlafzimmer ist nicht mehr das meinige. Ich habe nun eine Wohnung, wo der Tisch nun überhaupt nicht mehr passt. Aber mitgenommen hab ich ihn. Und nun steht er halt im Garten. In der Ecke.
Eigentlich ist nicht mehr viel da vom Tisch, wie ihn mein Vater gemacht hat.
Die Tischbeine habe ich damals abgesägt. Weil er mit den Beinen nicht in mein Auto passte. Also nahm ich nur die Tischplatte mit. Die passte hinein.
Und nun hat die Tischplatte ein Gestell aus Metall. Grün. Das Gestell würde gut zur grünen Resopalplatte passen. Aber die gibt es nicht mehr. Das Grün passt auch gut zur Holzplatte.
Der ehemalige Esstisch ist nun kein Esstisch mehr. Sondern ein Gartentisch. Und die Tischplatte ist auch nicht mehr schön. Regen und Schnee haben ihr zugesetzt. Ich hätte den Tisch im Winter in den Keller bringen sollen. Aber darauf hab ich vergessen. So steht er halt das ganze Jahr über in der Ecke des Gartens. Und das tut ihm nicht gut. Aber das macht nichts. Dieser Gartentisch in der Ecke da ist nicht mehr der Tisch, den mein Vater, bevor er meine Mutter heiratete, gemacht hat.
Das einzige was vom ursprünglichen Tisch noch übrig ist, ist der Name. Tisch. Fast. Ehemals Esstisch, nun Gartentisch.
Und trotzdem – für mich ist es noch derselbe Tisch, der damals in der Küche stand. Der mit der grasgrünen Resopalplatte und dem hellbraunen Viereck in der Mitte und den weiß gestrichenen Holzbeinen. Der Tisch mit der weißen Tischdecke mit Mond und Sternen.

the tramp

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Da saß dieser Mann. Er rieb sich immer wieder die Augen.
Nahm dann und wann ein Taschentuch aus seinem Hosensack und schneuzte sich.
Es hatte aufgehört zu regnen. Ich saß vor dem Restaurant unter dem großen Kastanienbaum. Neben mir dieser Mann.
Manchmal schaute ich verstohlen zu ihm. Aber er schien mich ohnehin nicht zu bemerken. Er hatte nichts bei sich. Vor ihm am Tisch ein Glas Bier, an dem er dann und wann nippte.
Er saß gebückt da und starrte auf den Boden. So schien es mir jedenfalls. Die Sonne stach mir ins Gesicht und blendete mich, sodass ich nur seine Silhouette wahrnahm. Das Haarbüschel stand wirr von seinem Kopf ab.
Es saßen nur wenige Leute hier. Es hatte wohl niemand mit der Sonne gerechnet. Nur einer der Tische war besetzt mit einer Gruppe von jungen Leuten. Es waren Studenten. Ich erkannte es an ihrer Kleidung und der Art, wie sie redeten.
Ich sah den Mann an. Er war bestimmt ein Sandler. Ein Obachloser, ein Herumziehender. Aber er hatte keine Tasche bei sich. Auch keinen Rucksack. Das war eigenartig. Was tat er hier? Woher kam er? Er rieb sich wieder die Augen. Weinte er? Ich wollte nicht, dass er weint. Weil wenn er weinte, dann sollte ich zu ihm gehen und ihn fragen. Warum und so. Und dann würde er vielleicht noch mehr weinen und mir irgendwelche Dinge erzählen, dich ich gar nicht wissen wollte. Und vielleicht würde ich ihn dann nicht mehr loswerden. Und er würde mir dann sein ganzes Leben erzählen. Von seiner Frau, die ihn verlassen hat und von seinen Kindern. Und davon, wie ungerecht alles war. Mir wäre es lieber, er wäre nur traurig. Wenn einer ein Sandler ist, so steht es ihm ja zu, traurig zu sein.
Mir ist es unangenehm, wenn jemand in der Öffentlichkeit weint. Ich bin dann jedes Mal überfordert. Weil ich weiß dann nicht, wie ich reagieren soll. Ignorieren? Augenkontakt herstellen? In jedem Fall schwierig. Er könnte meinen, ich starre ihn an. Aus Neugier. Vielleicht will die Person ja auch nur kurz reden. Vielleicht nicht. Vielleicht will ich auch nicht. Was ist, wenn diese Person verzweifelt ist und nur darauf wartet, dass jemand nachfragt? Schwierig.
Ich erinnere mich, als ich vor vielen Jahren weinend im Zug saß. Und ich hätte mir gewünscht, dass mich jemand fragt, wie es mir geht. Aber kein Mensch fragte. Jeder schaute verlegen weg und tat so, als ob nichts sei.
Wieder nahm der Mann sein Taschentuch heraus und wischte sich Augen und Nase. Er seufzte, nahm sein Glas und machte einen tiefen Schluck.
Ich sollte nun wirklich zu ihm gehen und ihn fragen. Er ist vielleicht ganz allein auf dieser Welt und hat niemanden. Er ist vielleicht ganz fremd hier und hat kein Geld. Was ist, wenn er so verzweifelt ist und beschlossen hat, vor ein Auto zu laufen? Was ist, wenn er keine Bleibe hat für die Nacht?
Ich war sicher, dass er ein Tramp war. Ich war sicher, er lebte nicht hier. Salzburger Sandler sehen anders aus. Sie haben zumindest eine Tasche mit. Und sie sitzen nicht unter Kastanienbäumen und trinken Bier aus dem Glas.
Plötlich gähnte der Mann. Und sah mich kurz an. Er hatte keine Tränen in den Augen. Ich war erleichtert. Ich stand auf und wollte gehen. Da erhob er sich auch.
Hey, Fräulein. Haben Sie drei Euro?
Wieso gerade drei, fragte ich?
Ich brauch Wechselgeld zum Telefonieren.
Ihre Haare gefallen mir, sagte ich.
Ich ändere jede Woche die Farbe, sagte er. Damit die Welt bunter ist. Letzte Woche waren sie violett.
Wollen Sie ein Bild von mir machen? Er deutete auf meine Kamera.
Ich wollte ihn noch fragen, woher er kam. Aber er hatte sich schon umgedreht und ging Richtung Innenstadt.
Es hatte wieder zu regnen begonnen.
Ich ging zu meinem Auto. Für das Kino war es ohnehin zu spät.

Donnerstag, Juni 08, 2006

thermik

Vor kurzem sah ich im Fernsehen einen Bericht über Saurier. Da war auch die Rede von einem Flugsaurier, der das größte fliegende Lebewesen vor 120 Millionen Jahren war. Es hatte eine Flügelspannweite von dreizehn Metern. Das stelle man sich mal vor. Und schwer war er auch noch.
Und er flog über den Atlantik, um sich zu vermehren und danach zu sterben. Und, obwohl das Meer nicht weit weg war, war es für ihn sehr anstrengend es zu überfliegen. Er konnte nicht einfach so fliegen wie unsere kleinen Vögel heutzutage, sondern musste den Wind gut ausnutzen, um sich nicht zu sehr anzustrengen. Er wartete also bis zum Sommer und flog sehr niedrig. Weil im Sommer war es warm und er konnte die Thermik ausnutzen, so wie ein Paraglider, die auch dann, wenn die Winde warm sind, weit gleiten kann. Ohne diese warme Luft hätte es dieser Flugsaurier nicht geschafft, über den Atlantik zu fliegen und sich zu vermehren.
Ich bin mir sicher, dass dieser Vogel nichts wusste von Thermik und Aufwínd und auch nichts darüber, wann genau er wegfliegen müsse, um dann genau dort anzukommen, wo er hinwollte, um sich zu vermehren.
Wie hat er das gelernt?
Woher hatte er dieses Wissen?
Er hat ja auch niemals andere Flugsaurier gesehen, die wegflogen und dann ins Meer stürzten, weil es zu kalt war, oder weil die Thermik schlecht war oder es gar keine Thermik gab weil es zu kalt war. Er lernte also nicht durch Nachahmung. Ich bin mir sicher, er dachte sich: „Heute bleibe ich noch zu Hause. Es ist zu kalt zum Fliegen.“
Und nach einigen Tagen, als die Sonne schien und es angenehm warm war, sagte er: "Was für ein wunderbarer Tag. Ich werde mich auf den Weg machen.“
Und durch Zufall blieb das Wetter schön und er erreichte sein Ziel und überlebte.
Ich bin mir sicher, es gab andere Flugsaurier, die die Kälte liebten und sagten: „Heute ist perfektes Flugwetter. Es ist schön kühl, ich komme nicht ins Schwitzen und muss mich nicht anstrengen.“ Und sie traten ihre Reise an, kamen aber niemals an ihr Ziel, stürzten ins kalte Meer und ertranken.
Die Flugsaurier, die also eine Vorliebe für die Wärme hatten, überlebten. Nur weil sie diese Macke hatten, bei Sonnenschein zu fliegen, erreichten sie die Küste. Nun waren sie in einem anderen Land, wo es warm war, wo es genug zu fressen gab und wo auch ihren Nachkommen überleben konnten. Und im folgenden Jahr waren dann die Flügel ihrer Nachkommen stark genug, dass sie sich auf den Weg machen konnten. Und überlebten auch, weil sie diese eigenartige Vorliebe hatten. Diesen Tick, nur bei schönem Wetter fliegen zu wollen.
All unsere Ticks, Schrullen, eigenartigen Vorlieben haben vielleicht eine tiefere Bedeutung, deren wir uns gar nicht bewusst sind.
Es gibt Leute, die nur zu bestimmten Zeiten bestimmte Dinge tun können oder wollen. Und das ohne irgendeinen bestimmten Grund. Für andere sehr oft unverständlich. Oder aber, die anderen sehen den Grund dafür nicht. Oder aber erst im Nachhinein. Und im Nachhinein sagen dann die anderen, wie weise und klug es war wie sich jemand verhalten hat.
Ich mache ja auch einige Dinge auf eine besondere Art und Weise. Ich bin noch nicht draufgekommen, weshalb.
Ich gehe derzeit zum Beispiel nie Radfahren, obwohl es trotz des kalten Wetters mehrmals am Tag möglich wäre. Ich gehe zur Zeit auch selten spazieren oder wandern, obwohl das gut möglich wäre. Ich gehe derzeit lieber ins Kino, oder ins Cafe oder liege lesend oder fernsehend auf der Couch.
Warum ich das tue, weiß ich nicht.
Aber es hat nichts mit der Thermik zu tun. Das weiß ich bestimmt.

Dienstag, Juni 06, 2006

it changes your world

"Change your thoughts and you change your world."
-Norman Vincent Peale-

Erst wenn dir Dinge wichtig sind, bemerkst du sie.
Du hörst einen schönen Namen. Und auf einmal beginnst du überall diesen Namen zu sehen und zu hören. Du weißt, dass dieser Name schon immer da war, dass er dir nur nicht auffiel.
Deine Freundin erzählt dir, dass sie sich ein neues Auto gekauft hat. Und auf einmal fällt dir dieses Auto auf. Du siehst dieses Auto nicht nur einmal, sondern gleich drei Mal am selben Tag. Es ist wie eine neue Erfahrung. Natürlich gab es zuvor auch schon dieses Auto und du hast es genauso oft gesehen wie nun. Aber du hattest nicht den Blick dafür.
Als ich schwanger war, sah ich ständig schwangere Frauen um mich. Jeden Tag mehrere.
Derzeit scheint es keine schwangeren Frauen mehr um mich zu geben. Keine einzige. Es gibt sie natürlich, aber ich sehe sie nicht
Als ich in England lebte, fielen mir in jedem Supermarkt österreichische Produkte aus. Ich merkte mir, aus welcher Region sie kamen,wie viel sie kosteten.
Wie groß war meine Freude, als ich Bio-Zwiebeln aus Oberösterreich bei „Marks and Spencer’s“ entdeckte oder das Kürbiskernöl aus der Steiermark bei „Summerfield“.
Wann immer ich mir mit dieser einen Zahnpasta die Zähne putze, erinnere ich mich an den ersten Urlaub mit meiner Familie am Meer. It’s all coming back to me. Ich sehe das Badezimmer des Apartments, das wir bewohnten, ich habe den Geruch wieder in der Nase, ich sehe das Meer vor mir.
Die Welt verändert sich wenn man Dinge bewusst wahrnimmt. Deine Erfahrung wird eine andere. Sie wird reicher.
Ich habe mir angewöhnt, Dinge bewusst wahrzunehmen, den Augenblick eines schönen Erlebnisses ganz intensiv wahrzunehmen und mich darauf zu konzentrieren. Jede Kleinigkeit zu spüren, jeden Handgriff, den ich mache, den Geruch, die Umgebung, mein Gefühl dabei.
Der Geruch von nassem Gras, das Knirschen der Schuhe im Schnee, der Duft der ersten Regentropfen am Asphalt, die Wärme der Sonnenstrahlen im März, das Leuchten der Augen von einem lieben Menschen, das Geräusch deines Autos. Spüre es einfach. Nimm es wahr. Jedes mal ganz bewusst. Alles, was um dich herum passiert.

Die Welt verändert sich.

Montag, Juni 05, 2006

fountains

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ein tag am meer


Es war ein schöner Sommertag und Vater hatte ihm versprochen, an das Meer zu fahren.
Es dauerte noch eine Zeitlang, bis es soweit war. Sie frühstückten noch ausgiebig und Vater las die Zeitung.
Endlich war es soweit. Thomas war aufgeregt. Sie fuhren durchs Dorf. Vorbei an der Schule, vorbei am Fußballplatz. Auf einem Zaun knapp hinter dem Dorf saßen Vögel. Das sind Zugvögel, erklärte der Vater. Sie sind jetzt im Sommer hier und fliegen im Herbst in wärmere Länder.
Alles eingepackt, was sie brauchten. Badehose, Sonnencreme, Schaufel. Etwas zu essen und zu trinken.
Das Meer ist sicher noch kalt, sagte der Vater kurz, während sie das Dorf hinter sich ließen.
Bringt uns das Auto zum Meer?
Ja, natürlich, sagte der Vater. Es dauert nicht mehr lange.
Und auf einmal merkte es Thomas. Er sah, dass sie stillstanden. Dass nicht das Auto sich bewegte, sondern die Erde. Ein Drehen am Lenkrad, und schon war die Straße, die zuvor noch weit vorne war, ganz nah bei ihnen.
Wiese, pass auf, sagte der Vater. Er fuhr um die Kurve, drehte am Lenkrad. Und schon war die Wiese da.
Sieh mal, diesen Hügel. Wir holen ihn zu uns. So geschah es, ein kurzes Drehen am Lenkrad. Auf einmal war der Hügel da.
Das gefiel Thomas.
Hey, du Baum, rief der Vater, hier her zu uns. Wir wollen dich genau ansehen. Und schon war der Baum da, bewegte sich auf sie zu mit seiner Rinde, den Ästen, den grünen Blättern.
Thomas fand das aufregend. Einfach nur am Lenkrad zu drehen, und alles einfach herbei zu holen.
Und er vergaß wo sie hinfuhren.
Und gleich darauf war das Meer ganz nahe.
Das heißt, dachte Thomas, wenn das Meer so nahe war, dann war das Dorf weit weg. Und ihr Haus auch. Er fragte seinen Vater, ob er sich deswegen Sorgen machen müsse.
Vater beruhigte ihn und sagte, sie müssten nur darauf achten, dass sie das Meer, bevor sie nach Hause fuhren, an seinem Ort zurück ließen und dafür ihr Dorf zu sich herholten.
Aber Thomas war verunsichert. Was würde passieren, wenn sie es vergaßen?
Dann blieb das Meer für immer am falschen Ort. Und ihr Dorf auch.
Er dachte an die Vögel auf dem Zaun. Sie würden den Weg nach Süden nicht mehr finden.
Er dachte an die Astronauten, die immer im Meer landeten, wenn sie aus dem Weltall zurückkehrten. Sie würden irgendwo auf eine Wiese fallen oder in einen Wald und sich verletzten.
Thomas war beunruhigt. Und es tat ihm leid, dass sie sich mit der Erde einen solchen Spaß erlaubt hatten. Aber er sagte nichts zu seinem Vater. Er baute weiter an seiner Sandburg und versuchte, an etwas anderes zu denken. Doch es gelang ihm nicht.
Er dachte an die Wüsten der Erde, die nun irgendwo anders waren und er dachte daran, dass es nun nicht mehr heiß sein könnte in den Wüsten. Und die Kamele würden frieren und vielleicht zittern im Schnee. Er dachte an die Eisbären, die nun vielleicht schwitzen mussten in der Hitze, die sie nicht gewohnt waren.
Er dachte daran, dass heute die Sonne an einem ganz anderen Ort untergehen würde.
Das alles nur, weil er das Meer für einen Tag zu sich geholt hatte.
Vielleicht konnte man nun gar nichts mehr in Ordnung bringen. Vielleicht war nun alles für immer durcheinander geraten.
Als ihn sein Vater fragte, ob er was essen wollte, sagte er nein.
Er hatte nicht mal Appetit auf ein Eis.
Er dachte nur an die armen Eisbären, die in ihrem dicken Fell schwitzten und ganz matt und müde waren.
Können wir nun fahren, fragt er seinen Vater.
Natürlich, sagte dieser und schaute auf seine Uhr. Es ist ohnehin Zeit.
Kannst du nun bitte das Lenkrad zurückdrehen, sodass alles wieder so ist wie vorher? fragte Thomas.
Thomas achtete genau darauf, dass ein Vater das Lenkrad in die entgegen gesetzte Richtung drehte.
Endlich konnte Thomas sein Dorf sehen. Die Vögel saßen noch immer am Zaun. Thomas war erleichtert. Das Meer lag hinter ihnen. Und alles war wie vorher. Thomas fiel ein Stein vom Herzen. Er war sicher, dass alles wieder seine Ordnung hatte.
Die Vögel würden den Weg in den Süden finden, die Kamele würden nicht frieren und die Eisbären nicht schwitzen. Und die Astronauten würden, so wie immer, im Meer landen.

alles ganz einfach

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Bin ich froh, dass ich aus dem Alter raus bin, als ich noch manchmal bei der Nachbarfamilie Babysitten war.
Das war damals einfach. Du kamst zehn Minuten vorher. Die Dame des Hauses im Abendkleid, der Mann des Hauses im Anzug. „Hier ist der Schlüssel, die Fernbedienung liegt am Wohnzimmertisch. Wir sind im „Goldenen Löwen“. Spätestens um Mitternacht sind wir wieder da.“ Da stand der Fernseher. Und dort drüben war die Stereoanlage. Oder der Plattenspieler. Das Kind schlief. Du setztest dich vor den Fernseher oder hörtest Musik.
Es war ganz einfach. Damals.
Wenn dein Fernseher nicht mehr ging, dann war er kaputt und du hast den Elektriker angerufen. Oder du hast den Fernseher geschnappt, in dein Auto getragen und zum Fernsehtechniker gebracht. Der hat ihn repariert. Nach einer Woche ging er wieder.
Wenn du jetzt irgendwo bist für einige Tage, bei Freunden oder Verwandten, und du manchmal einen Film ansehen willst oder eine DVD oder fernsehen, oder Musik hören oder telefonieren, dann brauchst du zuerst eine Einführung in das System.
„Der Fernseher ist mit diesem Kabel an den DVD-Player angeschlossen. Wenn du ein Video anschauen willst, dann nimmst du die Fernbedienung, drückst zuerst auf den grünen Knopf, dann auf den gelben und wählst Kanal VHS. Wenn du etwas aufnehmen willst, dann geht die Aufnahme durch dieses Kabel. Außer, nun pass auf, du nimmst was über Satellit auf. Dann ist das anders.
Dann musst du den blauen Knopf drücken. Und VHS ausschalten.
Der Fernseher, die Stereoanlage und der Computer haben ein gemeinsames Sound-System. Du kannst also nicht gleichzeitig fernsehen und Musik hören. Klar? Wenn du eine CD anhören willst, dann musst du zuerst den Fernseher ausschalten. Aber wir haben eh keine CDS mehr.
Schließe den i-pod an den Fernseher an, drücke danach den weißen Knopf. Dann hörst du die Musik durch die Stereoanlage.
Geht eh alles über den Computer. Also ganz einfach. Das Telefon nicht. Wenn du telefonierst, dann musst hier bei der zweiten Fernbedienung VHS ausschalten, den kleinen Knopf hier drücken und dann kannst du telefonieren. Außer bei einem Ferngespräch. Wenn du ein Ferngespräch führen willst, dann ist es besser, am Computer zu telefonieren. Weil mit dem Telefon ist das zu teuer.
Du klickst hier am Desktop auf diesen Icon, dann öffnet sich ein Fenster, du tippst die Nummer ein, setzt das Headset auf und schon kannst du reden. Falls der andere an seinem Computer sitzt, natürlich nur. Wichtig ist, dass du die Zeitverschiebung beachtest. Alles klar?"
Mein Fernseher flimmert wenn ich eine DVD anschaue.
Die Ursache dafür kenne ich nicht.
Vielleicht ist das das Scat-Kabel, das locker ist, oder das Kabel, das am Computer angeschlossen ist. Vielleicht ist es eine der sieben Steckdosen, vielleicht ein Wackelkontakt, vielleicht ist es der Fernseher. Aber bevor ich den Fernseher zum Techniker bringe, muss ich sicher gehen, dass es nicht eine Leitung ist, die vom Fernseher in den DVD-Player geht oder das Kabel, mit dem der DVD-Player an den Computer angeschlossen ist. Das heißt, ich muss jedes Kabel, jeden Eingang und jeden Ausgang bei jedem Gerät überprüfen. Erst danach kann ich sicher sein, dass es der Fernseher ist.
Weil wenn es etwas anderes ist, wird der Fernsehtechniker zu mir sagen. „Also, der Fernseher es nicht Der ist in Ordnung. Es wird vermutlich die Leitung sein, die vom Fernseher in den DVD-Player geht oder das Kabel, mit dem der DVD-Player an den Computer angeschlossen ist. Oder es kann auch ein Wackelkontakt sein oder das Scat-Kabel, oder ihr Receiver hat was."
Am liebsten würde ich das ganze Graffl einfach zurückgeben. Alle Kabel und Stecker, alle Fernbedienungen und Bedienungsanleitungen und sagen: „Mein Fernseher flimmert wenn ich eine DVD anschaue. Bitte reparieren Sie das. Und bringen Sie es mir dann vorbei. Am Mittwoch Nachmittag bin ich zu Hause."
Letzte Woche bat mich meine Nachbarin um Hilfe.
„Du bist doch so gut am Computer“, meinte sie.
„Mein Internet geht nicht. Das Telefon auch nicht.“
Ich sagte: „Das kann vieles sein. Computerproblem, Kabelproblem, ISDN-Problem, Modemproblem.“
Also schauten wir nach. Fast zwei Stunden. Fanden nichts. Deinstallierten, installierten. Das Telefonnetz war ausgefallen. Wegen des starken Regens. Am nächsten Tag funktionierte alles wieder.
Ich würde ja nun gerne ein Foto uploaden. Aber es funktioniert heut nicht. Gestern auch schon nicht.
Es kann also nun sein, dass mein Computer irgendwas hat. Vielleicht sollte ich meine Cookies löschen. Es kann aber auch sein, dass die Fotos, die ich uploaden will, zu groß sind. Vielleicht hat sich auch irgendwo ein Virus eingeschlichen. Herr Norton versichert mir aber, dass alles passt. Vielleicht hätte ich gestern den Mediaplayer nicht upgraden sollen. Vielleicht habe ich ja auch die Fotos nicht richtig abgespeichert. Vielleicht sollte ich den Receiver einschalten, wenn ich das Foto uploade. Vielleicht sollte ich den Receiver ausschalten. Oder den Computer neu aufsetzen. Ich könnte auch dieses Programm installieren und damit mein Foto uploaden.
Oder das Foto online stellen und den URL hier hereinkopieren.
Aber vielleicht ist das auch alles ganz anders. Vielleicht machen die Leut bei blogger.com auch nur Pfingstferien und am Dienstag geht das alles wieder.
Jedenfalls. Vorläufig gibt es hier in dem Blog keine Fotos.
Schade, dass heute Feiertag ist. Ich würde sonst zum Computerfachmann fahren und ihm das ganze Graffl bringen. Alle Kabel und Stecker, alle Fernbedienungen und Bedienungsanleitungen und sagen: „Ich kann heute kein Foto uploaden. Bitte reparieren Sie das. Und bringen Sie es mir dann vorbei. Am Mittwoch Nachmittag bin ich zu Hause.“

Donnerstag, Juni 01, 2006

der mutige steht zu seiner feigheit


Der Baron schrieb über Feigheit und Mut.

Ich bin mutig wenn ich einer Spinne, die in meiner Badewanne sitzt, ihre Freiheit zurückgebe, indem ich sie in die Wiese raus trage.
Ich bin feig, wenn ich sie mit dem Staubsauger einsauge.
Mutig hingegen bin ich, wenn ich sie einsauge und danach aller Welt verkünde, wie sehr ich überzeugt bin, dass dies die einzig richtige Handlung war.
Ich bin eigentlich feig, wenn ich die Spinne befreie.
Ich bin aber mutig wenn ich die Spinne befreie und danach aller Welt verkünde, ich hätte die Spinne eigentlich einsaugen und zu meiner Feigheit, sie nicht befreit zu haben, stehen sollen.

Wenn ich „Spinne“ denke, sehe ich eine.
Und es fängt an zu jucken.
Ich denke, wenn ich „Spinne“ denke, an eine haarige Spinne.
Und ich spüre haarige Beine auf der Haut.
Der Gedanke, da ist eine Spinne im Raum, macht mir Gänsehaut.
Sie kann überall sein. Irgendwo. Lauern. Warten.
Erst wenn mir die Spinne ganz nahe ist, weiß ich, wo sie ist.
Erst wenn die Spinne ganz nahe ist mit ihren Beinen, Augen, Zähnen, weiß ich wo sie ist.
Dieser unerträgliche Gedanke an die Spinne juckt. In jeder Pore meiner Haut.
Sobald ich „Spinne“ denke, ist die Spinne überall. Spinne in der Socke, Spinne in der Dusche, Spinne in der Badewanne, Spinne im Handtuch. Und während ich mich ankleide, Spinne in der Bluse.
Und während ich die Knöpfe der Bluse schließe, Spinne auf der Schulter.
Weg mit der Bluse. Ausziehen, Spinne, Spinne.
Geht nicht, weil die Bluse zugeknöpft ist. Mein Kopf hängt in der Bluse wie in einem Zelt. Ein Zelt für Kopf und Spinne.
Endlich Bluse weg und irgendwo da drinnen Spinne. Bluse auf dem Badezimmerboden. Irgendwo die Spinne. Sicher gehen, dass sie nicht im Haar ist, auf der Haut, im Ohr. Reiben, wischen, kratzen.
Vorsichtig Bluse aufheben, ausschütteln. Gänsehaut. Jucken, Schaudern. Und da sehe ich sie. Sie flüchtet. Unter den Wäschekorb.
Und ich flüchte auch. Raus, hinaus. Gänsehaut, Jucken, Schaudern.
Spinne, Spinne, ich spinne. Ich glaub, ich spinne.