Freitag, Dezember 29, 2006

owi lacht

Posted by Picasa
Traditionen sind wichtig bei uns. Bei uns im und am Land.Und auch in unserer Familie. Vor allem zu Weihnachten. Eigentlich ist es nicht mehr das übliche Ritual, das wir veranstalteten vor vielen Jahren, als ich noch jung an Jahren und meine Schwester ein Dreikäsehoch war.
Es ist eigentlich nur mehr ein Abklatsch des ursprünglichen Rituals, eine Art Überbleibsel, und man huldigt ihm mehr oder weniger intensiv.
In der Art – eigentlich freut uns das nicht mehr und eigentlich ist es ein Muss, aber man kann doch nicht, man darf doch nicht, auf keinen Fall darf man - all das Althergebrachte abschaffen, man muss doch, auf jeden Fall muss man – die alten Traditionen pflegen.
Man muss wirklich.
Vor allem zu Weihnachten.
Der 24. Dezember war ein Fasttag. Zu Mittag gab es ein Bachlkoch - Wir sagen Bachikoch dazu. Wie ich es hasste. Ein hellbraunes Mehlmilchgemisch, darüber Honig und zerlassene Butter.
Am Abend gab es erst mal endloses Beten des Rosenkranzes. Alle versammelt in der Küche, Mama betete vor, wir nach und hinten dran immer das Gebenedeitseidiefruchtdeinesleibes. Dann gab es eine kalte Platte mit allem Drum und Dran. Das beste war der gekaufte Paprikasalat und das Russenkraut und die Rollmöppse aus dem Glas.
Und irgendwann läutete dann Mama heimlich mit dem Glöckchen. Komischerweise musste sie vorher immer auf die Toilette. Und ich wusste, wenn Mama am Heiligabend auf’s Klo musste, war das Christkind nimmer weit.
Bescherung hieß das dann und heißt das heute noch.
Und wir gingen alle langsam ins Wohnzimmer. Langsam gehen war wichtig an so einem heiligen Tag.
Dann gab es endloses Singen sämtlicher Weihnachtslieder.
Beim Lied "Stille Nacht, Heilige Nacht" musste ich immer lachen. Irgendjemand hatte mir irgendwann darüber einen Witz erzählt. Und daran musste ich immer denken wenn wir „Oh wie lacht“ sangen. Und ich dachte an den kleinen Owi, der lacht und lachte auch.
Heimlich natürlich. Beim Singen schielte ich immer auf die Packerl, die unter dem Baum lagen. Schiel nicht, schau den Christbaum an, raunte mir Papa dann ins Ohr. Dann teilte Mama die Geschenke aus.
Papa mahnend – Langsam auspacken, Zeit lassen. Und legt schön das Papier zusammen. Und seid nicht so hektisch. Zuerst schaut man das schöne Packerl an, dann schaut man den Packerlanhänger an und man liest was draufsteht. Nicht aufreißen, das Packerl. Auf keinen Fall.
Und nimm nicht immer das größte und schönste Keks. Das sagte er auch immer zu mir. Du musst immer das größte und schönste haben. Man nimmt einfach das Keks, das ganz oben liegt.
Ja, sagte Mama. Das schönste und größte gehört dem Papa.
Wir in Österreich sagen ja Keks zu einem Weihnachtsplätzchen und zu mehreren Weihnachtsplätzchen sagen wir auch Keks. Im Österreichischen gibt es den Plural für Keks nicht. Und Keks ist Neutrum. Das Keks, die Keks. Im Duden steht das anders. Aber wir sagen trotzdem niemals den Plural. Nicht bei Keks.
Nach dem Auspacken und manchmal schon währenddessen gab es Keks und Eierlikör.
Mir wurde jedes Mal schlecht.
Und irgendwann zwischen Schlechtwerden und Packerl auspacken holte Papa aus dem Keller die alte Maurerkelle, die noch da war vom Hausbauen und nur zur Weihnachtszeit verwendet wurde. Da kamen dann Kohlen rein. Die glühten dann nach einer gewissen Zeit. Dann kam Weihrauch drauf.
So, Zeit zum Räuchern gehen, rief Papa.
Und dann sausten wir durch das ganze Haus, Papa vor mir, ich hintendrein, Papa die Maurerkelle schwingend, ich hustend und betend – den Rosenkranz mit dem ganzen Gebenedeitseidiefruchtdeinesleibes – ganz hinauf in den Dachboden, und dann ganz hinunter in den Keller und dann hinaus und rund ums Haus, Papa mit der rauchenden Maurerkelle und ich hintendrein betend und hustend.
Das Spektakel dauerte eine halbe Stunde.
Hiaz miass ma no die Bam fuadan.“ Bäume füttern. Mit dem Bachikoch. Kurz hinein ins Haus, die große Pfanne aus dem Keller geholt, ein Erbstück meiner Oma, Bachikoch hinein, und dann hinaus in den Garten – hin zu jedem Obstbaum, und das Bachikoch am Fuße desselbigen verteilt. Damit sie im kommenden Jahr wieder gut tragen, sagte Papa.
Etwas Bachikoch verteilte er in der Nähe des Gartens.
Für die Rehlein und Hirsche, sagte er.
Es gab zwar niemals Rehe und Hirsche bei uns im Garten, nur einmal eine Kuh, die sich verirrt hatte, aber irgendwie glaubte ich dem Papa damals, als er mir erzählte, in der Heiligen Nacht kommen die Tiere des Waldes ganz nahe zum Haus.
Und sie reden auch in dieser Nacht. Weil diese Nacht ist eine besondere.
Und dann musste noch die Heiligenachtkerze angezündet werden und Mama stellte sie immer in die Abwasch. Einmal wären wir fast abgebrannt weil die Kerze am Fenster stand am Holzsims und sie war irgendwann in der Nacht umgefallen, und der Vorhang hatte schon angefangen zu glosen und zu stinken und wenn ich nicht aufgewacht wäre, weil mir wieder mal schlecht war von zu viel Keks und Eierlikör, würde ich hier nicht tippen sondern da oben irgendwo beim lieben Gott die Harfe zupfen oder da unten beim Beelzebub das Feuer bewachen.
Danach widmeten sich alle den Geschenken. Ich las immer. Weil mich alles andere, das ich so bekam, nicht interessierte. Bücher bekam ich jedes Jahr. Und eines las ich immer noch am selben Abend aus.
Mama und Papa und manchmal auch Oma, wenn sie mit uns feierte, kamen ins Schwärmen ob der Geschenke.
Oh, wie schön, ein Set Steakmesser – und – Mei, die Gläser, die ich mir schon so lang wünsch. Irgendwann schliefen wir dann alle ein. Oder fast. Das Wohnzimmer überhitzt vom Kachelofen die Luft stickig von Wunderkerzen, die Bäuche voll.
Dann, wenn man wirklich gut schlief, kurz vor Mitternacht, weckte uns Mama.
Auf zur Mette, Kinder.
Und wir zogen die neuen Schuhe, die zu groß waren, an – Jammer nicht, du wächst da schon rein – und zogen die Fäustlinge an, selbst gestrickt - Jammer nicht, die kratzen nicht, du bist nur empfindlich - und schlüpften in den alten Mantel – Jammer nicht, der ist noch gut, nächstes Jahr gibt es einen neuen – und machten uns auf.
Zu Fuß zur Mette. Kalt war es und müde waren wir. Wir gingen ins Dorf Richtung Kirche. Und viele andere gingen auch.
Und es gab ein Wünschen und Händeschütteln und Nachfragen.
Habt’s es eh schön g'habt?
Und ein Erzählen von den Geschenken, ein Fondue-Geschirr von der Tante Hermi und eine Tischdecke von der Annatant und Schnapsgläser von der Schwiegermutter und Socken und Klotzenbrot von der Oma und mein Mann hat mir eine Kropfkette geschenkt. Aus Silber.
Ich gähnte und gähnte und mir war kalt und ich hatte das Gefühl – Gleich fall ich um.
Doch da ging es erst richtig los. Vorher das Turmblasen. Es heißt nur Turmblasen. Niemand blies im Turm. Sie bliesen vor dem Kirchentor. Die Bläser. Es ging immer mit dem selben Lied an.
Tü-tü-tü-tüüüü. Wer klopfet an?
Und die Leute trugen alle ihre neuen Mäntel und Mützen und Schals und manchmal hing irgendwo am Kragen ein Preisschild raus.
Und vorne der Pfarrer im goldenen Ornat. Und ich gähnte und hustete. Die ganze Kirche im Weihrauchnebel und der Ministrant schwenkte wie besessen das Weihrauchgefäß. Wie aufgezogen. Vermutlich schlief er auch schon fast so wie ich.
Die Mette dauerte zwei Stunden. Und obwohl ich nicht bei der Beichte gewesen war, ging ich zur Kommunion weil wenn ich nicht gegangen wäre, hätte Papa gefragt- Warum gehst nicht zur Kommunion, warst nicht beichten?
Und das konnte ich ihm auf keinen Fall sagen. Also ging ich zur Kommunion und nahm mir vor, zu Ostern zu beichten, dass ich zu Weihnachten ohne vorher zu beichten bei der Kommunion gewesen war.
Dann um zwei war das Spektakel vorbei. Die Krippe mussten wir noch anschauen und bewundern. Das musste sein, hatte Papa doch die Krippenfiguren geschnitzt und richtete er doch jedes Jahr die Krippe her zu Weihnachten.
Schau, wia sche des Christkindei is! Schau! sagte Mama und strahlte.
Jo, sche, mehr konnte ich nicht sagen und ich lächelte wenn ich merkte, dass mich meine Eltern beobachteten.
Dann noch bei meiner Oma Würstlsuppe essen. Da war es dann schon fast halb drei Uhr nachts. Danach war mir noch schlechter als zuvor weil es nach der Würstlsuppe Klotzenbrot gab mit Butter und Punschtee.
Um halb vier dann ging es endlich ins Bett.
Am Weihnachtstag mussten wir wieder in die Kirche.
Ins Hochamt muss man zu Weihnachten, sagte Mama.
Dabei war ich noch gut dran. Meine Freunde mussten auch am Stefanitag in die Kirche zur Neunuhrmesse.
Und heute ist es so, dass die Mette nicht mehr im Mitternacht stattfindet sondern um neun Uhr abends schon.
Und den Heiligabend feiere ich nicht mit meinen Eltern, obwohl sie mich jedes Jahr einladen, sondern mit meinen Söhnen.
Und ich bin selber überrascht, dass ich es jedes Jahr schaffe, nein zu sagen.
Und die Bäume werden auch nicht mehr gefüttert. Wir brauchen nicht mehr so viel Obst, sagt Papa. Aber Räuchern gehen, sagt er, Räuchern gehen, das muss sein.
Papa voran und mein Neffe hinten nach. Und die Heiligenachtkerze steht immer noch in der Abwasch.
Weihnachtslieder singe ich noch. Wir singen sie alle gemeinsam. Am Weihnachtstag. Die ganze Familie. Die Oma gibt es nicht mehr. Aber ich denke an sie. Nicht nur zu Weihnachten.
Wir singen alle noch, meine Eltern, meine Söhne, meine Schwester mit Familie. Bei "Oh, wie lacht“ denke ich immer noch an den Witz vom Owi. Und ich lache immer noch. Aber nicht mehr heimlich.
Sehr lange singen wir nicht. Nur einige Lieder. Und von denen nur die erste Strophe. Die anderen haben wir vergessen. Mehr oder weniger.
Und Papa lässt mich mittlerweile meine Geschenke so schnell auspacken wie ich will. Eigenartigerweise packe ich sie langsam und gemächlich aus. Und freue mich sogar über selbst gestrickte Fäustlinge. Auch wenn sie kratzen.

Mittwoch, Dezember 27, 2006

oh, du fröhliche

Posted by Picasa

Geschenke, die ich bekam

2 Paar schwarze Socken mit Weihnachtsmann-motiv von Vögele
eine dunkelrote Kerze von Kika
eine Weihnachtsmann-Kerze von Lutz
eine weiße Tischdecke bestickt mit Weihnachtsmotiven
noch eine Weihnachtsmann-Kerze auch vom Lutz
Eiskristall-Duschgel von der Drogerie
ein besticktes Deckerl vom Weihnachtsmarkt veranstaltet von der Katholischen Frauenbewegung
eine Flasche Wein von Billa
ein Schachtel Konfekt (schon aufgegessen)
noch eine Kerze mit Christbaum und Engeln

Geschenke, die ich machte

eine Duftkerze vom Adventmarkt
Salbei- Duschgel von der Drogerie
Seife in Holzherz vom Adventmarkt
After-shave von mexx vom Drogeriemarkt
ein Buch mit Alltagsgeschichten von der örtlichen Schreibwerkstatt
ein Kinderbuch mit Gruselgeschichten vom Buchladen
ein Holzpuzzle von Eduscho
ein Hörbuch von Karl Waggerl
einen Satin-Pyjama von Eduscho
zweimal siebzig Euro
Ein Poster mit Portraits von mir
acht Tafeln Zotter-Schokolade
selbstgemachte Seife

Lieder, die ich sang

Stille Nacht
Ihr Kinderlein kommet
Oh Tannenbaum
Es wird schon glei dumper
The little drummer boy
Oh, du fröhliche

Zeug, das ich aß

eine Portion Tomatensalat mit Mozzarella
ein Stück gratinierten Lachs
Gemüsereis
eine Portion Blattspinat
ein Kilo Keks
einen Bratapfel
ein Stück gefüllte Kalbsbrust
Bratkartoffeln
Broccoli
eine Portion gemischten Salat
4 Tassen Kaffee
2 Portionen Schlagobers
3 Gläser Sekt
2 Portionen Tiramisu-Eis
5 Stück Kletzenbrot mit Butter

Geschenke, die im Keller landeten

2 Paar schwarze Socken mit Weihnachtsmann-Motiv von Vögele
eine Weihnachtsmann-Kerze von Lutz
Eine weiße Tischdecke bestickt mit Weihnachtsmotiven
noch eine Weihnachtsmann-Kerze auch vom Lutz
ein besticktes Deckerl vom Weihnachtsmarkt veranstaltet von der katholischen Frauenbewegung
noch eine Kerze mit Christbaum und Engeln

Ernährungs- und Fitnessplan für die nächsten zwei Wochen

Kaffee und ein Stück Vollkornbrot mit Frischkäse
Eine Orange
Ein Putensteak natur mit Salat
Einen Apfel
Noch eine Orange
Gedämpftes Gemüse
3 Liter Wasser
zwei Stunden Schifahren nach dem Frühstück
Bauchgymnastik nach dem Mittagessen
Eine Stunde Waldspaziergang (flott) vor dem Abendessen
Kein Abendessen
Zwanzig Situps und Dehnungsübungen vor dem Schlafengehen

Oh, du fröhliche Weihnachtszeit

Donnerstag, Dezember 21, 2006

amazing greys

Posted by Picasa
Nun hab ich über die Farbe rot schon was geschrieben und über die Farbe grün.
Über rot haben sicher schon viele Leute geschrieben, und vielleicht auch über grün.
Aber wer schreibt schon über grau?

Bei grau fällt mir als erstes Elefant ein.
Elefanten sind grau und groß.
Elefanten haben große Ohren und lange Rüssel. Sie mögen Erdnüsse.
Elefantenmännchen (eigentlich sollte man Elefantenmänner sagen – wegen der Größe) haben Stoßzähne. Die sind jedoch weiß.
Elefantenweibchen (eigentlich sollte man Elefantenweiber sagen – wegen der Größe) sind lange Zeit schwanger. Vermutlich jahrelang.
Elefanten eignen sich gut für Geschichten und Filme.
Schwangere Elefantenweibchen sind gefährlich. Weil sie unter Stimmungsschwankungen leiden. So wie schwangere Frauen. Und darum hört man auch immer Geschichten, in denen Menschen von Elefanten tot getrampelt werden. Das sind sicher immer schwangere Elefantenweibchen.

Wale sind auch grau. Und auch groß. Sie sind so groß wie Elefanten. Nur haben sie keine großen Ohren und auch keine langen Rüssel. Und sie sind immer nass. Und eigenen sich auch gut für Geschichten und Filme.

Schiffe sind auch grau. Vor allem große. Es gibt auch weiße Schiffe. Aber die meisten sind grau. Eigentlich sollten Schiffe rot sein. Weil rote Schiffe sieht man besser im blauen Wasser. Rote Farbe ist vermutlich teurer als graue. Und weniger umweltfreundlich.
Wir lieben Schiffe. Weil wenn wir ein Schiff sehen, dann weckt das die Reiselust in uns oder die Sehnsucht irgendwo hinzufahren. In fremde Länder mit fremder Kultur und fremden Menschen und fremdem Essen.
Schiffe transportieren auch so manches, das wir so täglich brauchen. Fische zum Beispiel. Und sie transportieren Menschen. Vor allem ältere. Auf Kreuzfahrtschiffen.

Flugzeuge sind auch grau. Sie sind wie Schiffe nur fahren sie weiter oben. Eigentlich fliegen sie ja. Aber wenn man in einem Flugzeug sitzt, dann glaubt man eher, dass es fährt als fliegt. Flugzeuge lieben wir auch. Außer wir wohnen in der Nähe eines Flughafens. Wir lieben Flugzeuge, weil sie uns in die Sonne bringen und in den Süden oder in fremde Länder mit fremder Kultur und fremden Menschen und fremdem Essen.

Mäuse sind auch grau. Aber über Mäuse schreibe ich nun nicht. Über Mäuse ist schon sehr viel geschrieben worden. Vor allem für Kinder. Komischerweise sind Mäuse in Geschichten immer lieb und nett. Obwohl wir Mäuse nicht wirklich mögen. Jedenfalls keine lebenden. Wir mögen Mäuse nur in Geschichten und auf Bildern.

Wolken sind auch grau. Wenn sie ganz grau sind, dann mögen wir sie nicht. Jedenfalls nicht bei uns hier. Weil sie bringen Regen. Wir mögen Wolken nur, wenn sie klein weiß und flauschig sind. Weiß mit einem kleinen silbrigen Rand. Dann sind Wolken schön. Weil das so ein schöner Kontrast ist. Die weißen Wolken auf dem blauen Himmel und dazwischen die Sonne.
Wolken gibt es in verschiedenen Formen. Wenn du lang genug schaust, dann kannst du Schiffe, Flugzeuge, Mäuse und Elefanten sehen. Und noch viel mehr. Hängt davon ab, wie viel Fantasie du hast und wie viel Zeit zu schauen.

Es gibt noch viele andere Dinge, die grau sind. Hast du schon mal beobachtet?
Auch Menschen.
Ich meine nun nicht die Haarfarbe.
Ich meine auch nicht die Menschen, die einen grauen Mantel oder grauen Anzug tragen.
Nein, ich meine die farblosen, langweiligen, griesgrämigen, unsichtbaren, grantigen Leute, die dir unterkommen.
Und gerade jetzt zur Weihnachtszeit sind sie unterwegs. In Herden.
Und wenn sie nicht bepackt wären mit all den bunten Plastiksackerln und Tüten und Taschen und Packerln, dann würde man sie gar nicht sehen. Weil sie so grau sind.
Aber über diese graue Herde werde ich ein andermal schreiben.
Für heute hab ich genug von grau.

Sonntag, Dezember 17, 2006

liebes christkind

Posted by Picasa
Wie geht es dir?
Hast du noch überhaupt eine Chance gegen die Übermacht des Weihnachtsmannes? Meiner Meinung nach kann der alte fette Mann es ohnehin nicht aufnehmen mit dir. Ich bin sicher, diese Euphorie für den Klaus ist nur vorübergehend.
Vor allem gibt es ihn nicht, den Santa Claus. Es gibt ihn nur in den Supermärkten.
Dich gibt es. Weil dich habe ich selber gesehen. Vor vielen Jahren zwar, aber immerhin.
Ich sah einen Flügel von dir. Als ich das Fenster öffnete um nachzusehen, ob mein Brieflein schon weg war.
Einen ganz durchsichtigen, weißen Flügel sah ich. und ganz kurz deine Locken, als du gerade wegflogst.
Ich bin mir sicher, dieser Brief erreicht dich noch vor Weihnachten. Ich weiß, es ist eine sehr arbeitsreiche Zeit für dich. Aber mein Brief hat dich immer noch erreicht. Wieso also nicht dieses Mal?
Für mich ist es nicht schwierig, einen Wunschbrief zu schreiben. Es fällt mir leicht. Und meist bekomme ich das, was ich mir wünsche. Mal abgesehen von all den vielen Socken und Pralinen, die ich im Laufe der Jahre bekommen habe. Die erwähne ich nun nicht.
Liebes Christkind.
Ich muss etwas gestehen. Je älter ich werde, umso weniger aufgeregt bin ich jedes Mal wenn ich die Weihnachtspakete öffne. Warum ist das so? Wirklich schade. Wie aufgeregt war ich doch als Kind, allein schon wenn ich den Weihnachtsbaum mit den brennenden Kerzen sah. Und die Nächte zuvor lag ich schlaflos im Bett.
Ich liege zwar nach wie vor schlaflos im Bett, aber nur wenn ich zuviel gegessen oder getrunken habe.
Ich erwarte mir zwar keine großen Geschenke mehr, nun da ich erwachsen bin und freue mich über Parfüm und Bücher. Und es ist auch okay, dass wir einander Dinge schenken, die nicht herumstehen sondern gegessen werden können so wie Schokolade, oder verwendet werden können so wie Seife oder ein Gutschein.
Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich doch einige Wünsche.
Und da ich nun jahrelang zufrieden war mit Kleinigkeiten, gibt es in diesem Jahr, liebes Christkind, eine große Wunschliste.
Ich erwarte natürlich nicht, dass du mir diese Wünsche erfüllst.
So viel sei nur gesagt, ich habe mich in diesem Jahr wirklich zusammengenommen. Ich habe dem Autofahrer, der mich unlängst geschnitten hat, nicht den Mittelfinger gezeigt, habe der Kollegin, die mich ständig unterbricht, nicht gesagt, sie solle endlich den Mund halten, habe mich nicht beim Bäcker beschwert, der mir seine alten Semmeln angedreht hat.
Ich habe mich auch bemüht, nicht zu lügen. Wenn ich gelogen habe, dann waren das wirklich nur Notlügen.
Du wirst doch verstehen, dass ich an der Geburtstagsfeier von Tante Frieda nicht habe teilnehmen können. Du kennst sie und weißt, wie anstrengend sie ist und wie viel sie redet. Hättest du da nicht auch gesagt, du hast wahnsinnig starke Migräne und es tut dir unendlich leid, nicht zur Feier kommen zu können?
Ich bin sicher, Notlügen sind erlaubt.
Ich verzettle mich.
Hier meine Wunschliste:

1 Einen Hund
Ich wünsche mir jahrelang schon einen. Aber da mein Exmann ein Catlover war, passte das nicht. Und nun ginge das.
2. Ein Haus mit Garten
Du kennst meine Wohnung und somit meinen Geschmack. Ich bin sicher, du findest das Richtige.
In meiner Wohnung kann ich keinen Hund halten. Da regt sich die ganze Mieterschaft auf.
Also Geschenk Nummer 1 und 2 bitte nur als Kombination
3 Einen Flachbildfernseher mit DVD-Brenner, damit ich Filme aufnehmen kann.
4 Ein Kunstwerk
Am liebsten wär mir ein Mondrian. aber das ist utopisch. Mit einem Attersee wär ich auch schon zufrieden.
5 Eine Reise durch Australien
Am besten in den Sommerferien. Da habe ich zwei Monate Zeit.
6 Ein Haus am Meer
Spanien oder Griechenland wäre nett. Da bin ich nicht so wählerisch.
7 Ein VW-Käfer mit Faltdach
Schon immer mein Lieblingsauto, das weißt du. Ich hab zwar ein Auto. Das würde ich dann nur im Winter fahren.
8 Einen personal trainer
Er soll mich motivieren und mit mir dreimal in der Woche ins Fitness-Studio geht. Männlich und gut aussehend natürlich.
9 Ein Theater-Abonnement
10 Lebenslang eine Geburtstagsparty für mich und alle meine Freunde
Wo, ist mir egal. Frag mich einfach, mir fällt schon ein nettes Lokal ein.

So, liebes Christkind.
Ich glaub, das ist alles. Ich hoffe, die restlichen Tage sind nicht zu stressig für dich.
Und mach dir keine Gedanken. Der Klaus zählt nicht. Du bist das einzige und wahre Christkind.

Deine Amadea

Samstag, Dezember 16, 2006

die verwandlung

Posted by Picasa
Ich kaufe manchmal Kleidungsstücke ein, ohne sie zu probieren. Das ist ein Fehler. Ich kaufe auch manchmal Kleidungsstücke ein, die mir ein klein wenig zu eng sind. Das ist auch ein Fehler.
Und da steh ich dann in der Ankleidekabine der Boutique, verschwitzt, mit zerrauftem Haar, ziehe den Bauch ein und antworte auf die Frage der Verkäuferin, ob die Jeans passen, gequält und kurzatmig: „ Ja sie passen fast. Aber im Sommer bin ich immer dünner, und dann passen sie wie angegossen.“
So hat sich im Laufe der Jahre in meinem Kleiderkasten eine ziemlich große Anzahl an Blusen, die mir nur passen wenn ich einen Buckel mache und Jeans, die ich nur zumachen kann, wenn ich mich auf den Boden lege und liegen bleibe.
Ich könnte ja all diese Sachen umtauschen und zurückgeben, aber das mache ich nicht. Aus welchen Gründen auch immer. Vermutlich hoffe ich doch auf den Sommer, der mir durch vermehrte körperliche Betätigung die überflüssigen Kilos weg schmelzt.
Unlängst sah ich diese tollen Jeans. Ich kaufte sie ohne zu probieren. Das war ein sehr großer Fehler.
Zu Hause angekommen, lege ich mich auf mein Bett, um sie anzuziehen. Mit dem ersten Bein geht das ganz gut. Mit dem zweiten Bein ist das schon schwieriger. Es will und will nicht. Das Bett quietscht und knarrt, ich schwitze und bin außer Atem weil ich mich winde und wälze. Der Mieter unter mir klopft schon mit dem Besen an die Decke. Mein Gestöhne ob der Schwerstarbeit muss ihn wohl in seinem Nachmittagsschläfchen gestört haben. Nun glaubt er sicherlich, ich habe wilden Sex und wird sich das Maul zerreißen. Und das mitten am Nachmittag.
Egal, ich habe andere Sorgen.
Endlich schaffe ich es doch irgendwie. Das zweite Bein ist nun auch im Hosenrohr. Aber nur zur Hälfte. Und nun geht gar nichts mehr. Nun liege ich da, die Jeans in Oberschenkelhöhe. Da sitzen sie nun fest. Trotz Zerren und Ziehen bewegen sie sich keinen Zentimeter. Weder nach oben noch nach unten. Also auf den Bauch gedreht. Keine gute Idee. Nun bekomme ich keine Luft mehr. Eigenartigerweise fällt mir in dem Moment Franz Kafkas "Die Verwandlung" ein.
Da liege ich nun, die Jeans wie angewachsen auf meinen Oberschenkeln. Das einzige, was ich bewegen kann, sind Arme und Beine und ein wenig den Kopf. Nach mehrmaligem Hin- und Herschaukeln liege ich wieder auf dem Rücken.
Und da fällt mir wiederum die Geschichte ein.

Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinauskommen . . . er versuchte es daher, zuerst den Oberkörper aus dem Bett zu bekommen, und drehte vorsichtig den Kopf dem Bettrand zu. Dies gelang auch leicht, und trotz ihrer Breite und Schwere folgte schließlich die Körpermasse langsam der Wendung des Kopfes. Aber als der den kopf endlich außerhalb des Bettes in der freien Luft hielt, bekam er Angst, weiter auf diese Weise vorzurücken, denn wenn er sich schließlich so fallen ließ, musste geradezu ein Wunder geschehen, wenn der Kopf nicht verletzt werden sollte. Und die Besinnung durfte er jetzt um keinen Preis verlieren; lieber wollte er im Bett bleiben.

Die Besinnung darf auch ich auf keinen Fall verlieren. Jetzt nicht. Weil in einer halben Stunden bekomme ich Besuch. Und was wird er sich denken wenn er mich da so sieht, halb nackt, schwitzend, die Jeans knapp über den Knien, vollkommen erschöpft.
Außerdem klopft der Mieter unter mir schon wieder. Ziemlich heftig. Ich kann nicht anders, ich fange an zu weinen. Die Tränen vermischen sich mit meinem Schweiß und rinnen die Brust hinunter bis zum Nabel, wo sich eine kleine Schweiß-Tränen-Pfütze bildet.
Auf einmal höre ich es. Zuerst ganz leise. Ein leises Kichern. Ein stickiges, hämisches Kichern. Die Tränen laufen nun in Bächen hinunter zum Nabel und ich merke, wie die Jeans feucht werden.
Ich schaue hinunter auf meine Beine. Hinunter auf die Jeans auf meinen Oberschenkeln. Sehe sie nur verschwommen durch das Meer der Tränen. Ein verschwommenes, verwaschenes Blau, ein verschwommenes, verwaschenes, kicherndes Blau.
Das schaffst du nicht“, zischelt das blaue Denim-Ungetüm an meinen Beinen. "Nie und nimmer schaffst du das.“
„Das werden wir sehen, du Monster“, zischle ich zurück. „Was bildest du dir eigentlich ein? Klar schaffe ich es. Wegen der einen Größe, die du kleiner bist. Wenn ich es nicht heute schaffe, dann halt morgen oder nächste Woche oder nach Weihnachten oder im Sommer. Ich weiß, dass du mich hasst. Aber so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen.“
Schon wieder dieses Kichern. Gemein, hinterhältig.
„Wenn ich nicht will, dann geht das nicht. Glaub mir das.“
Und wieder fällt mir die Geschichte ein.

Ehe es einviertel acht schlägt, muss ich unbedingt das Bett vollständig verlassen haben. Im Übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.

Ehe es halb ist, muss auch ich das Bett vollständig verlassen haben. Weil um sieben Uhr kommt er. Und wird nach mir rufen und dann ins Schlafzimmer kommen er wird dann das Denim-Monster bezwingen. Welche Schande, wenn er mich so sieht. Aber ich muss da durch. Da muss ich durch. Plötzlich Panik. Ich habe die Tür abgesperrt. Wie kommt er rein? Ich komm nicht aus dem Bett. Und der Schlüssel steckt von innen.
Warum denke ich nun schon wieder an diese Geschichte?

Gregor schob sich langsam mit dem Sessel zur Tür hin, ließ ihn dort los, warf sich gegen die Tür, hielt sich an ihr aufrecht – die Ballen seiner Beinchen hatten ein wenig Klebstoff – und ruhte sich dort einen Augenblick lang von der Anstrengung aus. dann aber machte er sich daran, mit dem Mund den Schlüssel im Schloss umzudrehen.

Mein Gott, eine Horrorvorstellung. Wie komm ich zur Tür? Ich habe keinen Sessel hier im Schlafzimmer. Ich habe auch keinen Klebstoff an den Ballen meiner Beine. Ich kann mich höchstens aus dem Bett fallen lassen und danach zur Tür robben. Aber ich brech mir beim Rausfallenlassen sicher das Genick und wenn nicht das Genick, dann bestimmt den Arm.
Das Denim-Monster lacht schon wieder. Dieses Mal laut. So, als ob es meine Gedanken lesen könnte.

Dann sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor.
Sehen Sie nur mal, es ist krepiert; da liegt es, ganz und gar krepiert.


Was ist wenn ich so ende wie Gregor in "Die Verwandlung"?
Ich will nicht krepieren, so nicht. Nicht mit den Jeans da an meinen Beinen, halbnackt.
Wie sieht das denn aus?
Schon bald sechs. Kochen kann ich heute nichts mehr.
Das geht sich nicht aus. Aber ich muss noch mein Haar waschen, unbedingt. Ich will nicht, dass er mich so sieht.
Ein Weilchen noch, ein kleines Bisschen noch. Ausruhen. Etwas schlafen. Nur ein wenig. Damit ich wieder zu Kräften komme.
Wenn nur dieses Licht nicht da wäre. Diese grelle, gleißende. Es blendet mich, sogar wenn ich die Augen schließe. Wieso hab ich dieses blöde Licht eingeschaltet, wieso nicht die kleine Nachttischlampe?
"Amadea, Amadea!"
Dieses Monster. Woher kennt es meinen Namen?
Auf einmal ein Ziehen. Da unten. An meinen Beinen. Zuerst ganz leicht, dann immer stärker. "Amadea, Amadea!"
Nun ruft es ganz laut. Halt die Klappe. Ich will nicht mit dir reden. Es ruft immer lauter. Immer lauter. Unerträglich laut.
Und dieses Ziehen und Zerren.
Dieses Monster. Es wird doch nicht aufgeben?
Das wäre ja wunderbar, ganz wunderbar wäre das.
Und ich merke, wie es sich von dannen macht, das Monster. Ich merke, wie meine Beine auf einmal wieder beweglich werden. Nun ist es ganz weg. Ganz weg! Nicht zu glauben ist das.
Ich öffne die Augen ein wenig und schaue vorsichtig nach unten.
Das Monster baumelt vor mir hin und her. Und hinter ihm die Verkäuferin. „Ist Ihnen schlecht geworden, Amadea?“
Ich öffne die Augen ganz. Sehe an mir hinab. Sehe nur Höschen und T-Shirt. Mein Bett ist weg. Ich liege am Boden der Umkleidekabine, über mir das grelle Licht.
„Diese Hose ist eine Nummer zu klein. Ich bringen Sie Ihnen eine Nummer größer.“
Langsam stehe ich auf. Ich sehe auf die Uhr.
Es ist fast sechs.
„Ein andermal“, sage ich und ziehe mich an. Ich bekomme in einer Stunde Besuch.“

Donnerstag, Dezember 14, 2006

eiszeit

Posted by Picasa
Wann wird es wieder warm?
Keine Ahnung. Im Juli?
Klasse. Ich ziehe in den Süden.
Ist dir kalt?
Ja, sehr. Ich spüre meine Zehen nicht mehr.
Mir ist nicht nur kalt, mir ist saukalt. Ich glaub, meine Nase ist erfroren. Bald wird sie mir abfallen.
Schau mal meine Finger an. Sie sind blau. Siehst du? Tiefblau die Fingerspitzen.
Ich habe Eiszapfen an den Nasenlöchern.
Meine Augen sind zugefroren.
Gestern fiel der Gefrierschrank aus. Während mein Mann ihn reparierte, setzte ich mich auf das tiefgefrorene Gemüse.
Ich bin ein Pinguin.
Ich bin ein Eisbär.
Ich bin ein Eisberg.
Ich bin auch ein Eisberg. Alles, was ich berühre, gefriert.
Das ist noch gar nichts. Alles, was ich anhauche, gefriert sofort.
Gestern hustete ich kleine Eiswürfelchen.
Schau dir mal meine Kopfhaut an. Das sind keine Schuppen, das ist Rauhreif.
Meine Füße sind Eisklötze, ich kann durch die Wohnung gleiten.
Du bist wirklich kalt.
Du auch. Aber ich bin kälter.
Nein, ich bin kälter. Ich bin eiskalt.
Ich bin am eiskältesten.
Dieses Wort gibt es nicht. Das hast du gerade erfunden.
Ich bin tief gefroren.
Ich habe das Wort kalt erfunden.
Ich habe die Kälte erfunden.
Wir wollen auslosen, wer kälter ist.
Wie machen wir das? Mit einer Münze. Wer die Zahl wirft, ist am kältesten. Du fängst an.
Nein, du fängst an.
Ich kann die Münze nicht werfen, ich habe keine Finger.
Ich kann die Münze nicht sehen, meine Augen sind zugefroren.
Wir können die Münze nicht werfen. Wir sind halbtot.
Ich bin nicht halbtot, ich bin tot. Du hast gewonnen.
Ich bin auch tot. Wir haben beide gewonnen.
Gut, wir haben beide gewonnen. Schade, dass es keine Scheiterhaufen mehr gibt.
Wir können uns verbrennen lassen.
Gute Idee. Ich habe Lust auf etwas Feuer unter’m Hintern.

Montag, Dezember 11, 2006

mama's little helper

Posted by Picasa
Es gibt Dinge, an die ich mich in der Vorweihnachtszeit ungern erinnere.
Da ist einmal der Weihnachtsputz. Meine Mutter putzte das ganze Haus von oben bis unten. Da wurde geschrubbt und gewischt, die Vorhänge wurden gewaschen, die Küchenschubladen und –kästen ausgeräumt und mit neuem Wachspapier ausgelegt, das Silberbesteck wurde geputzt, die teuren Gläser aus Tante Marias Nachlass wurden gewaschen und poliert, die Matratzen und Teppiche ausgeklopft, der Küchenherd und der Kachelofen gekehrt und Keller und Dachboden ausgemistet. Es war ungemütlich. Sehr ungemütlich. Weil die Fenster standen alle offen zum Durchlüften. Herd und Kachelofen waren fast immer kalt und das Geschirr stand herum. Überall.
Auch das Backen der Weihnachtskekse habe ich in wenig guter Erinnerung. Wochen zuvor musste ich jeden Abend Walnüsse entkernen, Birnen und Äpfel schneiden, damit Mama sie trocknen konnte für das Kletzenbrot. Wenn es dann soweit war, dass die Zutaten bereit waren, fing die Arbeit erst richtig an. Mir wurde schon übel, wenn ich nach der Schule heimkam, denn es roch nach Schokolade, Marzipan und Marmelade. Es roch überall süß. Und Mama stand verschwitzt und aufgelöst am Küchentisch. Schälchen mit Walnüssen, Rosinen, Kokosraspeln und Korinthen standen herum und Mama rollte gerade den fünften Teig aus. Und wenn ich dann fragte, ob ich was zu essen haben könnte, zuckte sie nur mit den Schultern, meinte kurz, "Such dir was und nimm bitte das Blech mit den Vanillekipferln aus dem Herd und schäl mir dann die Mandeln."
Die schlimmste Erinnerung an Weihnachten ist das Verpacken von Geschenken. Jedes Jahr fragte mich Mama: "Kannst du mir bitte helfen, die Geschenke einzupacken?" Das Wort helfen hat bei meiner Mutter eine ganz eigene Bedeutung. Helfen bedeutet bei meiner Mutter nicht, dass man ihr wenig zur Hand geht. Nein. Helfen heißt bei meiner Mutter, dass sie mit irgendetwas beschäftigt ist, mit dem Backen von Keksen zum Beispiel, oder mit Ofen kehren, während ich die Arbeit, bei der ich eigentlich helfen hätte sollen, allein erledige. Mit dem Ergebnis, dass es ihr nicht passt, sie alles wieder auspackt und schimpfend wiederum einpackt.
Und ich inmitten von Schächtelchen und Schachteln, silbernem Geschenkspapier mit goldenen Sternen, goldenem Geschenkspapier mit silbernen Glöckchen, rotem Geschenkspapier mit grünen Tannenbäumen, grünem Geschenkspapier mit roten Kerzen, goldenem Geschenksband mit silbernen Sternen, silbernem Geschenksband mit goldenen Sternen, roten Packerlanhängern mit grünen Glöckchen, grünen Packerlanhängern mit roten Kugeln, Klebeband und Schere.
"Da ist die Liste", sagt sie, "Und hier sind die Geschenke." Und sie gibt mir ein Blatt Papier mit all den Namen und Geschenken von Cousinen, Cousins, Onkeln, Tanten, Großonkeln, Großtanten, Neffen, Nichten und Namen, die ich noch nie gehört habe. Und dann holt sie drei Waschkörbe von Zeugs. Und alles voll mit Spielzeug aus Holz, Plastik und Metall, unzähligen Paaren von selbst gestrickten Socken, Fäustlingen und Schimützen in allen Größen und Farben, Kerzen mit Engeln, Sternen und Glocken in allen Größen und Farben, schmalen und bauchigen Fläschchen und Flaschen mit Schnaps, Likör und Duftschaumbad, runden und eckigen Seifen, großen und kleinen Packungen Konfekt, selbst gemachter Marmelade, selbst eingelegtem Knoblauch und selbst gekauftem Speck.
Ich fange an mit dem ersten Packerl.
„So geht das nicht“, sagt sie, noch bevor ich überhaupt begonnen habe. Und schon sitzt sie da, Schere und Klebeband schwingend. Und sie schneidet und schnipselt, dann springt sie auf, läuft ins Schlafzimmer, weil sie hat die kleinen goldenen Sterne vergessen, saust wiederum herein in die Küche, schwingt wiederum Schere und Klebeband, springt nochmals auf weil sie das kleine Schächtelchen, das sie aus dem Geschäft mitgebracht hat, im Einkaufskorb vergessen hat.
Gleich darauf ist sie wieder da und man glaubt, nun geht es richtig los.
Aber irgendwie passt das Papier nicht zum Geschenk oder das Geschenkband nicht zum Geschenkspapier. Dann ist das Schächtelchen zu groß oder zu klein oder zu lang oder zu schmal. Innerhalb kürzester Zeit ist sie begraben unter Geschenkspapier, Geschenksband, Schächtelchen, Schachteln, Klebeband, goldenen und silbernen Sternen und Packerlanhängern. Dann und wann raschelt es und man sieht kurz eine Hand mit Schere, die gleich darauf wieder verschwindet. Manchmal sieht man kurz ihren Kopf auftauchen aus dem Geschenkspapiermeer. „Du bist mir keine Hilfe“, sagt sie dann jedes Mal.
In all den Jahren der Geschenke-Einpack-Orgien habe ich mir abgewöhnt, meine Meinung zu sagen. Es bringt nichts. Meine Mutter hat immer die besseren Argumente. Jedenfalls scheint es so.
Das ist aber alles Geschichte und längst vergangen.
Als ich selber Familie hatte, hat sie mich nie mehr um Hilfe gefragt. Dafür bin ich dem Christkind oder dem lieben Gott oder meiner Mutter oder wem auch immer, unendlich dankbar.
Ich glaubte, die Tage des Geschenke-Einpacken-Helfens seien nun endgültig vorbei.
Ich habe sogar vollkommen darauf vergessen, all die traumatischen Erlebnisse verdrängt, weit hinunter in mein tiefstes Unterbewusstsein. Jahrelang nicht mehr daran gedacht.
Bis gestern.
Gestern war es wieder so weit.
Gestern stellte mir meine Mutter wiederum die unselige Frage: „Kannst du mir helfen, die Geschenke einzupacken?“
Und da erinnerte ich mich wieder. Wie eine Sternschnuppe war dieses Gefühl wieder da, dieses Gefühl, alles falsch zu machen. Und das Bild war wieder da. Meine Mutter inmitten von all dem raschelnden Papier, ich daneben, hilflos, sprachlos, das Geräusch der Schere beim Geschenkband abschneiden.
Und ich war so mutig, zu antworten – ich war selbst überrascht von mir – „Ja, ich helfe dir, aber lass mich machen wie ich will und rede mir nicht drein.“
„Das tu ich doch immer“, antwortete sie kurz und beleidigt, und – „Hab ich dir je dreingeredet? Fang mit dem Geschenk für David an.“
David ist der Sohn meiner Schwester, also mein Neffe und Mamas Enkelkind. Nach kurzem Zögern erklärte ich mich bereit, das Geschenk einzupacken. Ich hatte zwar Bedenken, dass das lang dauern könnte und ich zu Mitternacht noch immer beschäftigt sein würde. Aber ich sagte nichts.
„Es sind nur zwei Packerl“, sagte Mama. So als ob sie mich beruhigen wollte. "Ein T-Shirt und ein Auto. Da hast du Geschenkspapier.“
Und sie gab mir einen rosaroten Bogen mit kleinen, gelben Blümchen drauf.
„Bist du dir sicher, das ist das richtige Papier, Mama? fragte ich.
„Ja, das passt schon. Fang an.“
Sie nahm die Schere, schnipselte kleine Stückchen Klebeband ab und klebte sie an den Tischrand. Und während ich sorgfältig das Auto einpackte, war sie schon da mit einem hellblauen Geschenkband.
„Mama, bist du dir sicher, dass dieses Packerl für David passt? Das ist ja gar kein Weihnachtspapier. Das ist doch ein Geburtstagsgeschenkpapier. Und eher für Mädchen mit den Blümchen da drauf. Rosa, gelb und hellblau. Das passt doch nicht. Das kannst du zu Ostern verwenden, nicht jetzt, zu Weihnachten.“
„Mein Gott, bist du kleinlich. Es ist wurscht, wie es verpackt ist. Wichtig ist nur, was drinnen ist."
Ganz was Neues. Ich war sprachlos.
Ich kann mich nicht erinnern, dass in all den Jahren, in denen ich meiner Mutter half, Geschenke einzupacken, irgend jemand zu Weihnachten ein Geschenk erhalten hatte, das nicht in Weihnachtspapier eingewickelt war. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass irgendein männlicher Verwandter oder Bekannter jemals ein Geschenk erhalten hatte, das in Blümchenpapier eingewickelt war, noch dazu in rosafarbenes mit blauem Geschenkband. Rosafarbenes Papier mit Blümchen ist für Mädchen. Ausschließlich. Geschenkspapier für Buben ist bedruckt mit Autos, Fußbällen und ist keinesfalls rosa.
Und zu Weihnachten gibt es Weihnachtsgeschenkspapier. In jedem Fall.
So war das jedenfalls bis zum gestrigen Tage.
„Weißt du“, redete sie weiter. „Es ist wie bei den Menschen. Die Verpackung zählt nicht. Das was drinnen ist, das ist das Wichtige."
Mir blieb der Mund offen.
„Übrigens“, sagte sie. „Was hast du für Jeans an? Die sind ja ganz abgewetzt. Kauf dir doch mal neue. Gut, dass es schon dunkel ist. Was würden die Nachbarn sagen?“

Alle Frauen werden wie ihre Mutter. Das ist ihre Tragödie
-Oscar Wilde-

Samstag, Dezember 09, 2006

heute

Posted by Picasa
Heute
in der Bäckerei kaufte ich Lebkuchen
die
auf dem nassen Asphalt landeten
weil
sich die Papiertüte aufgelöst hatte
und
als ich mich bückte, sah ich,
dass
einem Mann ein Geldschein aus der Tasche fiel
und
vor mir auf dem Boden landete,
also
hob ich ihn auf,
und
lief dem Mann nach,
der
mich kurz ansah als ich ihm den Schein gab
und
sich bedankte
und
schon weitergehen wollte
als
er sich umdrehte
und
sich nochmals bedankte
und
ich lächelte
danach
ging ich zurück in die Bäckerei
und
die Verkäuferin gab mir wiederum Lebkuchen
aber
dieses Mal in einer Plastiktüte
aber
als ich bezahlen wollte
da
schüttelte sie nur den Kopf
und
wünschte mir einen schönen Tag
und
ich lächelte
später
ging ich die Straße entlang
als
mir auf einmal ein Duft in die Nase stieg
der
mich an meine Großmutter erinnerte
und
ich schloss kurz die Augen
und
sah sie vor mir in ihrer gestärkten Schürze
dann
als ich die Augen öffnete
da
flitzte ein Auto blitzschnell durch die Pfütze
und
ich war klatschnass von Kopf bis Fuß
plötzlich
war ich wieder zurück
im
Hier
und
Jetzt
und
Heute

Freitag, Dezember 08, 2006

new kid on the blog

Posted by Picasa
„Das ist keine große Sache, sage ich zu Schneewittchen , das haben wir gleich. Das geht zack, zack. Komm doch einfach vorbei.“
„Sofort geht es nicht, meine Kinder haben die Küche unter Wasser gesetzt“, sagt sie. „Ich muss den Saustall aufräumen.“ „Egal“, sage ich. „Vor zwölf gehe ich nicht ins Bett.“
Und dann war sie da. Ganz in weiß. Sie sieht wirklich wie Schneewittchen aus heute Abend. Die leicht roten Wangen, das glänzende, dunkle Haar.
„Zuerst, Schneewittchen, richten wir eine anonyme Email-Adresse ein. Das ist keine große Sache, das geht zack, zack“, sage ich.
Ganz funktioniert das mit der Email-Adresse nicht.
„Okay“, sage ich. „Zuerst trinken wir mal Tee. Dann probieren es wir noch einmal.“
Der Tee zeigt wenig Wirkung. Mit der Email-Adresse funktioniert es wieder nicht.
Aber ich bin noch ruhig. „Das wird schon, Schneewittchen“, sage ich. „Nur mit der Ruhe.“
Wir richten eine andere Email-Adresse ein. Das ist keine große Sache, das geht zack, zack. Hast du schon einen Namen?“ frage ich. „Ich dachte an Felsenmaus. Felsenmaus, was ist denn das für ein Name? Da ist ja Fliedermaus noch besser. Das mit Maus geht gar nicht. Du bist keine Maus. Du bist ein Schneewittchen.“
„Ja, ein Schneegewitterchen", sagt sie.
„Schneegewitterchen ist gut. Das passt auch für den Sommer“, sage ich. Manchmal haben wir im August Gewitter und Schnee gleichzeitig."
Nun hat blogger.com das System umgestellt. Auf Beta. „Auf Beta“, sagt Schneewittchen. Hast du die Alpha Version?“
„Stell nicht so komplizierte Fragen“, sage ich. „Wir fangen nun an.
Du wirst sehen, das ist keine große Sache, das geht zack, zack.
Ich verlink dich gleich mal in meinem Blog.“
Ich verlinke. Zweimal. Aus Versehen.
„Diese Beta Version ist ein Graffl“, sage ich zu Schneewittchen.
„Vielleicht kann man zwischen Alpha und Beta Version wählen“, meint sie vorsichtig.
„Auf keinen Fall“, sage ich.
Wir melden uns ab vom Schneewittgewitterchenblog.
„Mach du mal“, sage ich. „Du brauchst etwas Übung.“
Sie macht, während ich neuen Tee mache.
„Es geht nicht", jammert Schneewittchen und rauft sich ihr Haar. „Ich komm nicht mehr rein.“
„Das gibt es nicht, sage ich. „Du hast dich vertippt. Wie war nun der Name, Schneewittchen oder Schneegewitterchen?“
Wir probieren beides. Ohne Erfolg.
„Vielleicht hast du dich beim Passwort vertippt“, sage ich.
„Niemals, ich werde doch wohl noch mein Passwort richtig tippen.“ Schneewittchen scheint mir leicht nervös.
Im Gegensatz zu mir.
Ich knie mich vor den Computer. Vielleicht hilft das ja. Und fluche. Aber nur ein wenig.
“I should beta read the instructions first”, sage ich zu Schneewittchen.
“Aber ich bin schlecht um instructions lesen, es freut mich nicht. Ich probier lieber ein wenig herum. Außerdem lernt man durch Versuch und Irrtum sowieso mehr. Und diese Anleitungen sind viel zu kompliziert geschrieben.“
Schneewittchen nickt wenig überzeugend.
Wir trinken Tee und starren auf den Computer. Ich auf Knien, Schneewittchen am Sessel. Ganz in weiß. Ihre Wangen sind nun hellrot. Das Haar noch immer schwarz.
„Ich verstehe das nicht“, sage ich. „Ich glaube, du bringst mich durcheinander.“
„Was, ich? Ich tu doch gar nichts“, sagt sie.
Der Computer stürzt ab. Ohne Vorwarnung. Stillstand.
„Da hilft nur Stecker ziehen“, sage ich. „Mein Computer ist hochgradig suizidgefährdet.“
„Wir machen das ein andermal, sagt Schneewittchen und seufzt. „Es ist schon spät“.
„Ein letzter Versuch“, sage ich. ich. Beide beobachten wir den Computer, wie er sich langsam erholt und wieder zu Kräften kommt. Er stöhnt. So als ob es ihm eine große Anstrengung kosten würde, um die zeit wieder hochzukommen.
Und auf einmal geht es. Wir kommen hinein. In den Blog.
Nachdem wir x-mal auf „Passwort vergessen“ geklickt haben und x-mal Emails abgerufen und das Passwort geändert haben.
„Wie spät ist es? fragt Schneewittchen.
„Halb drei“, sage ich.
Sie gähnt.
Ich unterdrücke das Gähnen.
„Ich sagte dir doch, das ist keine große Sache, das geht zack, zack. Und nun hast du einen Blog.“
„Morgen verlinke ich dich“, sagt Schneewittchen.
„Mach das“, sage ich. „Und wenn du dich nicht auskennst, komm einfach vorbei. Das ist keine große Sache, das geht zack, zack.“

Donnerstag, Dezember 07, 2006

der tod treibt das leben vor sich her

Posted by Picasa
Der Tod schreitet mit schnittigem Gebein.
Das Leben zerrinnt wie im Buche.
Überall sucht der Tod seine Einflussnahme zu bevollmächtigen.
Sensenmänner dirigiert er über Hügel und Täler.
Der Tod treibt das Leben vor sich her.
Auch der Bürgermeister wird eines Tages zum Knochengebein verworfen.
Alle treibt er in finstere Grabesgruft.
Nichts mehr bleibt übrig, nur ein Häufchen Elend.

Georg Paulmichl - Aus dem Leben gegriffen-

Dienstag, Dezember 05, 2006

first cut

Posted by Picasa
Er war siebzehn. Ich war sechzehn. Dünn und hochgeschossen mit großen Augen.
Er lächelte mich an. Er berührte mich manchmal wie zufällig. Diese Art der Aufmerksamkeit war neu für mich. Er verzauberte mich. Ich war durcheinander, wie verloren. Ich starrte ihn an mit ungläubigem Blick. Immer wieder. Heimlich. Er hatte schwarzes, lockiges Haar. Er öffnete mir eine Tür in etwas Unbekanntes, Neues.
Dann war da noch ein Mädchen. Sie war viel schöner als ich. Sie hatte langes, dunkles Haar, sie bewegte sich anmutig, sie war selbstbewusst, sie hatte ein wunderbares Lächeln. Sie machte ihm schöne Augen. Und ich wusste nichts von dieser Art des Spiels. Ich war zu jung dafür, zu unerfahren, zu naiv. Und eines Tages waren sie ein Pärchen.
Als ich die Küche betrete, sieht sie mich an. Sie lächelt und fragt mich. Und ich erzähle ihr.
Und ich sage- Es tut weh da drinnen. In meinem Herzen.
Und ich weine.
Und sie umarmt mich so wie eine Mutter ihr Kind umarmt.
Du bist zu jung für diesen Schmerz.
Was für ein Schmerz?
Der Schmerz der ersten Liebe.

Sonntag, Dezember 03, 2006

dieser schleimer schon wieder

Posted by Picasa
Erkältungen sind interessant und bewundernswert.
Meine jedenfalls.
Ich liebe es, meine Erkältung zu beobachten.
Sie beginnt von einem Tag auf den anderen mit ein oder zwei Hustern. Dann ist Ruhe für einige Tage. Auf einmal in der Früh kratzt es ein wenig im Hals. Aber nur etwas. Und nur kurz. Und nach einer oder zwei Stunden niest du dreimal hintereinander. Das fällt dir nicht auf. Weil du hast gerade an der Seife geschnuppert und dieser Zitronenduft kitzelte deine Nase.
Nach zwei Stunden niest du fünf Mal hintereinander. Und das war es dann.
Und dann gehst du ins Bett. Nichts ahnend.
Am nächsten Morgen ist sie da, die Erkältung. Wie ein plötzlicher Wintereinbruch. Alles ist anders als am Tag zuvor. Dein Kopf ist voll, der Druck nicht auszuhalten. Die Augen rinnen um die Wette. Die Nasenlöcher sind abwechselnd so verstopft, dass du glaubst, du hast nur Watte im Hirnkastl.
Du bist nur mehr zu zwanzig Prozent leistungsfähig, obwohl du kein Fieber hast. Aber du fühlst dich trotzdem krank. Du legst dich, weil Gott sei Dank Wochenende ist, sofort nach der Arbeit ins Bett mit Tee und Rotlichtlampe und einer Großpackung Taschentücher. Am Abend nimmst du ein Erkältungsbad, sprühst dir danach homöopathisches Schnupfenmittel in beide Nasenlöcher, reibst dir Wick auf Brust und Rücken, trinkst einen Liter heiße Zitrone und nimmst dir eine Wärmeflasche mit.
Zuvor stopfst du dir noch kleine Papiertaschentücherkügelchen in die Nasenlöcher, legst dich auf den Rücken, weil du so besser Luft bekommst und fällst in tiefen Schlaf. Für eine halbe Stunde. Nach kurzer Zeit bist du wieder wach, du hast von einem Wüstensandsturm geträumt. Dein Mund ist vollkommen ausgetrocknet weil dich die Papiertaschentücherkügelchen nicht durch die Nase atmen lassen. Also trinkst du zwei Liter Wasser und gehst wieder zu Bett. Nach kurzer Zeit bist du wieder wach weil dich deine Blase drückt. Die Wärmeflasche liegt kalt auf deiner Brust. Irgendwann schläfst du wieder ein.
Am nächsten Morgen ist es schon viel besser. Und du bist froh und freust dich, dass die Erkältung deinen Kopf und dich verlassen hat.
Nach dem Aufstehen Überraschung! Sie ist noch immer da!
Sie hat dich nur ein wenig um den Finger oder um sonst was gewickelt. Sie ist nicht mehr im Kopf. Sie ist in den Bronchien. Hurra! Nur ein wenig tiefer gerutscht ist sie. Und da schleimt sie sich nun weiter ein. Und du hustest und hustest. Einmal mit Schleim, einmal ohne, dann wieder drei Mal mit und zwei Mal ohne.
Ach ja, denkst du dir. Wie hab ich nur glauben können, dass die Erkältung nur drei Tage bei mir bleibt!
Nun fängst du an zu inhalieren und wiederum mit Rotlichtlampe Kopf und Brust zu bestrahlen. Du presst jeden Tag zwei Kilo Orangen aus weil Vitamin C ist ja so gut bei einer Erkältung. Und du trinkst literweise Tee. Dieses Mal den Halskratzertee.
Und nach zwei Tagen ist der Husten vorbei und du bist guter Dinge und gehst zur Weihnachtsfeier, trinkst sogar zwei Gläser Wein und danach gehst du noch in die Bar und trinkst wieder zwei Gläser Wein und dann tanzt du auch noch und singst laut und schwitzt und denkst gar nicht mehr an die Erkältung. Weil die ist nun endgültig weg. Endgültig herausgeschwitzt.
Und zu Hause duschst du und schläfst wie ein Murmeltier.
Nach dem Aufstehen schon wieder Überraschung. Hurra!
Die Stimme ist weg. Total weg. Du krächzt wie ein Rabe. Und du presst dir wieder Orangen aus, weil Vitamin C ist ja so gut und du holst wieder die Rotlichtlampe und du schmierst dir Brust und Rücken und dieses Mal auch Hals mit Wick ein und liegst auf der Couch. Den ganzen Nachmittag. Und du nimmst dir vor, nichts oder wenigstens nur das Notwendigste zu reden. Aber das ist natürlich schwierig wenn die Freundinnen zum Krankenbesuch kommen. Und du bist beeindruckt von deiner Erkältung und das erzählst du auch. Immer wieder. Jeder Freundin, die kommt, mindestens einmal. Du bist voll der Bewunderung für deine Erkältung, die es schafft, vom Kopf hinunter in die Nase, dann in den Rachen und wieder hinauf in den Kopf zu schleichen und da herumzuschleimen. Tagelang.
Und du erzählst, dass die Erkältung raffinierter ist als du. Was für eine Leistung ist. Ja wirklich. Und du erzählst, wie überrascht du bist, dass dich die Erkältung an der Nase herumführt, nicht nur an der Nase auch am Rachen, an der Stimme und am Hirn. Und wie sie dich niederhaut.
Ein wirklicher Schleimer, diese Erkältung, ein hinterlistiger. Aber irgendwie witzig, irgendwie interessant. Man könnte sich einiges abschauen. Es ist schon eine Leistung, so hartnäckig und beständig zu sein.
Ich bewundere meine Erkältung. Ja, ich bewundere sie.
Und die Freundin hört zu, gebannt, interessiert.
Und auf einmal, auf einmal hustet sie zwei Mal. Hintereinander. Und dann nichts mehr.
Und auf einmal niest sie. Drei Mal.
Das ist sicher diese Seife, die du da hast. Diese Zitronenseife. Sie kitzelt in der Nase.