Mittwoch, August 30, 2006

der professor

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Gestern, als wir unterwegs waren, sah ich ihn wieder nach vielen Jahren. Auf der Straße, im Vorübergehen.
Er kann es nicht gewesen sein. Aber er sah so aus wie er.
Mein Professor.
Er war berühmt. Er unterrichtete zeitweise am Mozarteum.
Er war berühmt aber man sah es ihm nicht an.
Er war berühmt in Salzburg. Vielleicht ist das nicht sehr berühmt.
Er hatte immer dieselbe moosgrüne Jacke an. Wenn es regnete, hatte er die Kapuze übergestülpt und kam herein ins Klassenzimmer. Klatschnass. Schüttelte die Jacke aus. Setzte sich hin.
Bei Regen trug er Gummistiefel. Die auch grün waren.
Er hatte längeres Haar mit grauen Schläfen. Er war stets schlecht rasiert.
Er sah aus wie eine Mischung aus russischem Märchenerzähler und kanadischem Holzfäller.
Meistens war er abwesend. Er schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Aber manchmal blitzten seine blauen Augen auf. Er hatte diese Leidenschaft in den Augen, wenn er sich begeisterte.
Und dann redete er und es war still im Raum. Alle hörten zu. Und er erzählte und philosophierte und kam von einem Thema ins andere.
Ich war verliebt in ihn.
Es war nicht die Art von Verliebtheit der Schülerin in ihren Professor. Ich träumte nicht von ihm. Ich zeichnete keine Herzen in mein Schulheft. Ich schrieb nicht seinen Namen.
Ich war auch nicht verliebt in sein Äußeres, seine Erscheinung oder seinen Charme. Ich war verliebt in seine Worte. In das, was er sagte, und wie er es sagte.
Ich verliebte mich in die Art wie er meine Arbeiten ansah.
Er hörte genau hin wenn ich ihm erklärte was ich gemacht hatte und warum gerade so und nicht anders.
Er war ruhig, nachdenklich und schien alles, was ich ihm erzählte aufzusaugen.
Wie ein Schwamm.
Und wenn ich fertig war mit meinen Erklärungen begann er zu reden.
Er stellte Fragen. Ganz ungewöhnliche Fragen. Und diese Fragen zwangen dich dazu, nachzudenken, in dein Innerstes zu gehen, in die Tiefe.
Ich hatte niemals eine prompte Antwort parat.
Ich war eingeschüchtert durch seine Fragen, begann zu zittern, zuckte mit den Schultern. Bat um Bedenkzeit.
Und dann, ganz unvermittelt, legte er seine große Hand auf deine Zeichnung, strich darüber – weich, wischend. Dieses Geräusch dieser wischenden Hand auf dem Blatt habe ich noch im Ohr.
Dann war er kurz still.
Und auf einmal hob er die Arme hoch wie ein Prediger. Dann presste er eine Hand auf deine Arbeit, holte mit der anderen aus, fuhr sich durchs Haar, streckte die Finger beider Hände weit auseinander, und ließ sie dann wieder auf deine Arbeit gleiten. Und wieder dieses Wischen.
Dabei schaute er dich an. Er schaute durch dich durch. Und du musstest den Blick senken. Aber er ließ das nicht zu. Er schaute dich so lange an, bis du ihm wieder in die Augen blicktest. Und die gestikulierende Hand war wieder da, und strich wiederum wischend über das Blatt. Dann ruhte sie für einige Zeit.
Stille.
Er sagte nichts mehr. Sah dich an. Plötzlich streckte er sich wieder. Der Arm flog an dir vorbei. Dann zurück, hinunter auf das Blatt, wischend, sanft kreisend. Betastend. Und dann sprach er über die Energie des Bildes, die Kraft, den harten Strich, die Weichheit.
Er formte mit seinen Händen eine imaginäre Tonfigur.
Und da waren nur seine Arme, Hände, seine Stimme. Sonst war da nichts. Alles um dich war vergessen. Der Raum, die anderen Studenten, die Temperatur. Du selbst warst auch vergessen.
Da waren nur mehr diese streichenden, wischenden Hände und die Stimme.
Er, du und deine Arbeit.

Freitag, August 25, 2006

a short break

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anger management

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Ich sollte öfter einen Teller zerschlagen. Oder ein Glas.
In Gedanken mache ich das ziemlich häufig.
Es gibt eben manchmal Tage, an denen die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen. Es gibt Tage, an denen alles irgendwie misslingt.
An solchen Tagen zerschlage ich in Gedanken mein komplettes Kaffeeservice.
Und es gibt auch manchmal eine Abfolge von frustrierenden Tagen.
Und irgendwie steigert sich das dann.
Und dann sollte ich eigentlich mein Tafelservice zerschlagen.
Oder irgendetwas aus dem Fenster schmeißen.
Die große grüne Vase. Hinunter auf den Gehsteig. Sodass es wirklich kracht.
Mit großer Kraft wegschleudern. Und laut schreien dabei. Oder mit voller Wucht gegen das Bücherregal rennen und es umwerfen.
Oder alles, was mir unterkommt gegen die Wand klatschen. So dass es laut kracht.
So wie im Film.
Befreiend wäre das.
Aber es steht zuwenig rum hier, das Krach macht beim Zerschlagen.
Wenn ich mich nun umblicke, könnte ich die kleinen Kerzenständer aus Glas auf den Boden schmeißen. Aber würden nicht zerbrechen. Das Glas ist zu dick. Der Boden hätte nur Dellen.
Ich könnte auch die Polster auf der Couch um mich werfen. Aber das bringt gar nichts.
Oder die Behälter mit den Stiften.
Oder die CDS.
Das geht alles nicht.
Das bringt alles nichts.
Es macht keinen Lärm.
Das Regal umwerfen. Ja, das ginge.
Es würde gegen die Glastür knallen, die in tausend Scherben zerspringen würde und das Bild von der Wand mitreißen, das mit der Glasscheibe. Das wäre auch schön laut.
Mit viel Glück würde der Blumentopf mit dem Efeu zerspringen und auf den Tisch mit der Glasplatte fallen.
Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering.
Wahrscheinlich würde ich es gar nicht schaffen, das Regal umzuwerfen. Es würde höchstens umfallen.
Und es bliebe alles ganz.
Und nachher würde ich das ganze Graffl aufräumen müssen.
Das würde meine Wut ins Unermessliche steigern.
Und ich würde dann so wütend sein, dass ich den Fernsehapparat aus dem Fenster werfen würde.
Und wenn ich Glück hätte, würde der das Auto des Nachbarn treffen. Und das gäbe einen tollen Krach.
Aber ich glaube, der Fernseher würde mir schon vorher auf die Zehen fallen.
Vor lauter Wut würde ich dann den Computer nehmen und ihn in die Glasvitrine knallen.
Dann könnte ich nicht mehr tippen.
Und ich wäre dann wirklich wütend. Ich würde dann alles aus dem Fenster werfen. Den Schreibtisch und den Sessel dazu und den Drucker und den Esstisch und…
Ein Spaß wäre das.
Es ist spät.
Ich bin zu müde zum Werfen.
Sogar der Blick, den ich gerade auf die Uhr werfe, ist lahm.
Ich schmeiße auch nichts mehr rum.
Kein Glas, keinen Teller.
Ich schmeiße mich.
Ins Bett.
Das geht gerade noch.

Mittwoch, August 23, 2006

was soll ich da sagen?

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Und da fragt er mich wie ich mich fühle.
Und was soll da ich sagen?
Verwirrt halt.
Irgendwie traurig.
Und durcheinander.
Ich muss nachdenken.
Alles durchdenken.
Der Reihe nach.
Das funktioniert heute gar nicht.
Weil mir alles durcheinander kommt.
Weil ich den roten Faden verliere.
Weil ich überfordert bin.
Es war perfekt.
Das Restaurant.
Das Essen.
Der Wein.
Die Musik.
Die Stimmung.
Alles.
Perfekt.
Und heute.
Überfordert.
Mit allem.
Mit dem, was er sagt.
Mit der Nähe.
Mit ihm.
Ich höre nur das eine Lied.
Und das passt genau.
Zur meinerStimmung.
And this song
Is just
So right
For the moment.

I'm not in love,
so don't forget it.
It's just a silly phase I'm going through.
And just because I call you up,
Don't get me wrong, don't think you've got it made.
I'm not in love, no no, it's because...
I like to see you, but then again,
That doesn't mean you mean that much to me.
So if I call you, don't make a fuzz;
Don't tell your friends about the two of us.
I'm not in love, no no, it's because...
I keep your picture upon the wall.
It hides a nasty stain that's lying there.
So don't you ask me to give it back.
I know you know it doesn't mean that much to me.
I'm not in love, no no, it's because...
Ooh, you'll wait a long time for me.
Ooh, you'll wait a long time.
I'm not in love, I'm not in love...

Tori Amos

Dienstag, August 22, 2006

die araber sind da

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Die Araber sind da.
Sie sitzen im Regen auf der Dorfstraße.
Sie lieben den Regen.
Und das kleine Dorf wo man zu Fuß einkaufen gehen kann und alles bekommt.
Sie kraxeln im Gebirg’ herum und rutschen mit den Plastiksackerln den Gletscher herunter.
Sie lieben die Berge und den Schnee.
Die Araber sind da.
Meistens mit mehreren Frauen.
Bei ihrer Ankunft schleppen die Frauen die Koffer. Egal, ob die Frau eine Matrone ist, eine fülligere oder ein blutjunges, dünnes Geschöpf.
Die Frauen tragen die Koffer. Und die Koffer sind riesig. Und schwer. Und es dauert eine Ewigkeit, bis sie aus dem Zug kommen mit all dem Gepäck. Und da gibt es dann Verspätung.
Die Meinungen spalten sich im Dorf.
Die Scheichs bringen viel Geld, sagen die einen.
Jammert nicht.
Die Scheichs kaufen ohne nachzudenken. Sie schauen nicht auf’s Geld.
Das macht doch nichts, dass sie den Müll auf die Straße schmeißen.
Das bissl Müll! Das räumen wir schon wieder weg.
Das macht doch nichts, dass sie im Gasthaus die Servietten und Kerzen wegräumen.
Ist eh weniger Arbeit ohne die Tischdekoration.
Das macht doch nichts, dass die Kinder mit den Gläsern schmeißen.
Die paar Gläser! Kaufen wir halt neue.
Das macht doch nichts, dass sie Cola aus Dosen trinken.
Haben wir weniger Abwasch. Und wen stören denn ein paar Dosen am Tisch?
Das macht doch nichts, dass sie das Hotelzimmer verwüsten.
Das kann man alles wieder in Ordnung bringen.
Das muss man akzeptieren. Sie sind halt anders.
Sie sind das halt bei uns nicht gewohnt.
Nein, das geht nicht, sagen die anderen.
Sie haben keine Manieren. Eine Frechheit ist das. Sie sollen sich anpassen.
Sie sollen bleiben, wo sie sind, die Araber.
Wir brauchen sie da nicht.
Wir haben eh die Deutschen und die Holländer.
Und sie geben niemals Trinkgeld. Sie bedanken sich nicht einmal.
Im Gegenteil, sie behandeln uns wie Sklaven.
Sie sollen wieder zurückgehen. Dahin, wo der Pfeffer wächst.
Und der Wirbel, den sie machen.
Und dann essen sie mit den Händen.
Und schmatzen.
Und schnalzen mit dem Finger. Und glauben, der Kellner rennt dann gleich.
Und die verschleierten Frauen. Wie sie das Essen da unter ihren Schleier reinschaufeln. Man kann da gar nicht hinschauen.
Gestern saßen wir beim Inder.
Und ich zerbrach ein Weinglas. Natürlich aus Versehen. Ein leeres. Bei der Begrüßung. Ich war wohl zu stürmisch.
Das macht nichts, Lady, sagte der Chef. Das ist heute Abend schon das dreizehnte.
Schauen Sie sich um, Lady. Die Araber.
Sie haben ja keine Ahnung, was ich mitmache.
Mit den Arabern.
Ich schaute mich um.
Da saßen sie. Mit Kind und Kegel und Ehefrauen. Eigentlich ganz manierlich.
Sie haben keine Ahnung, Lady.
Und dann klagte er uns sein Leid.
Eine halbe Stunde lang.
Die Araber.
Leicht haben sie es ja nicht nicht zur Zeit.
Sind ja gerade nicht sehr beliebt
Sie sollen sich ein wenig zusammennehmen, die Araber. Wenn sie bei uns Urlaub machen.
Wir Österreicher sind ein wenig empfindlich.
Jammern und schimpfen dürfen sie. Sich aufregen.
Und aufpudeln.
Aber nur hinter unserem Rücken, bitt' schö’.
Und sonst schön höflich bleiben. So wie wir das machen.
Und ja kein Papierl auf die Straße schmeißen.
Wir werden da sonst grantig.
Weil bei uns ist es sauber.
Und das soll so bleiben.
Wollen’s noch a Melange, Herr Scheich?
Und für die Frau Gemahlinnen vielleicht eine frische Nachspeis’ – ein Mozart-Torterl mit Schlagobers?

Montag, August 21, 2006

gigei, gogei

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Gigei, Gogei, Heisei bau’n,
aufisteig’n und owaschaun.
Waast nit aufig’stieg’n,
waast nit owag’foin,
Hätt’st mei Schwestal g’heirat,
waast mei Schwoga woarn.
Hätt’st a Heisei kriagt,
und a Kuahl dazua,
und a Millisupp’n a da Fruah.

Bigga, bogga, Besnstü',
sitzt a Mannei auf da Müh’,
hot a staubig’s Hiadl auf
umandum voi Fedal drauf.
Kikrigo, kraht da Hoh’,
zinggei, zannggei, außito.

Kinderreime – mündlich überliefert

Sonntag, August 20, 2006

the stranger

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Mindestens einmal im Leben trifft man eine fremde Person, die einem im Gedächtnis bleibt.
Man erinnert sich sein Leben lang an diese Person obwohl die Begegnung eine flüchtige und kurze war.
Ich traf diese Person vor Jahren als ich im Zug von München nach Salzburg saß. Ich war damals Studentin und hatte eine Freundin besucht.
Es war der Nachtzug. Im Abteil saß ein Geschäftsmann im grauen Anzug, der Zeitung las, eine Frau, die sich in ihr Buch vergrub und niemals aufschaute, ein Liebespaar, das Händchen hielt und sich ständig küsste und ein Betrunkener, der den Kopf gesenkt hatte und schlief.
Kurz bevor der Zug abfuhr, stieg ein Mann in einem schwarzen Mantel ein. Ich sah ihn kommen, die automatische Tür schloss sich hinter ihm. Er setze sich mir gegenüber. Er war um die vierzig Jahre alt.
Er sah mich an, also lächelte ich höflich.
Ich mag es nicht, wenn einen Leute einfach ignorieren. So als ob man nicht da wäre.
Ich frage mich ohnehin, warum Leute im Zug nicht mehr miteinander reden.
Der Mann lächelte zurück. Er war schlecht rasiert, sein Haar war wirr und wirkte ungekämmt. Aber er sah sympathisch aus.
Der Zug fuhr ab.
In diesem Moment erhob sich der Betrunkene und begann zu tanzen.
Ein irgendwie peinlicher Moment. Die lesende Frau vergrub sich ganz in ihr Buch. Man sah ihr Gesicht nicht mehr.
Der Geschäftsmann schaute kurz auf, runzelte die Stirn, raschelte mit seiner Zeitung und las weiter.
Das Liebespärchen beobachtete den betrunkenen Tanzenden, kicherte und tuschelte.
Mein Gegenüber schaute den Tanzenden kurz an und dann zu mir.
Er hat wohl ein wenig zuviel erwischt, sagte ich und grinste.
Eine dumme Bemerkung. Aber es war schon gesagt.
Leben Sie in München?
Nein, in Salzburg. Ich werde abgeholt.
Ich war vorsichtig.
Dann wieder Schweigen. Wir schauten aus dem Fenster. Die dunkle Landschaft flog vorüber.
Sind Sie Studentin?
Ich nickte.
Ich bin auf der Pädak. Pädagogische Akademie.
Ja, ich weiß, sagte er.
Deutsch oder Englisch?
Englisch.
Warten Sie, und Geschichte.
Ich schüttelte den Kopf.
Kunst?
Ja, bildnerische Erziehung.
Es schien, als wäre er verärgert, es nicht gleich erraten zu haben.
Wieso haben Sie das gewusst?
Er zuckte mit den Schultern.
Warum wussten Sie das?
Er zuckte nochmals.
Was machen Sie?
Ich bin ein Spieler.
Ein Spieler?
Ein Puppenspieler?
Er lachte.
Nein, ich spiele in Casinos. Roulette.
Davon können Sie leben?
Ich war verwirrt.
Er nickte.
Ja, ich reise von Casino zu Casino. Nun fahr ich in die Schweiz.Ich kann nie zu lange an einem Ort bleiben. In Deutschland kennen sie mich schon.
Das war er längste Satz, den er bisher gesagt hatte.
Er griff in seinen Hosensack und holte ein Bündel Tausend-Schilling-Scheine heraus.
Es war ein dickes Bündel.
Sind Sie gut? Gewinnen Sie oft?
Er griff in seine zweite Hosentasche und ein weiteres Bündel Tausender kam zum Vorschein.
Ich habe ein System erfunden.
Ich kann mit achtzig Prozent Wahrscheinlichkeit voraussagen, auf welche Zahl die Kugel fällt.
Das Problem ist, dass es nicht genügend Casinos gibt.
Und dass mich schon alle kennen in Deutschland.
Gibt es in Salzburg ein Casino?
Ja, sagte ich.
Im Schloss Klessheim.
Und in Bad Gastein gibt es auch eines.
Wo leben Sie?
In Grünwald.
In Grünwald bei München?
Da, wo die Prominenz wohnt?
Ja, genau da.
Mit Ihrer Frau?
Nein, mit meiner Mutter.
Ich sah, dass er mir gern antwortete, also fragte ich weiter.
Was arbeitet Ihre Mutter?
Nichts.
Er merkte, dass ich weiter fragen wollte und erklärte: Wir kommen mit dem, was ich verdiene, gut aus.
Mit dem Geld, das Sie beim Roulette gewinnen?
Ja, wir führen ein angenehmes Leben.
Der Zug fuhr in Salzburg ein.
Ich stieg aus.
Viel Glück mit Ihrem Studium.
Ich wünschte ihm Glück bei seinem Roulette-Spiel.
Es gibt kein Glück im Roulette.
Er lächelte und zwinkerte mir zu.

Samstag, August 19, 2006

jeder mensch ist ein abgrund

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Jedes Mal wenn ich mit dem Rad den Berg hinauf fahre, sehe, höre oder rieche ich etwas Neues.
Etwas Schönes.
Etwas, das ich am Vortag noch nicht gesehen habe, obwohl ich meistens um dieselbe Zeit fahre.
Einmal ein Lichtfleck in Form einer Violine am dunklen Waldboden.
Ein anderes Mal gluckst der Bach auf eine besondere Art.
So, als ob er mich auslachen würde.
Und dann ein eigenartiges Wischen. Wie von einer Sense.
Es ist eine Kuh, die unsichtbar zwischen Bäumen frisst.
Manchmal rieche ich frisch geschnittenes Gras und der Bauer hebt die Hand und lächelt.
Manchmal fahre ich vom dunklen Tal hinauf in die Sonne.
Und es ist einen kurzen Augenblick lang warm und das Licht leuchtet sanft.
Gestern war es anders.
Da lag ein großer Stein mitten am Weg. Ich sah ihn schon von weitem.
Und als ich ganz nahe war, sah ich das Grauen.
Eine Blindschleiche, erschlagen mit dem Stein.
Ein Gemetzel.
Eine Hinrichtung.
Das war nicht zufällig, das war absichtlich geschehen.
Später zu Hause in den Nachrichten höre ich.
Im Nachbardorf hat man Jugendliche ausgeforscht.
Sie haben jahrelang Tiere misshandelt.
Kühe auf der Weide.
Schafe auf der Wiese.
Mit Steinen geschlagen und verletzt bis sie geblutet haben.
Einfach so.
Aus Spaß.
Zum Zeitvertreib.
Ich weiß nicht ob ich heute auf den Berg fahre.
Der Stein liegt sicher noch immer dort.

"Jeder Mensch ist ein Abgrund;
es schwindelt einem, wenn man hinabsieht."

Georg Büchner - Woyzeck

Freitag, August 18, 2006

und überhaupt

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Und da hab ich mich dann wieder erinnert, dass ich Schauspielerin werden wollte.
Susanne und ich waren einmal sogar ganz nah dran, im Mozarteum die Aufnahmsprüfung zu machen.
Aber dann machten wir es doch nicht.
Gesagt hab ich das ja niemandem außer Susanne.
Wenn ich das meinem Vater gesagt hätte, dann hätte er geschimpft.
Arbeite lieber mal was.
Dieses ständiges Herumhocken bei den Büchern.
Und überhaupt, Was brauchst so viele Bücher?
Es war schon was besonderes, dass ich ins Gymnasium gehen durfte.
Das war ein Realgymnasium. Eh das falsche für mich. Aber ein anderes war nicht in der Nähe.
Ich war nicht begabt in Mathematik, Chemie und Physik.
Es war ein Privatgymnasium und es kostete Geld.
Wer Geld braucht, sagte Papa, muss arbeiten.
Es wird einem nix g’schenkt im Leben.
Der Direktor von der Hauptschule ist damals zu meinem Vater gegangen und hat gesagt, Ihre Tochter muss ins Gymnasium. Und irgendwie hat sich Papa dann doch überreden lassen.
Und ich hab mich geschämt, weil ihn Papa geduzt hat.
Das ist mein Direktor, Papa. Zu dem kannst nicht Du sagen.
A geh, der junge Hupfer.
Mein Papa duzt nach wie vor jeden.
Aber das ist eh üblich bei uns im Gebirg, Frau Schickse . Nach wie vor.
Die ganzen Jahre hat er immer wieder herumlamentiert, weil ich die ganze Zeit im Zimmer hock und lese und lerne anstatt was zu arbeiten.
Drum arbeite wenigstens in den Ferien. Sonst wird dir langweilig.
Urlaub gab es niemals.
Am Wochenende musste ich mit in die Berge.
Zum Schwammerlsuchen oder Preiselbeerbrocken.
Meine Klassenkameraden fuhren in den Ferien nach Caorle oder Lignano.
Ich musste arbeiten.
Die Werkstatt mit dem Reisigbesen zusammenkehren.
Holz klauben, hinter das Haus tragen und aufschlichten.
Den Gästen im Haus Frühstück servieren.
Wir hatten Fremdenzimmer. So hieß das damals.
Ich musste die Fremdenzimmer putzen, Betten beziehen und Waschbecken putzen. Duschen gab es damals nicht in den Zimmern.
Susanne flog sogar nach England.
Wir waren befreundet. Sie erzählte mir von London.
Ich erzählte ihr nicht viel.
Weil es nicht viel zu erzählen gab.
Eine Woche lang durfte ich zu meinem Onkel nach Hallein fahren.
Mehr war nicht drin.
Der Onkel hatte eine Diskothek.
Und ich durfte dort hinter der Bar ausschenken.
Ich hätte gerne Tennis spielen gelernt. Oder Saxophon.
Ich fragte gar nicht um Erlaubnis. Ich wusste, das war zwecklos.
Tennis spielen hab ich später gelernt. Saxophon spielen nicht.
Und in den Urlaub fahr ich auch inzwischen.
In Caorle und Lignano war ich aber noch nie.
Theater spielen habe ich auch gelernt.
Ein wenig.
Da ergab sich die Gelegenheit.
Theaterseminar im Toi-Haus in Salzburg.
Und vor einigen Monaten hat mich die Frauenkabarettgruppe gefragt, ob ich mitmachen will.
Und ich will.
Das sind klasse Weiberleit.
Wir treffen uns manchmal am Freitag. Zum Improvisieren.
Und es ist jedes Mal eine Hetz'.
Wir bauen dich ein ins Programm.
Du passt gut zu uns.
Ham’s unlängst g’sagt.
Und beim nächsten Programm machst mit.
Auch beim Schreiben.
Vor allem beim Schreiben.
Aber es dauert eh noch ein wenig.
Weil ihr Programm spielen’s noch im kommenden Herbst.
Es freut mich.
Es freut mich sogar sehr.
Saxophon lernen werd’ ich nicht.
Wenn, dann lern ich Schlagzeug.
Da steht noch eins von meinem Sohn, im Haus, das ich mit dem Exmann bewohnte.
Der Sohn spielt nicht mehr Schlagzeug. Er versucht sich nun als DJ.
Mehr oder weniger erfolgreich.
Dabei war er so gut mit dem Schlagzeug.
Aber Mütter finden ihre Söhne ja immer gut.
Der dürfte auch Tennis spielen.
Wenn er wollte.
Oder Schauspieler werden.
Wenn er wollte.
Und in die Welt reisen.
Wenn er wollte.
Er will Geld verdienen, sagt er.
In einem Jahr vielleicht.
Oder in zwei.
Er will an seiner Karriere als DJ arbeiten.
Papa sagt mittlerweile zu mir:
Arbeite nicht so viel.
Aber er fragt immer noch:
Und überhaupt, was brauchst so viele Bücher?


Mittwoch, August 16, 2006

die verzauberung


Ich rufe Erika an.
I bin a dabei !
Du a?
Voi klass.
Kimm vabei auf a Glasal.
Helene ist auch dabei.
Und Annas Zwillingstochter.
Die ältere.
Der zweite eineiige nicht.
Da saßen wir nun.
Und stießen an.
Vor zwei Wochen waren wir beim Casting gewesen.
Casting klingt toll.
Statisten-Casting ein bisschen weniger.
Aber auch toll.
Für mich.
Weil das hab ich noch nie gemacht.
Ja, morgen in der Früh, beim Habersatter um halb neun Besprechung.
Hat sie gsagt, die von der Olga-Film-Agentur.
Olga klingt nach Pornofilm, sagte Helene.
Ihr braucht drei Outfits, nichts Schwarzes, nichts Weißes, nichts Neonfarbiges.
Und die Sozialversicherungsnummer.
Vormittag Besprechung.
Danach Straßenszene.
Nachmittag Szene in der Arztpraxis.
Wie heißt der Film eigentlich genau?
Irgendwas mit Zauber. Zauberberg, sagte Erika.
Die Verzauberung heißt er.
Aja, den Zauberberg gibt’s schon.
Erika und ich waren vorgesehen als special-extras, Spezialkomparsen.
Warum ich wohl nicht dabei bin? fragte Anna.
Du gingst mit ihm in dieselbe Schule.
Ja, wir nannten ihn Glühdraht.
Warum Glühdraht?
Na, wegen dem Wolfram.
Ich hab ihn schon mal getroffen, den Wolfram Paulus. Damals, als er für seinen Film „Heidenlöcher“ Laiendarsteller suchte, erzählte ich.
Ich traf ihn vor zwei Jahren, sagte Anna.
Da waren wir essen mitsammen.
Und der Film den er damals drehte, war nicht so erfolgreich.
Damals sagte er zu mir: Du bringst mir kein Glück.
Drum hat er mich auch nicht genommen.
Wir warteten im Nebenstüberl vom Habersatter.
Dann mussten wir alle raus.
Ich hatte den Fotoapparat vergessen.
Stand da mit dem Haio von Stetten herum.
Und der Paulus auch ganz nah da.
Und ich durfte nicht weg.
Nein, weil die Einstellung müssen wir vielleicht nochmals machen.
Wir warten auf die Sonne.
Da stand ich. Ich hatte mich umziehen müssen.
Das türkise T-Shirt gefiel der Regieassistentin besser.
Meine Zehen waren kalt.
Das Auto mit der Katharina Abt und dem Herrn von Stetten fuhr zum vierten Mal vor.
Ich bekam von Frau Assistentin einen Klaps auf die Schulter.
Das Signal für’s Losgehen.
Vorbei an der Kamera, nicht zu eng.
Ihr zwei, bleibt da beim Ständer.
Gelächter.
Zum x-ten Mal durchforsteten sie den Kleiderständer vor dem Textilgeschäft
Hey, ihr da, ihr Männer, auf den Gehsteig, schrie Claudia, die Regieassistentin.
Die beiden alten Herren zuckten zusammen.
Da kommt das Auto sonst nicht vorbei.
Klappe die siebente.
Marsch. Los.
Mike im rot karierten Hemd ging dieses Mal links an mir vorbei.
Ich grinste ihn an.
Ein Auto parkte.
Direkt vor der Kamera.
Aus ! Von vorne !
Sie können hier nicht parken. Hier ist Parkverbot.
Hier war noch nie Parkverbot, sagte eine der zwei alten Damen.
Die Diskussion dauerte einige Minuten.
Dann fuhren die Damen wieder.
Ton ab.
Klappe.
Hat da wer geredet?
Klappe, die neunte.
Es klappte nach der neunten Klappe.
Schnell hinein in die Gaststube.
Aufwärmen.
Die Sonne ließ sich nicht mehr blicken.
Umziehen.
Andere Farben.
Lange Hose.
Ein Loch im Pullover. Das hatte ich zu Hause nicht gesehen.
Michel, zuvor im rotweiß karierten Hemd und Lederhose, nun in vintage Jeans und grünem Walkjanker neben mir.
Ausgangsposition. Los, marsch.
Wir gingen los und redeten über Irland, die Kinder, Urlaub.
Weiter Richtung Kamera, vorbei an den zwei alten Herren, die am Gehsteig standen und redeten.
Vorbei am Eingang vom Habersatter, aus dem der Herr von Stetten und die Frau Abt kamen.
Michel, sagte ich.
Wir sind nun sicher toll im Bild, ich spüre das.
Wir sind wirklich professionell.
Das war sicher eine Totale.
Noch dazu auf meiner Schokoladenseite.
Wir sind genau in der Schusslinie von dem Haio und der Katharina.
Ausgangsposition.
Schnell !
Die Regieassistentin schrie laut.
Wieso blinkt das Auto da vorne?
Weiterfahren, rief sie einem Holländer zu, der zuvorkommend in die Parklücke gefahren war.
Herr Paulus schaute angestrengt.


Man merkte, dass er der Regisseur war.
An der Kleidung.
Beige Hose, beiges Sakko, dunkelroter Schal, die Wollsocken in derselben Farbe.
Handgestrickt.
Bergschuhe.
Szene zwei dauerte nur acht Klappen.
Alles im Kasten.
Aufatmen.
Michel und ich hatten die acht Klappen lang die letzten acht Jahre Urlaubserlebnisse ausgetauscht.
Dann wieder in die Gaststube.
Honorarausgabe.
Dreißig Euro.
Es tut mir leid, sagte Claudia.
Es wird nichts mit der Szene beim Arzt.
Du bist zu oft im Bild gewesen.
Oje.
Wieder nix mit der Entdeckung.
Dabei hab ich gestern noch Stimmübungen gemacht.
Und eine Gurkenmaske aufgelegt.
Aber wenigstens hab ich ein Foto.
Ich war Nachmittag nochmals am Set beim Arzt.
Nun hab ich wenigstens den Paulus in der Kamera.
Der noch angestrengter schaute und genervt war.
Mehr als am Vormittag.
Wegen der Baustelle nebenan.
Und dem Lärem der Maschinen.
Außerdem schien die Sonne.
Es war heiß.
Es war drückend.
Fast hätt’ ich ihn gefragt:
Warum tun’S den Schal nicht runter? Ich halte ihn.
Aber ich war verzaubert.
Ein wenig.
Ich werde zweimal im Film sein.
Wenn ich Glück hab.
Einmal mit dem Hinterteil.
Und einmal mit dem Michel.


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Dienstag, August 15, 2006

paravent

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Wir sitzen uns gesittet gegenüber,
jeder auf seinem Stuhl,
und streicheln die Vorsicht
auf unserem Schoß
wie eine schnurrende Katze-
doch unsre Seelen
umarmen sich heimlich
hinter dem Paravent

Hans Kruppa

Montag, August 14, 2006

return to sender

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Ich will mein Paket abholen.
Es ist kein Paket da.
Füllen Sie diesen Nachforschungsauftrag aus.
Es ist nicht da?
Ich habe es vor drei Wochen weggeschickt.
Es ist nicht da.
Füllen Sie das aus bitte.
Ich fülle aus.
Zu Hause rufe ich an.
Zuerst die Auskunft
In England.
Weil ich die Nummer des Postamtes der Isle of Wight nicht habe.
Excuse me, I have got a problem.
..if you want to make a complaint, press 2.
Automated voice.
Ich rufe Carol an.
Carol lebt auf der Isle of Wight.
Sie wird morgen zum Postamt gehen.
Am nächsten Tag sagt sie mir, mein Paket wurde ordnungsgemäß weggeschickt.
Sie gibt mir die Nummer vom Postamt.
Die freundliche Dame weiß nichts.
Der Manager ist nicht da.
Ich solle morgen anrufen.
Am nächsten Tag rufe ich an.
Der Manager fragt mich, ob ich eine Versicherung abgeschlossen hätte.
Ich sage, die Dame habe mir gesagt, ich bräuchte keine.
Sie sagte, das Paket würde sicherlich ankommen.
Außerdem habe ich 52 Pfund bezahlt.
Zweiundfünfzig Pfund für ein Paket!
Er fragt mich, ob ich einen Nachforschungsauftrag ausgefüllt hätte.
Yes, here in Austria.
This is annoying, sir. I am angry.
Sorry, sagt er nur.
Sorry for the inconvenience.
Am nächsten Tage wieder zum Postamt.
Ihr Paket war in Berlin.
Warum in Berlin?
Wie kommt es nach Berlin?

Es tut mir leid, ich habe keine Ahnung.
Es war in Berlin, und nun ist es irgendwo.
Irgendwo?
Ja, es liegt irgendwo.
Vermutlich irgendwo an der Grenze, auf einem Zollamt.
Wir haben nachgeforscht.
Das Paket war nie hier in Österreich.
Ich rufe das Postamt auf der Isle of Wight an.
Der Manager ist da.
My parcel is lost.
My parcel is somewhere. Nobody knows, where exactly.
It was in Berlin.
And now it is somewhere. It could be anywhere!
Can you explain that to me?
Der Manager kann nicht.
Perhaps you were not at home when the parcel arrived.
It made its way to Austria.
It did not.
Ich bin wütend.
Ich bin mehr als wütend.
It was never in Austria. And it never made its way to my house.
Our postoffice would know. It is a small postoffice.
And they would remember a parcel from England.
You see?
Your parcel was transported by our partner.
By your partner?
Yes, Royal Mail has several partners.
They are all reliable.
I can see that!
Ich schnaube.
Austria did not accept your parcel.
And why is that?
There must be something dangerous in it.
You know, terror scare and all that.
There was nothing dangerous in it.
No conspiracy plans, no guns, nothing!
Only books.
British books!

And shoes!
We are very sorry, madam. For all this inconvenience.
In den folgenden Tagen schickte ich einen Beschwerdebrief und eine E-mail an die Postverwaltung in London, an den Manager des Postamts auf der Isle of Wight und an den Partner von Royal Mail.
Am liebsten hätte ich der Queen geschrieben.
Der Queen in her Fuckingham Palace.
Your Royal Highness, ihre Royal Mail können sie sich an ihren violetten Hut stecken.
Nach zwei Wochen ruft Carol an.
Das Paket sei bei ihr.
Gestern angekommen.
That is quite strange, it was in Berlin.
And somewhere in France.
Carol, I will be in London in six weeks.
Could you send it to my hotel there?
Das war vorigen Sommer.
Im Oktober war ich in London
Und nahm mein Paket nach Hause.
Sorry, madam.
Your luggage is too heavy.
Over there, on the right.
You fill in a form, please.
And come back here again.
Sie lächelte freundlich.
I filled in the form.
And paid 48 Pounds.
I love England.
I really do.
And the Brits.
They are true sweeties, aren’t they?

Samstag, August 12, 2006

the serial killer

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Man kann nicht sagen wie alt er ist.
Sein Haar ist links gescheitelt.
Exakt.
Ordentlich frisiert.
Es glänzt.
Von Pomade.
Er hat ein schmales Gesicht, bleich.
Er sieht englisch aus.
Er trägt eine Brille.
Mit dicken Linsen und breiten Bügeln.
Er vermeidet jeglichen Blickkontakt.
Sein Leben verläuft in strengen Ritualen.
Ich weiß nichts über seine privaten, heimlichen Rituale.
Er hat sicher welche.
Ganz schlimme.
Ich weiß nur von dem einen Ritual, das ich jeden Morgen sehe.
Und das macht mir Angst.
Er sitzt immer im selben Abteil.
Jeden Tag.
Manchmal neben mir.
Manchmal mir gegenüber.
Manchmal schräg von mir.
Er stellt seine Tasche neben sich auf den Sitz.
Er eine Plastikbox aus der Tasche und einen großen Löffel.
Dann den Walkman.
Es ist ein Sony Walkman.
Dann die Kopfhörer.
Er nimmt den Deckel von der Box und beginnt, sein Müsli zu essen.
Er isst langsam.
Und methodisch.
Er kaut langsam und regelmäßig.
Dabei sind seine Augen geschlossen.
Er schluckt, bevor er den nächsten Löffel nimmt.
Er braucht genau fünfzehn Minuten für sein Müsli.
Er kratzt den letzten Rest aus der Box.
Dabei schlägt er mit dem Löffel mehrmals in die Box um den letzten Rest herauszukratzen.
Das dauert eine Minute.
Er setzt den Deckel auf die Box.
Drückt ihn zweimal.
Vergewissert sich, ob der Deckel richtig sitzt.
Er nimmt ein Taschentuch aus der Tasche.
Wischt den Löffel ab.
Drei Mal.
Wickelt den Löffel ein und packt beides in die Tasche.
Er nimmt den Walkman.
Setzt die Kopfhörer auf.
Drückt auf „Play“
Schließt die Augen.
Dann hört er Musik.
Genau fünf Minuten lang.
Dann drückt er auf „Stopp.“
Wickelt das Kabel auf.
Legt den Walkman in seine Tasche.
Er nimmt ein Buch aus der Tasche.
Gestern sah ich den Titel.
"The Cereal Killer".
Ich wusste es.
Immer schon.

Freitag, August 11, 2006

money, money

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Ich war mit dem Fahrrad unterwegs.
Hey, rief sie, ich schulde dir zehn Euro.
Wir waren Kaffee trinken. Sie hatte ihre Geldtasche vergessen.
Lass das, ich lade dich ein.
Du bekommst es zurück.
Nächstes Mal wenn ich dich treffe.
Passt schon. Das nächste Mal zahlst du.
Nein, leih mir zehn Euro.
Ich sagte, dass ich dich einlade.
Nein, ich muss noch Wurst kaufen.
Leih mir zehn Euro.
Ich lieh sie ihr.
Und dann traf ich sie.
Ich habe deine zehn Euro dabei.
Halt die Hand auf.
Ich hielt die Hand auf.
Zwei, vier, sechs, acht, zehn, zwölf, vierzehn, fünfzehn, zwanzig.
Was tust du da?
Fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig, vierzig.
Was tust du da?
Gib mir einen Zehn-Euro-Schein und nicht das Kleingeld da.
Sei nicht so kleinlich. Geld ist Geld.
Einundvierzig, zweiundvierzig, dreiundvierzig, fünfundvierzig, siebenundvierzig…
Hast du nicht wenigstens Euromünzen. Was soll ich mit all den Cents da?
Ich muss das Kleingeld loswerden.
Sie zählte weiter bis neunzig.
Den Rest geb ich dir in Euro.
Und sie legte eine Euromünze drauf.
Hier noch fünfzig Cent obendrauf.
Für dich.
Du kannst sie anlegen.
Was anlegen?
In zehn Jahren kannst du dir dann ein Mittagessen kaufen. Oder mir.
Sie grinste.
Da stand ich nun.
Beide Hände voll mit Münzen.
Da ich mit dem Fahrrad unterwegs war und keine Tasche bei mir hatte, war, musste ich das Geld einschieben. In beide Hosentaschen. Ich sah aus wie ein schwangeres Känguru.
Das Rad musste ich schieben.
Die Münzen würden raus fallen beim fahren.
Ich ging in die Bank und wechselte die Münzen in einen Zehn-Euro-Schein.
Die fünfzig Cent ließ ich mir ein Ein-Cent-Münzen geben.
Das war vor zwei Monaten.
Seither laufe ich mich fünfzig Ein-Cent-Münzen in der Geldtasche herum.
Ich will ihr den Schotter wiedergeben.
Sie soll ihn investieren.
Ihn zehn Jahren soll sie mich dann einladen.
Zum Mittagessen.
Falls ich sie irgendwann treffe.

Donnerstag, August 10, 2006

bare naked

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Da war eine Ratte.
Direkt vor mir auf dem Gehsteig.
Als ich am Nachmittag vor zwei Wochen durch Salzburg ging.
Ich habe noch nicht viele Ratten gesehen in meinem Leben.
Einmal, vor vielen Jahren. Hinter dem Haus meiner Eltern vor dem Schuppen.
Mein Vater streute danach gleich Rattengift.
Da war diese Ratte vor mir. Mitten in Salzburg. Mitten am Gehsteig.
Auf einmal flitzte sie davon.
Ich hatte nicht gewusst, dass Ratten flitzen.
Und dann passierte etwas.
Jeder kennt das Gefühl.
Du hast ein Getränk vor dir. Und du glaubst, es ist das Getränk, das du bestellt hast.
Dann trinkst du.
Und dann ist das ganz etwas anderes.
Und einen Moment lang hast du dieses Gefühl, einen ganz kurzen Moment.
Das Gefühl der Verwirrung.
Der totalen Verwirrung. Fast ein Schock ist das.
Und dann melden die Geschmacksknospen deinem Hirnkastl, dass das nicht das ist, was du bestellt hast.
Und dein Hirnkastl denkt „Aha“.
Und du denkst: Das ist nicht der Apfelsaft, den ich bestellt habe. Das ist ein Radler.
Und dann passt wieder alles. Der Moment der Verwirrung ist vorbei.
So ist das auch, wenn du am Gehsteig eine Ratte zu sehen glaubst, und gleich darauf, nach diesem kurzen Moment der kompletten Verwirrung, merkst du auf einmal, es ist keine Ratte. Es ist ein Eichhörnchen!
Eines ohne Fell. Ein nacktes. Eines mit Glatze.
Glatze am ganzen Körper.
Ich habe noch nie ein nacktes Eichhörnchen gesehen.
Und war ziemlich verwirrt, eigentlich geschockt.
Es hatte lange Hinterbeine, einen spitzen Kopf und große Augen.
Augen wie eine Ratte.
Darum hab ich mich so getäuscht.
Am Schwanz merkte ich es.
Er war lang und drehte sich ständig. Rotierte. War immer in Bewegung.
Rattenschwänze, so erinnere ich mich, hängen nur runter. Oder werden nachgezogen.
Ich näherte mich vorsichtig und schon war es weg. In einem Hauseingang verschwunden.
Vielleicht war es von den anderen Eichhörnchen ausgeschlossen worden weil es nackt war. Und nun musste es zwischen den Häusern leben.
Vielleicht war es auch ein Trendsetter. Ein metrosexuelles Eichhörnchen. Das erste, metrosexuelle Eichhörnchen Salzburgs, das sich entschlossen hat, sich auf Grund der Hitzewelle seines Fells zu entledigen.
Ich rief Günther an. Günther kennt sich aus mit Getier.
Er hat seinerzeit Biologie studiert.
Nun sitzt er im Finanzamt und bearbeitet Steuererklärungen.
Ich erzählte ihm vom nackten Eichhörnchen. Dann fragte ich ihn, wie es ihm ginge.
Viel Arbeit.
Was denn?
Das Übliche. Die ganze Woche im Büro.
Er war nicht interessiert.
Dieses nackte Eichhörnchen beschäftigte mich den ganzen Tag.
Es gibt ja nackte Katzen. Nackte Katzen schauen gleich aus wie Katzen mit Fell. Nicht ganz, aber fast. Und man kennt, dass es eine Katze ist.
Aber ein nacktes Eichhörnchen sieht nicht nach Eichhörnchen aus. Es sieht aus wie eine Ratte.
Ich würde nun gerne eine nackte Ratte sehen.
So zum Vergleich.
Vielleicht sieht eine nackte Ratte nicht nach Ratte aus.
Vielleicht sieht sie aus wie ein Eichhörnchen.
Kann schon sein.

Dienstag, August 08, 2006

run, rabbit, run

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Heute Morgen studierte ich den Wetterbericht.
Es sieht nicht gut aus.
Es sieht nach Regen aus.
Die ganze Woche.


Lo fährt in den Urlaub.
Lo fährt mit Mann und Kind in den Urlaub.
Wenn es schön wird.
Was ich nicht hoffe.
Der Hase fährt nicht mit.
Die Zimmerpflanzen auch nicht.
Ich war heute bei Lo.
Zum Frühstück.
Ein opulentes Frühstück war das.
Köstlich.
Der Tisch, wunderbar gedeckt.
Mit allem, was das Herz begehrt.
Und Frühstückseikappenentferngerät.
Ich war beeindruckt.
Lo war bester Laune.
Ihr Mann auch.
Und das Kind.
Anschließend wurde ich in das Wohnzimmer gebeten.
Am Tisch lag ein Zettel.
Mit Anleitung.
Und Zeichnung.
Vom Hasen.
Lo ist begabt.
Sie hat sich Mühe gemacht.
Ich war beeindruckt.
Anschließend wurde ich in den Garten gebeten.
Richtung Hasenstall.
Artgerechte Tierhaltung.
Großes Hasengehege, großes Hasenhaus.
Ich war beeindruckt.
Der Hase heißt Hoppel.
Er ist ganz lieb.
Warum ist das Netz da?
Das war so.
Wir wachten gestern Nacht auf.
Von lautem Wehklagen.
Es war der Hase.
Es war Hoppel.
Siehst du ihn?
Er sieht traurig aus.
Siehst du seine Ohren?
Wie sie hängen?
Ich war beim Tierarzt.
Er hat eine auf die Birne bekommen.

Hoppel.
In der Nacht.
Von einer Katze oder so.
Er hatte Blutungen.
Im Kopf.

Darum das Netz.
Darum das Antibiotikum.
Jeden Tag.
Lo strahlte mich an.
Sie hielt mir eine Pipette vor die Nase.
Es geht ihm schon besser.
Sie nickte mehrmals.
Willst du Hoppel mal streicheln?
Zuerst entfernst du das Netz.
Das ist keine große Sache.
Es begann zu regnen.
Pass nur auf, dass sich nichts verheddert.
Danach ziehst du den Hasenpullover an.
Das ist der Hasenpullover.
Lo band sich einen großen hellgrauen Pullover um die Mitte.
Dann kommt die Matte.
Lo legte die Matte auf das Hasenhaus.
Nun nimmst du Hoppel auf den Arm.
Das ist keine große Sache.
Du fängst ihn in der Ecke.
Oder im Hasenhaus.
Es regnete stärker.
Hoppel hoppelte herum.
Lo ihm nach.
Hoppel hoppelte nach links.
Lo nach rechts.
Hoppel hoppelte nach vor.
Lo zurück.
Es schüttete.
Ich war klatschnass.
Lo auch.
Endlich.
Lo hatte Hoppel in der Hand.
Und nun setzt du dich auf die Matte.
Die legst du vorher auf das Hasenhaus.
Jetzt nimmst du Hoppel.
Auf den Schoß.
Nun kommt die Pipette.
Das ist keine große Sache.
Führ sie von der Seite in Hoppels Maul.
So, von der Seite.
Halt mal die Pipette.
Hoppel war weg.
Meine Schuhe waren aufgeweicht.
Der Hasenpullover auch.
Hoppel war im Hasenhaus.
Das ist keine große Sache.
Wenn Hoppel im Hasenhaus ist, ist es ganz einfach.
Mir war kalt.
Ich war durchnass.
Der Hasenpullover war dunkelgrau
Ich hab ihn.
Lo setzte sich auf die Matte.
Zum zweiten Mal.
Die Matte quietschte.
Vor Nässe.
Hoppel auch.
Vor Angst.
Das heißt Hasenklage.
Lo strahlte.
Nimm die Pipette und führe sie seitlich in Hoppels Mund.
Maul heißt das bei Hasen.
Dann halt Maul.
Gib mir die Pipette.
Ich gab sie ihr.
Bin ich schon drin?
Ich bückte mich.
Sie war noch nicht drin.
Hoppel triefte.
Ich auch.
Bin ich nun drin?
Nein.
Und nun?
Ein wenig.
Nun bin ich aber drin.
Ich glaub.
Ich glaub, ich bin doch nicht drin.
Ich glaub auch.
Aber nun bin ich sicher drin.
Hoppel schmatzte.
Die Pipette war leer.
Das ist keine große Sache.
Nun lobst du ihn.
Braver Hoppel, brav.
Und gibst ihm die Karotte.
Gib mir mal die Karotte.
Ich habe keine.
Macht nichts.
Dann lobst du ihn nochmals.
Braver Hoppel, brav.
Ich war nass bis auf die Haut.
Das Netz nun wieder drüber.
Pass auf, dass es sich nicht verheddert.
Das ist keine große Sache.
Das Netz hatte sich verheddert.
Lo, ich kann das nicht.
Aber ja, du kannst das.
Lo strahlte.
Du musst nur an dich glauben.
Ich wurde ins Bad gebeten.
Zum Duschen.
Und Umziehen.
Ich bekam einen Trainingsanzug.
Von Lo’s Mann.
Er war viel zu groß.
Aber trocken.
Ich wurde in die Küche gebeten.
Nun kommt Punkt zwei.
Lo strahlte.
Was ist Punkt zwei?
Punkt zwei ist die Fleisch fressende Pflanze.
Die Fleisch fressende Pflanze von Lo’s Kind.
Die Fleisch fressende Pflanze von Lo’s Kind ist empfidlich.
Du musst sie jeden Tag gießen.
Nicht zu viel.
So, dass sie schön feucht ist.
Du stellst sie jeden Tag vier Stunden in die pralle Sonne.
Und wenn es regnet?
Dann fahren wir nicht in den Urlaub.
Meine Frage schien mir unbeantwortet.
Sie darf nur eine Fliege am Tag bekommen.
Das ist keine große Sache.
Achte darauf, dass nur eine Fliege im Haus ist.
Die anderen erschlägst du.
Mit der Fliegenklappe.
Sie hängt da.


Heute Morgen studierte ich den Wetterbericht.
Es sieht gut aus.
Es sieht nach Regen aus.
Die ganze Woche.

mein onkel


Mein Onkel liebte es, wann immer er zu Besuch war, meine Rechtschreibung zu testen und mir knifflige Rechenaufgaben zu stellen.
Das mit der Rechtschreibung funktionierte.
Ich war stolz, dass ich ich wusste, dass man Stofffleck mit drei f’s schrieb und Stallaterne mit zwei l’s. Damals gab es keine neue Rechtschreibung.
Sein Geburtstag war zwei Tage vor meinem.
Manchmal war er hier zu dieser Zeit. Und dann feierten wir unseren Geburtstag gemeinsam.
Als ich 15 war, war er 51.
„Siehst du das? Die Zahlen sind dieselben, nur vertauscht. Wann wird das wieder der Fall sein?“ Ich hatte keine Ahnung.
Mit 15 war ich mathematisch unbegabt.
Auch mit 26 war ich mathematisch unbegabt. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt zu jener Zeit und dachte damals nicht an Onkels Rechenaufgaben.
Mit 37 erinnerte ich mich wieder an ihn. Er wäre 73 gewesen.
Mit 55 war er gestorben. Ganz plötzlich.
Ich könnte ihm zu Ehren mich wieder in die Rechenaufgaben vertiefen.
Wäre er 84 an meinem achtundvierzigsten Geburtstag oder 94 an meinem neunundvierzigsten?
Ich habe keine Ahnung.
Ich bin nach wie vor unbegabt im Rechnen.
An meinem 51. Geburtstag wird meine Nichte 15. Ich glaube, ich werde ihr dann eine Rechenaufgabe stellen.
Und mit ihr und in Gedanken an meinem Onkel den Geburtstag feiern.

Montag, August 07, 2006

my caravan is my castle

Auf dem Rückflug saß ich neben Frau Pölzner aus Pöham, die mir erzählte, dass sie heuer erstmals in Irland gewesen seien. Sie und Herr Pölzner, auch aus Pöheim. „Gefallen hat es uns nicht. Die Tochter hat uns die Reise geschenkt. Zum Hochzeitsjubiläum.
Wissen’S, wir sind nun fünfzig Jahre verheiratet. Jo mei, a longe Zeit.
Sie hat g’sagt, wir sollen uns mal was gönnen. Wir sind ja sonst jeden Sommer in Strobl. Am Wolfgangsee.
Wissen Sie, ich bin ja mit Mann hier. Aber der sitzt da hinten.
Wissen’S, ich hab g’sagt, Bertl, hab ich g’sagt, wir sind eh immer zamm sonst, heute sitzen wir mal nicht nebeneinander.
Wir sind ja schon in der Pension. Ich hab g’sagt zu meinem Mann, wir sitzen uns heut auseinander. Da kommen wir mal mit anderen Leuten ins Gespräch.“
Frau Pölzner aus Pöham redete und redete. Ich konnte es irgendwie verstehen, dass Herr Pölzner nichts dagegen hatte, wo anders zu sitzen. Ich könnte es sogar verstehen, wenn er ein anderes Flugzeug genommen hätte.
„Wissen’S, mir ham am Wolfgangsee unseren Wohnwagen stehen.
Wissen’s, mia foahr’n schon seit vierzig Jahren an den Wolfgangsee.
Immer auf den gleichen Campingplatz. Das ist so kammot. Der Wohnwagen steht schon drunten. Und wir freuen uns schon das ganze Jahr auf den Urlaub. Aber heuer wird’s wohl nix werden.“ Sie seufzte.
Vor diesem Flug wusste ich über Wohnwägen nur soviel, dass man sie an das Auto hängt, irgendwo hinfährt, ihn dort abhängt und dann eine gewisse Zeit an dem Ort verbringt.
Nun wusste ich viel über das Wohnen in Wohnwägen und würde noch einiges erfahren. Über eine Stunde Flugzeit lag noch vor mir und vor Frau Pölzner aus Pöham.
Und bereits jetzt schon wusste ich mehr über Wohnwägen als ich eigentlich wissen wollte.
Wissen’S, mir ham’s so gemütlich in Strobl. Auf dem Campingplatz kennen’s uns ja schon. Wir sind ja Langzeitcamper.
Und wir treffen uns immer wieder jedes Jahr, wie eine Familie ist das. Wissen’S, und mein Mann, der mäht den Rasen und der schaut auch, dass die Mittagsruhe eingehalten wird. Und er geht sogar abwaschen und hilft mir beim Kochen.
Wir bleiben da immer sechs Wochen. Am Wolfgangsee. Unser zweites Zuhause. Schaun’s, ich hab a paar Fotos.“
Sie winkte die Stewardess herbei. „Helfen’s mir mal da mit dem Fach da. Ich bring das nicht auf.“
Und schon kramte sie eine Tasche heraus, und aus der Tasche ein Fotoalbum.
„Das war 1970. da war unsere Tochter noch ganz klein.
Und der Campingplatz auch.
Jetzt ist ja alles anders. Jetzt ham’s an großen Supermarkt, an Tennissplatz, an Fitnessraum. Ich brauch das ja nicht. Wir haben alles selber mit. Und ich hab eh genug Arbeit im Wohnwagen, da brauch ich kan Sport.“
Frau Pölzner und Herr Pölzner aus Pöham haben also die letzten vierzig Jahre nirgendwo anders als in Strobl am Wolfgangsee den Urlaub verbracht.
Außer in diesem Jahr. Da waren sie in Irland.
Strobl ist schön. Ich habe nichts gegen Strobl. Ganz im Gegenteil. Der Wolfgangsee ist auch schön. Die Leute sind freundlich, der See sauber, die Landschaft wunderbar.
Aber sechs Wochen jedes Jahr?
„Wissen’S“, sagte sie zu dem Mann, der auf der anderes Seite von ihr saß, und nicht aus Pöham war, sondern vermutlich aus Dublin oder sonst irgendwo aus Irland, und der sie vermutlich nicht verstand - er lächelte verlegen, „Man will sich ja nix abgehen lassen im Urlaub, drum sparen wir das ganze Jahr und freuen uns auch das ganze Jahr drauf.“
Sechsundvierzig Wochen des Jahres in Pöham und die restlichen sechs Wochen am Wolfgangsee.
Ich war einmal in Pöham. Unabsichtlich. Ich hatte mich verfahren. Pöham ist ein Dorf.
Eigentlich ist Pöham weniger als ein Dorf, es ist eine Ansammlung von einigen Häusern. Es ist also kein Ort, in dem man das genze Jahr über – abgesehen von den sechs Wochen am Wolfgangsee – leben möchte. In Pöham ist nichts. Gar nichts. Ein paar Häuser und eine Straße. Das ist alles. Berge halt. Aber die zählen nicht. Weil die sind eh überall bei uns.
Frau Pölzner und Herr Pölzner aus Pöham haben also eintausendachthundertvierzig Wochen ihres Lebens in Pöham und zweihundertvierzig Wochen ihres Lebens am Wolfgangsee verbracht.
Sonst gibt es nichts für sie.
Ach ja.
In diesem Urlaub gab es Irland.
Zwei Wochen lang.
„Wissen’S, es war anstrengend. Das Fliegen allein schon.
Und verstanden hab ich auch nix. Und das Essen.
Grauslich.
Zum Früstück schon Bratwürschtl. Des is nix für mich.
Ich mag meinen Kaffee und mein Butterbrot.
Den Kaffee kannst ja auch nicht trinken. Gut, dass ich noch die Kaffeemaschin’ einpackt hab und die Filtertüten. An Kaffee hab ich sowieso immer bei mir.
Wir sind meistens im Hotel geblieben und haben gelesen. Fernsehen hamma auch nicht können. Ham wir ja auch nix verstanden.“
Sie redete weiter.
Vom neuen Griller, den sie sich gekauft hatten und dass sie im Winter neue Vorhänge nähen würde passend zum Eckbanküberzug. Kirsche, die Eckbank. „Die hamma letztes Jahr vom Tischler einbauen lassen.“ Und dass sie jedes Jahr neue Pflanzen einsetzt.
Irgendwann schlief ich ein. Ich hatte es nicht bemerkt. Ich bemerkte erst, dass ich geschlafen hatte, als mich Frau Pölzner aus Pöham in die Seite stieß. „Schaun’s, is der nit liab? Den hab ich gekauft. Für den Garten”.
Fast hätte ich gefragt, „Für den am Wolfgangsee?“, besann mich aber noch im letzten Moment.
„Mia ham ja schon viele. Aber der is liab, gell?
A nette Erinnerung an Irland. Wenn schon der Urlaub nix war.“
Die Maschine setzte zur Landung an.
„Schaun’S.“ Sie stubste mich wieder und sie drehte den Gartenzwerg um.
„Da, schaun’S „Made in Germany“
Ich sagte nur, „Nett, sehr nett“. Wir sind gelandet.“
„Du Papa“, rief Frau Pölzner aus Pöham Herrn Pölzner aus Pöham beim Aussteigen zu. “Vielleicht fahren wir nächste Woche doch noch zum Wolfgangsee. Schau’n, wie sich der Zwerg macht.“

Sonntag, August 06, 2006

Samstag, August 05, 2006

you never know

Posted by Picasa
You never know when you are in an English or Irish eating place.
You never know what to do.
Sitting down and waiting until being served.
Queuing up at the counter and ordering. If you do so, it might happen that you are being told just to sit down, relax and wait.
So next time when you sit down, relax and wait, after half an hour when nothing has happened, you realize that you need to order at the counter. You go there, wait orderly in the queue, tell the young lady who hast just started her holiday job yesterday and is – to put it nicely - a little slow, what you want and are being told just to sit down, relax and wait. She will bring your coffee to your place.
At Scotts in Caroline Street, you need to order at the counter, wait for your coffee and carrry it to your seat.
Bernard, who lives in Midleton, had called and told me to come down to Cork. The weather was so lovely and we would go hillwalking on Sunday.
So I had arrived in Cork earlier than planned and spent Saturday morning wandering around, shopping, taking photos.
I was tired and needed a coffee. I like Scotts of Caroline Street.
Nice atmosphere, nice food. The coffee is okay.
It is not excellent, but okay. It is not easy to find coffee that is okay in English-speaking countries.
The restaurant was busy. There was no table free. So I asked this gentleman if the seat was available. Outside. In the shade.
It was, lucky me. I put down a book and a map of Ireland on the chair and went to order coffee at the counter.
There was no queue and I was being served instantly. I went out with my cup of coffee.
The gentleman was still there. But there was no book and no map either.
Excuse me, did you take my stuff, I asked him?
No, I did not.
Did someone else take it? I put it here on the chair.
No. He looked irritated.
Who would take a book and a map? I asked.
No idea, I have not got it.
He looked a little angry.
And started writing in his Whateversortofwritingbookitwas.
On the table in front of him there was a pile of books, notes, writing pads.
This is impossible, I said.
Must be there, somewhere.
And I started investigating this pile of his.
He did not like it.
I could see it.
He stared at me angrily.
Hm. It was just so strange.
Excuse me, a voice said from the other side.
I looked up.
There sat this gentleman waving with my book and the map of Ireland.
Is that yours? He was laughing.
Sorry, I said to the man with the pile.
Oh my god.
Wrong table.
The gentleman with my book and map was still laughing.
Thank you, I said. This is so embarassing.
Don’t worry, he said.
You made my day. He was still laughing.
I secretly looked at the other table. The man still looked angry.
Things like that happen to me.
Now and then.
I mean, I am quite organized, mostly.
Other people just do not realize it.
JMH, my photos may be spunky. Thank you.
I may be crazy.
Or mad.

Freitag, August 04, 2006