Mittwoch, Mai 31, 2006

im dunklen digi tal

Du bist zu Besuch bei irgendwelchen Leuten und das erste, was sie tun, noch bevor sie dir einen Kaffee oder sonst was zu trinken anbieten, ist, dass sie dir Fotos vom letzten Mal, als du auf Besuch warst, zeigen.
Du siehst dann irgendwelche Fotos. Und auf diesen Fotos siehst du dich irgendwo sitzen. Und du siehst wie du Fotos anschaust, die gemacht wurden, als du das letzte Mal bei irgendwelchen Leuten zu Besuch warst, und das erste, was sie taten, noch bevor sie dir einen Kaffee oder sonst was zu trinken anboten, war, dass sie dir Fotos vom letzten Mal, als du auf Besuch gewesen warst, zeigten.
Mich interessiert es überhaupt nicht, Fotos anzusehen, auf denen ich Fotos ansehe.
Ich bin natürlich zu höflich, etwas zu sagen, und während ich die Fotos betrachte, blitzt es schon wieder. Es werden wiederum Fotos gemacht und der Wahnsinn beginnt von vorne.
Der Fotograf hat also ein Foto von dir gemacht. Mit seiner Digitalkamera.
Und nun kommt der Fotograf zu dir, breit grinsend und voll Freude.
Er zeigt dir stolz das Display. Und da siehst du dich nun. Beim Fotos anschauen. „Schau mal, das bist du da auf der Couch. Toll, nicht? Das war vor zwei Minuten. Erinnerst du dich, als es klick machte? Das bist du auf dem Foto. Nett, gell? Aber nun, sei so lieb, Amadea. Mach bitte ein Foto von mir und deiner Mutter da auf der Couch. Und gib mir mal die Fotos vom letzten Mal. Dass wir irgendwas tun auf dem Foto. Das ist sonst so leer. Ich schick es dir dann per E-mail als bleibende Erinnerung.“

Dienstag, Mai 30, 2006

perspectives


Als ich ein Kind war, wollte ich erwachsen sein. So erwachsen wie meine Eltern. Weil dann würde ich genau wissen, wie es sich anfühlte, erwachsen zu sein. Und ich war neugierig, wie Erwachsene denken und wie sie die Welt sehen.
Dann irgendwann war ich erwachsen. Ich war achtzehn als ich auszog von zu Hause. Aber auch dann wusste ich nicht, wie meine Eltern fühlten. Wie ihre Welt war, ihre Empfindungen.
Ich dachte mir damals:
Wenn ich einmal selbst Kinder habe, dann werde ich wissen, wie meine Eltern fühlen und empfinden. Weil dann werde ich ja in derselben Situation sein wie sie.
Aber das geschah nicht. Weil ich immer einen Schritt hinten war. Und irgendwann erkannte ich, dass ich niemals die Welt so sehen würde wie meine Eltern.
Auch meine Kinder werden niemals wissen wie ich fühle und empfinde.
Vielleicht kann man es mit einer Kamera vergleichen.
Meine Mutter ist eine Kamera und ich bin eine Kamera.
Ich sehe vielleicht dasselbe Motiv wie sie.
Aber ihre Perspektive ist eine andere. Sie befindet sich an einem anderen Ort als ich und sieht das Motiv leicht verändert.
Vor allem wenn sich das Motiv bewegt.
Das ist gut so.
Je mehr Perspektiven es gibt, je mehr Standorte, von denen du etwas betrachten kannst, desto reicher und erfüllter ist die Wahrnehmung.

Grown-ups never understand for themselves, and it is tiresome for children to be always and forever explaining things to them.

-Antoine de Saint-Exupéry "Le Petit Prince"

Sonntag, Mai 28, 2006

wade in the water

Wade in the Water
Wade in the Water, children
Wade in the Water
God's gonna trouble the Water

Who's that young girl dressed in red
Wade in the Water
Must be the Children that Moses led
And God's gonna trouble the Water

Who's that young girl dressed in white
Wade in the Water
Must be the Children of the Israelites
God's gonna trouble the Water

Who's that young girl dressed in blue
Wade in the Water
Must be Children thats coming through
And God's gonna trouble the Water

If you don't believe I've been redeemed
Wade in the Water
Just see the holy ghost looking for me
God's gonna trouble the Water

-Eva Cassidy-

stein auf stein

Als Kind lebte ich am Fluss.
Der Fluss war Teil meines Lebens.
Meine Großmutter warnte mich ihm zu nahe zu kommen.
Es sei gefährlich.
Du kannst ausrutschen und er reißt dich mit. Und dann gibt es kein Entkommen, sagte sie.
Mit meinem Großvater ging ich manchmal hinunter zum Fluss. Über die großen, weißen Steine.
Die warm waren von der Sonne. Und auf denen sich Eidechsen räkelten.
Ganz nah am Fluss war der Sand weich und feucht.
Wenn man die Hand hineindrückte, bildete sich eine Mulde, die sich mit Wasser füllte.
Irgendwann begann ich, Flusssteine zu sammeln. Zuerst nur von dem Fluss, an dem ich wohnte, später auch von anderen.
Ich besaß Steine von vielen Flüssen der Umgebung.
Jeder Stein hatte seine Geschichte, die ich nicht kannte. Die mich beschäftigte.
Wie war der Stein in den Fluss gelangt?
Wo war er entstanden? Hatte ihn das Wasser dorthin getragen oder hatte ihn jemand hinein geworfen?
Wie groß war der Stein vor hundert Jahren gewesen? Oder vor tausend Jahren?
Wo wäre der Stein nun, wenn ich ihn nicht gefunden hätte?
Ich sammelte Steine, die mir besonders schienen. Besonders in ihrer Form, Farbe.
Da lagen sie nun. In meinem Zimmer, auf dem Regal. Irgendwann entstand die Idee, etwas zu machen aus all den Steinen.
Sie anordnen, aufkleben, ein Steinkunstwerk bauen.
Aber dann waren andere Dinge in meinem Leben wichtiger als diese Steine.
Und ich vergaß sie.
Nach Jahren kamen mir die Steine wieder in den Sinn.
Und ich wollte wieder zu sammeln beginnen. Dieses Mal in anderen Ländern, in anderen Städten.
Aber es war schwierig, hinunter zum Fluss zu gelangen. Es war unmöglich. Die Flüsse der Städte waren zugebaut mit Mauern und die Stellen, an denen man zum Wasser kam, waren verschmutzt und versandet.
Und irgendwann wusste ich nicht mehr, welcher Stein zu welchem Fluss gehörte. Und ich vergaß sie wieder.
Bis mir vor kurzem meine Mutter sagte, sie habe die Steine weggeworfen. Zurück in den Fluss.
Die Steine lagen Tausende von Jahren irgendwo. Dann kam ich und legte sie für kurze Zeit auf mein Regal. Dann wurden sie weggeworfen und nun werden sie wieder Tausende von Jahren irgendwo sein.
Vielleicht war es ihr Schicksal, nicht auf dem Regal zu bleiben und nicht Teil eines Steinkunstwerkes zu werden, das irgendwo am Dachboden herumsteht oder in der Mülltonne landet.
Vielleicht war es ihr Schicksal, in den Fluss zurückzukehren.

Samstag, Mai 27, 2006

gewitternacht

Der Himmel knistert.
Ein lautes Rülpsen immer wieder.
Das Grollen so laut.
Es scheint, der Himmel will aufräumen, etwas wegschaffen.
So als ob riesige Hände zerreißen, herausreißen.
Irgendwo da oben.
Wie schön so eine Gewitternacht ist.
Du weißt nie, wann es donnert.
Das ist das Aufregende.
Hast du auch manchmal Angst, dass der Blitz durch dein Fenster saust und dich trifft?
Dich da trifft in deinem warmen Bett?
Ich habe manchmal diese Angst.
Als ich klein war, waren die Gewitter gewaltig.
Das Haus wurde durchgeschüttelt.
Mutter sagte, Das ist so weil wir am Fluss leben. Und der Blitz ins Wasser einschlägt.
Meine Wohnung liegt nicht am Fluss.
Es könnte passieren, dass der Blitz durch mein Fenster saust und mich trifft.
Da in meinem warmen Bett.
Heute hatte ich Glück.
Der Himmel hat sich beruhigt.
Zeit, das Licht aufzudrehen und die Jalousien zu öffnen.

Donnerstag, Mai 25, 2006

the bird

Modul zwei des Akademielehrgangs. Thema Photoshop. Ich mach grad eine Pause. Stehe da auf der Terrasse und blicke auf den See. Wie ruhig es hier ist.
Ich höre einen Vogel zwitschern.
Da im Gras sitzt er.
Ein ganz kleiner Vogel. Ein Spatz. Er hat Angst. Aus dem Nest gefallen. Ich schaue nach oben. Seine Geschwister beobachten ihn und sind froh, nicht an seiner Stelle zu sein.
Ich hebe ihn auf. Nun ist er ruhig. Ich muss wieder hinein.
Kann da nicht beim Vogel bleiben.
Ich kann mich nicht konzentrieren. Der Vortragende redet und redet. Und ich höre den Vogel. Traurig klingt er. Ich gehe wieder hinaus.
Ich nehme ihn und setze ihn ins Blumenbeet. Seine Mutter wird ihn schon finden. Ich gehe wieder hinein.
Ich versuche mich zu konzentrieren.
„Erstellen Sie im Dialogfeld "Neu" ein neues Dokument in einer für eine Karte angemessenen Größe“, sagt der Vortragende.
Der Vogel zwitschert noch immer. Verzweifelt. Wieder gehe ich hinaus.
Mir ist nicht gut, sage ich zum Vortragenden, der mich vorwurfsvoll anschaut.
Ich sehe den Vogel an. Der Vogel sieht mich an. Er ist ruhig.
Da steht eine Tasse am Tisch.
Ich lege Gras hinein. Nehme den Vogel und bette ihn darauf.
Er ist ruhig.
Ich nehme die Tasse mit hinein..
Es ist gerade Pause.
Sie sehen den Vogel. Der Vortragende telefoniert.
Ein alter Mann kommt.
“Wohin bringen Sie ihn?“, frage ich. „Keine Sorge, ich mach das schon,“ sagt er und lächelt.
Ich sehe den Vogel an. Der Vogel sieht mich an.
Der Mann nimmt die Tasse und geht.
Und mit ihm geht das schönste Erlebnis des Tages.

Sonntag, Mai 21, 2006

ode




While Earth herself is adorning
This sweet May morning,
And the children are culling
On every side
In a thousand valleys far and wide,
Fresh flowers; while the sun shines warm
And the Babe leaps up on its mother’s arm –

Then sing ye Birds, sing a joyous song
And let the young lambs bound as to the tabor’s sound
We in thought will join your throng
Ye that pipe and ye that play
Ye that through your hearts today
Feel the gladness of the May.

-W. Wordsworth-

a nap is as good as a night

Drei Uhr morgens und du bist nicht müde. Dein Körper ist müde, aber im Kopf bist du hellwach.
Du weißt, heute ist ein anstrengender Tag. Du musst um halb sieben aufstehen.
Du drehst dich auf die Seite und versuchst an nichts zu denken. Was nicht funktioniert.
Nun versuchst du, an etwas Entspannendes zu denken.
Dir fällt nichts Entspannendes ein. Dir fällt nur ein, wie schwer es dir am Morgen fallen wird, dich aus dem Bett zu hieven.
Dann fällt dir ein, dass du heute Schafe gesehen hast. Du denkst also an diese Schafe. Du zählst sie. Was schnell vorbei ist. Es waren nur fünf.
Plötzlich ist dir heiß, gleich darauf wieder kalt.
Du stehst auf, holst dir ein Glas Orangensaft, putzt dir die Zähne. Nun bist du noch wacher. An Schlaf nicht mehr zu denken.
Du gehst wieder ins Bett, hörst, wie der Mieter unter dir die Klospülung bedient. Dann ein Auto. Das wird die Zeitung sein.
Du stehst wieder auf. Gehst ins Wohnzimmer. Kochst dir einen Beruhigungstee. Während der Tee zieht, blätterst du in einer Illustrierten. Und du wirst immer wacher.
Du schaltest den Computer ein und googelst Schlaflosigkeit.
Nichts Neues. Alles was du schon weißt.
Aber dann stößt du auf einen interessanten Artikel.
Über Schlaflosigkeit.
Über die Schwierigkeit, einzuschlafen.
Du liest, dass es in Kalifornien Kurse gibt, in denen du lernen kannst, wie du innerhalb von zwei Minuten einschläft.
Du liegst am Boden in einem Turnsaal. Mit anderen Kursteilnehmern. Das Licht ist gedämpft. Im Hintergrund leise Entspannungsmusik.
Der Schlaflehrer teilt warme Handtücher aus, die du dir über die Augen legst.
Er massiert dich.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist fünf.
Ich bin nahe daran, durchzudrehen.
Warum ist niemand hier, der mir ein Handtuch auf die Augen legt?
Warum ist niemand hier, der mich sanft massiert?
Wieder zurück ins Bett.
Ich träume von Frühlingswiesen, blökenden Schafen. Ich erwache, weil die Kirchenglocke läutet. Es ist keine Glocke, es ist mein Handy. Mein Chef ruft an. Warum ich noch nicht da sei.
Halb neun, sehe ich.
Das zweite Mal schon in diesem Jahr, dass ich verschlafen habe.
Den ganzen Tag über bin ich wie in Trance.
Ich nehme mir fest vor, mich im Herbst bei diesem Yoga-Kurs an der Volkshochschule anzumelden.
Und wenn das schon nicht hilft, am Abend einschlafen zu können, dann will ich wenigstens lernen, ein Mittagsschläfchen zu halten.

Freitag, Mai 19, 2006

ungeduld

Ich bin ungeduldig.
Auch wenn ich daran arbeite, es nicht zu sein. Es gelingt mir nicht.
Wenn ich vor einer Ampel stehe, die rot ist, dann drücke ich den Knopf nicht einmal, sondern zehn Mal.
Und wenn ich sehe, dass der Lift sich noch im 5. Stock oben befindet, gehe ich sowieso zu Fuß.
Was ohnehin gesünder ist.
Wenn ich den Computer einschalte, dann warte ich nicht, bis er ganz hochgefahren ist, sondern drücke gleichzeitig den Email –Mediaplayer- und Internet-button, mit dem Ergebnis, dass der Rechner zu stöhnen anfängt oder sich aufhängt.
Sehr ungeduldig bin ich, wenn Leute erzählen und erzählen.
Irgendwas. Einfach um des Redens willen, vollkommen Uninteressantes.
Es gibt solche Leute. Sie reden und reden und merken gar nicht, dass du nicht zuhörst. Sie reden, sagen aber nichts. Sie kommen nicht zum Punkt. Bei vielen von diesen Erzählungen gibt es auch gar keinen Punkt.
Wie unlängst der derzeitige Chef von mir.
Er ist gottlob nur ein Übergangs-Chef.
So lange, bis wir einen neuen Chef oder eine neue Chefin haben.
Er ist ein Fall für sich. Er redet viel und gerne. Und unnützes Zeug. Das, was er in zehn Minuten sagt, könnte man in einem Satz sagen. Ich jedenfalls.
Außerdem hat er diese Angewohnheit, nach jedem dritten Wort die hübsche Phrase „Ich meine“ einzustreuen, und das im Dialekt.
Das hört sich dann ungefähr so an.
Waßt, i hob donn die Heidi troffn, i man, und hob des mit ihr besprochen, i man, und sie hot gsogt, i man, i moch des scho richtig, i man, obwohl, i man, i bin in so an Stress, derzeit, i man, i waß scho nimmer, i man, wo mir da Kopf steht, i man. You man. Stop it!
Nun musste ich unlängst mit ihm zu dem Meeting fahren. Er nahm mich in seinem Auto mit und da saß ich nun. Ihm und seinen unendlichen Geschichten vollkommen ausgeliefert.
Auf dem Beifahrersitz. Und er redete und redete.
Die Chemie zwischen uns ist nicht die beste. Lo meinte unlängst, er habe Respekt vor mir, was mir ziemlich gefällt, muss ich zugeben.
Ich kann ihn nicht riechen. Ich meine, ich kann ihn nicht gut riechen.
Er ist nicht einer jener Zeitgenossen, die ein Problem mit körperlicher Hygiene haben. Er wirkt immer recht adrett und nett.
Aber er riecht einfach nicht gut. Ich sitze also da im heißen Auto, die Sonne brennt durch das Fenster. Ich öffne das Seitenfenster.
Ich meine, es genügt, wenn einen jemand nervt wegen seines Gelabers, oder? Zusätzlich Atem anhalten auch noch ist zu viel.
Drum das offene Fenster.
Kaum mache ich den ersten tiefen Atemzug, ist das Fenster schon wieder zu.
Und gleich darauf die Erklärung.
I man, es zieht do a bissl, i man, ich will mir da keine Augenentzündung holen, i man.
Fast hätte ich ihn gefragt, weißt du, dass Iman mit David Bowie verheiratet ist?
Ich unterließ es.
Es gibt auch geduldige Leute, ich merke das schon. Es gibt welche, die sich niemals aus der Ruhe bringen lassen.
Nicht jeder geht durch’s Leben als stünde er permanent unter dem Einfluss von Red Bull.
Am nächsten Tag schickte ich ihm - also meinem derzeitigen Chef auf Zeit - eine wichtige Email. Und erhielt nach drei Wochen die Antwort mit dem Hinweis „Dringend – Sofort weiterleiten“.
Unglaublich.
Ich versuchte es wirklich.
Ernsthaft.
Ich nahm mir vor, drei Wochen zu warten bevor ich die Email weiterleiten würde.
Ich wartete eine Stunde. Dann hielt ich es nicht mehr aus.
Und leitete weiter.
Ich wünsche mir manchmal, ich wäre anders programmiert.
So, als ob ich unter dem Einfluss eines Beruhigungsmittels stünde.
Ich wünsche mir manchmal, ich würde verschiedene Dinge mit Verspätung oder gar nicht erledigen.
Und ich wäre easy und relaxed. Und nichts würde mich nerven.
Ich wäre die Ruhe selbst. Kein Anflug von Ungeduld.
Kann es sein, dass der Übergang zwischen Geduld und Gleichgültigkeit fließend ist?
Ich glaubte viele Jahre lang, dass mein Exmann die Geduld in Person ist. Was stimmt. Er war geduldig. Aber vieles war ihm eigentlich egal. Gleichgültig.
Es ist gut so, wie ich bin.
Ich bin lieber ungeduldig als gleichgültig.

Mittwoch, Mai 17, 2006

turn on

Sie sitzt da. Beine gespreizt, Haar zerwühlt, auf ihren Armen goldene Tropfen, an ihrem Dekoltee ein schmales Rinnsal.
Ihr Atem geht schwer, ihre Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet…
Das Szenario klingt wie die Fantasie jeden Mannes.
Weit gefehlt.
Keine Sexszene, kein erotischer Thriller.
Nein, eine Frau nach einer Stunde auf dem Laufband.
Wir Frauen treiben Sport, um uns attraktiv zu fühlen. Auch ich.
Warum würde ich mir den Stress antun, mich auf’s Radl zu schwingen, eine Stunde zum auf den Berg hinauf radeln und dabei zu schnaufen wie ein Postross, wie mein Vater zu sagen pflegte.
Und das mit dem Glücksgefühl ist ein Märchen.
Ich spüre nicht den leisesten Hauch von Glück auf dem Weg hinauf. Im Gegenteil. Ich frage mich jedes Mal, warum ich mir das eigentlich antue.
Ich verspüre viel mehr Glück, auf der Couch zu liegen, zu lesen, Musik zu hören, fern zu sehen, Schokolade zu essen.
Aber weil wir ja alle schlank sein wollen, für uns selbst und für das andere Geschlecht, rackern wir uns ab. Weil wir eitel sind.
Wir Frauen hüpfen, treten, steppen, strampeln, stretchen in der Hoffnung, dass unsere Wadln stramm, die Fesseln schlank, die Oberschenkel glatt und der Hintern fest bleiben.
Wir geben das natürlich niemals zu.
Wir sagen, wir machen das für unsere Gesundheit, für unser Wohlbefinden.
Zugegeben, eine angenehme Begleiterscheinung.
Man könnte also meinen, dass Männer all die Anstrengungen, die wir betreiben, um für sie attraktiv zu sein, würdigen.
Dem ist nicht so.
Ein Mann, der eine Frau in flagranti auf der Matte bei ihren Bauchübungen erwischt, ist tief geschockt.
Wie ein Kollege von mir.
Wochenlang schwärmte er mir vor, wie interessant er meine Nachbarin fände, wie toll sie sei, wie attraktiv.
Und – so sagte er, er würde sie demnächst zum Essen einladen.
Unlängst rief er an.
Er habe es sich anders überlegt.
Es ginge einfach nicht.
Er habe sie im Fitness-Center gesehen.
Auf der Matte liegend, in lila Leggins, rotes Gesicht, schnaufend, Beine in der Höhe wie ein Käfer, der am Rücken liegt, verschwitzt, Haar am Gesicht klebend. Einfach abstoßend, meinte er.
Weg jedes Interesse. Vermutlich verfolgt ihn das Bild der schnaufenden Nachbarin bis in seine Träume und seine erotischen Fantasien.
Weißt du, sagte er. Ich habe nun ständig dieses Bild im Kopf.
Wie kann ich mit ihr beim Candlelight-Dinner sitzen, ohne sie ständig auf dieser Matte zu sehen?
Sie würde ohnehin nicht mit dir ausgehen, sagte ich zu ihm.
Glaubst du, du siehst toll aus wenn du deine Sit-ups machst? Und da um den Bauch herum. Lassen wir das…
Er war beleidigt und brach das Gespräch ab.
Ich frage mich nun, welche Lösung es gibt.
Fitness-Studios nur für Frauen?
Nur in der Dunkelheit joggen gehen?
Es gibt nur eine Lösung.
In der Küche trainieren.
Wenn der Mann nicht da ist, natürlich.
Turn dich schlank am Küchenschrank!
Das ist es.
Wir Frauen sind ohnehin multi-tasking.
Du rührst nun den Germteig während du am Boden liegst und deinen Beckenboden trainierst.
Du joggst mit dem Staubtuch durch das Haus während du die die Salatgurke schälst. Du machst Liegestützen vor dem Herd und behältst den Braten im Auge.
Lass aber bitte niemals die Uhr aus den Augen.
Dein Mann darf dich nicht erwischen. Du musst das heimlich machen.
Und früh genug aufhören mit dem Training.
Eine Stunde, bevor dein Liebster kommt, haust du dich in die Badewanne und machst dich schön.
Und wenn er dich dann fragt, was du gemacht hast, dann lächelst du nur geheimnisvoll und räkelst dich im Neglige auf der Couch.
Falls er die Idee haben sollte, sich auf den Heimtrainer zu schwingen, dann halt ihn ja davon ab.
Ein schwitzender, schnaufender Mann törnt dich ab.
Glaub mir das. Du verlierst jegliche Lust auf ihn.
Ich weiß das.
Ich war schließlich mit einem Extremsportler verheiratet.

Dienstag, Mai 16, 2006

summertime

Liebe Mutter Natur,

Ich will diesen Brief mit einem Kompliment beginnen.
Du siehst umwerfend aus.
Wunderschön, dieses grüne Kleid.
Diese Löwenzahntupfen am Volant sind vom Feinsten.
Ich muss dich ständig ansehen.
Besonders gut gefällst du mir am Morgen.
Dieser sanfte Schal aus Morgennebel schmeichelt dir.
Du zeigst dich wirklich von deiner schönsten Seite.
Umwerfend, diese Apfelblütenkette, die so gut zu deinem Teint passt, dieses Weiß, dieses leichte Rosa.
Ich liebe deinen Haarkranz aus Hyazinthen und Taubnesseln.
Und wie du duftest!
Dieses Wiesenschaumkrautmuster – ich kann mich gar nicht satt sehen daran.
Du weißt deine Reize gut einzusetzen und schaffst es irgendwie immer, dass ich überwältigt bin von deiner Schönheit.
Diese Veilchenhalskette passt so gut zu den Glockenblumen-Ohrsteckern.
Sogar die Störche, die ich gestern traf, scheinen das zu merken. Sie haben sich entschlossen, hier zu bleiben.
Alles ist vollkommen. Bei dir ist alles vollkommen.
Bei mir nicht.
Bei mir ist gar nichts vollkommen.
Merkst du nicht, wie ich leide?
An dieser Allergie?
Ich meine, wäre es möglich, ein bisschen weniger von allem?
Musst du so übertreiben?
Muss alles auf dir zur gleichzeitig blühen?
Ist es notwendig, dass du deine Pollen wahllos verlierst?
Und dieser Klatschmohn da, auf deinem Busen- viel zu auffällig, dieses Gelb.
Kannst du dir nicht ein wenig Zeit lassen und etwas Rücksicht nehmen auf mich?
Merkst du eigentlich, wie es mir dabei geht?
Merkst du eigentlich, dass mir den lieben langen Tag die Augen tränen?
Ich glaube nicht.
Ich glaube, du nimmst mich nicht mal wahr.
Ich könnte mir die Augen aus den Augenhöhlen reiben und du würdest nichts merken.
Dass meine Augen rot und geschwollen sind, ist nicht der Rede wert.
Damit kann ich leben.
Aber.
Es reicht mir, dass meine Nase ständig läuft.
Es reicht mir noch mehr, dass mein Mund ständig ausgetrocknet ist obwohl ich vier Liter Wasser am Tag trinke und mein Magen gluckst wie einer deiner Gebirgsbäche.
Und weißt du, was das Schlimmste ist?
Nein, du hast keine Ahnung. Nicht die leiseste Ahnung hast du.
Die Geräusche.
Ich mache Geräusche.
Der verschiedensten Art.
Ständig.
Du hörst das gar nicht.
Ich niese.
Ich huste.
Ich quietsche.
Ich stöhne.
Ich jammere auch ständig.
Und schimpfe.
Und bin schlecht gelaunt.
Und ungeduldig.
Eine Plage für meine Mitmenschen.
Eine Zumutung.
Aber du hast ja nur Augen für deine Schönheit.
Was mit mir ist, ist dir vollkommen egal.
Es kümmert dich nicht
Manchmal schrei ich sogar.
Laut.
Dass ich das nicht mehr aushalte.
Meinen Kollegen missfällt das.
Und den Leuten, mit denen ich zu tun habe, auch.
Alle haben genug davon.
Am meisten ich.
Also.
Nimm Rücksicht.
Du übertreibst das mit der Eitelkeit.
Ich geh zum Nachbarn.
Dem Bauern.
Morgen.
Und frage, wann es so weit ist.
Mit dem Mähen.
Der Löwenzahn muss weg.
Das Wiesenschaumkraut auch.
Der Klatschmohn sowieso.
Und dein Freund, der Regen, kommt auch bald, hat er mir versprochen.
Gemeinsam mit dem Sturm.
Da hält deine Apfelblütenkette nicht stand.
Da ist dann Schluss mit der Üppigkeit.

Genug des Schreibens.
Meine Nase tropft.
Meine Augen tränen.
Ich muss zur Drogerie.
Ich brauch Taschentücher.
Und Tropfen.
Und dieses Lied.
Von wegen easy und so.
Ich kann es nicht mehr hören.

Summertime,
And the livin' is easy
Fish are jumpin'
And the cotton is high

Amadea

Montag, Mai 15, 2006

diese frau

Heute sah ich sie wieder. Auf der Straße. Im Vorbeigehen. Auf dem Weg nach Hause.
Kurzer Augenkontakt. Angedeutetes Lächeln. Diese Frau.
Ich weiß nicht, wer sie ist.
Ich weiß nicht, wo sie lebt.
Ich weiß nicht, wo sie arbeitet.
Ich weiß nicht, wie es begann.
Ich weiß nicht, wie es endete.
Ich bin froh, dass sie weg ist.
Weg aus meinem Leben.
Und dass ich sie nun über ein Jahr nicht gesehen habe.
Ich ging fast jeden Tag in dieses Cafe. Auf einmal war sie da. Und von da an ständig.
Saß immer an demselben Tisch. Mir schräg gegenüber.
Das erste Mal sprach sie mich an, als ich mir auf der Toilette die Hände wusch.
Und ich dachte mir nichts dabei.
Eine kurze Begrüßung.
Dagegen ist nichts einzuwenden.
Doch dann wurde es unheimlich.
Jedes Mal wenn ich zur Toilette ging, stand sie da.
Während ich mir die Hände wusch, fing sie an zu fragen. Sie bombardierte mich mit Fragen.
Über mein Privatleben.
Über meine Familie.
Über meine Herkunft.
Über meine Kleidung.
Und ich merkte, wie ich mich anspannte.
Und ich merkte, wie ich nichts sagende Antworten gab.
Und ich merkte, wie ich versuchte, nichts preiszugeben.
Und wie ich mich beeilte, dass ich hinauskam.
Und wie ich danach die Tür im Auge behielt.
Und wie ich versuchte, unbefangen zu sein.
Was mir nicht gelang.
Und dann saß sie da wieder. Mir schräg gegenüber.
Sah mich unentwegt an. Bis ich ging.
Eines Tages, als ich aus der Toilette kam, stand sie da. In der Tür. Verstellte mir den Weg.
Mit ihrem Arm. Fragte mich aus.
Wie mein Tag gewesen sei.
Wie es mir gehe.
Was ich heute noch tun würde.
Ich war wie gelähmt. Rief die Kellnerin.
Als sie kam, stand sie da.
Diese Frau.
Lächelte.
So als ob nichts gewesen sei.
Ich bezahlte.
Und ging.
Mit klopfendem Herzen.
An einem anderen Tag war sie schon in der Toilette. So, als ob sie auf mich gewartet hätte.
Ich ging zum Waschbecken. Sie schaute mich an.
Ich spürte es. Dann fing sie wieder an. Mit ihren Fragen.
Ihre Jeans gefallen mir.
Danke.
Sie haben sie in dem kleinen Geschäft gekauft.
Ja.
Sie haben noch ein anderes Paar Jeans, etwas heller.
Auch aus diesem Geschäft.
Ja.
Sie trugen sie vergangenen Dienstag.
Das reichte mir. Ich lief hinaus. Nach Hause. Ohne mich umzusehen.
Von da an ging ich nicht mehr in dieses Cafe.
Ein Jahr lang.
Manchmal sah ich sie. Im Vorbeigehen.. Dann und wann.
Ich ignorierte sie. Schaute sie nicht an.
Blickte zu Boden wenn ich sie kommen sah. Sie versuchte manchmal, etwas zu sagen.
Ich sah sie nie mehr an. Nicht mal einen kurzen Augenblick.
Dann sah ich sie lang nicht. Über ein Jahr.
In mein Cafe gehe ich wieder. Regelmäßig. Sie ist nie mehr da.
Heute sah ich sie.
Auf der Straße. Im Vorbeigehen. Auf dem Weg nach Hause. Kurzer Augenkontakt.
Angedeutetes Lächeln.
Diese Frau.
Ob sie ein neues Opfer hat?
Wenn du sie siehst, schau sie nicht an.
Ignorier sie. Sie ist gefährlich.
Ich weiß es.
Glaub mir.

Sonntag, Mai 14, 2006

muttertag

Warum hat meine Mutter immer noch die Sorge, ich ziehe mich nicht warm genug an?
Oder sie sagt, "Kind, du siehst erschöpft aus, schläfst du zuwenig? Du arbeitest ohnehin zu viel. Wie ich, Kind.“
„Unser Nachbar machte das anders“, wirft Papa ein.
„Der hat sich nicht die Hände dreckig gemacht. Wie er immer dahinging. Die Hände im Hosensack. Jedes Mal wenn ich ihn sah, hätte ich ihm einen Fußtritt geben können“, sagt Mama. „Und er hatte eine schöne Pension. Wir haben unser ganzes Leben nur hart gearbeitet. Der ging morgens ins Büro und kam um vier wieder heim. Der hat Zeit seines Lebens eine ruhige Kugel geschoben. Und wir? Nur geschuftet.“
„Er ist tot“, sage ich.
„Kochst du dir auch jeden Tag was Warmes? Isst du ordentlich?“
„Mama“, sage ich. „Bitte“. „Ich hör eh schon auf“, antwortet sie und schaut mich vorwurfsvoll an.
„Du bist immer in Eile wenn du kommst. Ich kenn an der Art wie du anläutest, dass du es bist. Ich kenn das einfach. Ich kenn es schon wie du in den Hof fährst. Nimm doch ein wenig Schlagobers. Das tut dir gut.“„Ja, Mama, danke“.
Ich sitze da wie eine Marionette. Ich rede wie eine Marionette.
Wieso ist es so, dass ich mit meinen Eltern nicht reden kann wie mit meinen Freunden? Wieso kann ich nicht einfach sagen, wie sehr mich diese Bevormundung und diese vorwurfsvollen Fragen nerven?
Dann würde es Streit geben. Dann kämen diese Sätze wie: „Du hast keine Ahnung, wie schlecht es uns ging, wie arm wir waren. Jeden Schilling drei Mal umgedreht. Du hast keine Ahnung, welche Schmerzen ich oft habe. Und wie viel Arbeit das ist mit dem Haus. Du hast keine Ahnung von all dem. Du bist undankbar“.
Das würde sie nicht sagen, das mit dem undankbar. Und dann würde sie weinen. Und ich würde mich schlecht fühlen und undankbar. Dass ich nicht bei ihnen lebe im Haus, dass ich all das nicht schätze, was sie für mich getan haben.
So sitze ich nur da, trinke den Kaffee, und esse vom Kuchen. Es erschreckt mich, dass meine Eltern alt sind. In zehn Jahren istwahrscheinlich einer von ihnen nicht mehr da. Oder beide.
Den Gedanken verdränge ich. Vorbei die Zeiten, in denen es, wann immer ich zu Besuch war, Streit gab.
Papa, der mich ständig kritisierte - in vielem.
Wie ich mich kleidete, wie ich ging, wie ich redete, wie ich meine Kinder erzog.
Papa ist alt geworden. Und weich. Vielleicht weise? Vielleicht lebt er aber nur in einer Welt, in der ich ihn nicht erreichen kann und die ich nicht verstehe? Er weint schnell. Er umarmt und küsst mich herzlich, wann immer ich komme. Er bedankt sich für den Besuch. Das erschreckt mich.
Mama hat immer den leidenden Gesichtsausdruck. Sie seufzt oft. Sie lacht selten. Sie singt nie mehr. Früher hat sie ständig gesungen. Früher, als ich noch klein war.
Sie singt schon lange nicht mehr. „Es ist nicht einfach mit Papa, er vergisst so viel“, sagt sie oft. Ich sehe all ihre Verletzungen, ihre Traurigkeit.
„Mit deiner Schwester kann ich besser reden als mit dir.“„Ja, Mama, ich weiß“, sage ich. Meine Schwester kann besser umgehen mit ihr. Ich bin zu direkt. Ich halte dieses Jammern so schlecht aus. Wenn sie mich fragt, sage ich ihr meine Meinung. Und das gefällt dir nicht.Ich erreiche sie nicht mit meinen Worten. Wir sind zu verschieden. Sie ist so ganz anders als ich. „Nimm noch etwas Kuchen, Kind“.
Der Blumenstrauß verstellt den Blick auf ihr Gesicht.

Ich wünsche mir, dass ich meine Kinder nie mit dem Blick anschaue, den ich manchmal bei meiner Mutter sehe.



Wenn wir es den Eltern schwer machen, wird etwas aus uns, sagte er.
Gerade diese so genannten schwierigen Kinder werden etwas.
Und gerade sie lieben ihre Eltern über alles, mehr als alle anderen. Aber das verstehen die Eltern nicht.

-Thomas Bernhard- Ein Kind



Wofür müssen Kinder ihren Eltern eigentlich dankbar sein?
Nicht das Kind ist verantwortlich für sein Dasein.
Kann es dafür, dass ein Mann und eine Frau den Beischlaf vollziehen, bei dem sie, meist wenigstens, nichts denken und nur ihre Lust haben?
Dafür Dankbarkeit fordern?
Oder dafür, dass diese Eltern dann das Gezeugte und Geborene ernähren?
Das ist ihre Pflicht, staatlich geregelt.
Mir ist es nie in den Sinn gekommen, von meinen Kindern Dankbarkeit zu verlangen. Wofür auch.
Vielleicht hätte ich sie um Verzeihung bitten müssen, dass ich sie einer bösen Zeit ausgesetzt habe.

-Luise Rinser- Den Wolf umarmen



Meine Eltern sind gestorben. Jetzt muß ich keine Angst mehr haben, daß meine Eltern sterben.

-Michael Schulte- Zitroneneis



Alfred konnte ihr erklären, daß es ein Elternirrtum sei zu meinen, Kinder hätten dankbar zu sein dafür, daß sie geboren worden sind. Genausogut könnten Kinder aus diesem Geborenwordensein den Eltern einen lebenslangen Vorwurf machen.
Wahrscheinlich sei es aber dem sogenannten Leben völlig egal, was Eltern und Kinder einander vorwürfen, es braucht Darsteller.

-Martin Walser-Die Verteidigung der Kindheit



Meine Eltern sind schon ein Fall für sich.
Hätten die mich großgezogen, wäre ich jetzt Alkoholiker oder Junkie oder Skinhead - aus Trotz. Ich glaube, diese Generation ist einfach nicht dazu gemacht, Nachwuchs zu haben.
Kinder sind nämlich verdammt konservativ, die wollen klare Verhältnisse, eindeutige Zustände, einen richtig intakten Familienstaat, den sie immer mal wieder aufmischen können.
Und keinen, der schon ein Trümmerfeld ist.

-Ralf Rothmann- Flieh, mein Freund

Donnerstag, Mai 11, 2006

sendepause

When sorrows come,
they come not single spies
but in battalions.

Hamlet

Mittwoch, Mai 10, 2006

tommy, can you hear me ?

Das Frauenkabarett spielt heute Nachmittag vor einer Gruppe Senioren.
Die Aufführung findet im Saal des Jugendgästehauses statt.
Ich bin gefragt worden, ob ich fotografiere, weil die Vorstellung am Nachmittag stattfindet.
Der alte Herr will sich die Vorstellung ansehen. „Ich kann nicht gut gehen, helfen Sie mir bitte.“
„Aber ja, gerne“, sage ich.
Ich sehe, dass Kuchen und Kaffee bereitstehen.
„Bitte ganz nach vorne, ich sehe schlecht“.
Ich führe ihn zum Tisch, der nahe am Kuchenbuffet und nicht weit von der Bühne steht.
„Hier können Sie sich dann gleich den Kuchen aussuchen“, sage ich.
„Ja, danke. Das ist gut", sagt er. "Ich bin nämlich schwerhörig“.

Dienstag, Mai 09, 2006

sing it to me

Come sail your ships around me
And burn your bridges down
We make a little history, baby
Every time you come around
Come loose your dogs upon me
And let your hair hang down
You are a little mystery to me
Every time you come around
We talk about it all night long
We define our moral ground
But when I crawl into your arms
Everything comes tumbling down
Come sail your ships around me
And burn your bridges down
We make a little history, baby
Every time you come around
Your face has fallen sad now
For you know the time is nigh
When I must remove your wings
And you, you must try to fly
Come sail your ships around me
And burn your bridges down
We make a little history, baby
Every time you come around
Come loose your dogs upon me
And let your hair hang down
You are a little mystery to me
Every time you come around

The Ship Song - Nick Cave and the Bad Seeds

Montag, Mai 08, 2006

the making of ... photos

Fotos in Lokalzeitungen sind eine Sache für sich.
Sie sind einfach lächerlich.
Mir tun Fotografen, die für Bezirkszeitungen und Gemeindeblätter arbeiten, wirklich leid.
Vermutlich ist so ein Fotograf ja wahnsinnig gut ausgebildet, kennt bestimmt die neueste Dunkelraumtechnik, die Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Fotografie und Bildbearbeitung, investiert in seine Ausbildung wahnsinnig viel Geld und besitzt die beste digitale sowie analoge Spiegelreflexkamera.
Dann, nach Jahren des Studiums an einer Lehranstalt oder einem Art-College, in der er sich mit den Techniken des visuellen Mediendesigns, Aufnahmen von Personen, Gegenständen, Tieren, Architekturen sowie Landschaften, dem Herstellen und Bearbeiten von multimedialen Produkten in Foto- und Mediendesign, Laborarbeiten und Reproduktionen beschäftigt hat, darf er zum Abschluss all das in einer Ausstellung präsentieren. Die Materialien dafür bezahlt er natürlich aus der eigenen Tasche.
Seine Zukunft hängt davon ab, mit welchem Fuß der Prüfer am entscheidenden Morgen aufgestanden ist.
Hat er nun das Kolleg abgeschlossen, darf er endlich offiziell fotografieren. Für die Lokalzeitung.
Seine Themengebiete umfassen Maturafeiern, Eröffnungen von Brücken und Straßen, Bieranstiche, Maifeiern, Ehrungen von lang verheirateten Ehepaaren, Jubiläumsfeier des örtlichen Fischzuchtvereines, und ähnlichem.
Dann gibt es auch Fots von alten Damen, die grimmigen Blickes auf das Abflussgitter vor ihrem Haus starren, weil der Enkel gestern da eine tote Ratte gefunden hat. Es gibt den Bürgermeister, der stolz mit dem Gemeinderat samt Ehefrauen das neue Biotop, das am Rande des Müllabladeplatzes entstanden ist, einweiht und die Familie, die von einem Tag auf den anderen von der Umwelt abgeschnitten wurde, weil der neue Telefonmasten nicht gebaut werden durfte.
Es gibt auch ein Foto von dem Rentner, der seinen eigenen Urin trinken muss, weil er die Wasserrechung, die innerhalb eines Monats um das Doppelte erhöht wurde, nicht mehr bezahlen kann und ihm deshalb der Wasserhahn abgedreht wurde.
Das wichtigste sind natürlich die Fotos der Fußballspiele des Bezirkes am Wochenende. Dienten versus Lend: 14:9
Die interessantesten Fotos sind von jenen Leuten, die sich über irgendetwas aufregen oder beschweren.
Sie werden meist in ihren Wohnungen fotografiert, böse in die Kamera starrend. Sehr oft, eigentlich immer, mit ausgestrecktem Arm. Eine Frau zeigt auf die Tür, durch die die Katze der Nachbarin die tote Maus hereingeschleppt hat. Die Leute, die sich beschweren, werden aber auch häufig vor ihrem Haus oder in ihrem Garten abgebildet, und zeigen – ebenfalls mit ausgestrecktem Arm – auf die Ursache ihres Zornes oder falls die Ursache nicht mehr zu sehen ist, auf die ehemals vorhandene Ursache. Alle mit dem Gesichtsausdruck: „Mein Leben hat keinen Sinn mehr.“
Die Witwe, die nachts ihrer Perücke beraubt wurde, wird ihres Lebens nicht mehr froh. Sie vermutet, dass der Dieb der Transvestit war, der in der Wohnung unter ihr wohnt und zeigt auf dessen Schlafzimmerfenster.
Die Hausfrau, die der unerträglichen Lautstärke am Kinderspielplatz den Kampf angesagt hat und eine Selbsthilfegruppe „Kinder ins Haus“ gegründet hat, zeigt auf die noch wippende Schaukel.
Glücklicherweise gibt es auch die glücklich Lächelnden.
Die goldenen, diamantenen und platinenen Brautpaare, die auf dem Sofa sitzen, gemeinsam mit dem Bürgermeister, der ihnen einen Strauß Nelken und einen Geschenkskorb überreicht.
Der junge Mann, der seiner Nachbarin jedes Wochenende die schwere Einkaufstasche nach Hause bringt und vom Gemeinderat die Tapferkeitsmedaille erhält.
Der junge BMW-Fahrer, der eine Katze nicht überfahren hat, sondern ausstieg und sie an den Straßenrand setzte, erhält vom Verein „Vier Pfoten, ein Schwanz“ eine Jahresration Katzenfutter.
Ich war ja auch schon ein paar Mal in der Lokalzeitung. Einmal, als ich im Rahmen der Aktion „Fit for life“ einen Fitness-Check-Gutschein gewann und gemeinsam mit Hunderten anderen Gewinnern auf der Tartanbahn meine Runden lief.
Das Foto war eine Klasse für sich. Man sah, dass der Fotograf sich die allergrößte Mühe gemacht hatte, das schlechteste Foto zu machen. Ich sah aus wie meine eigene Großmutter. Dabei ist das nun schon einige Jahre her.
Vor kurzem rief die Dame von der Lokalzeitung an.
Die Handballmannschaft unserer Schule hatte gewonnen und man wollte ein Foto.
Mein Frage – Soll ich ein Foto machen und es mailen – wurde mit dem Satz – Wir haben unseren eigenen Fotograf – abgetan.
Zwei Tage später hing das Foto an der Pinnwand im Konferenzzimmer.
Ich gemeinsam mit der Handballmannschaft, dem Direktor, dem Sportlehrer, dem örtlichen Sportvereinsobmann vor dem Schuleingang, auf Seite 6, auf den Ball zeigend, breit grinsend.
Als eine Kollegin fragte: „Wer ist denn die, die so blöd auf den Ball zeigt?“, verließ ich das Zimmer und dankte dem Fotografen insgeheim für seine Fähigkeit, mich dieses Mal wie meine Urgroßmutter aussehen zu lassen.

ich gestehe !

Es ist Zeit für ein Geständnis.
Ich habe zwanghafte Tendenzen.
Ich mache keine Dinge, die mich selbst oder andere gefährden, ich stelle auch die Tassen nicht so in den Schrank, dass die Henkel alle nach rechts schauen. Oder links.
Aber es gibt doch einige Dinge, die ich genau so und nicht anders machen kann.
Das kennt ja jeder aus seiner Kindheit. Beim nach Hause gehen von der Schule ja nicht auf die Ritze zwischen den Bordsteinen zu treten. Falls es dir doch passiert, gibt es zum Mittagessen Kohlsprossen.
Ich mach das heute auch noch. Aber nur wenn ich Stöckelschuhe trage. Da trete ich dann genau auf den Kopfstein des Kopfsteinpflasters und ja nicht in die Ritze. Falls es doch passiert, gibt es zwar keine Kohlsprossen zum Mittagessen, aber der Stöckel ist hin.
Das Beispiel mit der Bordsteinkantenritze ist langweilig, ich weiß. Ich mache auch noch andere Dinge. Wenn ich mir nicht sicher bin, wie man ein Wort buchstabiert, schreibe ich das Wort mit dem Mittelfinger – und nur mit dem Mittelfinger – auf den Tisch. Einmal richtig und einmal falsch. Ich mache das ziemlich oft.
Als Kind war ich ziemlich zwanghaft. Ich war froh, dass niemand meine Gedanken lesen konnte.
Wir wohnten damals im dritten Stock. Die Holzstiegen hinauf waren eng und steil.
Und manchmal – ich kann mich an drei Mal erinnern – war ich der festen Meinung, ich könne fliegen.
Ich war mir sicher, wenn ich wirklich daran glaubte, dass ich fliegen könnte, würde das auch gelingen. Ich schloss die Augen, breitete meine Arme aus wie ein Engel oder Vogel und kugelte Hals über Kopf im Purzelbaum die ganze Stiege hinunter bis ins Parterre, wo meine Oma wohnte.
Ich war halb ohnmächtig und weinte. Meine Oma tröstete mich.
Heutzutage würde man mich vermutlich zum Therapeuten schleppen, der feststellen würde, das Kind leidet unter einem schweren Zwang und ist therapiebedürftig. In Folge würde man meinen Eltern nahe legen, sich einer Therapie zu unterziehen, in der festgestellt werden würde, dass das Kind die unbewussten Konflikte der Mutter väterlicherseits austrägt und durch die Verletzung sich selbst schweren Schaden zufügt und Spätfolgen psychischer wie physischer Art so sicher wären wie das Amen im Gebet. Ich wäre der Logopädin, der Schulpsychologin und der Beratungslehrerin vorgeführt worden. Die hätten im Zuge der Auseinandersetzung der familiären Situation festgestellt, das Kind würde die Aggression, die eigentlich gegen den Urgroßvater mütterlicherseits, der im hohen Alter an Schwerhörigkeit litt, gerichtet sei, in einem schweren, autoaggressiven Verhalten ausleben.
Damals war es so, dass Oma tröstete und Papa sagte: „Noch einmal, dann staubt’s.“
Ich machte es noch zweimal und es staubte nicht.
Ich war mir absolut sicher, könnte irgendjemand meine Gedanken lesen, ich würde noch am selben Tag in der Klapsmühle enden. Mittlerweile bin ich drauf gekommen, dass in uns allen der Wahnsinn steckt.
Einige lassen es halt raus.
Wie mein Schüler, der, wann immer er seinen Platz verließ, weil er aufs Klo oder zur Tafel gehen musste, ständig Lokomotiv-Geräusche von sich gab, dabei seine Arme nach vor streckte und beim Gehen die Beine am Boden schleifte, und dabei immer seine Schlapfen verlor. Er stellte das in der zweiten Stunde ein, als ich mich als Waggon an ihn dranhängte und ratternde Geräusche von mir gab.
Meine Freundin war genauso wahnsinnig wie ich.
Wir wohnten damals bei Frau Simić aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Und wir passten unsere Sprache der ihrigen an.
Von da an waren wir nur mehr Lubica und Dragica.
Und wir redeten im gleichen Dialekt wie Frau Simić.
Ständig.
Im O-Bus, im Kaffeehaus.
Einmal sogar während der Vorlesung, als meine Freundin zu spät kam und sie sich beim Professor mit folgenden Worten entschuldigte: „ Bissal spat heit, Herr Fässa, Lubica hat Wäckär nicht gähärt.“
Wir konnten es nicht mehr abstellen.
Der Höhepunkt war, als wir vom Kontrolleur beim Schwarzfahren im O-Bus erwischt wurden.
Wir fingen an zu jammern, zeigten unsere abgelaufenen Monatskarten und überzeugten ihn, dass wir zwei arme junge Studentinnen aus Beograd seien und von nichts eine Ahnung hätten. „Nix wissen, nix gut, Karte.“
Der gute Mann stieg mit uns an der nächsten Haltestelle aus, gab uns eine Fahrkarte, legte uns nahe, einen Deutschkurs zu besuchen und erklärte uns, wo wir eine Monatskarte kaufen sollten.
Natürlich sprach er zum besseren Verständnis den Dialekt von Frau Simić, den ich mittlerweile abgelegt habe.
Dafür habe ich andere Eigenheiten entwickelt.
Ich kann es nicht ertragen, ein Bild zu sehen, das schief an der Wand hängt. Ich richte also jedes Bild gerade, sei es in der Zahnarztpraxis oder im Wartesaal des Bahnhofs.
Ich habe ständig eine Rolle Tixo und Reißnägel in der Handtasche für den Fall der Fälle.
Ich entferne Plakate, die auf der Holztafel vor dem Gemeindeamt hängen und kleb sie gerade auf.
Dabei ist es mir gleichgültig, ob es ein Plakat des Openair-Konzertes der Fetzentaler am kommenden Wochenende oder der Salvadore-Dali- Ausstellung im Rupertinum ist.
Wenn ich Briefe schreibe, lese ich laut mit.
Es kann auch sein, dass ich ein Wort mehrmals laut wiederhole, und wenn ich das mache, bekommt das Wort eine Eigendynamik. Es klingt auf einmal fremd. Es klingt wie ein Wort, das ich noch nie zuvor gehört habe. Es klingt anders, sogar seine Bedeutung ändert sich. Obwohl ich das Wort immer gleich ausspreche.
Ich weiß nicht, warum ich das tue, halt so einfach, halt so einfach, halt so einfach.
Ich sollte all diese Dinge geheim halten, ich weiß.
Ich wirke ja ganz normal auf andere Leute.
Es kann sein, dass ich zum Außenseiter werde, wenn jemand von meinen Zwängen erfährt.
Es kann sein, dass meine Familie und meine Freunde jeglichen Respekt vor mir verlieren, wenn sie wissen, wie viel Energie ich für all die Marotten, dich ich habe, verschwende.
Es wäre wunderbar, könnte ich all diese eigentümlichen Verhaltensweisen einfach ausschalten.
Aber – ich habe herausgefunden, ich bin mit all diesen verrückten Zwängen nicht allein auf dieser Welt!
Andere Leute sind in Bezug auf Marotten, zwanghaften Gedanken und Verhaltensweisen um keinen Deut besser dran.
Unlängst saß ich mit einigen Freunden gemütlich zusammen und war durch den guten Rotwein in redseliger Laune. Also gab ich mein bis dahin gut gehütetes Geheimnis preis.
Und fragte auch gleich nach welche Zwänge denn sie so hätten.
Das mit der Bordsteinkantenritze gab einer sofort zu.
Er tut das heut noch. Dabei trägt der keine high heels!
Als ich das Schreiben mit dem Mittelfinger erzählte, gab eine zu, sie würde das auch machen, aber in der Luft.
Und der dritte zählt die Zehen der Leute. Ständig und überall. Um sicherzugehen, dass auch fünf da sind.
Vermutlich hat er mal gehört, dass Marylin Monroe sechs Zehen hatte.
Ich meine, Zehen zu zählen, ist ziemlich ungewöhnlich.
Er macht das aber nur im Sommer und auch nur dann, wenn jemand Sandalen trägt.
Wir diskutierten noch ein wenig darüber und kamen überein, dass die Sache harmlos sei, so lang er nicht Leute zum Ausziehen von Socken und Schuhen drängt.
Als ich vorige Woche im Wartezimmer des Arztes saß, weil sich eine Schülerin im Turnunterricht den Fuß verstaucht hatte, schrieb ein Mann mittleren Alters, der neben mir saß, das Alphabet von vorne nach hinten auf.
Auf einen rosa Zettel.
Als er es von hinten nach vorn aufschrieb, kam mir das auch noch nicht sehr ungewöhnlich vor, es war ihm halt langweilig.
Aufmerksam wurde ich erst, als er mich fragte, welcher Buchstabe im Alphabet genau in der Mitte sei. Er wolle nämlich das Alphabet von der Mitte aus nach vorne und nach hinten schreiben.
Schwierig, sagte ich. Das Alphabet hat 26 Buchstaben, also gibt es keinen mittleren Buchstaben. Er schaute mich geschockt an und begann, das Alphabet laut vor sich aufzusagen, und dabei mittels seiner Finger mitzuzählen. Sie haben recht, rief er, sprang auf und verließ den Warteraum.
Der Arme.
Irgendwie ging er mir nicht aus dem Sinn und es tat mir leid, dass ich ihm nicht die Antwort geben konnte, die er erwartet hatte.
Am Abend nahm ich Zettel und Bleistift.
Schrieb das Alphabet auf
Und kam zum Schluss, dass es nicht einen mittleren Buchstaben gibt, sondern zwei.
abcdefghijkl mn opqrstuvwxyz
m und n sind die Mitte!
Wieso war mir das nicht früher eingefallen?
Ich fühlte mich wie eine Analphabetin, Analphabetin, Analphabetin.
Ich wiederhole dieses Wort nun nicht mehr, sonst wird mir noch unterstellt, ich sei banal und bin in der analen Phase stecken geblieben.
Du, hör mal, probier das aus.
Sag den Namen Annalena drei Mal hintereinander auf.
Bemerkst du diese Eigendynamik? Komisch, gell?

Samstag, Mai 06, 2006

einen kleinen braunen, bitte

Ich bin fast nie schlecht gelaunt, und ich ärgere mich auch selten über die alltäglichen Widrigkeiten, die mir so unterkommen. Na ja, vielleicht ärgere ich mich ein wenig, aber wenn, dann nur kurz und mein Ärger ist schnell verflogen.
Ich jammere nicht tage- und wochenlang herum wegen irgendwelcher Kleinigkeiten, die ich nicht verändern kann.
Ich bin eine Person, die eher handelt als jammert.
Wenn mich jemand ärgert oder nervt, dann sage ich es und die Sache ist erledigt. Schon vergessen im nächsten Moment. Aber dieser eine Vorfall im Kaffeehaus ist doch eine Erwähnung wert.
Wenn ich in einem Cafe sitze und meinen Verlängerten oder kleinen Braunen trinke, dann benehme ich mich so, wie es sich eben gehört. Ich suche mir einen Platz aus, setze mich hin, warte, bis die Kellnerin kommt und bestelle meinen Kaffee. Sie bringt mir auch gleich die Zeitung mit. Und damit hat sich’s. Von nun an bin ich ruhig. Ich lese, nippe am köstlichen Getränk und bin ruhig.
Unlängst war es ein wenig anders.
Da war diese neue Angestellte, aus Leipzig. Die Kellnerin, die genau weiß, wie ich den Kaffee will und wo ich immer sitze, hatte Urlaub.
Ich steuerte auf meinen Stammplatz zu, der nun, da alle Touristen sich anderweitig herumtreiben als auf unseren Schipisten, nicht besetzt war. Die Kellnerin hatte gerade den Tisch abgewischt, was ich nicht gesehen hatte. Ich meinte also, sie wartete auf mich und sagte: „Guadn Moagn, an Valängat'n, bitte.“
Ich gab also die die Bestellung im Stehen auf. Was ihr wohl nicht gefiel.
Ich wollte mich gerade hinsetzen, als sie sagte: „Wir bestellen im Sitzen.“
Sie sagte tatsächlich „wir“! Das ärgerte mich kurz.
Ich bin weder Kindergarten- noch im Greisenalter. Wie kommt diese Frau dazu, mich in der Wir-Form anzureden?
Sehe ich aus, als sei ich entmündigt?
Ich konnte mich nicht beherrschen und antwortete: „Bitt schö, Se derf’n Sie gern hinsetz’n“.
Keine Antwort. Entweder sie war noch nicht an den Soizbuaga Dialekt gewohnt, oder sie war so perplex, dass es ihr die Sprache verschlagen hatte.
So weit, so gut.
Meine Manieren im Kaffeehaus sind meistens sehr gut bis ausgezeichnet.
Ich lasse an der Kuchentheke anderen Leuten den Vortritt.
Ich betreibe smalltalk mit dem Personal.
Ich hinterlasse keine Kuchenkrümel auf dem Tisch.
Ich stelle den Sessel hinein, wenn ich das Cafe verlasse.
Ich hinterlasse die Toilette so, wie ich sie betreten habe.
Ich bleibe auch nicht stundenlang bei meinem kleinen Braunen sitzen, sondern bin meist nach zwanzig Minuten wieder weg.
Ich versitze also nicht unnötig Platz, sondern nur so lang, wie ich brauche, meinen Kaffee zu trinken ohne mir die Zunge zu verbrennen.
Ich bin also eine angenehme Kaffeehaussitzerin.
Freundlich, nett, höflich, ruhig.
Vorige Woche war ich in der Stadt.
Da gibt es dieses neue Kaffeehaus. Mit allen möglichen Kaffeevariationen, die ich nun nicht aufzähle, weil sie mir wurscht sind.
Dieses neue Cafe ist eines neuen jungen Sorte.
Trendig - schönes Ambiente, angenehmes Lichtdesign, riesige, weiche Sofas.
Als ich mich hin setzte und ganz zurücklehnte, berührten meine Füße den Boden nicht mehr und ich fühlte mich zurückversetzt in die Zeit des Füßebaumelnlassens.
Es war sehr bequem, da zu sitzen, wenn auch ein wenig umständlich.
Weil wenn ich an meinem Kaffee nippen wollte, musste ich ganz vorrutschen und mich tief nach vor beugen, weil der Tisch die Höhe des Sofas hatte. Ich musste den Kaffee fast schlürfen. Leise natürlich. Weil es war schwierig, die Kaffeetasse hochzuheben. Es konnte dann ganz leicht passieren, und fast wäre es so weit gewesen, dass ich in dem wunderbar weichen, gefederten Sitz irgendwie das Gleichgewicht verlieren und vor lauter Anstrengung, den Kaffee elegant zu trinken, ich mich und das Sofa unter mir bekleckern würde.
Es sah also nicht sehr elegant aus, wie ich meinen Kaffee trank.
Aber ich gab mein Bestes.
Jedenfalls fiel ich nicht auf. Die anderen Gäste schauten nicht auffällig zu mir herüber.
Dem Mann an der Bar, der mich mehrmals ansah, gefiel vermutlich die Farbe des Sofas.
Ich war froh, dass ich Jeans und die schwarze Jacke trug.
Nach jedem erfolgreichen Nippen sank ich dankbar in die weichen Polster.
Aber zurück zum eigentlichen Thema.
Ich lag da also mehr oder weniger auf dem Sofa, als mir die Kellnerin den Kaffee brachte. Wollte es mir gerade gemütlich machen und die Zeitung lesen.
Als sie meine Tasse am Tisch abstellte, sah sie zum Nebentisch hinüber und ich gleichzeitig mit ihr. Ich hatte nur aus den Augenwinkeln gesehen, dass da Leute saßen.
Und sie sah und ich mit ihr, dass auf dem Tisch ein McDonalds Plastikbecher Größe XX-large stand.
„Ist das Ihr Cola?“ fragte sie das Mädchen, das da wie ein Wollschal am Hals ihres Freundes hing, die Beine am Sofa, die Schuhe ausgezogen unterm Tisch.
„Jo, owa i trink’s eh nit do herinn, ehrlich nit“, sagte sie. „I hob nua mein Freind b’suacht. I geh eh glei wieder. Ehrlich!“
Und schon hing der sprechende Schal wieder küssend am Hals des Freundes.
Die Kellnerin hatte anscheinend keine Lust, sich auf eine Diskussion einzulassen und zog von dannen.
Zehn Minuten später verließ der Bursch das Kaffeehaus.
Sie blieb sitzen, nahm den XX-large Colabecher, legte sich auf das Sofa, Beine am Tisch und fing an zu schlürfen.
Sie trank nicht, nein – sie schlürfte das Cola lautstark mittels Strohalm in sich hinein. Und das sehr laut.
Ich ging. Meinen Kaffee hatte ich ausgetrunken, was sollte ich also noch da.
Ich behaupte nicht, dass ich die perfekte Kaffeehauskundschaft bin.
Ich helfe der Kellnerin nicht, den Tisch abzuräumen und frage auch nicht nach dem Besen, wenn ich auf den Boden gebröselt habe.
Ich habe auch schon manchmal heimlich vom Brezerl, das ich beim Bäcker gekauft hatte, abgebissen und in Zeiten, als ich Studentin war, regelmäßig Zuckersackerl – ich glaub, die heißen Zucker-Sachets – mitgehen lassen.
Aber ich habe Manieren.
Die hatte ich auch als ich so alt war wie dieses Mädchen.
Ich esse manchmal einen Topfenstrudel, dann und wann ein Punschkrapferl, ich gebe immer Trinkgeld, es sei, die Bedienung ist unfreundlich.
Was selten bis gar nicht der Fall ist.
Aber ich kaufe etwas in einem Kaffeehaus.
Wenigstens einen Kaffee.

Freitag, Mai 05, 2006

a short massage

„Ich schick dir dann ein SMS.“
Was ist bitte ein SMS?
Wie kann man EIN SMS schicken? Heißt SMS nicht „short message system“? Es müsste also heißen:
"Ich schick dir dann ein SM. "
Meiner Meinung nach müsste das ohnehin nur M heißen. Weil im Regelfall die messages, die verschickt werden nicht „short“ sind.
Bei SMS denke ich an Smarties.
Wahrscheinlich kann man nicht SM sagen, weil diese Abkürzung urheberrechtlich geschützt ist und die Nachfahren des Herrn Sacher-Maso Einspruch erheben würden.
Drum hat vermutlich der Erfinder der short message ein S dran gehängt.
S for system? S for sentence? Macht alles keinen Sinn.
Das einzig Sinnvolle ist der Plural.
Ein SM – zwei SMS.
Daran halte ich mich ab jetzt.
Egal, was andere sagen.
Wenn du zu den Glücklichen gehörst, deren Handy vibriert, sobald du eine SM erhältst - ich gehöre nicht dazu –dann könnte das SM sogar "short massage" heißen.

„Ich simse dir dann.“
Das geht auch nicht. Klingt irgendwie aggressiv. Das Wort „simsen“ erinnert mich an den Ausdruck der Tiroler im Oberland für „jammern".
„Hör auf zu sumsen, sims lieber“, sagt die genervte Mutter zum quengelnden Kind.
Außerdem klingt „simsen“ aggressiv.
„Sei ruhig, sonst sims ich dir eine.“

„Ich essemmesse dir dann.“
Das hab ich auch schön gehört. Und zwar genau so. Mit Doppel-S und Doppel-M.
Kein Kommentar!

„Ich texte dir dann“.
Ist nicht schön, aber besser als "simsen" und "essemmessen".
„Nächste Woche bin ich in Paris. Da werde ich dir dann briefen oder postkarten. Das ist billiger“.

Ich sollte mir über SMS schicken, Simsen, Essemmessen und Texten keine Gedanken machen. Die Zahl der SMS, die ich verschicke, lassen sich in einem halben Jahr an einer Hand abzählen. Ich bin zu langsam und ich vertippe mich.
Und es interessiert mich nicht. Wenn ich schreiben will, dann setz ich mich an den Computer. Wenn ich telefonieren will, dann rede ich.

Es gibt aber Vorteile des Textens:
1
SMS sind kurz und bündig.
Außer man textet drei Stunden hin und her.

2
Wenn du ein SM bekommst, dann piepst es diskret. Also kein crazy frog, kein nerviger Nokia-Ton, und keine Cover-Version von „Don’t cha“ von den Pussycat dolls am Xylophon.

3
Texten bewahrt dich vor einem Kopftumor.
Du hältst dein Handy ja nicht an das Ohr – außer du bist schwerhörig und trägst es um den Hals sodass du das Piepsen hörst – sondern in der Hand in angemessenem Abstand.

4
Mit einer SM kannst du ganz einfach eine Beziehung beenden.
„Es ist aus, Eva. Wir sind nicht kompatibel“.
Einfach, klar. Keine Tränen, Vorwürfe.
Du schickst die SM und löschst den Kontakt aus deinem Adressbuch.

Ich muss nun aufhören, zu schreiben.
Susanne hat mir gerade eine SM geschickt. Sie will, dass ich ihr zurücksimse, weil ihr Nacken verspannt ist und sie unbedingt eine „short massage“ braucht.
Sie hat nämlich ein vibrierendes Handy.
Die Glückliche.

Montag, Mai 01, 2006

maibaum kraxeln



Anna ruft an. Kommst mit?
Wohin?
Maibamkraxln schaun.
Der Kirchplatz, Zentrum des Ortes ist voll mit Einheimischen. Viele in Tracht, Dirndlkleid oder Uniform. Alle Vereine versammelt nach dem langen Tag, der mit dem Kirchgang begann. Der erste Mai ist ein besonderes Fest für die Einheimischen. Um sechs Uhr früh marschiert die Musikkapelle spielend durch den Ort. Es sind keine Touristen mehr da. Der ganze Ort ist da. Heute ist das Wetter gut, die Sonne scheint und die Grillstation ist überfordert. Mit einem solchen Andrang hat keiner gerechnet nach dem gestrigen Schneefall. Nur ein Griller und hunderte von Leuten.
Der Mann, der am Tisch uns gegenüber sitzt, schimpft schon. Eine halbe Stunde anstellen für ein Kotelett.
Zur Auswahl stehen Grillkotelett mit Kartoffelsalat und Brot oder Bratwürschtl mit Kartoffelsalat und Brot.
Die Blasmusik spielt. Die Kinder sitzen und stehen auf der Kirchenmauer, essen Pommes und Eis.
Der Traktorverein ist auch da. Einige Oldtimer-Traktoren stehen rund um den Dorfbrunnen.
Und mitten drin der Maibaum. Wir sitzen fast darunter.
Der Herr gegenüber jammert schon wieder. Zwei Stunden sitzt er schon da und wartet auf das große Ereignis.
Die Musikkapelle spielt den Rainermarsch. Einige Musikanten stehen auf und singen. Das hab ich noch nie gehört. Hier so Brauch, sagt Anna. Nun geht’s gleich los mit dem Kraxeln.
Es ist das erste Mal, dass ich dabei bin.
Es ist warm, die Sonne sticht und das Bier am Tisch wird warm. Der Mann gegenüber nimmt einen Schluck und packt seine Kamera aus. Ich bereite einen Diavortrag vor, sagt er. Für den Heimatverein. Läuft am 6. Juli an. Jeden zweiten Mittwoch. Beim Kirchenwirt im Saal. Abwechselnd mit dem Heimatabend.
Es geht los. Den Anfang machen die Kinder.
Endlich, der erste Kraxler. Ein junger Bursch in der Lederhose. Er entledigt sich seiner Pfoad, zieht die Stutzen aus, beschmiert sich mit einer Paste, die ausschaut wie Schmierseife.

Er ist schnell. Einer sichert mit dem Seil. Weit schafft er es nicht. Leichter Applaus. Ein steirisches Trio fängt an zu spielen. Die Leute applaudieren.
Dann der nächste.
Er scheint es zu schaffen. Je weiter er nach oben kommt, desto langsamer wird er. Hände und Füße voll mit Holzspänen. Man sieht, dass er am Ende seiner Kräfte ist.
Er hält inne. Das Publikum feuert ihn an. Weiter geht’s. Endlich hat der den Fichtenkranz erreicht und wirft die Symbole aus Papier nach unten – Flaschen, Brezeln.
Er klettert nach unten. Kopfüber.

Lauter Applaus. Endlich geschafft. Kreidebleich, erschöpft, aufgeschürft, strahlend. Von seiner Brust tropft etwas Blut. Zur Stärkung ein Schnapserl. Danach ein Bier. Dann ein Busserl von der Marketenderin.
Er ist der Held des Tages.

Um den Maibaum, der am ersten Mai aufgestellt wird, spielen sich verschiedenste Bräuche ab. Dazu gehören die Maibaumbeschaffung aus dem Wald, seine Entrindung, das Schmücken, Aufstellen und Bewachen, aber auch die sportlich-spielerische Entwendung des Maibaums einer Nachbargemeinde und die Feier seiner Auslösung mit Freibier durch die Besitzer. Neben bemalten Maistangen, deren Wipfel naturbelassen, bekränzt oder mit einer Krone ausgezeichnet sind, gibt es, besonders im Gebiet südlich von München, Maibäume mit Figurenschmuck, der Häuser, Kirchen, Handwerkszeuge, Tanzpaare oder religiöse Motive abbildet und seitlich am Stamm befestigt wird.
Nachweisbar sind Maibäume erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts, während die glatte Maistange, die ja oft auch im Wettkampf noch erklettert werden muß, schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts belegt ist.

Noch älter ist der Brauch, einen eingewurzelten Baum zum Zeichen der Tanzfreiheit zu schmücken, und ihn zum Austragungsmittelpunkt für Spiele und Tänze zu erwählen.
Regelmäßige, termingebundene Maibaumbräuche kamen später infolge des 30-jährigen Krieges auf. In jener Zeit stellten die Soldaten am ersten Mai Ehrenbäume für Offiziere, Fürsten oder hohe Gemeindevertreter auf, wofür Maibier ausgeschenkt und andere Vergünstigungen gewährt wurden.
Während der Maibaum bei den Predigern der Gegenreformation freundliche Anerkennung fand, stieß er bei den evangelischen Theologen und Aufklärerfürsten auf Ablehnung. Verschärfte Forstbestimmungen brachten den Brauch vielerorts zum Erliegen.
Nach einem erneuten Aufschwung im 19. Jahrhundert wurde der Maibaum nach dem Ende des ersten Weltkrieges zur Modeerscheinung und erlebte seine weiteste Verbreitung mit der Propaganda der Nationalsozialisten, die den Maibaum zum Sinnbild der erwachenden Natur erklärten.